Wenn es um Wirtschaftsdarstellungen in Deutschland geht, dann hat man ziemlich oft das Pippi-Langstrumpf-Lied im Ohr. Dieser Tage auch wieder bei der jüngsten Meldung aus dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Während Sachsens Wirtschaftsminister im Landtag das Loblied auf den Export sang, gab es aus Halle verbale Krokodilstränen.

“Im dritten Quartal ist das Bruttoinlandsprodukt in den ostdeutschen Flächenländern – saisonbereinigt nach dem Berliner Verfahren – nur um 0,2 % gegenüber dem zweiten Vierteljahr gestiegen (Alte Bundesländer: 0,5 %). Gebremst hat der Leistungsrückgang im Produzierenden Gewerbe, wohingegen im Dienstleistungssektor – auch  infolge der wirtschaftlichen Impulse von der Versorgung und Betreuung der Flüchtlinge – die Wertschöpfung verstärkt expandierte. Insgesamt nimmt das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2015 um 1,3 % zu. Der Zuwachs bleibt damit erneut hinter der Entwicklung in den Alten Bundesländern zurück (1,7 %).”

Klingt wie eine Hiobsbotschaft. Ist aber nur ein Spiel mit falschen Zuordnungen. Das hat mit der Quartalsbetrachtung zu tun. Und das Verblüffende ist sogar, dass die Autoren nicht mal merken, was sie da für einen Murks erzählen.

Denn wie passt das zusammen, dass gleichzeitig Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig davon berichten kann, dass die sächsischen Exporte mit 29,47 Milliarden Euro bis September einen neuen Rekord erreicht haben? Im Vorjahr waren es zu diesem Zeitpunkt erst 26,34 Milliarden gewesen. Wo hat denn da das Verarbeitende Gewerbe gebremst, das ja nun einmal fast den kompletten Export trägt? Gab es vielleicht Einbrüche in den anderen Neufünfländern?

Auch nicht.

Das Problem ist, dass auch Produktionszyklen in Deutschland vom Wetter abhängen. Und wenn das Wetter besonders schön ist, gibt es Ferien. Dann fahren die meisten Leute weg, die Produktion läuft gedrosselt. Und weil die Ferien fast immer ins 3. Quartal fallen, lässt die Bruttoinlandsproduktion im 3. Quartal für gewöhnlich nach. 2014 übrigens so stark, dass sie um 0,5 Prozent nachließ. Auch das Frühjahrsquartal war da ein bisschen dünn. Stark waren dafür die Quartale 1 und 4, mit dem Ergebnis, dass der BIP-Rückgang von 0,6 Prozent in der warmen Jahrszeit durch ein Plus von 1,4 Prozent in der kalten Jahreshälfe kompensiert wurde. Machte für Ostdeutschland am Jahresende ein lüttes BIP-Wachstum von 0,9 Prozent.

Und wo die Wirtschaftsinterpretierer aus Halle jetzt gar einen Rückgang der Produktion im verarbeitenden Gewerbe sahen, fragt man sich: Wie kommen die darauf? Gar zu der Behauptung: “Im Verarbeitenden Gewerbe ist die Wertschöpfung gesunken. Verantwortlich dafür war der geringe Absatz von Industriegütern im Ausland.”

Tatsächlich zeigt die Statistik nur den typischen Rückgang in dem Monat, in dem es jedes Jahr zu so einem Rückgang kommt: im August. Damit sieht das 3. Quartal natürlich schwächer aus als das 2. Aber in der Gesamtbilanz ist das völlig unwichtig. Da geht es um den Jahresvergleich. Und der wird auch für Ostdeutschland insgesamt besser ausfallen als 2014. Denn die 0,9 Prozent Wachstum hat die ostdeutsche Wirtschaft schon im September geschafft. Wenn die IWH-Prognose stimmt, werden es am Jahresende 1,3 bis 1,4 Prozent Wachstum sein – viel zu wenig, um mit dem Westen mitzuhalten. Aber eben auch kein Einbruch.

Und auch die These, der ostdeutsche Zuwachs werde jetzt von der Dienstleistung getragen, ist sehr steil.

Genauso wie die Interpretation der Entwicklung am Bau: “Die – wohl nur vorübergehende – Schwäche der Baukonjunktur in Deutschland hat auch das ostdeutsche  Baugewerbe erfasst. Nach dem Höhepunkt im ersten Quartal hat es noch einmal, wenn auch geringfügig, an Leistung eingebüßt. Das Polster an vorgezogener Bauproduktion aufgrund der ungewöhnlich milden Witterung zu Jahresbeginn ist nun abgearbeitet. Die Anregungen aus dem weiterhin günstigen konjunkturellen Umfeld für den Wohnungs- und den Wirtschaftsbau stützen im Osten wie im Westen die positive Grundtendenz der Leistungserbringung.”

Den Effekt gab es übrigens auch im Vorjahr: Weil der Winter milde war, konnte früher mit Bauen begonnen werden. Aber weil Bauprojekte immer um Jahre im Voraus geplant werden, kommt dann im Lauf des Jahres nichts nach. Irgendwann sind die Bauprojekte abgearbeitet, die Gesamtinvestitionssumme ist aufgebraucht. Tatsächlich wird viel zu wenig investiert. Und so schwimmt die Bauwirtschaft mehr oder weniger mit. Die Dienstleistungsbranche wächst auf niedrigem Level recht kontinuierlich. Aber Motor bleibt die Industrie. Und da geht es augenscheinlich auch im Herbst munter weiter. Das IWH dazu: “Im vierten Quartal gewinnen die Auftriebskräfte in allen Bereichen außerhalb der Finanzdienstleistungen wieder die Oberhand. Dafür sprechen im Verarbeitenden Gewerbe die Umsatzentwicklung zu Beginn des Quartals und die Auftragseingänge aus dem Inland.”

Und 2016 wird das – nach den bislang vorliegenden Daten des IWH – so weitergehen. Vielleicht sogar mal mit etwas mehr Unterstützung im Inland, denn irgendwann muss sich doch der Produktionszuwachs auch mal in steigenden Einkommen niederschlagen. Das IWH: “Die steigenden Einkommen der privaten Haushalte vor  Ort werden darüber hinaus die Wohnungswirtschaft, den Einzelhandel, das Gastgewerbe, die Tourismuswirtschaft und die privaten Dienstleister anregen.”

Dafür wird ein kleines Problem noch weiter wachsen: “Allerdings wird diese Expansion infolge der sinkenden Einwohnerzahl und des rückläufigen Erwerbspersonenpotenzials weiterhin gebremst.” Die Unternehmen bekommen also noch mehr Probleme bei der Gewinnung von Personal. Kleiner Hoffnungsschimmer: die Migration.

Aber die Migration muss man wollen und gestalten.

Tatsächlich steht für Ostdeutschland 2015 ein leicht erhöhtes BIP-Wachstum gegenüber 2014 zu erwarten. Und dasselbe für 2016 – falls nichts dazwischenkommt. Und das alles ziemlich kontinuierlich. Nur bei einem Thema können sich die Hallenser Wirtschafsdeuter nicht so recht entscheiden: Ist der Mindestlohn nun ein Störfaktor oder ein stützendes Element? Oder meinen sie gar nicht den Mindestlohn, wenn sie schreiben: “Handel und Verkehr sowie das Gastgewerbe profitierten vor allem von der kräftigen Konsumkonjunktur in Deutschland.”

Die Zahlen deuten eher darauf hin, dass der Mindestlohn insbesondere im Dienstleistungsgewerbe als “stabilisierender Faktor” wirksam ist und die marktverzerrenden Niedriglohnmodelle so langsam schwinden. Und die 1,4 Prozent Wachstum machen eigentlich deutlich, dass die ostdeutsche Wirtschaft schon lange reif war für den Mindestlohn.

Die Meldung des IWH zur ostdeutschen Konjunkturentwicklung.

Die Zahlen des Sächsischen Landesamtes für Statistik zur Exportentwicklung.

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