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Selbst die sächsische Energiebilanz für 2014 zeigt, wie die Erneuerbaren unter Schwarz-Gelb ausgebremst wurden

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    Eher zurückhaltend hat das Statistische Landesamt im Dezember noch eine kleine Broschüre herausgegeben: „Erneuerbare Energien in Sachsen – Ausgabe 2016“. Es gibt sie noch. Man hat sie fast vergessen im großen Eiertanz um die Kohlekraftwerke und die Beharrlichkeit, mit der die Regierungen in Dresden und Potsdam glauben, noch bis Mitte des Jahrhunderts die klimaschädliche Braunkohle verheizen zu müssen.

    Eine Strategie, wie Sachsen den Umstieg in einer neuen Energielandschaft hinbekommen will, gibt es bis heute nicht, obwohl längst klar ist, dass sich das alte – hochsubventionierte – Modell der Kohleverbrennung nicht mehr rechnet. Der erste Meiler in der Lausitz wird noch in diesem Jahr vom Netz gehen, weitere werden in den nächsten Jahren folgen. Und dann war es das, dann wird Sachsen von einem Stromexportland, das es jetzt noch ist, zu einem Strom-Importland. Was auch daran liegt, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren massiv gebremst wurde.

    Was die Statistiker in Kamenz nur ganz beiläufig andeuten.

    „Der Zuwachs der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien führte zur wichtigsten Strukturverschiebung bei der Stromerzeugung in Sachsen. Die aus erneuerbaren Energien gewonnene Strommenge erreichte 2014 eine Größenordnung von 5.039 GWh. Der Anteil der erneuerbaren an der Bruttostromerzeugung Sachsens lag 2014 demzufolge bei 11,8 Prozent, in Deutschland insgesamt waren es 25,9 Prozent.“ Schon das ein frappierender Unterschied, der eigentlich auffällt. Und dann der Versuch einer Begründung: „Für andere Bundesländer sind die Möglichkeiten zur Nutzung erneuerbarer Energien günstiger. Bayern und Baden-Württemberg zum Beispiel verfügen über beträchtliche Kapazitäten zur Stromgewinnung aus Laufwasser. Im norddeutschen Küstengebiet wiederum lässt das Winddargebot größere Windkraftwerkskapazitäten zu …“

    Was selbst beim Lesen schon wie der gewagte Versuch wirkt, das sächsische Dilemma irgendwie schönzureden. Denn selbst die Nachbarbundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind beim Windkraftausbau deutlich weiter gekommen. In Sachsen wurde ja ab 2009 massiv gebremst, als die FDP in der Regierung ihre Politik durchsetzte und den Windkraftausbau fast zum Erliegen brachte. Und Bayern und Baden-Württemberg sind in der Bilanz der erneuerbaren Energien auch nicht nur deshalb führend, weil sie mehr Wasserkraftanlagen haben, sondern weil sich die Bürger dort massiv mit Solaranlagen eingedeckt haben.

    Die kleine Broschüre enthält nur die Daten bis 2014 – aber es wird sehr deutlich, wie in Sachsen eine falsche Politik die Chancen torpediert, dass das Bundesland sich künftig aus eigenen Energiequellen wird versorgen können.

    Denn so etwas bremst man nicht. So etwas gestaltet man. Wer sagt, wie es werden soll, der hat die Gestaltungsmacht. Wer immer nur verhindert, der steht eines Tages mit leeren Händen da. Denn ringsum verändert sich die Energielandschaft fortwährend. Und den Gewinn streichen jene Länder ein, die in den nächsten Jahren eine funktionsfähige Energielandschaft mit erneuerbarer Gewinnung haben.

    Die Broschüre beleuchtet im Grunde zwei Energiebereiche – den Gesamtenergieverbrauch, in dem auch alles andere mit drinsteckt: von der Mobilität bis zur Wärmegewinnung. Das vergisst man gern, aber auch da steht der Zeitenwechsel an und – was fast untergeht dabei: Eine mögliche riesige Energieersparnis. Nämlich durch Elektroautos, für die dann kein (wahrscheinlich dann schon sehr teures) Erdöl mehr importiert werden muss, die dafür mit Strom aus alternativer Energiegewinnung gespeist werden. Auch mit Strom, der sonst die Netze überlasten würde. Denn wenn Solar- und Windkraft weiter ausgebaut werden, stehen oft zusätzliche Stromkapazitäten zur Verfügung, die man eigentlich speichern kann. E-Autos sind ideale Stromspeicher.

    Aber in Sachsen regieren die Bremser.

    Und das liest man so auch aus der Entwicklung beim Primärenergieverbrauch: Denn bis 2006 ging es auch in Sachsen eher schleppend voran. Kleine Windparks entstanden, eher noch rustikale Solaranlagen. Wirklich Schwung bekam die Sache – unter anderem auch durch sächsische Vorzeigeunternehmen – erst um 2006. Ministerpräsidenten ließen sich beim Besuch schicker neuer Solarfabriken ablichten, redeten von Zukunftstechnologien – und bekamen die Panik, als die Chinesen den Erfolg der Branche in Europa sahen und mit einer gigantischen Billigproduktion einstiegen. In sächsischen Vorzeigeunternehmen gingen die Lichter aus. Auch weil es nicht mal ein Programm der eigenen Regierung gab, die Technologie im Land zu befördern und zu halten. Zukunftsmut sieht anders aus.

    Das Ergebnis: Pünktlich ab 2011, als die neuen Regelungen von FDP/CDU in Sachsen griffen, stockte der Ausbau der Erneuerbaren. Seitdem kleckert er nur noch. Ob man das als einen politischen Erfolg verbuchen darf, was der FDP da gelungen ist, darf bezweifelt werden. Es war nicht nur eine Verlangsamung des Zuwachses, wie die Statistiker schreiben:

    „In den darauffolgenden fünf Jahren bis 2007 stieg der Anteil der erneuerbaren Energien am  Primärenergieverbrauch schneller (…) und überschritt 2007 die Fünf-Prozent-Marke. Bis zuletzt (2014) erhöhte sich der Anteil auf 8,7 Prozent, wobei sich das jährliche Zuwachstempo wieder etwas verlangsamte. 2014 erreichte der Primärenergieverbrauch der erneuerbaren Energien eine Größenordnung von rund 53.600 Terajoule (TJ). Um sich eine Vorstellung von der Größe dieser Energiemenge zu machen: gut doppelt so viel Energie wurde 2014 in den Haushalten Sachsens insgesamt verbraucht.“ Oder mal anders herum: Es war nur die Hälfte von dem, was Privathaushalte in Sachsen an Energie verbrauchen. Und nur ein Zehntel des Gesamtbedarfs. Der Bedarf der Industrie steckt da noch genauso wenig drin wie der Energiebedarf der Infrastrukturen oder des Verkehrs.

    Der größte Teil dieser alternativen Energieerzeugung stammt übrigens aus Biomasseanlagen, die vor allem Wärme erzeugen, aber nebenbei auch Strom. Das ist der Schwarze Teufel, vor dem sächsische Politiker immer wieder zurückzucken, wenn sie die großen Kohlekraftwerke als einzige Sicherung der Grundlast bezeichnen: dass die Energielandschaft künftig ganz und gar dezentral sein wird, bestehend aus tausenden kleiner und mittlerer Anlagen, die alle auf verschiedene Weise Energie liefern und in die Netze einspeisen. Was natürlich neue Regelungstechnik braucht. Stadtwerke wie die Leipziger arbeiten längst daran, weil sie wissen, dass sie vor allem als Verteil-Dienstleister wichtig sind.

    Und ewig kann man das alte Spiel auch nicht spielen, ständig große Anlagen vom Netz zu nehmen oder mit Feuerwehreile hochzufahren, weil die Schwankungen zu groß sind. Entweder schafft man ein System, das diese Schwankungen regeltechnisch schon zur Grundlage nimmt. Oder man scheitert und sitzt irgendwann im Dunkeln. Die großen Stromnetzbetreiber müssen mittlerweile hunderte Male im Jahr eingreifen, um vor allem leicht regelbare Anlagen vom Netz zu trennen, weil (scheinbar) zu viel Wind- und Sonnenstrom produziert wird. Aber das ist vor allem der Fall, weil immer noch die großen Kohlemeiler am Netz hängen, die ständig „Grundlast“ produzieren und in keiner Weise regelbar sind. Regelbar sind vor allem Windparks (die man einfach abstellen kann) und Gaskraftwerke (da dreht man einfach die Heizung aus).

    Weil die Jahre 2015 und 2016 nicht erfasst sind, erzählen die Statistiker auch von einem längst abgehakten Kapitel im Windstrombetrieb: „Im Gegenzug bremsen schlechte Windjahre wie 2009, 2010 und 2013 die Entwicklung insgesamt ab. 2011 und 2012 hat sich die Bruttostromerzeugung durch Photovoltaik drastisch erhöht. Hierbei haben Vorwegnahmeeffekte eine Rolle gespielt, die durch die Diskussion um die Absenkung der Einspeisevergütungen verursacht wurden. Zuletzt (2013 und 2014) hat sich die Zunahme deutlich verringert.“

    2015 und 2016 waren gute Sonnen- und Windjahre. Was in Sachsen auch dann spürbar wird, wenn hier der Windanlagenausbau stagniert. Denn die Brandenburger und Sachsen-Anhalter hängen am selben Netz. Deswegen ist die kleinkarierte Energiepolitik in Dresden so ein Unfug, gerade wenn es um Stromerzeugung geht. Die Wirtschaftsminister wären gut beraten gewesen, für ganz Mitteldeutschland ein einheitliches Energie- und Stromdesign zu entwickeln und gemeinsam daran zu arbeiten, dass man hier zukunftsfähige Strukturen hat.

    Aber dazu haben die derzeit Verantwortlichen sichtlich nicht das Format – oder nicht den Mut. Und das wird leider teuer für Sachsen. Denn die großen Anlagen stehen dann woanders. Andere verdienen Geld mit Strom und Energie. Und sächsische Wirtschaftsminister werden verzweifelt nach eine Lösung suchen, die die unverhofft erloschenen Kohlemeiler ersetzt. Ein cleverer Wirtschaftsminister hätte längst eine Taskforce eingerichtet, die die Zeit ohne Kohle vorausplant.

    Eigentlich eine Broschüre zum Aufwachen. Aber so viele Wecker kann man gar nicht nach Dresden schicken.

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