Der Thinktank Sandbag ist kein ganz unbekannter mehr auf dem Feld der Debatte um die Schädlichkeit der Kohlekraftwerke. Schon 2018 veröffentlichte er eine beeindruckende Modellierung der Gesundheitsfolgen und emissionsbedingten Todesfälle im direkten Umfeld der großen Kohlekraftwerke. Nun hat er berechnet, wie viele Verluste die Kohlekraftwerke jetzt schon machen. Auch wenn RWE abstreitet, so schlimm sei es ja gar nicht.

Unter dem Titel „The cash cow has stopped giving“ veröffentlichte Sandbag nun eine Analyse zu den wahrscheinlichen Verlusten deutscher Kohlekraftwerksbetreiber im ersten Halbjahr 2019. Dabei griff der Thinktank auf öffentliche Daten wie die Börsenstrompreise und die deutlich im Preis gestiegenen CO2-Zertifikate zurück.

Die Kosten für die Kohleförderung selbst bleiben ja relativ stabil. Aber wenn immer mehr Strom aus alternativer Energieerzeugung im Netz ist, setzen auch die Kohlekraftwerke weniger Strom ab, können also ihre Anlagen nicht mehr refinanzieren. Was ja bekanntlich im Kraftwerk Lippendorf in diesem Frühjahr schon dazu führte, dass EnBW seinen Block im Kraftwerk – vorübergehend – stilllegte.

Sandbag kam nun bei seinen Berechnungen zu dem Ergebnis, dass bei älteren Kraftwerken (erbaut vor 1990) 680 Millionen Euro Festkosten lediglich ein Gewinn von 188 Millionen Euro gegenüberstand, was er – verrechnet mit den CO2-Zerrtifikaten – als Minus von 476 Millionen Euro ausweist. Bei allen Kraftwerken zusammen belief sich der rechnerische Verlust auf 664 Millionen Euro.

Der Hauptgrund sind die quasi halbierten Erlöse. Im ersten Halbjahr 2018 erzielten die Kohlekraftwerksbetreiber noch 1,109 Milliarden Euro mit dem Verkauf von Kohlestrom. Im ersten Halbjahr 2019 waren es nur noch 513 Millionen. Was natürlich bedeutet, dass in den nächsten Jahren immer mehr Kraftwerksblöcke schon deshalb vom Netz gehen werden, weil ihr Strom nicht mehr profitabel verkauft werden kann.

Zwar äußerte sich RWE nach Informationen des „Tagesspiegel“ noch gewohnt abwehrend: „RWE äußerte sich dagegen ausführlich und verwies zunächst auf einen erwarteten Rohgewinn der Braunkohle- und Kernkraft-Sparte von 300 bis 400 Millionen Euro im Jahr 2019. Zudem betonte der Konzern den Abschluss von Termingeschäften, durch die die Stromproduktion 2019 ,zu fast 100 Prozent‘ gegen Marktpreisschwankungen abgesichert sei. Auch für die Folgejahre sei ein hoher Teil bereits verkauft.“

Die sächsischen Kohlekonzerne schweigen. Die Lausitzer LEAG hatte erst am 26. Juli gegen „Fridays for Future“ gewettert: „Den heute vor dem Cottbuser Firmensitz von ,Fridays for future‘ geforderten schnellen Kohleausstieg weist das ostdeutsche Energieunternehmen LEAG entschieden zurück. Mit Blick auf die Arbeit der Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung erinnert das Unternehmen an den herbeigeführten gesellschaftlichen Kompromiss, der einen Ausstieg aus der Kohleverstromung bis zum Ende des Jahres 2038 empfiehlt. Damit sieht dieser Kompromiss ein deutlich früheres Ende der Kohleförderung und -verstromung in der Lausitz vor, als es die LEAG in ihrem Revierkonzept geplant hatte.“

Es ist die bekannte Argumentation, die suggeriert, alle Lausitzer Kohlekraftwerke würden noch bis 2038 feuern und das sei ja schon ein unzumutbar früher Termin.

Aber die LEAG wird ganz ähnliche Zahlen vorliegen haben, wie Sandbag jetzt vorgelegt hat. Dass man so argumentiert, ist nach wie vor das Pokerspiel mit der Politik, in dem es darum geht, für jeden abzuschaltenden Kraftwerksblock noch einmal mehrere Millionen Euro als Stilllegungsprämie zu erhalten. Deswegen kommt auch immer wieder die mal offene, mal versteckte Drohung mit der Grundlast, als könnte man einfach mal die ganze Gesellschaft erpressen, indem man die Kraftwerke komplett ausschaltet.

Die Sandbag-Zahlen freilich bestätigen etwas, was die Kritiker des sogenannten Kohlekompromisses schon schmerzhaft gespürt haben: Der Kompromiss verlängert möglicherweise sogar die Kohleverstromung noch künstlich, wenn die Kraftwerksbetreiber tatsächlich staatliche Finanzzusagen erhalten, die letztlich ja die schon jetzt entstehenden Verluste ausgleichen würden.

Andererseits könnte das Pokern der Konzerne für sie auch zu einem finanziellen Debakel führen, denn wenn tatsächlich schon in einem Halbjahr Verluste von 600 Millionen Euro auflaufen, schwellen diese Verluste ganz schnell zu Milliarden an, wenn das Spiel auch nur ein, zwei Jahre dauert. Das würde auch RWE nicht dauerhaft wegstecken.

Aber man merkt mit diesen Zahlen, wie falsch die Kohledebatte in Deutschland läuft, weil sich die Politik von den Konzernzentralen die Argumentation vorgeben lässt und wenig bis gar keine wirtschaftliche Kompetenz einbringt, um die tatsächlichen Entwicklungen in der Wirtschaftlichkeit zu begreifen.

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