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Weniger Industrie bedeutet: Weniger Wirtschaftseinbruch im Osten

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    Am Mittwoch, 8. April, veröffentlichten mehrere Wirtschaftsinstitute ihre Prognosen zum Konjunktureinbruch infolge der Coronakrise. Darunter auch das in Halle heimische Institut für Wirtschaftsforschung (IWH), das in einer besonderen Meldung auch feststellte, dass West- und Ostdeutschland unterschiedlich stark vom Wirtschaftseinbruch betroffen sind. Noch immer ist in allen Wirtschaftsstatistiken sichtbar, wie stark die Deindustrialisierung den Osten bis heute prägt.

    „Die Corona-Pandemie löst eine schwerwiegende Rezession in Deutschland aus. Die Wirtschaftsleistung wird in diesem Jahr um 4,2 % schrumpfen. Das erwarten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Frühjahrsgutachten. Für das kommende Jahr sagen sie eine Erholung und ein Wachstum von 5,8 % voraus“, meldete das IWH.

    Und: „Bereits im ersten Quartal 2020 dürfte das Bruttoinlandsprodukt um 1,9 % geschrumpft sein. Im zweiten Quartal bricht es dann als Folge des Shutdowns um 9,8 % ein. Dies ist der stärkste je seit Beginn der Vierteljahresrechnung im Jahr 1970 gemessene Rückgang in Deutschland und mehr als doppelt so groß wie jener während der Weltfinanzkrise im ersten Quartal 2009.“

    Aber das sind eben nur die gesamtdeutschen Zahlen, die auch zeigen, wie stark die Einstellung der Produktion in den von Covid-19 betroffenen Ländern auf die deutsche Wirtschaft und ihre globalen Lieferketten durchschlägt.

    Der „Spiegel“ titelte ja gleich mal: „Forschungsinstitute rechnen mit größtem Wirtschaftseinbruch seit 1970“. Man hat dort in Jahrzehnten gelernt, solche Meldungen zu dramatisieren und damit auch die Haltung einer Politik zu bestärken, die auch auf „Wirtschaft“ immer nur „alternativlos“ schaut und die auch in der Coronakrise keine Anstalten macht, die schlimmsten Fehlentwicklungen unseres Wirtschaftens, die sehr wohl mit dem Thema Globalisierung zusammenhängen, zu korrigieren.

    Was die Coronakrise mit Globalisierung, Outsourcing, Privatisierung und Deregulierung zu tun hat, darüber schrieb ja der Schriftsteller Eugen Ruge einen sehr emotionalen Beitrag in der „Zeit“. Wenn heute so gern über nationalen Kontrollverlust geredet wird, dann wird meist vergessen, dass sich die großen, multinationalen Konzerne ihre Marktbedingungen regelrecht erzwingen, indem sie vor allem kleine, regionalproduzierende Unternehmen mit Billigpreisen und unkontrollierbaren Herstellungsbedingungen vom Markt drücken.

    Der deutsche Gesetzgeber hat sich hier jahrelang nicht nur weggeduckt und die Zerstörung des Wettbewerbs in Kauf genommen. Er hat diesen Prozess der Deregulierung, der vor allem die Marktmacht der Global Player stärkt, selbst forciert, auch mit Freihandelsverträgen, die eher mit Piraterie als mit fairem Warenaustausch zu tun haben.

    Der Osten klemmt da irgendwie zwischen allen Stühlen, hat ja erst ab 2010 wirklich Anschluss gefunden an die westdeutsche Wirtschaftsentwicklung und hat jetzt nicht so viele exportierende Unternehmen, die aufgrund des Lockdowns heruntergefahren werden mussten.

    Und so konstatiert das IWH in Halle: Die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose konstatiert in ihrem Frühjahrsgutachten, dass die Konjunktur in Deutschland und in der Welt als Folge der Corona-Pandemie einbricht. Die meisten Staaten schränken die wirtschaftliche Aktivität stark ein, um die Zahl der Neuinfektionen zu senken. In Ostdeutschland sind die Maßnahmen ebenso einschneidend wie anderswo in Deutschland, auch wenn die Zahl der Infektionen im Westen gegenwärtig etwas höher liegt.

    Allerdings wirken sich die Restriktionen auf die einzelnen Wirtschaftszweige unterschiedlich aus, und weil sich deren Anteile an der Gesamtproduktion in Ostdeutschland von denen in Gesamtdeutschland unterscheiden, dürften die Restriktionen auch etwas unterschiedliche Wirkungen haben.

    Der Hauptgrund, so das IWH: Insbesondere hat das vom Einbruch besonders betroffene Verarbeitende Gewerbe in Ostdeutschland mit etwa 16 % ein geringeres Gewicht als in Deutschland insgesamt (23 %), während die öffentlichen Dienstleister, deren Produktion recht stabil bleiben dürfte, im Osten mit einem Anteil von 25 % eine größere Rolle spielen als im Westen (18 %). Deshalb dürfte die Produktion in Ostdeutschland im Jahr 2020 etwas weniger deutlich sinken, nach dieser Prognose um 3,4 % (Gesamtdeutschland: 4,2 %).

    Im Jahr 2021 dürfte der Zuwachs, der sich aus einer Normalisierung der Lage ergibt, dementsprechend mit 5 % geringer ausfallen als in Deutschland insgesamt (5,8 %). Die ostdeutsche Arbeitslosenquote nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit steigt von 6,4 % im Jahr 2019 auf 6,8 % im Jahr 2020, im Jahr 2021 dürfte sie 6,5 % betragen.

    „Die Krise trifft Ostdeutschland in insgesamt recht guter konjunktureller Verfassung. Im Jahr 2019 hat hier die Produktion um 1,3 % und damit deutlich kräftiger als in Gesamtdeutschland (0,6 %) zugelegt“, so Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Er ergänzt allerdings, dass der Zuwachs in den Flächenländern nicht höher war als der gesamtdeutsche.

    Der Vorsprung ging allein auf die hohe Expansionsrate von 3 % in Berlin zurück. Die Wirtschaft der Hauptstadt hat damit sechs Jahre in Folge deutlich stärker expandiert als in Gesamtdeutschland, und je Einwohner lag das Berliner Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2019 zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 wieder etwas über dem Bundesdurchschnitt. In Ostdeutschland insgesamt erreichte das Bruttoinlandsprodukt je Einwohner zuletzt 79 % des gesamtdeutschen Niveaus.

    Zu erwähnen wäre freilich auch die Bauwirtschaft, die in Sachsen auch 2019 einen wachsenden Anteil zum Bruttoinlansprodukt geliefert hat. Sie ist vom Lockdown kaum betroffen. Es wird weiter gebaut.

    Über 20.000 Menschen pendeln aus dem Ausland nach Sachsen zur Arbeit

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