In den Kommentarspalten der deutschen Zeitungen und Magazine wird wieder orakelt, wie sehr denn nun der Ukraine-Krieg die deutsche Wirtschaft treffen wird, gar das Wachstum bremsen. Jede kleine Rauf und Runter in den prognostizierten Wachstumszahlen wird zum Drama hochgeschrieben. Aber eigentlich kann auch Ostdeutschland 2022 mit einer robusten Entwicklung rechnen, meldet das IWH.

Die Illusion ständiger Stabilität

Das klingt dann aber so, als wen der Patient gerade mal seine schweren Fieberanfälle zu überwinden beginnt: „Die Erholung der ostdeutschen Wirtschaft schwächt sich wie auch die gesamtdeutsche aufgrund des Ukraine-Kriegs Russlands deutlich ab“, schreibt das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), das auch in der Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose im Bund mitarbeitet.

Man hat sich an diese Krankendiagnose zur Wirtschaftsentwicklung ja schon fast gewöhnt. Selbst wenn die Auftragsbücher voll sind und der Laden brummt, wird diagnostiziert, als sei die Wirtschaft ein Patient, dem es niemals richtig gut geht. Und der permanent darunter leidet, dass sich die Rahmenbedingungen ändern.
Die aber ändern sich natürlich. Der Traum von stabilen Rahmenbedingungen ist ein falscher.

Und meistens sind die Krisen, die das Wachstum dämpfen, selbst Folgen wirtschaftlichen Handelns. So wie das Corona-Virus und seine weltweite Verbreitung eine direkte Folge einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Globalisierung ist. Und so, wie sich im Überfall auf die Ukraine auch wirtschaftliches Vormachtstreben austobt – gepaart mit einer massiven Erpressung westlicher Staaten über ihre Abhängigkeit von russischen Rohstofflieferungen.

Nur zwei Beispiele, in denen deutsche Wirtschaftspolitik über Jahre die Rahmenbedingungen für die eigenen Wirtschaftsgrundlagen ignoriert hat.

Das kam also nicht unerwartet. Und vorbereitet ist das Land trotzdem nicht.

Ostdeutsche Wirtschaft überstand den Corona-Einbruch 2020 solide

Dabei kam die Wirtschaft auch in Ostdeutschland relativ gut aus dem Tief des Jahres 2020, als tatsächlich kurzzeitig große Teile der Wirtschaft stillgelegt waren. Schon 2021 wurde die Produktion fast überall wieder hochgefahren.

Wirtschaftseinbruch und -erholung waren deshalb auch in Ostdeutschland nicht so stark ausgeprägt wie im Westen Deutschlands, stellt das IWH fest. Im Jahr 2021 hat die ostdeutsche Produktion mit 2,3 % weniger stark zugenommen als in Deutschland insgesamt (2,9 %). Auch 2022 und 2023 dürfte der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts im Osten laut Prognose des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) mit 2,1% bzw. 2,5 % jeweils geringer als in Deutschland insgesamt ausfallen (2,7 % bzw. 3,1 %).

Aber wohlgemerkt: Zuwächse mitten in einer Zeit voller Krisen.

Ukraine-Krieg bremst deutsches Wirtschaftswachstum

Die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose konstatiert in ihrem Frühjahrsgutachten, dass sich die mit dem Abklingen der Pandemie einhergehende Erholung der deutschen Wirtschaft aufgrund des russischen Angriffs auf die Ukraine deutlich abschwächt. Im Prinzip gelte das auch für die ostdeutsche Wirtschaft. Allerdings waren hier Wirtschaftseinbruch und -erholung nicht so stark ausgeprägt wie im Westen Deutschlands, betont das IWH.

„Öffentliche Dienstleister, welche von konjunkturellen Schwankungen weniger betroffen sind als die Privatwirtschaft, haben im Osten ein besonders großes Gewicht. So hat die ostdeutsche Produktion im Jahr 2021 mit 2,3 % um 0,6 Prozentpunkte weniger stark zugenommen als in Deutschland insgesamt“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Auffallend ist aus seiner Sicht der deutliche Rückgang der Bauproduktion um 2,3 % (Deutschland insgesamt: –0,5 %). Er fiel in Berlin mit –3,5 % besonders stark aus, nachdem sie dort schon im Jahr 2020 leicht gesunken war. Darin spiegele sich aber keine Krise der Berliner Wirtschaft insgesamt, denn diese hat mit 3,3 % deutlich schneller expandiert als die in anderen ostdeutschen Ländern.

Auch in den Jahren 2022 und 2023 dürfte die ostdeutsche Produktion mit 2,1 % bzw. 2,5 % jeweils reichlich einen halben Prozentpunkt langsamer als in Deutschland insgesamt expandieren. Dabei werde der Krieg in der Ukraine die ostdeutsche Wirtschaft vermutlich in etwa genauso hart wie die in Deutschland insgesamt treffen. Darauf deutet unter anderem hin, dass der Anteil der nach Russland, Belarus und die Ukraine exportierten Waren an allen Warenexporten für die ostdeutschen Länder im Jahr 2021 mit 2,2 % in etwa genauso hoch war wie für Deutschland insgesamt.

Pferdefuß: Die starke Abhängigkeit von Rohstoffimporten

Allerdings bestehe das Risiko eines Stopps der russischen Lieferungen von Erdöl und Erdgas, durch die ein Großteil des ostdeutschen Verbrauchs gedeckt wird. Unter diesen Bedingungen wäre mit einer bundesweiten Bewirtschaftung von Erdgas zu rechnen, weil die russischen Lieferungen, anders als die von Erdöl, kurzfristig nicht durch andere Anbieter ersetzt werden könnten, stellt das IWH fest.

Für diesen Fall prognostizieren die Institute eine Produktionsausweitung von 1,9 % im Jahr 2022 und einen Rückgang um 2,2 % im Jahr 2023. Für Ostdeutschland wäre mit Raten von 1,2 % im Jahr 2022 und – 1,5 % im Jahr 2023 zu rechnen.

„Die Rezession fällt im Osten also flacher aus, und zwar, weil das stark betroffene verarbeitende Gewerbe ein geringeres Gewicht als im Westen hat“, geht Oliver Holtemöller auf den eigentlichen Nachteil des Ostens ein, der aufgrund seiner geringeren Industrialisierung auch etwas weniger von den Turbulenzen auf dem Weltmarkt abhängig ist. Zudem sei der Anteil der acht besonders energieintensiven Wirtschaftszweige am gesamten verarbeitenden Gewerbe in Ostdeutschland gemessen an deren Bruttolohn- und Gehaltssumme mit etwa 50 % deutlich niedriger als in Westdeutschland (etwa 60 %).

Die Arbeitslosenquote nach der Definition der Bundesagentur für Arbeit falle, wenn es nicht zu einem Gasstopp kommt, von 7,1 % im Vorjahr auf 6,4 % im Jahr 2022. Der Rückgang komme aufgrund der diesjährigen starken Anhebung des Mindestlohns im Jahr 2023 zum Stehen, vermutet das IWH. Im Fall eines Gasstopps laufe die Quote in diesem Jahr dann auf 6,5 % hinaus, im Jahr 2023 steige sie auf 7,1 %.

Zahlen, die man zumindest infrage stellen kann, denn gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel gerade im Ostdeutschland.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache

Seit über 16 Jahren sind alle Artikel und somit auch das gesamte Archiv mit über 80.000 Beiträgen auf L-IZ.de ohne Paywall oder Zugangsbeschränkungen frei lesbar. 

Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements oder einem freiwilligen Beitrag sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

Vielen Dank dafür. 

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar