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Konjunktur nach der Pandemie: Soziale Kontakte und die schematische Blindheit des BIP

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    Es ist ein ganz klassischer Irrtum vieler Ökonomen, dass Wirtschaft immer irgendwelche neuen Produkte herstellen muss. Dass das gar der größte Teil von Wirtschaft ist, die sich dann im viel gelobten Bruttoinlandsprodukt (BIP) spiegelt. Aber die jüngste Konjunkturbetrachtung aus dem Institut für Wirtschaftsforschung in Halle zeigt erstaunlicherweise, dass Wirtschaft zuallererst entsteht, wenn Menschen – wieder – etwas miteinander unternehmen. In die Kneipe gehen zum Beispiel oder ins Theater. Stichwort: soziale Kontakte.

    Im Sommer 2021 expandiert die weltwirtschaftliche Produktion kräftig, ist sich das IW in Halle sicher. Hauptgrund ist der Rückzug der Pandemie aus den fortgeschrittenen Volkswirtschaften des Westens, wo die Impfkampagnen rasch voranschreiten.Ein Abwärtsrisiko für die Konjunktur in Deutschland ist die Möglichkeit, dass sich das Leben zu einem Zeitpunkt normalisiert, zu dem die Herdenimmunität noch nicht erreicht ist und die Pandemie in der Folge im Sommer noch einmal aufflammt. In Deutschland hat die Pandemie noch bis in den April die wirtschaftliche Aktivität stark gedämpft, ein Anstieg der registrierten Arbeitslosigkeit blieb allerdings aus, auch aufgrund der Kurzarbeitsregeln.

    Die real verfügbaren Einkommen lagen zu Jahresanfang fast auf Vorkrisenniveau, während der private Konsum um 11 % niedriger war. Er wird im Zuge der Normalisierung des Wirtschaftslebens in den kommenden Monaten stark anziehen, prognostiziert das Institut.

    Davon würden insbesondere der Einzelhandel, das Gastgewerbe und andere Anbieter von Freizeitaktivitäten profitieren. Von der Auslandsnachfrage nach Produkten des Verarbeitenden Gewerbes würden ebenfalls kräftige Impulse kommen. Allerdings bremsen auch in Deutschland Lieferengpässe im Verarbeitenden Gewerbe das Expansionstempo. Es dürfte bis Ende 2022 dauern, bis die gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten wieder normal ausgelastet sind, so das IWH.

    Die Beschäftigungslage werde sich schon im zweiten Quartal 2021 leicht verbessern, und die registrierte Arbeitslosigkeit im Verlauf des Jahres 2021 weiter abnehmen. Die Teuerung werde auch in den nächsten Monaten vor allem wegen Basiseffekten beim Erdölpreis deutlich oberhalb der 2 %-Marke liegen.

    „Ein Abwärtsrisiko für die Konjunktur in Deutschland ist die Möglichkeit, dass sich das Leben zu einem Zeitpunkt normalisiert, zu dem die Herdenimmunität noch nicht erreicht ist und die Pandemie in der Folge im Sommer noch einmal aufflammt“, sagt Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des IWH, „dadurch könnte der Aufholprozess erneut verzögert werden.“

    Zudem könnten Lieferengpässe das Verarbeitende Gewerbe noch stärker belasten, als in dieser Prognose unterstellt wird. Aber die Kurve könnte auch weiter nach oben ausschlagen, wenn ein größerer Teil der in der Krise angesparten Einkommen verausgabt wird. Höhere Produktionszuwächse und eine stärkere Preisdynamik wären die Folge.

    Schrumpfende Erwerbstätigenzahl

    Nachdem Ostdeutschland im Corona-Jahr 2020 einen Rückgang des BIP um 3,8 Prozent verzeichnete, rechnet das IWH für 2021 mit einem Plus von 3,0 Prozent und 2022 ebenfalls 3,0 Prozent. Wobei für das gesamte Bundesgebiet die erwarteten Steigerungen mit 3,9 und 4,0 Prozent noch deutlich höher liegen.

    Wobei natürlich auffällt, dass auch das IWH hier nur mit den makroökonomischen Rahmendaten rechnet. Welchen Schub die Öffnung von Kultureinrichtungen, Dienstleistern und Gastro-Betrieben tatsächlich für die wirtschaftliche Belebung beitragen, wird von IW freilich nicht beziffert.

    Der makro-ökonomische Blickwinkel wird deutlich, wenn das Institut feststellt: „Die Finanzpolitik ist im Jahr 2021 nochmals expansiv ausgerichtet. Mit der Verlängerung des Lockdowns bis weit in das laufende Jahr hinein werden auch die direkten Zuschüsse an von den Maßnahmen zur Kontaktbeschränkung besonders betroffene Unternehmen – etwa die Überbrückungshilfen, die Neustarthilfen für Soloselbstständige oder Anschubhilfen für Unternehmen der Veranstaltungsbranche – weiterhin gewährt.“

    Aber wenn es einen Impuls geben sollte, dann dadurch, dass die Menschen wieder mehr ausgehen und für soziale Begegnungen auch Geld ausgeben. Was natürlich auch vom Einkommen abhängig ist. Denn wo die einen Geld ansparen konnten, weil sie es nicht ausgeben konnten, hat sich für andere oft die finanzielle Situation noch verschärft. Sie können sich soziale Teilhabe oft gar nicht leisten, ein Thema, das von der theoretischen Ökonomie selten bis nie beleuchtet wird.

    Obwohl es auch ein ökonomisches Thema ist. Auch und gerade in Ostdeutschland. Denn Produktivität entsteht nicht erst, wenn Fließbänder angeworfen werden, sondern auch dann, wenn Menschen Dienstleistungen aller Art bezahlen (können). Ganz zu schweigen von der vielen gesellschaftlichen Arbeit, die gar nicht berechnet wird, weil sie unentgeltlich geleistet wird.

    Und ein kleiner Warnhinweis steckt in der IWH-Meldung auch noch: „Das potenzielle Arbeitsvolumen wird bis zum Jahr 2025 um jahresdurchschnittlich 0,1 % schrumpfen. Die jährliche Veränderungsrate weist hierbei einen deutlich abwärts gerichteten Trend auf. Für den Rückgang des Arbeitsvolumens sind vor allem die Entwicklung der Bevölkerung und die Arbeitszeit je Erwerbstätigen bestimmend.“

    Heißt im Klartext: Das Arbeitsvolumen in Deutschland wird schon deshalb sinken, weil es an Zuwanderung fehlt, die das Schrumpfen der Bevölkerung und der erwerbstätigen Altersgruppen kompensieren könnte. Dazu kommt die wachsende Überalterung: „Insgesamt wird damit ein Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 62,3 Millionen Personen im Jahr 2020 auf 62,0 Millionen Personen im Jahr 2025 erwartet.“

    Was auch heißt: Die Gewinnung von Ausbildungsnachwuchs wird noch schwieriger. Und gerade personalintensive Branchen werden zunehmend Probleme haben, die Stellen zu besetzen. Man denke nur an die komplette Pflegebranche, die in den vergangenen Jahren massiv zur „Verringerung des Arbeitsvolumens“ beitragen musste, während die „Produktivität“ der zunehmend überlasteten Pfleger/-innen stieg.

    Nach der „klassischen Methode“, mit der das IWH hier rechnet, ist alles bestens. Aber um wirklich belastbare Entwicklungen für die gesamte Ökonomie zeichnen zu können, ist die Methode eindeutig zu schematisch. Man sieht zwar die „sozialen Kontakte“, bekommt sie aber als ökonomische Effekte oder gar riesige Fehlstellen nicht wirklich zu fassen.

    Obwohl sie genau das sind, was eine Gesellschaft erst funktionieren lässt. Oder degradieren, wenn immer mehr Menschen das Gefühl haben, sozial abgehängt zu werden. Da wird es auf einmal politisch. Wie seltsam. Als hätte Ökonomie irgendetwas mit Teilhabe und Politik zu tun.

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