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Drei Wochen ohne Auto: Stadtradler-Star Christian Wolff hat’s nicht bereut

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    Noch bis zum Sonntag, 24. Juni, gilt es. Dann geht das "Stadtradeln 2012" für Leipzig auch schon wieder in die Zielgerade. Drei Wochen sind flugs vorbei, wenn man sich in die Pedale kniet. Und so einige der gestarteten 134 Teams werden sich ärgern, dass sie den Stadtradler-Star Christian Wolff nicht in ihre Reihen geholt haben. Denn 120 Kilometer mit dem Rad hat der Thomaspfarrer in der Zeit locker geschafft.

    Die Kategorie gibt es beim Leipziger Stadtradeln zum ersten Mal. Sie hat es in sich. Denn die Organisatoren von eigenen Teams dürfen hier nicht mitmachen. Und die Stars müssen über ein eigenes, selbstgenutztes Auto verfügen, das die drei Wochen unberührt in der Garage bleiben muss.

    „Da hab ich schon ein paar mal überlegt“, sagt der 63jährige, der im Frühjahr mit seinem Buch „Osterweiterung“ für Aufregung sorgte. So ganz nebenbei feiert er in diesem Jahr ein Jubiläum: Seit 1992 ist er Pfarrer der Thomaskirche. Inzwischen kennt er seine Leipziger – die Mutigen und Kreativen genauso wie die Mutlosen und Gestrigen. Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die gepriesene „Stadt der friedlichen Revolution“ von lauter Revolutionären und Friedensaktivisten bewohnt wäre. Ist ja leider nicht so, wie die schrillen Töne in der aktuellen Asyl-Debatte zeigen.

    Oder die Unkenrufe aus den Tiefen einiger Parteien, die jedes Mal dann, wenn die Stadt versucht, einen Millimeter hin zu kommen zu umwelt- und menschenfreundlicher Verkehrsorganisation, ihr Auto verdrängt sehen aus den Straßen. Natürlich radeln diese Leute beim Stadtradeln nicht mit. Haben sie noch nie getan. Werden sie auch nie tun. Dafür strampelt hier seit fast drei Wochen, was in der Stadt Bewegung will und selbst beweglich ist – von der christlichen Jugend bis zu den Stadtratsfraktionen in grün, rot und rosa. Die Meteorologen sind dabei, die Bibliothekare und die autonomen Kampfhippies. Manche Mannschaft spielt mit den Vorurteilen, die in zwei Leipziger Presseorganen (wäre auch ein schönes Wort für eine Radel-Mannschaft) immer wieder warmgemacht werden, wenn irgendwo der Wunsch nach besseren Rad- und Fußwegen aufkommt. Dann wimmelt es in den Zeitungsspalten von Kampfradlern, Chaoten und rücksichtslosen Rasern. Man sieht sie regelrecht vor sich, die zornerröteten Autofahrer, wie sie über die Radfahrer schimpfen, die sich ohne Motor so benehmen, wie sie selbst oft mit Motor.Von 14,4 Prozent Wegeanteil (2008) auf 20 Prozent im Jahr 2020 will die Stadt den Radverkehrsanteil am Modal Split erhöhen. Dazu wurde am 20. Juni auch das neue Radverkehrskonzept beschlossen. Aber alle Beschlüsse nützen nichts, wenn der Einzelne das Umsteigen nicht schafft. Denn: Das Auto ist bequem. Es ist da, man muss nur einsteigen und kann jede Strecke sitzend und trocken fahren. Egal, wie kurz sie ist.

    Christian Wolff aber wollte es wissen. Er hat es leichter als so manch anderer, denn in seiner Freizeit ist er schon immer gern geradelt. Und auch ohne Stadtradeln hat er sich immer schon gern auf seinen Drahtesel gesetzt und ist – „einfach mal zum Nachdenken und Abschalten“ – durch den Auewald gefahren. „Der ist ja einfach ideal zum Radfahren“, sagt er. Die Herausforderung für die Stadtradel-Wochen: Das Rad auch für die täglichen Dienst- und Besuchsfahrten zu nutzen. Seine Gemeindemitglieder wohnen ja nicht weit weg. Bachviertel und Waldstraßenviertel sind mit dem Rad schnell zu erreichen von der Thomaskirche aus.

    Wo – das sei angemerkt – noch ein paar Radbügel fehlen. „Wir sind da mit der Stadt im Gespräch“, sagt der Thomaspfarrer. Der südliche Thomaskirchhof soll ja nicht zugebaut werden. Aber selbst mitten am Tag sieht man auch hier ein Häuflein Fahrräder an Hauswand und Lampe stehen. Obwohl keine Sonne scheint und manche Wolke nach Regen aussieht.Von den paar Regentropfen in der letzten Zeit hat sich Christian Wolff nicht abschrecken lassen. „Der Gedanke war schon da“, sagt er. „Für gewöhnlich hätte ich da schon mal schnell das Auto genommen. Aber dann hab ich mir gesagt: Nee, die Blöße gibst du dir nicht. Bei den Temperaturen trocknet auch die Hose schnell wieder.“

    Gleich am zweiten Stadtradel-Tag war ein Termin auf dem Südfriedhof zu erradeln. Eine Strecke, die richtig Kilometer gibt. Aber sie ist so gut ausgebaut wie kaum eine andere Radfahrstrecke in Leipzig. Da wurde der Thomaspfarrer gleich mal richtig nass. Und sagte sich: „Was soll’s.“

    Wer ihn in einer professionellen Radfahrerkluft vermutet – gar noch mit Regen-Cape – der irrt. „Der Anorak reicht völlig“, sagt er. „Aber für mich gehört auch der Helm dazu. Seit meine Frau einen schweren Unfall hatte, bin ich gewarnt. Ich fahre nicht mehr ohne Helm.“

    Und teure Designer-Räder kauft er sich auch nicht mehr, seit auch bei ihm mehrmals die Leipziger Fahrrad-Diebe zuschlugen. Ein einfaches, dunkles Damenfahrrad reicht völlig. Man muss ja nicht rasen, wie es einige zweirädrige Zeitgenossen eben doch tun.

    „Und was mir in den drei Wochen wieder aufgefallen ist: Wie gefährlich es ist, ohne Licht zu fahren“, sagt Wolff. „Das ist mir schon ein paar Mal passiert, dass ich Radfahrer einfach nicht gesehen habe, weil sie ohne Licht unterwegs waren.“ Da versteht er den Schrecken vieler Autofahrer natürlich. „Das ist lebensgefährlich.“

    Was ihm die drei Wochen gezeigt haben, ist: Es geht ohne Probleme ohne Auto. Ein neues will sich Familie Wolff später, wenn das jetzige Familienauto reif für die Abmeldung ist, wohl nicht wieder zulegen. „Da gehen wir lieber zu TeilAuto“, sagt der Thomaspfarrer. „Für die paar Gelegenheiten, wo wir wirklich ein Auto brauchen, reicht das völlig.“ Heißt dann wohl auch: Man wird den Thomaspfarrer auch künftig oft mit dem Rad durch die Stadt fahren sehen.

    Der diesjährige Stadtradel-Wettbewerb geht für Leipzig am Sonntag, 24. Juni, zu Ende. Am Freitag, 22. Juni, standen schon 354.079 gefahrene Kilometer in der Ergebnisliste. Damit ist das Ergebnis aus dem Vorjahr von 326.542 Kilometern schon deutlich übertroffen. Da in den beiden ersten Wochen jeweils über 142.000 Kilometer zusammen kamen, ist am Ende mit einer Zahl von über 420.000 Kilometern zu rechnen. Da müssen sich die Tübinger und Dresdner, die im letzten Jahr mit 367.311 und 452.826 Kilometern vor Leipzig landeten, noch richtig anstrengen, um wieder vorbeizuziehen. Die Dresdner starten im Juli, die Tübinger im September in den Wettbewerb.

    www.stadtradeln.de

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