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Den Traum von 170 Millionen Fahrgästen können die LVB schon heute begraben

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    Wir haben ja an dieser Stelle schon mehrfach davon gesprochen, wie wichtig ein funktionierendes Mobilitätsnetz für eine "Metropol"-Stadt wie Leipzig ist. Und auch darüber, dass die maßgeblichen Politiker nicht wirklich das Thema Metropolstrukturen im Blick haben. Das betrifft auch den Nahverkehr in Leipzig. Anfang 2015 haben wir das ja am Aufhänger "Modal Split" durchdiskutiert. Vielleicht hätten wir einen Wecker als Bebilderung dazu setzen sollen.

    Denn schon 2014 deutete Vieles darauf hin, dass Leipzig gerade dabei ist, seinen ÖPNV unattraktiv zu machen. Dass die Leipziger Verkehrsbetriebe von 2013 zu 2014 rund 6 Millionen Fahrgäste verloren, war zumindest zum Teil zu erklären. Man gab ein paar Millionen an die neue S-Bahn ab, die im Dezember 2013 in Betrieb gegangen war, und ein paar gab man ab, weil man etliche Buslinien im Landkreis Leipzig an die vom Landkreis beauftragte Verkehrsgesellschaft abgab.

    Damals diskutierte der Stadtrat erstmals ernsthaft über einen Stopp bei den jährlichen Preiserhöhungen im Mitteldeutschen Verkehrsverbund (MDV). Der MDV war da zwar schon zwei Jahre lang mit der Aufgabe betreut, ein neues Finanzierungskonzept für das ganze Tarifgebiet zu entwickeln, legte aber im Sommer erst einmal nur ein Gutachten vor, das eigentlich nur bestätigte, was alle wussten: Auch im Nahverkehr der Region Leipzig gibt es Inflation, die ganz normalen Preisanstiege vom Material bis zum Personal müssen finanziert werden. Und: Die meisten Verkehrsunternehmen haben die Grenze der Einsparmöglichkeiten ausgereizt.

    Was nun?

    Lanciert wurde dann postwendend die Idee, man könne ja in Leipzig ein Bürgerticket einführen. Herzlich begrüßt von vielen Akteuren, die sich seit Jahren mit dem Thema ÖPNV-Finanzierung beschäftigen. Herzhaft bekämpft von allen, die „nicht noch mehr Geld“ in den ÖPNV stecken wollen.

    Denn eines wurde in der Analyse ja sichtbar: Die Tarife im MDV steigen überproportional – und sie steigen vor allem, weil sämtliche Trägerkommunen ihre Zuschüsse gesenkt oder gedeckelt haben. Seit Jahren beteiligen sich die Kommunen immer weniger an der Finanzierung von Bussen und Bahnen – dafür steigt August für August der Tarif für die Fahrgäste im Schnitt zwischen 3 und 5 Prozent.

    Das wäre auch in Leipzig kein Problem, wenn auch die niedrigen Einkommen jedes Jahr um 3 bis 5 Prozent wachsen würden. Tun sie aber nicht. Und so wird der Fahrpreis zum Hauptkriterium, das entscheidet, ob die Leipziger nun mit der als teuer empfundenen Straßenbahn fahren oder lieber umsteigen.

    Und dass sie umsteigen – und das auch nicht erst 2015 – wurde im Frühjahr 2015 gleich zwei Mal deutlich. Die Stadt Leipzig veröffentlichte endlich den so heiß umstrittenen „Modal Split“ für 2013. Immerhin war das auch schon ein Jahr, in dem die Stadt den Umweltverbund stärken wollte. Irgendwie. Pläne gibt es eine Menge. Die nutzen nur nichts, wenn sich die Fahrgäste aus Kostengründen verabschieden.

    Denn statt weiter in Richtung 20 und gar 25 Prozent Anteil am Gesamtverkehr zu fahren, rutschte der Anteil der ÖPNV-Nutzung ab – von 18,8 Prozent im Jahr 2008 auf 17,1 Prozent.

    Wenig später bestätigten die neuen Zahlen aus der „Bürgerumfrage 2014“, dass viele Leipziger tatsächlich umgestiegen waren und weiter umsteigen. Ein Teil wechselte tatsächlich in die S-Bahn (+ 3 %), aber ein ebenso großer Anteil schraubte seine Verkehrskosten noch einmal deutlich nach unten und wechselte auf das Fahrrad (+ 2 %) oder ging lieber gleich zu Fuß (+ 1 %). Ein sicheres Zeichen dafür, dass die LVB mit ihren Fahrpreisen spätestens 2013 eine emotionale Schwelle überschritten haben.

    Man kann den Versuch, die Taktzeiten jetzt im Samstags-Einkaufsverkehr zu verdichten, als Antwort auf diese Entwicklung interpretieren. Aber das könnte sich als falsche Antwort erweisen. Erst recht vor dem Hintergrund der verbal oft genug sehr harschen Absagen im Stadtrat, das Thema Tarifsteigerungen überhaupt zu behandeln.

    Dass der augenblickliche Kurs nicht der ist, den Stadtrat und LVB beschlossen haben, nämlich bis 2025 den Anteil der ÖPNV-Nutzung auf 25 Prozent zu bringen, belegen auch die neuen Fahrgastzahlen aus dem Quartalsbericht. Die Zahlen bis September liegen nämlich nur marginal – um 0,6 Prozent – über denen des Jahres 2013. Von einem Kurs auf 140 Millionen Fahrgäste sind die LVB meilenweit entfernt. Nach 136 Millionen im letzten Jahr könnten es 2015 vielleicht noch 137 Millionen werden. Das Fahrgastwachstum der LVB bleibt also weit hinter dem Bevölkerungswachstum der Stadt zurück. Das liegt nämlich nach den Zuwachszahlen, die der neue Quartalsbericht offeriert (mit über 13.000 Einwohnern Zuwachs in diesem Jahr) bei 2 bis 2,5 Prozent.

    Und da gerade die jungen Zuwanderer stärker auf umweltfreundliche Mobilität setzen als die älteren Einwohner, hätte eigentlich auch ein entsprechendes Wachstum bei den LVB eintreten müssen. Es hätten am Jahresende also tatsächlich wenigstens 139 Millionen dastehen müssen, wie jüngst noch LVB-Geschäftsführer Ronald Juhrs prophezeite. Davon sind die LVB aber weit entfernt.

    Aber genau dieses zweiprozentige Wachstum würden die LVB brauchen, um 2025 auf die angepeilten 170 Millionen Fahrgäste zu kommen. Ein 0,5-prozentiges Wachstum reicht dazu nicht. Da kommt man 2025 nicht mal auf 150 Millionen. Und tatsächlich bedeutet das einen permanenten Verlust an Anteilen am „Modal Split“.

    Wobei auch bezweifelt werden darf, dass 170 Millionen Fahrgäste einem Anteil von 25 Prozent entsprechen würden. Nach unserer Rechnung müssten die LVB bis 2025 sogar 207 Millionen Fahrgäste erreichen, wenn sie überhaupt die 25 Prozent Anteil an allen Wegen anvisieren wollen.

    Eine Zahl, die zumindest ahnen lässt, dass alle derzeitigen Pläne für den Nahverkehr in Leipzig nicht ansatzweise engagiert oder zielgerichtet sind.

    Und dazu gehört nun einmal auch die Tatsache, dass man mit einem gedeckelten Zuschuss von 45 Millionen Euro nicht die notwendigen Spielräume schafft. Im Gegenteil: Man konserviert damit den bestehenden Zustand, denn man beteiligt sich ja nicht mal an den jährlichen Preissteigerungen. Die landen allesamt bei den Fahrgästen – und die steigen immer öfter lieber aus, als ihr knappes Einkommen mit der Straßenbahn zu verfahren.

    Zum neuen Quartalsbericht der Stadt:

    Der Statistische Quartalsbericht III / 2015 ist im Internet unter http://www.leipzig.de/statistik unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Er ist zudem für 7 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) beim Amt für Statistik und Wahlen erhältlich.

    Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig
    Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228

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      1 KOMMENTAR

      1. Es ist nicht neu, dass die LVB in ihrer eigenen Realitaet schweben.

        Vielen Dank fuer die Rechnung, was 25% im Modal Split in konkreten Fahrgastmillionen bedeuten. Ziemlich, ziemlich viel. Berlin hat uebrigens selbst 27% mit Stand 2013.

        Die LVB moechten also in acht Jahren Berliner Verhaeltnisse schaffen. Wenn ich solche vertraeumte Gedanken von einem Geschaeftsfuehrer, der kuehl und mit realen Daten rechnen sollte, lesen muss, neige ich dazu, dem Aufsichtsrat der LVB zu empfehlen, in der Geschaeftsfuehrung personelle Konsequenzen zu ueberdenken und durchzusetzen.

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