SrV-Studie zeigt: In Leipzig hat der Radverkehr 2018 den ÖPNV überholt

Für alle LeserLange hat's gedauert. Jetzt endlich hat das Institut für Verkehrsplanung und Straßenverkehr der TU Dresden die neue Sonderauswertung zum Forschungsprojekt „Mobilität in Städten – SrV 2018“ vorgelegt. Sie enthält auch die Leipziger Mobilitätszahlen für das Jahr 2018. Die bislang bekannten Leipziger Zahlen stammen sogar noch aus dem Jahr 2015. Und besonders der ADFC meldet sein freudiges Erstaunen, denn der Anteil des Radverkehrs wächst.

Hinter der Abkürzung SrV verbirgt sich das „System repräsentativer Verkehrsbefragungen“ (SrV). Die Dresdner Verkehrsforscher ziehen dafür wirklich los, um in den teilnehmenden Städten zu zählen, Stoßzeiten zu ermitteln und die möglichst genaue Verkehrsmittelnutzung der Befragen zu erkunden.

Und aus Sicht des ADFC Sachsen ist diesmal die wichtigste Nachricht: 19 % aller Wege in Leipzig werden mit dem Rad zurückgelegt. Dies zeigt die kürzlich veröffentlichte Studie System repräsentativer Verkehrserhebung (SrV) 2018, mit der die TU Dresden alle fünf Jahre das Verkehrsverhalten in deutschen Städten erhebt. 2013 lag der Radverkehrsanteil in der Stadt noch bei 15 %. Damit verzeichnet Leipzig Radverkehrszuwachs von 23 %, rechnet der ADFC vor.

Der Anteil des Radverkehrs in den sächsischen Kommunen. Grafik: ADFC Sachsen

Der Anteil des Radverkehrs in den sächsischen Kommunen. Grafik: ADFC Sachsen

Aber tatsächlich ist der Trend schon langfristig zu beobachten, trotz einer auch in Leipzig immer noch aufs Auto fixierten Verkehrspolitik. Wer jetzt in Corona-Zeiten aufs Rad gewechselt ist, merkt, wie blind Leipzigs Verkehrsplaner tatsächlich für die Belange des Radverkehrs sind.

Der Anteil des Radverkehrs an den täglichen Wegen wächst also nicht, weil sich die Radfahrbedingungen so deutlich verbessert haben, sondern weil jüngere Verkehrsteilnehmer sowieso aufs Rad umsteigen, wo das möglich ist. Das Auto ist nicht mehr das Verkehrsmittel ihrer Wahl.

2011 erreichte der Radverkehr immerhin 14,4 Prozent Anteil an den täglichen Wegen der Leipziger, 2013 waren es dann 15,2 Prozent und 2015 schon 17,3 Prozent.

Mit den nun für 2018 ermittelten 18,7 Prozent hat der Radverkehr erstmals den ÖPNV in Leipzig überholt, der nach 17,6 Prozent im Jahr 2015 nun auf 17,5 Prozent kam.

Damit ist der ÖPNV weit davon entfernt, auch nur annähernd jene Anteile zu erreichen, die er eigentlich bis 2025 erreichen sollte: 25 Prozent. Der Radverkehr wird sein Ziel erreichen, denn das liegt bei 20 Prozent.

Entwicklung der Anteile des Rad- und des Autoverkehrs in den sächsischen großen Städten. Grafik: ADFC Sachsen

Entwicklung der Anteile des Rad- und des Autoverkehrs in den sächsischen großen Städten. Grafik: ADFC Sachsen

Wer sich erinnert: 2012 brach ja im Leipziger Stadtrat ein veritabler Streit über diese Ziele aus, denn dafür hätte der Anteil des motorisierten Individualverkehrs von rund 39 Prozent auf 25 Prozent sinken müssen, was ja die Auto-Lobby in Leipzig als eine Nötigung zum Verzicht aufs Auto interpretierte. Und bis heute interpretiert. So, wie eben eingefleischte Autofahrer auf die Welt schauen und nicht sehen, dass der Platz, den sie sich ganz selbstverständlich nehmen (auch zum Parken) für ÖPNV, Radfahrer und Fußgänger fehlt.

Der Anteil des Fußverkehrs ist nach dem Tiefpunkt im Jahr 2015, als es nur noch 25,4 Prozent aller Wege waren, auch wieder gestiegen auf 27,3 Prozent.

Und es ist eindeutig: Der Zuwachs bei den umweltfreundlichen Verkehrsarten Rad- und Fußverkehr hat erstmals spürbar die Anteile des motorisierten Individualverkehrs (MIV) sinken lassen – von 39,7 Prozent im Jahr 2015 auf 36,5 Prozent.

Janek Mücksch, Mitglied im Vorstand des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Sachsen, freut sich über die wachsende Popularität des Rades: „Wenn mehr Menschen Rad fahren, ist es in der Stadt weniger laut, die Luft wird sauberer, die Menschen gesünder und es gibt weniger Staus. Die Stadt muss den Veränderungen gerecht werden und dem Rad mehr Platz einräumen.“

Und auch die Leipziger Verkehrspolitik sieht der ADFC kritisch: Vielfach wird in der Öffentlichkeit beklagt, dass die Stadtverwaltung sich nicht mehr so sehr für den Radverkehr in Leipzig engagiert wie noch vor einigen Jahren.

„In anderen sächsischen Städten konnten wir noch viel höhere Steigerungen beim Radverkehr beobachten. In Dresden erhöhte sich der Anteil der mit dem Rad zurückgelegten Wege beispielsweise um 57 % und in Chemnitz um 63 %. Die Stadtverwaltung muss jetzt weitere Maßnahmen ergreifen, damit die Wege der Leipziger mit dem Rad komfortabler, einfacher und sicherer werden“, fordert Mücksch.

Beim Fahrradklima-Test des ADFC im gleichen Jahr sagten 72 % der Leipziger, dass sie sich auf dem Rad gefährdet fühlen. Fast zwei Drittel wünschen sich eine engagiertere Förderung des Radverkehrs.

Die SrV-Studie zeigt aus ADFC-Sicht deutlich, wie wichtig das Fortbewegungsmittel Fahrrad in Leipzig ist: 48 Prozent der Leipziger geben an, mindestens einmal pro Woche mit dem Rad zu fahren. Nur 24 Prozent nutzen das Fahrrad überhaupt nicht. Ein durchschnittlicher Leipziger Haushalt verfügt über 1,67 Fahrräder und 0,69 Autos. 39 Prozent der Leipziger Haushalte haben gar kein Auto zur Verfügung.

Das System repräsentativer Verkehrsbefragungen (SrV) ist ein seit 1972 laufendes Forschungsprojekt der Technischen Universität Dresden und die älteste Zeitreihe zum Verkehrsverhalten in deutschen Städten. Für die Erhebung im Jahr 2018 wurden 3.869 zufällig ausgewählte Leipziger zu ihrer privaten Mobilität an einem normalen Werktag in Leipzig befragt. Sachsenweit waren fast 22.000 Menschen in 25 Städten an der Studie beteiligt. Das SrV bildet die Mobilität der Leipziger Wohnbevölkerung ab und zeigt Veränderungen und Trends auf.

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Foto: Ralf Julke

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