Noch hat sich im Leipziger Radwegenetz nicht wirklich viel geändert, nachdem der 2012 beschlossene Radverkehrsentwicklungsplan in der Stadt in großen Teilen ausgebremst wurde. Und wie man beobachten kann, bauen sich die massiven Widerstände gerade wieder auf, wenn tatsächlich wieder sichtbare Verbesserungen gebaut werden. Da wundert es nicht, dass das Fahrradklima von Radfahrern nach wie vor als mittelmäßig eingeschätzt wird.

Am heutigen Montag, 24. April, veröffentlichte der ADFC Sachsen auch die Leipziger Ergebnisse des Fahrradklima-Tests 2022.

Danach fahren zumindest 55% der Befragten in Leipzig vergleichsweise entspannt Rad. Dennoch sehen sich 69% im Straßenverkehr auf dem Rad gefährdet. Ein Wert, der seit einigen Jahren im Keller ist und weniger mit den Radwegen selbst zu tun hat, als mit der Rücksichtslosigkeit vor allem der motorisierten Verkehrsteilnehmer.

Was sich dann auch in anderen Befragungskategorien zeigt.

So empfindet ein  Großteil der Befragten in Leipzig (77%) das Radfahren im Mischverkehr mit Autos als nicht sicher. 83% der Befragten berichten von regelmäßigen Konflikten mit Autos.

Endlich tut sich was

Und geradezu im Gegensatz dazu bewerten die Radfahrer die Versuche der Stadt, das Radfahren sicherer zu machen. Zufrieden sind die Leipziger mit dem Engagement ihrer Stadt zur Verbesserung des Radwegenetzes: 62% sagen „In Leipzig geht es für den Radverkehr voran.“ Unter den 46 sächsischen Städten im Fahrradklima-Test erreicht Leipzig Platz 8.

Eigentlich eine direkte Anerkennung für das von Thomas Dienberg geleitete Baudezernat, das in den letzten zwei Jahren deutliche Anstrengungen unternommen hat, das Radwegenetz endlich zu verbessern.

Die Kurzübersicht zu den Leipziger Ergebnissen des Fahrradklima-Tests 2022. Grafik: ADFC Sachsen
Die Kurzübersicht zu den Leipziger Ergebnissen des Fahrradklima-Tests 2022. Grafik: ADFC Sachsen

Und das damit in direkte Konflikte gerät mit den Stadtratsfraktionen, die mit aller Macht und lautem Getöse an den Strukturen der „autogerechten Stadt“ festhalten wollen. Denn nichts anderes tobt sich da in der Ratsversammlung aus, wenn etwa CDU- und AfD-Fraktion wortgewaltig gegen jede Maßnahme polemisieren, bei der dem Kfz-Verkehr Fahrspuren „weggenommen“ werden, damit Radfahrende endlich einen eigenen Radweg bekommen.

Das war bei der Anlage von Radstreifen auf dem Martin-Luther-Ring genauso wie aktuell bei der Schaffung eines Radweges vor dem Hauptbahnhof und demnächst bei der Anlage eines Radweges auf der Prager Straße am Völkerschlachtdenkmal.

Weitere Akte dieses mit harschen Vorwürfen an Thomas Dienberg gespickten politischen Theaters sind absehbar. Und der Zuschauer des Theaters weiß jetzt schon nicht mehr, was die so vehement kritisierenden Stadträte eigentlich meinen: Macht das Baudezernat zu wenig und vertrödelt seine Arbeit? Oder macht es im Gegenteil zu viel und verärgert die Autofahrer?

Die richtige Richtung

Konrad Krause, Geschäftsführer des ADFC Sachsen, kommentiert die Ergebnisse so: „Leipzig zeigt, dass man mit einer klaren Förderung des Radverkehrs Pluspunkte machen kann. Die Befragten honorieren das Engagement der Leipziger Stadtspitze für den Radverkehr. Auch wenn es natürlich immer noch viele gefährliche Stellen gibt und sich eine Mehrheit der Befragten auf ihren Wegen mit dem Rad gefährdet fühlt, so geht die Entwicklung in Leipzig in die richtige Richtung.“

Der Ausbau der Radinfrastruktur auf dem Ring und an vielen Hauptverkehrsstraßen in den letzten Jahren komme bei den Leuten an und führe zu einer wachsenden Zufriedenheit mit dem Radwegenetz in der Messestadt, stellt Krause etwas fest, was im Leipziger Streit um die Radwege auf dem Ring beinahe untergeht. Was aber eben auch damit zu tun hat, dass Radfahrer in der medialen Wahrnehmung kaum Gehör finden, während die Autofahrerpartei scheinbar ganz allein den Ton angibt.

Die wichtigsten Probleme aus Sicht der Leipziger Radfahrer. Grafik: ADFC Sachsen
Die wichtigsten Probleme aus Sicht der Leipziger Radfahrer. Grafik: ADFC Sachsen

Sodass der Zustand des Radwegenetzes Noten zwischen 2,2 bis 2,7 bekommt – nur die Radwegweisung mit 3,6 fällt deutlich ab. Aber wenn es um die mediale Berichterstattung geht, gibt es eine miserable 4,1. Was eben auch davon erzählt, dass einige alte Medien in Leipzig jeden Fortschritt in der Radverkehrspolitik diskreditieren und dabei nur zu gern mit einem Wirtschaftsverkehr argumentieren, der sich behindert fühlt. Ganz so, als wäre Wirtschaftsverkehr nur motorisiert.

„Immer mehr Menschen wollen ihre Wege im Alltag mit Bewegung an der frischen Luft verbinden. Dennoch macht mir die Bewertung des Sicherheitsgefühls natürlich Sorgen. Wenn mehr als zwei Drittel sagen, sie fühlen sich auf dem Rad gefährdet, dann sollte uns das unbedingt zu denken geben“, sagt der ADFC-Geschäftsführer.

Radverkehr endet nicht an der Stadtgrenze

Beim Fahrradklima-Test lag in diesem Jahr ein besonderer Fokus auf den Bedingungen des Radverkehrs außerhalb von Städten. Bei der Erreichbarkeit der Nachbarorte mit dem Rad sehen 33% der Befragten in Leipzig Nachholbedarf. Denn da beginnt das Dilemma der ungenügend ausgebauten Radwege meist erst recht.

Nur 22% der Leipziger Befragten fühlen sich auf Wegen in Nachbarorte mit dem Rad sicher. Nur 29% bewerten die soziale Sicherheit positiv.

Deutlich besser als im sächsischen Durchschnitt bewerteten die Menschen in Leipzig hingegen die öffentlichen Leihfahrräder. In Leipzig sind damit 76% der Befragten zufrieden, während dieser Wert im sächsischen Durchschnitt nur bei 39% liegt. Auch die Erreichbarkeit der Innenstadt (positive Bewertung: 87% der Befragten) und die vielen für den Radverkehr geöffneten Einbahnstraßen in Leipzig (Zufriedenheit: 70%) wurden deutlich besser bewertet als im sächsischen Durchschnitt.

Auch Radverkehr braucht Platz

Und natürlich lohnt sich der Blick auf die schlechtesten Bewertungen. Und mit Note 5,5 wird auch diesmal der Fahrraddiebstahl besonders deutlich als Leipziger Problem. Mit der 4,8 für den Winterdienst auf Radwegen und der 4,7 für die Konflikte mit Autofahrern wird schon deutlich, wo die wirklichen Ärgernisse stecken. Die eben auch oft damit zusammenhängen, dass die alten Radverkehrsanlagen meist viel zu eng bemessen sind und den zunehmenden Radverkehr gar nicht aufnehmen können.

Für die Breite der Radwege und die Führung an Baustellen gab es demnach auch nur jeweils eine 4,6. Leicht verbessert, aber immer noch im negativen Bereich, ist die Falschparkerkontrolle auf Radwegen. Die Stadt hat ihre Kontrollen zwar deutlich verstärkt. Aber etliche Autofahrer kümmert das trotzdem nicht sonderlich und sie halten und parken trotzdem auf Radwegen, um ihre „schnellen Besorgungen“ zu machen.

Der große Konflikt wird also überdeutlich: Das Bemühen der Stadt um eine Verbesserung der Radwegeinfrastruktur wird deutlich gewürdigt, während der Alltag der Radfahrer seit Jahren von zumeist gefährlichen Konflikten mit einem Kfz-Verkehr geprägt ist, dessen Fahrer oft keine Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer nehmen. Auch nicht in der politischen Diskussion.

Die Befragung in Leipzig

Der Fahrradklima-Test ist die größte Umfrage zum Fahrradklima weltweit und wird seit 2012 alle zwei Jahre vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) durchgeführt. Er umfasst 27 Fragen. Zwischen September und November 2022 konnten Radfahrende deutschlandweit ihre Meinung zu den Radverkehrsbedingungen in ihrer Stadt äußern.

92% der Befragten in Sachsen verfügen über einen Führerschein und 71% besitzen ein Auto. 85% sind nicht Mitglied im ADFC. 2022 bewerteten in Leipzig 1.753 Personen ihre Stadt nach Fahrradkriterien, in Sachsen waren es über 10.000 und deutschlandweit sogar fast 240.000. Mit einer Gesamtbewertung der Fahrradsituation von 3,84 auf einer Skala von 1 bis 6 liegt Leipzig damit auf Platz 4 der 14 deutschen Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern.

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Es gibt 5 Kommentare

Urs, die Schulnotenskala, welche ja eigentlich Leistungen bewertet, ist offensichtlich nur erwähnt, um die Reihenfolge zu verdeutlichen. Bei den einzelnen Punkten sind jeweils Aussagen für beide Enden der Skala vorhanden, das passt nicht mit der Schulnotenskala für erbrachte Leistungen zusammen. In Sachen Fahrraddiebstahl liegt das Gefühl offensichtlich nicht ganz daneben: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/165154/umfrage/fahrraddiebstaehle-in-deutschland-2009/ (Daten aus dem PKS 2021).

Im sechsstufigen Notensystem, lieber Autor, stehen diese für folgende Prädikate: 1: “sehr gut”, 2: “gut”, 3: “befriedigend”, 4: “ausreichend”, 5: “mangelhaft”, 6 “ungenügend”. Wegen dieser Zuordnung zu Prädikaten handelt es sich um eine geordnete Skala (Ordinalskala), die leider das Bilden des arithmetischen Mittels nicht zuläßt.
Daß man sich quasi weltweit nicht daran hält, um Schüler zu matraitieren, schon ist eine traurige Sache. Daß aber der ADFC das auch nicht weiß, und extra nach “Schulnoten” fragt, um dann eben leider nicht das 50er-Quantil (den Median) zu bilden, ist noch trauriger. So müßte man also die Angaben eben nicht als Durchschnitt, sondern als Median erhalten, denn nur so kann man ein für jede Frage repräsentatives Antwort-Prädikat erhalten. Und ganz grob gesagt (und geschätzt, ich habe gerade keine Lust, das für alle 27 Fragen und 5 Zusatzfragen zu tun) kommt dabei raus, daß die Leute meist mit “ausreichend” antworten. Das ist doch keine schlechte Lage.
Wenn Sie nun, wie das ein Volontär (?, wer ist flp?) bei der LVZ das kurioserweise gerade auch tut, die drei ersten Prädikate als gut und die übrigen drei Prädikate als schlecht kategorisieren, tun Sie sozusagen den Schulnoten unrecht. Die Frage 11 zum “Sicherheitsgefühl” hat das Ergebnis “ausreichend” (Median 4, stattdessen verbreiten Sie, 69% sähen sich gefährdet, was aber gar nicht die Frage war). Die Frage 1 zu “Spaß beim Radfahren” hat das Ergebnis “befriedigend” (Median 3, sie schließen, 55% führen vergleichsweise entspannt mit dem Velo). Spannung und Spaß sind verschiedene Kategorien.

Aber die User mögen die Fragen einfach selbst durchblättern: https://sn.adfc-clouds.de/index.php/s/raDiF66aoMgNPnr#page=3 – in welchen Hals die 1753 Befragten die Frage 15 zu “Fahrraddiebstahl selten?” bekommen haben und mit einem glatten “ungenügend” (Median 6) antworten, ist mir nicht klar. Da sollte man vielleicht eher die Polizei- oder Versicherungsstatistiken befragen, um ein objektiveres Bild zu bekommen. Denn alle die 32 Fragen richten sich ans Gefühl, gegen das nichts grundsätzliches einzuwenden ist, was aber anfällig für die Verwendung in Kampagnen ist.

“Also ich fühle mich beim Fahrradfahren gefährdet” sagt gar nichts über die Ursachen aus. Ich fahre jeden Tag Fahrrad seit dreißig Jahren in Leipzig. Früher waren es in der Tendenz schon mehr rücksichtslose Autofahrer von denen eine Gefahr ausging. Jetzt sind es die unbehelmten, der Kopfhörer ersetzt diesen, E-Bike-Rowdys, die an die Stelle der Autorowdys getreten sind. Im Dezember haben ich einen dieser Wahnsinnigen, der vorher eine Frau mit Kind angefahren hatte und dann floh am Erich- Weinert -Platz gestellt, vollgetröhnt auf Droge. Und noch eins. Haben die Mütter oder Väter, die ihre Kinder auf dem Fahrrad mitführen aber keinen Helm tragen, etwa kein Gefühl gefährdet zu sein ? Wenn das so wäre, bräuchte man einfach mehr von diesen Asozialen, dann wäre das Problem geklärt.

2022 bewerteten in Leipzig 1.753 Personen ihre Stadt…… Ein Ergebnis bei wieviel befragten?

Gefährdungsgefühl, was soll das sein? Weil ich als Radfahrer weiß, daß ich auf der Straße fragil bin, halte ich die Sinne wach. Alles andere wäre sehr dumm. Ich finde, die Zahl sollte viel höher liegen.
Vielleicht finde ich Zeit, lieber Autor, meine Nase in das ADFC-Papier zu stecken. Ja, es gibt immer wieder Opfer unter Radfahrern. Und es gibt alle möglichen Gefährdungen, zum Teil erst durch Radwege. Das Bewußtsein, auf der Straße gefährdet zu sein, übrigens auch durch Velos, sollte nicht sinken, den ohne das keine Vorsicht.

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