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Wenn Ölmultis pokern und es für ÖPNV-Nutzer trotzdem immer teurer wird

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    Das sind immer Momente, an denen Sachsens Statistikern das große Grübeln kommt. Am 29. September meldeten sie: "Erstmals seit Februar 1999 werden die sächsischen Verbraucherpreise im September aller Voraussicht nach innerhalb der Jahresfrist unverändert bleiben." Heißt im Klartext: Inflationsrate gleich Null. Die Hasardspiele der Weltpolitik schlagen bis auf die sächsische Verbraucherstatistik durch.

    Natürlich werden trotzdem die meisten Sachsen das Gefühl haben, dass das so nicht stimmen kann. In ihrem Warenkorb wird’s trotzdem teurer. Sie bekommen hier einen Aufschlag, dort eine kleine Preiserhöhung.

    Die Hauptursache für die statistische Null ist tatsächlich in der großen Weltpolitik zu suchen: In einem fast verzweifelten Versuch der großen Erdölförderländer, den Ölpreis niedrig zu halten. Hauptakteure sind in diesem Fall die arabischen Länder, die sich seit Monaten weigern, die Ölfördermenge zu drosseln. Ein geradezu irrationaler Vorgang, denn gerade in den großen Schwellenländern stockt die Wirtschaftsentwicklung, ist der Bedarf an Öl deutlich zurückgegangen. Der Markt ist überschwemmt mit Öl und große Förderländer wie Saudi-Arabien und Norwegen greifen sogar die Währungsreserven an, um die Einnahmeausfälle durch den niedrigen Ölpreis zu kompensieren.

    Neben den heißen Kriegen mit Panzern und Bodentruppen finden mittlerweile parallel heftige Wirtschaftskriege statt, in denen nicht einmal so recht klar ist, wer jetzt eigentlich wen mit niedrigen Ölpreisen schädigen will. Die stillen Profiteure sind Unternehmen, Autofahrer und Eigenheimbesitzer in Europa. Ihnen wird der wertvolle Brennstoff quasi für einen Appel und ein Ei geliefert.

    Oder im Duktus der erstaunten Landessstatistiker: Ausschlaggebend für die Null-Inflationsrate in Sachsen seien „die seit Monaten rückläufigen Preise für ‚Energie‘ (-11,1  Prozent). Spürbar wird es vor allem bei der Füllung des ‚Heizöl‘- (-27,9 Prozent) oder ‚Gastanks‘ (- 26,5 Prozent). Ferner kostet ‚Kraftstoff‘ rund 13 Prozent weniger. Ohne diese positiven Einflüsse würde sich eine Jahresteuerungsrate von 1,4 Prozent ergeben.“

    Womit schon mal erklärt ist, wer weiter draufzahlt: Alle, die kein Heizöl, kein Benzin und kein Gas für den Tank brauchen.

    Und damit wird auch weiter kaschiert, dass die großen Industrienationen in Wirklichkeit eine Menge Steuergelder dazu verwenden, die Verbrennung fossiler Energien zu subventionieren.

    Über die Malaise der Erdölförderländer berichtete am Dienstag, 29. September, die FAZ, über den Wahnsinn der parallelen Subvention bei der Förderung von Öl, Gas und Kohle hat der „Spiegel“ am 21. September berichtet. Wobei der OECD-Bericht, auf den sich der „Spiegel“ bezog, ein Problem hat: Er hat nur die direkten Subventionen erfasst. Direkt subventioniert wird in Deutschland nur der Steinkohlebergbau.

    Doch die enormen Summen, die die Staaten ausgeben, um den Verbrauch fossiler Brennstoffe weiter hoch zu halten und damit wichtige Lagerstätten in kürzester Zeit zu leeren, fehlt natürlich beim Ausbau alternativer Energiestrukturen.

    Und wo wird’s für den Verbraucher teurer? – „Im Gegensatz dazu gibt es eine Vielzahl von Bereichen, die diesem Trend nicht folgen“, so die sächsischen Landesstatistiker. “ Für die aktuellen Herbstkollektionen bei ‚Bekleidung  und Schuhen‘ zahlt man zweieinhalb Prozent mehr. ‚Frisches Obst‘ (6,1 Prozent) und ‚Gemüse‘ (16,7 Prozent) ist ebenso deutlich teurer als im  Vorjahr. Der Beginn der neuen Spielzeit an ‚Theatern‘ geht mit höheren Ticketpreisen sowohl für die ‚Einzelkarte‘ (1,1  Prozent) als auch für das ‚Anrecht‘ (2,2 Prozent) einher. Ähnliches gilt für ‚Sportveranstaltungen‘ (8,5 Prozent). Eltern,  die ihre Kinder in ‚Kindergärten‘ (2,2  Prozent) oder ‚Krippen‘ (2,6 Prozent) betreuen lassen, müssen gleichfalls mehr finanzielle Mittel einplanen. Während die Kurse an  ‚Volkshochschulen‘  (-0,1  Prozent)  fast konstant im Preis bleiben, erhöhen sich diese für ‚Nachhilfe‘ um fast 4 Prozent.“

    Hauptverursacher der niedrigen Inflationsrate, so die Statistiker, seien die Hauptgruppen „Freizeit,  Unterhaltung und Kultur“ (-2,6 Prozent) sowie „Verkehr“ (-1,0 Prozent). Bei „Verkehr“ taucht hier eine verschämte -1,0 auf. Und das bei Preisrückgängen bei Diesel von -15,8 Prozent und Benzin von -12,2 Prozent im Jahresvergleich. Selbst die Beförderung im Luftverkehr ist billiger geworden. Tatsächlich hätte da ja auch bei „Verkehr“ so etwas wie ein zehnprozentiger Preisrückgang stehen müssen. Warum aber steht er da nicht?

    Der Grund ist simpel. Da schauen wir mal in die letzte Gesamtveröffentlichung aus dem August. Da wird sichtbar, wie desolat und völlig aus der Schiene die Verkehrspolitik in Deutschland und Sachsen ist. Während Kraft- und Schmierstoffe innerhalb eines Jahrs um 9,8 Prozent billiger geworden sind zur Freude aller Autofahrer, ging es bei sämtlichen ÖPNV-Angeboten mit den Preisen rauf.  Bei der Bahn war der Anstieg mit 0,9 Prozent noch relativ moderat. Aber im direkten ÖPNV ging es um 5 Prozent nach oben.

    Einen Ausreißer gab es im Taxi-Gewerbe, wo die Entgelte aufgrund des Mindestlohnes 2015 deutlich erhöht wurden. Da steht ein Plus von 28 Prozent in der Bilanz.

    Aber ein anderer Vergleich macht noch deutlicher, welches Schindluder da beim Thema ÖPNV getrieben wird. Während Kraft- und Schmierstoffe für Kraftfahrzeuge im August 2015 sogar etwas billiger waren als 2010 – 99,7 Prozent des Preises von 2010 – ging es beim ÖPNV die ganze Zeit immer nur nach oben mit den Ticketpreisen. 119,6 Prozent bedeuten eben eine Teuerung binnen sechs Jahren von 19,6 Prozent. Pro Jahr also genau das, was auch den Leipzigern jedes Jahr als „Fahrpreisanpassung“ angepriesen wird: 3,3 Prozent jeden August.

    Und auch im Bereich Nahrungsmittel sähe es anders aus, wenn nicht in diesem Sommer die großen Discounter mit der gewaltigen Überproduktion von Milch in Deutschland wahre Preisschlachten inszenieren würden. Molkereiprodukte und Eier sind 7 Prozent billiger als vor einem Jahr. Und das dämpft die heftigen Preisaufschläge bei Obst und Gemüse. Was dann aber beim Einkauf im Supermarkt in der Summe trotzdem ein Plus von 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Das heißt: Wer kein Auto betanken muss und auch keinen Heiztank hinterm Haus hat, hat tatsächlich eine ganz normale Inflationsrate, nämlich jene 1,4 Prozent, die die Landesstatistiker ausgerechnet haben.

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