Foodtruck des WWF in Leipzig

Auch der WWF macht auf die Nitrat-Brühe im Grundwasser der Leipziger Region aufmerksam

Für alle Leser Zwei Mal hat nun der Vorsitzende der Grünen-Fraktion im Sächsischen Landtag, Volkmar Zschocke, versucht, den zuständigen Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt mit der Nase darauf zu stoßen, dass Sachsen ein massives Problem mit dem Grundwasser hat. Die Überdüngung in der Landwirtschaft hat es in einigen Regionen zu einer „Nitratbrühe“ gemacht, wie es der WWF jetzt nennt. Der hat jetzt nämlich eine eigene Studie vorgelegt.

Und sie bestätigt, was die Zahlen aus dem Landwirtschaftsministerium, die Volkmar Zschocke bekommen hat, schon ahnen ließen: Mehr als jede zweite Messstelle im Grundwasser weist überschrittene Nitrat-Grenzwerte auf.

Nicht nur jede vierte, wie Zahlen aus dem Umweltbundesamt vermuten ließen. Denn das Problem der Nitrat-Brühe tritt nun einmal nicht in den Bergen auf oder in den Waldlandschaften, sondern in den landwirtschaftlich genutzten Flächen. Und auch die sächsischen Zahlen zeigen die massiven Grenzwertüberschreitungen in den landwirtschaftlich genutzten Regionen.

Und die Region Leipzig gehört dazu.

Das Grundwasser ist hier massiv mit Nitrat belastet, zeigt der aktuelle Report der Naturschutzorganisation WWF. In den vergangenen Jahren wurde der Nitratgrenzwert demnach an der Hälfte aller Messstellen überschritten. Und zwar nicht nur beim Dünge-Rückstand Nitrat. Zusätzlich wurden oftmals problematische Rückstände von Pflanzenschutzmitteln gefunden.

Das ungelöste Problem: Industrielle Landwirtschaft

Verursacher – da ist sich der WWF sicher – ist die intensive Landwirtschaft mit einem hohen, nahezu flächendeckenden Einsatz an Düngemitteln und Pestiziden. Doch nicht nur um das Wasser ist es dementsprechend schlecht bestellt: Auch die Artenvielfalt leidet. Typische Feld- und Wiesenvögel wie etwa Kiebitz und der Große Brachvogel sind in dem Drei-Länder-Eck aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht. Auch Feldhamster oder -hase sind kaum noch anzutreffen. Was freilich weniger am Grundwasser liegt, als an der massiven Verdrängung der Tiere und „Unkräuter“ aus den intensiv bewirtschafteten Flächen. Schutzstreifen und Wiesen wurden untergepflügt.

Hat jetzt ein massives Blaualgen-Problem: das Naturbad Nordost. Foto: Ralf Julke

Hat jetzt ein massives Blaualgen-Problem: das Naturbad Nordost. Foto: Ralf Julke

„Natur und Landwirtschaft sind keine voneinander abgekoppelten Systeme. Sie können nur gemeinsam dauerhaft erfolgreich sein und müssen wieder in Einklang gebracht werden“, warnt Markus Wolter, Referent Agrarpolitik und Landwirtschaft beim WWF Deutschland.

Das beste Mittel, um Artenschwund und Wasserverschmutzung in den Griff zu bekommen, ist nach Einschätzung des WWF-Experten eine umweltschonendere Bewirtschaftung. So liegt der Anteil des Ökologischen Landbaus in der Region gerade einmal bei vier Prozent der Agrarflächen und damit noch einmal unter dem sowieso geringen Bundesdurchschnitt von 7,5 Prozent. Die Bundesregierung hat das Ziel, ein Fünftel der Landwirtschaft auf Ökolandbau umzustellen.

„Der Umbau des Agrarsektors ist eine große Herausforderung, mit der wir die Bauern nicht alleine lassen dürfen. Politik wie Gesellschaft müssen in einen nachhaltigen Agrarsektor investieren. Umweltfreundlich produzierende Landwirte brauchen ein gerechtes und zuverlässiges Einkommen“, erklärt Wolter. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen müssen daher entsprechende Förderprogramme weiter ausbauen. Das ist jedoch nur möglich, wenn auf nationaler und europäischer Ebene das Subventionssystem reformiert wird. Die Vergabe von Agrar-Fördergeldern muss laut WWF endlich an einen nachhaltigen Anbau gekoppelt werden. Auch Länder und Kommunen sieht Wolter in der Pflicht: „Städte und Landkreise sowie die Hochschulen müssen sich zu einem festen Anteil von regionalen Bio-Lebensmitteln in ihren Kantinen verpflichten. Das kurbelt die Nachfrage an und kann für Landwirte ein Anreiz sein, umzustellen.“

Gleichzeitig muss sich der Konsum verändern und der verschwenderische Umgang mit Lebensmitteln aufhören, so der WWF. Allein in Leipziger Haushalten fallen vermeidbare Lebensmittelverluste von 34.000 Tonnen pro Jahr an. Zusätzlich verursacht der hohe Fleischkonsum ökologische Probleme. Insgesamt werden in Leipzig jährlich 50.000 Tonnen Fleisch konsumiert. Dafür wird eine Fläche von über 57.000 Hektar benötigt. Um die Nachfrage zu stillen, werden vor allem landwirtschaftliche Flächen in Südamerika für die Tierfutterproduktion in Anspruch genommen. Das erhöht dort den Druck auf Savannen und Wälder. „Damit die Landwirtschaft nachhaltiger wird, müssen Politiker umdenken, Unternehmen die Initiative ergreifen, aber auch die Konsumenten mit anpacken. Schließlich sind unsere Ernährungsgewohnheiten eine entscheidende Stellschraube im System“, sagt Wolter.

Grundwasserkörper als Chemie-Cocktail

Der WWF bezieht sich seinerseits natürlich wieder auf die amtlichen Messungen des Freistaats Sachsen. Die werden ja dadurch nicht falsch, nur weil der zuständige Minister sie komplett ignoriert. Und wenn in einzelnen Messbrunnen hohe Nitrat-Belastung gemessen wird, bedeutet das eben nicht, dass das Problem nur punktuell auftritt, denn in der Regel ist dann der ganze Grundwasserkörper eine mehr oder weniger dünne Nitrat-Brühe. Wenn aus dem Grundwasserkörper dann auch noch Trinkwasser gewonnen wird, dann wird die Entfernung der Nitrat-Beimengungen teuer – die Bürger bezahlen das Ganze mit massiv steigenden Trinkwasserpreisen. Ein Umstand, vor dem ja gerade das Umweltbundesamt warnte.

Der Blick auf die amtliche Karte von 2015 zeigt, dass auch wichtige Grundwasserkörper rings um Leipzig hochgradig mit Nitrat belastet sind. Dazu gehört das Gebiet der Parthe (die selbst ein hochgradig „überdüngter“ Fluss ist) genauso wie das Einzugsgebiet der Vereinigten Mulde. Wie stark der Nitrateintrag ins Grundwasser mittlerweile ist, zeigte jüngst erst die Blaualgenpest im Naturbad Nordost.

Die Zahl der Messstellen, an denen sogar Nitrat-Beimengungen von über 100 mg je Liter gemessen wurden, war zwar 2011 am höchsten – da war es jede vierte Messstelle im Raum Leipzig, die derart massiv den offiziellen Grenzwert von 50 mg/l überschritt.

Die Zahl ist auf 14 Prozent zwar zurückgegangen. Dafür stieg die Zahl der Messstellen mit Überschreitungen zwischen 50 und 100 mg/l massiv an. 51 Prozent aller Messstellen im Raum Leipzig haben 2015 den Grenzwert gerissen. Und der Grenzwert ist verbindlich. „Die Europäische Kommission hat Deutschland bereits mehrfach aufgefordert, stärker gegen die teils starke Verschmutzung seiner Gewässer mit Nitrat vorzugehen“, betont der WWF. „Sie drohte sogar mit einer Klage wegen Verletzung der EU-Nitratrichtlinie, die dann im Herbst 2016 gegen Deutschland beim Europäischen Gerichtshof eingereicht wurde.“

Die Klage läuft also – die Landwirtschaftsminister aber bleiben untätig.

Wie stark die Grundwasser um Leipzig „überdüngt“ sind, zeigt der bundesweite Vergleich: „Eine Tendenz zur Verbesserung ist insgesamt nicht zu sehen. Bundesweit lagen 18,3 % der Messstellen über dem Grenzwert und knapp ein Viertel über 40 mg/l.“

Die industrielle Landwirtschaft erzeugt also massive Folgekosten, die in ihre Produkte überhaupt nicht eingepreist sind. Ändern kann das tatsächlich nur eine ökologische Landwirtschaft, die auf den massiven Einsatz von Chemie verzichtet.

Wer sich über das Problem genauer informieren will, kann das am Foodtruck des WWF, der derzeit auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz steht.

WWF-Foodtruck in Leipzig

Im Sommer 2017 tourt der WWF-Foodtruck quer durch die Bundesrepublik. Am 10. und 11. August steht der Foodtruck mit einer großen Erlebniswelt auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Food-Helden aus der Region stellen ihre Projekte für nachhaltiges Essen vor. An Erlebnis- und Wissensstationen gibt es Mitmach-Aktionen für die ganze Familie. WWF-Experten geben Tipps, worauf es beim Einkaufen und Essen ankommt, um die Natur zu schützen. Pünktlich ab 12 Uhr gibt es den leckeren, regionalen Mittagspausen-Snack der WWF-Foodtruck-Köche.

In eigener Sache: Abo-Sommerauktion & Spendenaktion „Zahl doch, was Du willst“

 

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