HL komm-Verkauf – was bringt das eigentlich?

Am 20. Juni steht der Verkauf der HL komm auf der Entscheidungsliste des Stadtrates. Soll er zumindest. Am 5. Juni beriet gerade die Dienstberatung des OBM darüber. Morgen sollen die Aufsichtsräte von Stadtwerken und LVV sich dazu eine Meinung bilden. Man kann sicher sein, dass die meisten Stadträte sich bis zum 20. Juni nicht wirklich ernsthaft mit dem Papier beschäftigen.
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Auch wenn es diesmal nur 19 Seiten sind – anders als im Januar, als der Stadtverordnetenversammlung ein 70-Seiten-Papier vorgelegt wurde, in dem nicht nur die Details des damals abgestimmten Verkaufs der Stadtwerke-Tochter Perdata zu finden waren, sondern auch die Überlegungen zu einer Umwandlung des Gesellschafterdarlehens der Stadt Leipzig in eine Kapitaleinlage. Das würde die Eigenkapitalquote der LVV deutlich erhöhen und möglicherweise ihre Position am Markt, auf dem sie Kreditkonditionen aushandeln muss, langfristig stärken.

Schon bei diesem Komplex werden sich die meisten Stadträtinnen und Stadträte gesagt haben: Was soll das? Hab ich Betriebswirtschaft studiert?

Manche Vorlage für den Stadtrat liest sich genauso, als sei sie darauf angelegt, von normalen Bürgern, die nie auch nur auf die Idee gekommen wären, ein Unternehmen zu gründen und sich mit dem deutschen Bilanz- und Steuerrecht zu beschäftigen, nicht verstanden werden zu sollen.

Schon ein Lesen dieses Berichtsteils zeigt, dass auch in der strategischen Planung der LVV Vieles mit Unwägbarkeiten bedacht ist. Wirtschaft ist selten so klar und eindeutig, wie es Bilanzzahlen suggerieren.

Und auch der Verkauf der Stadtwerke-Töchter Perdata und HL komm schlägt nicht einfach 1:1 als Schuldentilgung bei der LVV auf.Wobei die Perdata augenscheinlich noch recht gut verkauft werden konnte, wenn man die schlichte Tatsache ausblendet, dass die Stadtwerke Leipzig damit ihr wichtigstes Steuerungselement für die Schaffung intelligenter Netze und computergestützter Mess- und Abrechenmodelle verloren haben. Sie sind auch nach dem Verkauf der Perdata an arvato Systems für 18,05 Millionen Euro der wichtigste Kunde von Perdata – müssen aber nun, genauso wie KWL und LWB, Leistungsverträge mit ihrer früheren Tochter abschließen.

Die Plausibilisierung des Kaufpreises hat übrigens die Beratergesellschaft KPMG vorgenommen. Und siehe da: Die schlichte Tatsache, dass die Stadtwerke Leipzig die Perdata eigentlich als eigenen Dienstleister gegründet haben und auch nach wie vor der Hauptauftraggeber sind, wurde bei der Ermittlung des Marktwertes sogar als Risiko bewertet: als „Klumpenrisiko“.

Dass trotzdem ein einigermaßen guter Marktwert erzielt werden konnte, zeigt im Grunde, dass die Strategie der Stadtwerke richtig war – hier entsteht gerade im Zusammenhang mit der verstärkten Umstellung auf erneuerbare Energiequellen und erhöhtem Bedarf an gesteigerter Energieeffizienz ein Milliardenmarkt in Deutschland. Und um auf diesem Markt agieren zu können, hatte die SWL die Perdata ausgegründet und damit zum selbstständigen Spieler auf diesen Märkten gemacht – was sich in der Bilanz der Stadtwerke jährlich als Ergebnisbeitrag von 2 bis 3 Millionen Euro niederschlug.

Was bekamen sie durch den Verkauf? – Den Buchwert. Der betrug 5,7 Millionen Euro, womit die Stadtwerke ihre Kreditlast um eben diesen Betrag senken können. Dadurch können sie künftig – geschätzte – 216.000 Euro an Zinsen sparen.

Die restlichen 12,4 Millionen Euro – der Buchgewinn – ging an die LVV. Das Geld hilft dort also tatsächlich, die Kreditlast zu senken.Auch wenn jetzt für die HL komm ein höherer Kaufpreis in der Vorlage steht, wird dieser Verkauf nicht dieselben Effekte mit sich bringen. Denn schon allein durch den Besitz des rund 2.000 Kilometer langen Glasfasernetzes in Leipzig liegt der Buchwert der HL komm deutlich höher – nämlich bei 36,58 Millionen Euro. Dazu kommen Verbindlichkeiten von 11,60 Millionen, die die HL komm unter anderem aufnehmen musste, um das Glasfasernetzes weiter auszubauen. Daraus resultierte ein ebenfalls vom Stadtrat im Januar beschlossener Mindestkaufpreis von 48,18 Millionen Euro.

Die pepcom bietet 49,7 Millionen für die HL komm. Das heißt: In diesem Fall fließen nur rund 1,5 Millionen Euro an die LVV. 11,6 Millionen gehen in die Schuldentilgung, 36,58 Millionen gehen als Buchwert an die Stadtwerke.

Die Vorlage lässt aber auch ahnen, dass der Verkauf nicht strategisch gedacht ist, sondern kurzfristig. Dafür stehen Sätze wie dieser: „Wegfallende Zinsen auf Gesellschafterdarlehen (abschmelzend aufgrund geplanter Tilgungen), Zinsen auf Cashpool-Verbindlichkeiten sowie künftigen, unsicheren Zuflüssen aus Ausschüttungen der HL komm steht der sichere Kaufpreis gegenüber.“

Warum aber kauft die pepcom dann die HL komm? Wegen der so malerisch beschriebenen Unsicherheiten? Oder doch wohl eher der Tatsache wegen, dass das Glasfasernetz im Herzen Leipzigs einen strategischen Wert hat? Selbst wenn man es nicht ausbaut und vorerst keine weiteren Investitionen finanziert, bleibt das Netz ja da. Die 2 bis 3 Millionen Euro an jährlichem Gewinn, die die Stadtwerke in ihre Bilanz mit aufnehmen konnten, sprechen eher dafür, dass die HL komm eben kein Zuschussunternehmen ist. Auch wenn die Pläne der HL komm sich für 2012 und 2013 geändert haben. Ein aktueller Wirtschaftsplan läge also nicht vor, heißt es in der Ratsvorlage.

Aber welches Unternehmen kann eigentlich planen, wenn es noch nicht einmal weiß, wer zum Jahresende Herr im Hause ist und die Strategie bestimmt?

Die Stadtwerke werden den Erlös für die HL komm zwar bei sich verbuchen können und wohl niedrigere Zinsaufwendungen von 500.000 bis 600.000 Euro pro Jahr haben.

Das Problem ist wohl eher, dass die Stadt selbst nicht weiß, welche Grundstrukturen sie an Kommunikationsnetzen braucht. Die LVV sieht den reinen Kommunikationsmarkt im Fokus – mit seiner immer stärkeren Entwicklung hin zu mobilen Angeboten. Die Stadtwerke sehen ein leistungsfähiges Leitungsnetz als Teil ihrer Zukunftsstrategie. Der Stadtrat stimmt am 20. Juni also auch über strategische Unternehmensentscheidungen ab, auch wenn das so deutlich nicht in der Vorlage steht. Er tat das übrigens auch im Fall Perdata schon. Doch wer liest schon die dicken Vorlagen und versucht als gewählter Stadtrat wie ein Unternehmer zu denken? Wohl wissend, dass selbst kluge Manager sich in strategischen Entscheidungen irren können.

Manche erweisen sich erst nach Jahren als falsch. Nur ist es in der Wirtschaft so, dass man dann nichts mehr zurückdrehen kann.

Die Vorlage zum Perdata-Verkauf und zur LVV-Konsolidierung im Januar: http://notes.leipzig.de

Die Vorlage zum HL komm-Verkauf: http://notes.leipzig.de


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