Der spektakuläre Absturz des Unister-Konzerns (Ab-in-den-Urlaub.de, Fluege.de) beschäftigt noch immer die Justiz. Zwei Manager wurden zu Haftstrafen verurteilt. Konzernchef Thomas Wagner kam im Juli 2016 bei einem Flugzeugabsturz in Slowenien ums Leben, nachdem er in Venedig Opfer eines Finanzbetrugs geworden war. Für den MDR hat Dokumentarfilmer Ralf Ulrich Schmidt den Aufstieg und Niedergang des erfolgreichsten deutschen eCommerce-Startups rekonstruiert.

Unister war das Leipziger Vorzeigestartup. „Sie hatten eine Idee im Gepäck, die es so noch nicht gab“, erzählt Jörn-Heinrich Tobaben, der das Business Innovation Center leitete, als die BWL-Studenten aus Dessau dort 2001 vorstellig wurden. Die Idee: Studenten können über das Internet gegen Bezahlung Diplomarbeiten, Klausurthemen oder Studienplätze austauschen. In den Folgejahren expandierten die Leipziger. Ihr größter kommerzieller Erfolg war jedoch das Touristik-Geschäft. „Das Reisethema, das haben wir uns selbst angeeignet und beigebracht“, erinnert sich Mitgesellschafter Daniel Kirchhof.

Ralf Ulrich Schmidt rückt den Menschen Thomas Wagner in den Mittelpunkt seines Dokumentarfilms „Der Absturz“, der Montagabend, 3. September 2018, im Ersten ausgestrahlt wird. Der Regisseur beschreibt anhand von Archivmaterial, internen Dokumenten und Interviews den rasanten Aufstieg und dramatischen Niedergang des Unternehmens. „Thomas hatte den Hang zum Größenwahn“, erinnert sich der frühere Pressesprecher Konstantin Korosides. Nur wer im Großen denke, könne groß werden, habe die Philosophie des gebürtigen Dessauers gelautet.

Branchenkenner und ehemalige Unister-Juristen berichten von den zweifelhaften Marketingpraktiken, derer Wagner und seine Mitstreiter sich bedienten, um im Netz Reichweiten zu erzielen. Exemplarisch stellt Schmidt dar, wie der Konzern durch Missachtung der Google-Werberichtlinie die Konkurrenz austrickste. Unister registrierte zahllose Domains mit den Namen bekannter Hotels, um Reisende auf die eigenen Buchungsportale zu lotsen.

Finde den billigsten war für Unister im August 2016 erst einmal vorbei. Ab da suchte der Insolvenzverwalter Flöther nach dem höchsten Preis für Teile des Unternehmens. Foto: L-IZ.de
Finde den billigsten war für Unister im August 2016 erst einmal vorbei. Ab da suchte der Insolvenzverwalter Flöther nach dem höchsten Preis für Teile des Unternehmens. Foto: L-IZ.de

Zum Verhängnis wurden den Leipzigern Tricksereien bei Preisangaben. Die Behörden ermittelten 2012 wegen unerlaubten Vertreibens von Versicherungen und Steuerhinterziehung. Wagner und Kirchhof kamen für kurze Zeit in Untersuchungshaft. Es kam zum Zerwürfnis zwischen den Gesellschaftern. Thomas Wagner schlug mehrere lukrative Verkaufsangebote aus. Kirchhof verließ das Unternehmen.

Mit Wagners plötzlichem Tod und der anschließenden Insolvenz endete die einstige Erfolgsstory. Die Gründe für die Insolvenz waren vielschichtig, bestätigt Insolvenzverwalter Lucas Flöther. Konkrete Aussagen, wie es zu dem Kontrollverlust auf der Führungsebene kommen konnte, macht Schmidt in seiner Doku nicht. Deutlich schält sich jedoch aus den Interviews mit früheren Unister-Mitarbeitern heraus, dass sich innerhalb des Unternehmens alles um Thomas Wagner gedreht hat. Der Geschäftsführer, der sich bis auf einen Porsche so gut wie keinen Luxus gönnte, war bis zuletzt derjenige, in dessen Händen alle Fäden zusammenliefen.

Insolvenzverwalter Dr. Lucas F. Flöther. Foto: Agentur Focus/Sven Doering
Insolvenzverwalter Dr. Lucas F. Flöther. Foto: Agentur Focus/Sven Doering

Die Venedig-Reise, die so tragisch endete, war offensichtlich der Griff nach dem letzten Strohhalm, um die drohende Pleite noch abzuwenden. Warum Wagner, so scheint es, sehenden Auges hunderte Existenzen vernichtete, statt eines der lukrativen Kaufangebote anzunehmen, die sich immerhin zwischen 635 und 900 Millionen Euro bewegt haben sollen, bleibt für immer im Unklaren.

Schmidts Film hat jedenfalls keine schlüssige Antwort in petto. Die Dokumentation beschreibt zwar Entwicklungslinien und diffizile Charakterzüge der Person Wagners. Trotz des Zugangs zu internen Dokumenten und Gesprächen mit Beteiligten bleibt der Filmemacher konkrete Antworten auf die weiterhin offenen Fragen im Unister-Komplex schuldig. „Der Absturz“ liefert zwar eine griffige Zusammenfassung des für Einsteiger zunächst schwer verständlichen Themas. Mit neuen Erkenntnissen kann die Produktion derweil nicht aufwarten.

Der Absturz – wie Deutschlands erfolgreichstes Start-up unterging, D 2018, R: Ralf Ulrich Schmidt, 45 Min.
Das Erste, 03.09., 22.45 Uhr

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