Kommentar

G20: Wie im Krieg?

Für alle LeserDie Behauptung stammt von Spiegel Online, real stimmt sie nicht. Denn auch nach zwei Tagen steht kein einziges Haus in Hamburg in Schutt, Asche oder Flammen. Weltweit gesehen, eher eine kleine „Riot“ mit leicht lokalisierbarer und kurzer temporärer Ausdehnung. Da hat London in diesem Jahrhundert schon anderes erlebt. Auch die brennenden Autos sind im Wohlstandsland Deutschland noch immer kein Krieg, sondern offenkundig eine Frage von Versicherungspolicen. Dass Versicherungen im Sinne der Aktionäre wiederum in Deutschland schon lange keine Gewährleistungen mehr garantieren, erfahren gerade die Besitzer der angezündeten Autos.

Psychologisch und medial ist der G20-Gipfel in Hamburg es dennoch, also Krieg. Gut, eher ein Schatten davon und der überwiegende Teil aller Menschen ist nach wie vor friedlich. Der „Krieg“ ist wohl eher bei Beethoven in der Elbphilharmonie, wo jeder Blick, jede Begrüßung, jedes 15-Minuten-Gespräch über Wohl und Wehe von Menschen auf dieser Welt zu entscheiden scheint. Was für eine eigentliche Überhöhung.

Aber längst starrt alles wie gebannt auf die neuesten Entwicklungen auf der Straße. So sehr, dass der noch symbolische Handshake zwischen Putin und Trump in Sachen Syrien fast untergeht. Syrien? Stimmt, da war doch was – Krieg, richtig. Verdammt, da war das Wort wieder.

Für die einen ist es rohe, politisch motivierte Gewalt von Menschen gegen den Staat, was beim G20-Gipfel abläuft. Doch was sich am zweiten Abend maßgeblich im Schanzenviertel der Hansestadt abspielt, sind Menschen, die auf beiden Seiten längst triebhaft handeln – wie eben im Krieg. Und dennoch macht so mancher, der mit nacktem Hintern vor der Kamera tanzt, eher den Eindruck eines Woodstock-Erlebnisses mit Feuer auf der Kreuzung und Regen aus dem Wasserwerfer.

Viele schauen nur, machen eben auch nicht mit, andere stehen dabei und klatschen, wenn jemand eine weitere Mülltonne in die Flammen wirft. Und es wird live übertragen in Großeinstellung. Die TV-Gesellschaft baut eine eigene Realityshow. Für andere, ruhigere Beobachter wirkt es eher wie ein Menetekel an der Wand und der Wunsch steigt, einen Schuldigen zu finden.

Schuldige

Vielleicht ist der Zustand der wirklichen gesellschaftlichen Verhältnisse auf dieser G20-Welt mit folgendem Bild genauer umschrieben: wenn in der Elbphilharmonie diniert und draußen ein Hamburger Supermarkt im Schanzenviertel geplündert wird, brennen auf den Straßen die „Lagerfeuer“ und so mancher Mensch kämpft mit seinen körperlichen Verletzungen. Unterdessen glaubt man drinnen im Kokon noch, die Welt zu ändern, die vor der Tür bereits stattfindet. Und da toben sich die „Wohlstandskinder“ einer verwahrlosten Gesellschaft ohne echte Werte und Moral aus. Manche sind auch einfach noch in der Pubertät.

Und sie leben das, was ihnen bislang beigebracht wurde: Keine Achtung vor dem, was jemand geschaffen hat. Denn dieses ist bereits von jemandem erpresst, genommen, gestohlen. Also stehlen, nehmen und erpressen sie selbst. Wenn es nur noch um „Interessen“ und nicht mehr um Moral geht – wer wollte von ihnen wie von Unterschichten-Nazis etwas anderes verlangen, als die Durchsetzung der ihrigen?

Und drinnen? Das Ebenbild beim Schlussapplaus im Konzertsaal, denn endlich gehts nach Hause nach all dem Ritual und Erpressen. Draußen rücken unterdessen Spezialkräfte mit Maschinenpistolen ins Schanzenviertel ein.

Fragen

Wer einmal in den Sog einer größeren Gruppen-Auseinandersetzung auf der Straße geraten ist, weiß, dass das Gehirn nur noch im Freund-Feind-Schema funktioniert. Den üblen Rest macht Adrenalin und Alkohol, bei manchem Beteiligten, auch den Einsatzbeamten, Drogen und Stress. Um Ziele geht es nicht, es gibt keine politische Botschaft, wenn ein Polizeibeamter auf einen am Boden liegenden Menschen eintritt. Oder ein Vermummter ganz genau mit der Bierflasche zielt, um auch im Dunkel noch sicher einen Beamten zu treffen.

Die schlimme Art von „Räuber und Gendarm“ in Hamburg. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. Zerquetscht werden die, die etwas anderes wollten.

Krieg? Wer? Foto: Tim Wagner

Krieg? Wer? Foto: Tim Wagner

Der Antrieb

Friedlicher Protest ist heutzutage nahezu wirkungslos im Kapitalismus, solange er nicht als stringenter Verzicht gelebt wird. Wer Pech hat, wird sonst einfach zur neuen Lifestyle-Ikone des „Widerstandes“ und so schlicht entwertet. Indem er belohnt wird. Denn Aufmerksamkeit ist auch Erfolg. Und Erfolg bringt vielleicht Geld. Wie also protestieren, wenn als Antwort eine Schlagzeile, Aufmerksamkeit und womöglich eine neue Marketingmasche daraus wird?

Die Antwort ist Verzicht oder Zerstörung, egal, wie sinnlos beides ist.

Es sei denn, man hat einen sehr langen Atem und lehnt wirklich ab, verzichtet ehrlich. Und hält die Erniedrigung derer aus, die gerade über den Drittwagen, die nächste geile Liveübertragung oder einen Festvertrag bei einem echt üblen Unternehmen nachdenken.

Dann ist man auch nicht in Hamburg dabei. Aber wer würde das einem 18-Jährigen mit Sturmhaube auf dem Kopf und Testosteron darin raten? Offenbar kann er ja nicht einmal darauf verzichten, wie ein Konsumjunkie einen Laden zu plündern und so dem angeblichen Gegner Recht geben.

Wenn man angstbesorgten deutschen Wohlstandsbürgern auf Facebook und Twitter in diesen Tagen etwas Beruhigendes mit auf den Weg geben möchte, ist es das: in den letzten Tagen ist in Leipzig, Hannover, München und Berlin praktisch nichts geschehen, was irgendwie nach linksextremer Gewalt roch. Früher hätte man wohl gesagt: die Jungs sind alle auf dem Dorffest. Und da gibts bekanntlich Raufhändel.

Währenddessen

Wurde auf der Welt weiter unfreiwillig gestorben und der Allzeitrekord der Flüchtlingszahlen steht nun bei 65 Millionen Menschen im Jahr 2017. Man stelle sich vor, die hätten alle Zeit, Geld und Zorn genug für eine Nacht in Hamburg gehabt …

Dafür sind selbst die Zahlen einer angeblich 8.000 Menschen starken Kerngruppe randalierender Jugendlicher aus ganz Europa letztlich ein Zeichen für eine bis zur Versauerung übersättigte Gesellschaft. Die angekündigten 100.000 Gegendemonstranten wären es vielleicht nicht gewesen, doch sie blieben eher aus.

Ab Montag jedenfalls werden die Buchungen für Hamburg-Städte-Reisen ansteigen, Ziel: die Ecken, wo es knallte. Bis dahin haben alle – Polizisten, Demonstranten, aber auch die Randalierer und die Hamburger – all das ausgebadet, was bislang auf den letzten G20-Treffen nicht besprochen wurde.

Vielleicht sollte man sich öfter treffen und Beethoven mal weglassen. Am Besten wirklich irgendwo auf einem Schiff, weit draußen im Atlantik.

Zum Kommentar vom 6./7. Juli 2017 auf L-IZ.de

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