Schrumpfen, Wachsen, Schrumpfen, Wachsen - Ruth Schmidt lässt im neuen Quartalsbericht die Stadt Leipzig und ihre Umgebung pulsieren, Rot für Schrumpfung, Grün für Wachstum. Alles passiert zwischen 1991 und 2014. 23 Jahre wie ein Vollrausch. Und ihr Beitrag "Leipzig wächst - sein Umland wächst mit" belegt ziemlich klar, warum Leipzig auf Gemeindegrenzen eigentlich keine Rücksicht (mehr) nehmen darf.

Oder sollte man es besser so formulieren: Die Kommunen in Westsachsen sollten so langsam lernen, besser miteinander zu kooperieren, weil wirtschaftliche und demografische Entwicklungen nun einmal vor Kreis- und Gemeindegrenzen nicht Halt machen? Immerhin sind das alles Menschen, die sich für ihre Lebensentscheidungen nicht fragen, was Bürgermeister X sich wünscht oder ob in Y vielleicht die Steuerbilanz nicht stimmt. Menschen suchen sich ihre Wohnorte danach aus, wie das Angebot ist, was man sich leisten kann und wie gut die Verbindung zum Arbeitsplatz ist. Wenn sie jung sind, spielen auch Kindertagesstätten, Schulen, Spielplätze, Kinderärzte und Kultur eine Rolle. Es geht immer um Ressourcen und Infrastrukturen.

Ging es auch vor 1989 übrigens. Viele Ausreisewillige aus Leipzig gingen ja nicht aus politischen Gründen weg, sondern weil sie wirtschaftlich keine Zukunft mehr sahen für sich und das Land. Und das verstärkte sich ja mit Öffnung der Grenzen nur. Über 100.000 Einwohner verlor Leipzig allein bis 1996. Dass Leipzig in diesem Jahr knallrot gemalt ist, wirkt zwar aus der Distanz von 18 Jahren nachträglich bedrückend.

Aber Ruth Schmidt hat auch die Karte von 1991 dazu getan. Da war nicht nur Leipzig knallrot in der Minuszone, da waren auch die angrenzenden Landkreise tiefrot. Auch dort wanderten die Menschen ab gen West.

Nur eine Änderung in den frühen 1990er Jahren gab es: Die Bürgermeister aller kleinen und größeren Gemeinden rings um Leipzig spuckten sich in die Hände und freuten sich bannig darüber, dass ihre Felder richtig Platz für alle Wohltaten der Baukunst boten: Kläranlagen, Autobahnanschlüsse, Einkaufs-, Gewerbe- und Wohnparks wurden hingeklotzt.

Und da dort freier Raum war – anders als in Leipzig, wo praktisch auf jedem Grundstück Berge ungeklärter Besitzansprüche lagen – schossen rings um Leipzig wie Pilze immer neue Wohngebiete aus dem Boden. Zwischen 40.000 bis 60.000 Leipziger zogen damals nicht in den Westen, sondern verließen einfach die heruntergewirtschaftete Bausubstanz der Stadt und sorgten für ein Bevölkerungswachstum in den stadtnahen Gemeinden (die dann 1999 / 2000 alle eingemeindet wurden) und etwas ferner im Muldental, in Taucha, Bennewitz, Wiedemar, Zwenkau, Markranstädt – überall, wo eben schon was Neues im Grünen entstand.

Deswegen leuchtet Leipzig 1996 in fettem Rot, während ringsum ein sattes Grün leuchtet. Das drehte sich ja bekanntlich erst ab 1998, als die Bundesregierung endlich die ganzen Vergünstigungen auf Büroneubau strich und sich Altbausanierung endlich lohnte. Eine Änderung, die für Leipzig im allerletzten Moment kam – in der Zeit begannen selbst etliche Häuser, die die DDR-Zeit problemlos überstanden hatten, in sich zusammenzurutschen.

Und das zeigte Wirkung. 2008 war das schon zu sehen. Leipzig leuchtet auf der entsprechenden Karte wieder blassgrün, während die Kommunen rundum ins Rote abgleiten. Da war natürlich der größte Teil des Leipziger Altbaus saniert, die alten, kompakten Gründerzeitviertel entfalteten ihre Attraktivität und die Abwanderung gerade der jungen Leute aus den Landkreisen kam in Gang.

Die hält ja bekanntlich bis heute an.

Und vielleicht wäre es nicht schlecht gewesen, wenn Ruth Schmidt noch ein viel größeres Gebiet in die Karte aufgenommen hätte. Denn Leipzigs rasanter Bevölkerungszuwachs speist sich ja nicht nur aus den angrenzenden Landkreisen, sondern auch aus Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg.

Schrumpfprozess als Genesung: Leipzig 1991 und 1996. Karten: Stadt Leipzig, Quartalsbericht III/ 2015
Schrumpfprozess als Genesung: Leipzig 1991 und 1996. Karten: Stadt Leipzig, Quartalsbericht III/ 2015

Die Karten für 2013 und 2014 zeigen im Grunde die Ankunft der Stadt Leipzig in einem ursprünglichen und für einen wirtschaftlichen Zentralpunkt natürlichen Zustand. So wie vor 100 Jahren, als sich Leipzigs Bevölkerungswachstum neben einem enormen Geburtenüberschuss eben auch aus einer permanenten Zuwanderung aus dem größeren Wirtschaftsraum speiste. Und das war schon immer die Hauptwanderungsbewegung: Junge Menschen ziehen der Arbeit, dem Einkommen und den Aufstiegschancen hinterher. Und die bietet Leipzig seit 2007, wahlweise seit 2010 verstärkt wieder. Es sind nur wenige Industriearbeitsplätze – das ist ein Unterschied zu 1913 und 1914 – dafür jede Menge Dienstleistungsarbeitsplätze.

Und dazu gehört natürlich die große Anziehungskraft der Hochschulen und der Universität. Etwas, was es bei der elitären Bildungswelt der Kaiserzeit so noch nicht gab: Studieren ist zu einem Phänomen geworden, das mittlerweile die Hälfte aller jungen Menschen berührt. Und da Hochschulen immer mit einer Forschungslandschaft gekoppelt sind, gibt es auch die direkte Rückkopplung in die Wirtschaft, die Entstehung neuer Produkte und neuer Unternehmen. Die Prozesse (Wanderung, Wirtschaftswachstum, Forschung, Ausbildung) bedingen sich also nicht nur gegenseitig – sie verstärken sich auch gegenseitig.

Und das wird in Städten, die auch noch topografisch gut gelegen sind und über eine nach wie vor gute Mobilitätsstruktur verfügen, noch verstärkt.

Im Grunde könnte man alle mitteldeutschen Großstädte genau auf diese Strukturen hin untersuchen und würde bestätigt finden, dass Leipzig im ganzen wirtschaftlichen Netzwerk der Region die besten Strukturen vorzuweisen hat. Da und dort auf Kante gespart. Über die völlig ins Neblige laufende ÖPNV-Politik des Freistaats und des Mitteldeutschen Verkehrsverbundes haben wir ja schon geschrieben. Und eigentlich müssten wir auch gleich zu den LVB kommen.

Aber das heben wir uns für morgen auf.

Das wichtigste Fazit für Ruth Schmidt ist, dass das wachsende Leipzig im Jahr 2014 auch wieder ausstrahlt in die Region: Wer in der Stadt nicht mehr den Wohnraum findet, der ihm angemessen erscheint, der siedelt sich wie zur ersten Suburbanisierungswelle in den 1990er Jahren wieder im grünen Gürtel der Stadt an. Die Kommunen, die direkt ans Leipziger Stadtgebiet grenzen, profitieren direkt davon und haben am Leipziger Wachstum tiefgrünen Anteil. Zur Arbeit werden viele dieser Neusiedler weiter nach Leipzig pendeln – mit dem Auto, da und dort auch mit der Straßenbahn und seit 2014 auch verstärkt mit der S-Bahn, die unter allen Infrastrukturprojekten der letzten Jahre wohl das Allerwichtigste war. Die Planer des Mitteldeutschen S-Bahn-Netzes haben nur den Bedarf völlig unterschätzt. Aber da ging es ihnen wie der aufs eigene Kleinklein beschränkten Politik: Man hatte die Metropolregion mit ihrem starken Drang zur Verdichtung nur am Rande im Blick. Und man verschenkt Entwicklungspotenziale, auch wenn die Ausstattung des Netzes sich am 13. Dezember wieder ein Stück verbessert.

Aber es sieht ganz so aus, als müsste das S-Bahn-Netz schon bald noch weiter gestärkt und verdichtet werden. Und dann könnten auch alle ans Netz angeschlossenen Städte davon profitieren. Nicht nur dadurch, dass sie als Wohnort wieder attraktiver werden, sondern auch als Ansiedlungsfläche für Unternehmen, die im Leipziger Kern keine (bezahlbare) Fläche mehr finden.

So zeigen die Karten von Ruth Schmidt eigentlich die Rückkehr Leipzigs in eine alte und wichtige Rolle, die die Stadt bis 1914 bravourös erfüllt hat. Dann kam ja, wie man weiß, alles anders und die Säbelrassler der Nationen übernahmen das Kommando. So betrachtet, ging auch der 1. Weltkrieg erst 1989 zu Ende. Wirtschaftlich betrachtet auf jeden Fall.

Und da wir hier schon das Stichwort Metropolregion genannt haben: In der nächsten Ausgabe der “Leipziger Zeitung”, die am 11. Dezember erscheint, gehen wir auf das Thema ebenfalls ein.

Zum neuen Quartalsbericht der Stadt:

Der Statistische Quartalsbericht III / 2015 ist im Internet unter http://www.leipzig.de/statistik unter „Veröffentlichungen“ einzusehen. Er ist zudem für 7 Euro (bei Versand zuzüglich Versandkosten) beim Amt für Statistik und Wahlen erhältlich.

Postbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, 04092 Leipzig
Direktbezug: Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen, Burgplatz 1, Stadthaus, Zimmer 228

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