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Reif für die Nominierung: Thomas Fritz‘ „Selbstporträt mit Schusswaffe“

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    Es ist ein Buch, das man ganz am Ende erwartet, mindestens in der Nominiertenliste zum Preis der Leipziger Buchmesse zum Beispiel. Vielleicht sogar von der Jury zum Preisträger gekürt. Das wäre ein bisschen wie 2008, als Clemens Meyer den Preis für "Die Nacht, die Lichter" bekam. Buchpremiere feierte Thomas Fritz mit "Selbstporträt mit Schusswaffe" im Oktober.

    Es ist ein Buch, das sich nicht gleich wegliest. Das gehört dazu. Denn anders als mittlerweile eine ganze Garde von „Wende-Roman“-Schreibern beschäftigt sich der in Leipzig lebende Autor, Germanist und Dramaturg Thomas Fritz, der 2010 seinen humorvollen Leipzig-Krimi „Blick und Beute“ vorlegte, nicht mit den oberflächlichen Allgemeinplätzen über das 1990 ausgeknipste Land. Immerhin hat er – wie 17 Millionen andere – drin gelebt, hat dran gelitten, hat drin gehofft und geträumt. Man kann drauf wetten, dass ihm die ganze Träumer-Literatur der DDR bestens bekannt ist – von Christa Wolf bis Thomas Böhme.

    Und weil er selbst drin lebte, kennt er auch die Zwänge und Beklemmungen, die dieses Land ausmachten, weiß, wie Menschen darin zerbrachen oder einfach aufgaben, flohen, sich anpassten oder ausbrachen. Wenn die Literaturlehrstühle im Land sich irgendwann tatsächlich etwas intensiver mit der – tatsächlich gelesenen – DDR-Literatur beschäftigen, wird ein zentraler Terminus der Eskapismus sein – im vieldeutigsten Sinne „Fluchtliteratur“. Nicht nur über Grenzen und aus Gefängnissen, sondern auch in Idyllen, Märchen, Mythen, Maskeraden. Anders war Vieles gar nicht an den Zensoren vorbei in die Leserhände zu schmuggeln. Und: Es war ein Lebenszustand. Die viel beschworene „Nische“ war auch ein Rettungsboot, ein zumindest in Teilen geschützter Raum. Während der übliche Zustand des Staatsbürgers das Rundum-Kontrolliertsein war.

    Aber wer hat das wirklich schon einmal plastisch beschrieben? Aus der Sicht junger Menschen, die nie etwas anderes hatten als die Wahl zwischen Flucht oder Anpassung? Oder glaubten, keine andere Wahl zu haben? – Wie dieser Peter Kilian, dessen Geschichte der Erzähler der Geschichte, Achim Schlesinger, aufdröselt. Der Anlass ist der mysteriöse Tod Kilians sieben Jahre nach der „Wende“ in einem „verdammten Kaff“ namens Korsleben.Ein Kaff, das bei Schlesinger, der von Peters Frau Barbara dessen schriftlichen Nachlass anvertraut bekommt, um ein Buch draus zu machen, sofort einen Verdacht erweckt. Denn in diesem Kaff stand die Kaserne, in der er Peter Kilian kennenlernte und wo beide ihren Wehrdienst als Grenzsoldaten ableisteten. Dass Kilian mitten im Schneesturm – statt nach Braunschweig zu einer Interview-Verabredung zu fahren – nach Korsleben fährt, hat nur auf den ersten Blick mit der Eröffnung des Grenzdenkmals im benachbarten Heddersleben zu tun. Die Landschaftsnamen sind natürlich genauso fiktiv wie die teilweise beschriebenen Berühmtheiten im Buch. Aber wer will, der kann – 18 Kilometer von der einstigen Grenzübergangsstelle Marienborn – in Hötensleben ein Stück erhaltener bzw. restaurierter Grenzanlage besichtigen.

    Doch was den einen eine Erinnerungsstätte ist und zeigen soll, mit welch rabiaten Mitteln sich eine Regierung fast 30 Jahre lang gegen das Nachbarland abriegelte und die eigenen Bürger am Weglaufen hinderte, das ist denen, die hier einst Wache schoben, oft genug auch heute noch ein Alptraum. Gerade weil sie jung waren und sich nicht trauten, die Flucht zu ergreifen. Eine Chance, die sich dem jungen Peter Kilian bei einem Budapest-Besuch kurz vor Antritt seines Wehrdienstes eröffnet – und die er nicht wahrnimmt.

    Schlesinger findet die Spuren dieser Liebe, nimmt auch Kontakt zu der Dame mit dem Namen Bille auf. Immerhin eine echte detektivische Puzzle-Arbeit, die er da 1996 auf sich nimmt, 20 Jahre nach dem gestohlenen Lebensjahr an der Grenze bei Korsleben, 20 Jahre nach Peter Kilians erster großer Liebe, die am Ende daran scheitert, dass er das Angebot, die Österreicherin Bille Eissler zu heiraten, ausschlägt.

    So ganz nebenbei ist das eine der schönsten Liebesgeschichten, die in letzter Zeit in deutscher Sprache erschienen. Auch weil sie im Dilemma endet. Auch deshalb endet, weil Peter Kilian – nicht anders als sein Freund Achim Schlesinger – zeitlebens an sich selbst zweifelt. Es ist ihnen eingepflanzt. Und die literarischen Arbeiten, die Schlesinger in Kilians Nachlass findet und in den Stoff seiner Recherche einfließen lässt, erzählen von diesem lebenslang wirksamen Gefühl, immer wieder zum Verräter zu werden. An sich selbst, seinen Träumen, den Freunden, dem Land … Es ist nicht nur Peter Kilian, der sich mit den Peinlichkeiten seines Lebens herumschlägt und schon bei der Rückkehr in die DDR bei der Zollkontrolle erlebt, wie besessen dieser Staat von der Schnüffelei im Leben seiner Bürger war. Schlesinger kennt alle die Gefühle genauso, und seitenweise scheinen die Ansichten der beiden Freunde ineinander zu fließen.

    Es ist unverkennbar Schlesingers Wut auf dieses überwachte Land und seine Gängelei, die da in teilweise herrlich wütenden Passagen lesbar wird. Und damit wohl auch die Wut eines Thomas Fritz, der den ganzen Irrsinn als NVA-Soldat ja auch miterlebt hat. Und den Voyeurismus, der ab 1990 auf einmal über das Land schwappte – und sich doch nicht wirklich mit ihm beschäftigte. Wobei man die von Peter Kilian gesammelten Beispiele des Selbstverrats auch über die abservierte Diktatur der Apparatschiks hinausdenken kann. Wobei einige Passagen Kilians wohl auch die höhere Wissenschaft bezaubern dürften – denn wenn die völlig entblößte Gleichheit Aller die Voraussetzung eines total überwachten Staates ist, dann wird Lügen und Sichverstellen zwangsläufig zur Kunst – und Kunst wird zur Verstellung gezwungen.Womit die Lüge zur Voraussetzung von Kunst wird. Sartre lässt grüßen (und kommt tatsächlich drin vor, genauso wie Schlitzohr Brecht).

    Anders ist so etwas nicht zu überleben. Und so ist eigentlich auch die komplette Personage um Achim und Peter herum mit Verstellungen und Lebenslügen aller Art beschäftigt. Der eine zeigt ein bisschen mehr Mumm, weil er – wie Pelle – irgendwann die Faxen dicke hat und den Ausreiseantrag stellt. Der andere verbarrikadiert sich in seinem falschen Bild eines alten Widerstandskämpfers. Und die Typen, die einst in der Grenzkaserne (dem „Objekt Korsleben“) das Sagen hatten, tanzen im Suff über Tisch und Bänke und halten „ihre“ Grenze noch immer für das Nonplusultra einer richtigen, weil nicht überschreitbaren Grenze.

    Am Ende überwiegt zwangsläufig die Trauer. Aber selbst die Geschichte vom „Jäger Pavel“, in der Peter Kilian eine Nebenfigur aus „Schneewittchen“ zur eigentlichen – mitten im Dilemma steckenden – Hauptfigur macht, ist ein Stück eindrucksvoller Erzählkunst. Thomas Fritz zeigt hier, dass ihm ein ganzes Repertoire von Erzählformen problemlos zur Verfügung steht und dass er es einzusetzen weiß. Nicht nur oberflächlich und bedeutsam, sondern aufwühlend und genau. Darauf muss man erst einmal kommen, dass die Figur des Jägers den Verrat, wie ihn ein vom Dünkel besessener Staat verlangt von seinen „Bürgern“, vorwegnimmt. Der Prinz, der die Prinzessin rettet, möchte jeder sein – aber wen kümmert das Dilemma des Jägers?

    Und das Schöne am Ende: Es ist keine Lamento-Geschichte geworden. Traurig schon. Es ist die Trauer, ohne die das alles nicht zu verstehen sein kann im Nachhinein, dieses Dulden und Aushalten und Verzichten für eine Idee, die von ihren Bannerträgern schon längst entsorgt wurde.

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    Selbstporträt mit Schusswaffe
    Thomas Fritz, Merlin Verlag 2012, 22,90 Euro

    Alles mit Neugier und mit detektivischer Akribie erzählt. Natürlich will man am Ende wissen, warum Peter Kilian in dem „verdammten Kaff“ nun so blödsinnig zu Tode kam.

    Schlesinger findet natürlich eine Erklärung. Aber die ist am Ende so wenig heldenhaft wie das Leben der Helden in diesem Buch. Und so wenig heldenhaft wie das elf Jahre lange Zieren der Verleger, die das Peter-Kilian-Buch 1996 nicht mal mit Fingerspitzen anfassen wollten. Und dann kommt es doch noch. Die Erleichterung bleibt aus. „So verspätete Nachzügler sind nicht jedermanns Sache“, schreibt Schlesinger. Aber irgendwie wundert man sich doch, dass das Buch jetzt schon kommt.

    Es ist aber da. Es ist reif für die Nominierung.

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