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Alois Nebel, der zweite Besuch in Bilý Potok: Leben nach Fahrplan

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    Wäre die Deutsche Bahn ein wenig weniger elitär, als sie sich seit ihrer staatlichen Abnabelung gibt, man könnte, wenn man mit dem Zug ins tschechische Altvatergebirge führe, wohl das Gefühl haben, nach Hause zu kommen. Im Bahnhof von Bilý Potok gibt es noch eine Bahnhofsgaststätte, wie es sie bis zum großen Umrubeln von 1990 auch an sächsischen Provinzbahnhöfen gab. Und der Bahnhof hat einen eigenen Bahnhofvorsteher, auch so eine in hiesigen Provinzen ausgestorbene Gattung. Alois Nebel heißt er.

    Die Freunde des Verlags Voland & Quist haben ihn im vergangenen Jahr zum ersten Mal kennengelernt in dem dicken Band „Alois Nebel“, in dem er, sein Bahnhof, seine Freunde, die weltabgeschiedene Landschaft des Altvatergebirges und die Traumata des freundlichen Bahnhofsvorstehers vorgestellt wurden. Denn Provinz und Einöde heißen ja in Mitteleuropa eben nicht, dass hier die Geschichte nicht ihre Spuren hinterlassen hätte. Auch im Altvatergebirge (Hrubý Jeseník), einem Teil der Sudeten, haben die deutschen Besatzer ihre Spuren hinterlassen. Der Sozialismus schrammte vorbei. Durch viele Familien und Schicksale geht ein Riss. Was nicht heißt, dass die Betroffenen damit nicht auf listige Weise umzugehen wissen.

    Mitteleuropa ist ein Flickenteppich von Ländern und Landschaften, in denen sich die Grenzen verstricken und die Übergänge verwaschen. Ein bisschen Sudetenland – da und dort haben auch Nebel und seine Landsleute ein paar alte deutsche Wurzeln -, ein bisschen Südschlesien, kurze Wege über die Grenze nach Polen, die Slowakei gleich um die Ecke. So weltabgeschieden, wie man auf den ersten Blick denkt, ist Bilý Potok dann doch nicht. Waschek unterhält engste Handelskontakte zu seinen Freunden in Polen – auch wenn er seine Qualitätsware Made in Poland nicht immer bezahlen kann, was ihn da und dort dann doch in ein paar Klemmen führt, die nicht immer mit gutem, mit Gebirgswasser gebrautem Altvater-Bier zu lösen sind.

    Aber man muss ja nicht nur Geld gegen polnische Fische und Kassetten tauschen, man hat ja noch mehr zu bieten – ein paar begabte Fußballer zum Beispiel, die vielleicht nicht unbedingt für Raketa Glucholazy spielen wollen. Aber Fußball ist Fußball, Siege sind Siege und ein paar gerettete Ohren sind ein paar gerettete Ohren. Das Leben geht weiter. Und einen echten polnischen Priester, der sich wacker um die kleine Kirche im Dorf bemüht, gibt es noch obendrein.Die Zeit tickt hier anders. Das Leben richtet sich noch immer nach dem Fahrplan der Züge. Und nur dann und wann fallen die Prager ein. Die Prager sind das Gegenbild für das Leben im Altvatergebirge, stellen lauter verrückte Sachen an und sind reineweg durch den Wind, immer am ackern und rackern. Man kann sich nur wundern. Und dann und wann vielleicht mal das ein oder andere ausprobieren von dem, was sie so anstellen. Zum Beispiel die Sache mit dem Schönheitssalon im Pfarrhaus. Der bei Besuch des Breslauer Bischofs natürlich den jungen und bei den Frauen beliebten Pfarrer in arge Erklärungsnöte bringt.

    Aber was ist das schon gegen die Marienerscheinung im Bahnhofsklo und die zeitweilige Wunderwirkung des Wassers ebendort? – Auch mit diesem Alois-Nebel-Band erzeugen der Autor Jaroslav Rudi? und der Zeichner Jaromir 99 wieder unverwechselbare Stimmung, die die Welt der Tschechen so vertraut macht. Und die ihre Filme auch in Deutschland so beliebt gemacht hat – von Pan Tau bis „Drei Haselnüsse …“. Das Wunderbare kommt nicht mit Raketengezisch oder quietschendem Wunder-Tamtam wie in den lächerlichen Kinderfilmen aus dem bunten Westen. Es gehört einfach dazu, passiert eben beiläufig. Der Humor ist tief verwurzelt und deshalb meist von einem staunenden Ernst durchwachsen. Das kommt vor. In einer Landschaft, in der die Geschichte noch überall gegenwärtig ist, kann auch das nicht ganz so Gewöhnliche passieren, ohne dass gleich die Wundertüten rausgeholt werden müssen.

    Da kann es auch passieren, dass Waschek als Künstler weltberühmt wird oder die Pilze gigantische Ausmaße annehmen, weil wohl doch ein bisschen mehr Regen aus Tschernobyl herüberwehte, als die Zeitungen seinerzeit behaupteten. Die kleinen Geschichten, in denen man die Bewohner des kleinen Ortes durch Jahre und Jahreszeiten begleitet, gleiten immer wieder ganz unspektakulär ins beinah Unwahrscheinliche ab, geben sich zuweilen ein bisschen vollmundig und phantasievoll, verlassen aber nie die Parameter einer Welt, in der sich Alois Nebel tagelang zum Nachdenken ins Klosett einschließen kann oder der Kneiper Sokin so lange solo bleibt, bis er endlich den Mut aufbringt, einen Partner für sein einsames Leben zu suchen.

    Nicht alle Probleme werden beim ausgiebigen Genuss von Altvater-Bier gelöst. Mit den Feuerwehrleuten aus dem Nachbardorf liefert man sich durchaus auch noch ein paar herzhafte Saalschlachten. Und die Jungs der Band „Priessnitz“, die mal im Lokschuppen angefangen haben zu proben, müssen sich durchaus auch mal sagen lassen, dass sie leider mittlerweile zu Pragern geworden sind.

    Die Kultband „Priessnitz“ gibt es tatsächlich. Jaromir 99 ist dort Sänger und Texter.

    Aber das muss ja niemanden daran hindern, seine Heimat mit allem zu lieben, was drin und dran ist – vom Bier bis zur Bahnhofskneipe, mit all den skurrilen Gestalten, die dieses Fleckchen Erde ausmachen, ob es so noch ist oder einmal war. Die meisten Heimaten basteln sich Menschen sowieso im Kopf. In der Mitte immer so etwas wie eine Idealheimat, so einen Ort, an den man gern zurückkehren würde, wenn’s möglich wäre. Wenn nur ein Zug hinführe nach Bilý Potok.

    Aber diese Klaviatur, auf der unsere Nachbarn in Tschechien so schön spielen können, ist uns ja auch vertraut.Man merkt es spätestens in der Straßenbahn, wenn dieses irgendwann nervende Telefonklingeln mit der Melodie von „Drei Haselnüsse beginnt …“ Wir sind den Tschechen viel verwandter, als einige Leute glauben. Und romantisch sind wir auch dann noch, wenn wir Brille und Runzeln und Stützstrümpfe tragen. Wenn das Taschentelefon anfängt zu klingeln, werden unsere Gesichtszüge so sehnsuchtsvoll wie die von Alois Nebel auf dem Cover dieses zweiten Bandes um den Eisenbahner im Altvater-Gebirge. Da es eine Trilogie ist, darf man sich schon auf Band 3 freuen.

    Mit seinen Frühlingsnovitäten ist Voland & Quist auch auf der Leipziger Buchmesse vertreten: Halle 5, Stand D114/116. Und bei mehreren Terminen kann man die Autoren des Verlages auch erleben.

    Jaroslav Rudi? ist mit „Alois Nebel – Leben nach Fahrplan“ gleich mehrfach anzutreffen.

    Der wohl wichtigste Termin dabei ist Mittwoch, 13. März: Um 19.30 Uhr wird nämlich im Haus des Buches Buchpremiere mit Ausstellungseröffnung gefeiert.

    Am Donnerstag, 14. März, um 17.30 Uhr ist Jaroslav Rudi? dann auf der Messe auf der Leseinsel Junge Verlage (Halle 5, Stand D200) anzutreffen. Und am Freitag, 15. März, ab 20 Uhr in der Schaubühne Lindenfels bei der „MAGAZIN-Lesenacht“.

    Premiere feiert zur Buchmesse auch Nora Gomringer mit „Monster Poems“. Erleben kann man die begabte Dichterin am Donnerstag, 14. März, ab 21 Uhr in der Moritzbastei bei der Langen Leipziger Lesenacht. Am Freitag, 15. März, um 14.30 Uhr ist sie ebenfalls auf der Messe auf der Leseinsel Junge Verlage (Halle 5, Stand D200). Und am Freitag, 15. März, um 21.30 Uhr beteiligt sie sich im Lindenfels Westflügel bei der „UV – Lesung der unabhängigen Verlage“.

    Bestellen Sie dieses Buch versandkostenfrei im Online-Shop – gern auch als Geschenk verpackt.

    Alois Nebel
    Jaroslav Rudi, Verlag Voland & Quist 2013, 17,90 Euro

    Volker Strübing kann zur Buchmesse sein Buch „Das Mädchen mit dem Rohr im Ohr und der Junge mit dem Löffel im Hals“ vorstellen. Er beteiligt sich am Donnerstag, 14. März, 14.30 Uhr ebenfalls an der Leseinsel Junge Verlage (Halle 5, Stand D200). Am Donnerstag, 14. März, um 20 Uhr feiert er im Horns Erben (Arndtstraße 33) Buchpremiere. Und ebenfalls am Donnerstag ab 23.15 Uhr beteiligt er sich in der Moritzbastei an der Langen Leipziger Lesenacht.

    Ebenfalls neu zur Buchmesse ist von Yellow Umbrella „Der Reggaehase Boooo und die rosa Monsterkrabbe“. Dieses Reggae-Kinderbuch wird am Sonntag, 17. März, um 13 Uhr auf der Messe im Forum Hörbuch + Literatur (Halle 3, B500) vorgestellt.

    Jaromir 99: http://jaromir99.blogspot.de/

    www.voland-quist.de

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