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Hochschule im Überwachungsstaat: Leipziger Universität in den 1970er Jahren

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    Das Cover des Buches ziert ein Foto von Armin Kühne. Er hat das 30 Jahre lang am einstigen Hauptgebäude der Universität Leipzig angebrachte Relief "Das revolutionäre weltverändernde Wesen der Lehre von Karl Marx" von Frank Ruddigkeit, Rolf Kurth und Klaus Schwabe fotografiert, meist wird es kurz "Marx-Relief" genannt. Doch wer Marx sucht, findet seinen Kopf fast im Hintergrund. Eine Gruppe von fünf grimmigen Männern scheint gerade damit beschäftigt zu sein, ihm den Mund verschließen zu wollen.

    Ob Ruddigkeit, Kurth und Schwabe hier tatsächlich mit Hintersinn zu Werke gingen, haben sie nicht verraten. Irritierend war dieser Relief-Ausschnitt schon immer. Denn eigentlich wurde das gewaltige Bronzewerk ja 1974 an das neu errichtete Uni-Hauptgebäude montiert, um auch nach außen die 1953 erfolgte Namensgebung „Karl Marx“ deutlich zu machen. Dass zwei der profiliertesten Marxisten schon in den 1950er/1960er Jahren von der Universität vertrieben wurden, gehört natürlich ebenfalls zu dieser Geschichte – Bloch und Mayer hießen die beiden Männer. Sie wurden nicht nur Opfer der verschärften ideologischen Flurbereinigungen und der zunehmenden Überwachung durch die Staatssicherheit. Sie waren auch einige der letzten Überlebenden der 1. Hochschulreform der DDR, die die alten bürgerlichen Hochschulen zu neuen „sozialistischen Kaderschmieden“ umwandeln sollte und die SED und die FDJ als neue Herrschaftsstrukturen direkt im Hochschulapparat verankerte.

    Was das an zunehmender Überwachung und Gleichschaltung für die Leipziger Universität bedeutete, war auch schon in groben Zügen im dritten Band der großen Universitätsgeschichte nachlesbar. Aber manche Frage blieb da offen. Auch für Elise Catrain, die zu einem Austauschsemester nach Leipzig kam. Hier beschäftigte sich die Französin erstmals mit der Stasi, konnte es deutlich unabhängiger tun als all ihre deutschen Kollegen. Und irgendwie faszinierte sie das Thema. Sie blieb da, machte ihren Master zum Thema: der Einfluss der Stasi auf Schriftsteller in der DDR. Und weil sie dabei erst einmal nur einen Teil des Myzels bearbeitet hatte, hängte sie gleich noch eine Dissertation dran, für die sie ein ganzes Kapitel Stasi und Karl-Marx-Uni aufarbeitete. Dieses Buch ist ihre Doktorarbeit. Im März stellte sie das fertige Buch in ihrer Arbeitsstelle in Halle vor – dort ist sie als Mitarbeiterin der BStU-Außenstelle tätig.In ihrer Arbeit konnte sie auf eine Vorarbeit ihres betreuenden Professors Dr. Günther Heydemann zurückgreifen, der die Frühzeit der Stasi an der Universität Leipzig untersucht hatte und für die 1950er Jahre noch eine recht chaotische Arbeitsweise des staatlichen Geheimdienstes ausmachte. Doch im selben Maß, wie die SED die Hochschulen zu „Kaderschmieden“ für ihre künftigen Führungskräfte umbaute, wurde auch die Überwachung der Hochschule durch das Ministerium für Staatssicherheit ausgebaut. Ein ganzes Referat der Bezirksverwaltung Leipzig des MfS war allein für die Überwachung der Universität zuständig. Elf hauptamtliche Mitarbeiter hatte dieses Referat XX/3 im Jahr 1985. Weitere fünf Mitarbeiter im Referat 1 der Abteilung XX waren allein für den Bereich Medizin an der Uni zuständig.

    Dass Catrain die Jahre 1968/1969 als Anfang wählt, hat einmal mit dem Prager Frühling zu tun, der die Mächtigen in der DDR nach einer ruhigeren Phase von etwa sieben Jahren erneut aufschreckte. Und mit der 3. Hochschulreform, die den Betrieb in den Hochschulen noch einmal ideologisch straffte und überformte. Die SED hatte ihren Herrschaftsanspruch schon längst auch in den Hochschulen gefestigt. Doch jetzt wurde die „Schulung der Kader“ weiter forciert mit weiteren Pflichteinheiten in dem, was man so gern „Marxismus/Leninismus“ nannte, mit Russischunterricht und zunehmender Militarisierung auch der Hochschulen. Zivilverteidigung und Militärische Ausbildung wurden 1970 durch eine Anweisung des Rektors implementiert.

    Aber selbst bis in die Freizeit hinein wurden die Studenten reglementiert – sie mussten an Ernte- und Arbeitseinsätzen teilnehmen, wurden im Wohnheim zu Wachdiensten eingeteilt, wer nicht sowieso schon als SED-Mitglied an Parteiversammlungen teilnehmen musste, musste zu den angesetzten FDJ-Veranstaltungen antanzen. Das Universitätsarchiv verzeichnet reihenweise Äußerungen darüber, wie überdrüssig die Studierenden all dieser so genannten „gesellschaftlichen Aufgaben“ waren und wieviel Zeit diese dem eigentlichen Studium entzogen.

    Beiläufig erfährt der Leser, dass die Sprengung der Universitätskirche 1968 keineswegs so kritiklos hingenommen wurde, wie zuweilen beschrieben. Doch Catrain macht auch sichtbar, wie dicht gesponnen das Netz aus Kontrolle und Überwachung an der Universität mittlerweile war. Mögliche Ansätze zu Protest wurden schon frühzeitig erstickt. Man reagierte nicht mehr ganz so brutal wie noch in den 1950er Jahren. Sichtbar wird in dem, was Elise Catrain aus den Stasi-Akten und den einsehbaren Hochschuldokumenten herausfiltern konnte, dass es den Funktionsträgern wesentlich leichter gelang, Unruheherde zu isolieren und Protest schon im Ansatz zu dämpfen. Was auch daran liegt, dass mittlerweile alle Lebensbereiche überwacht wurden. Die hauptamtlichen Mitarbeiter der Stasi hatten ein ganzes Netz nicht nur von informellen Mitarbeitern (IM) an der Hochschule zur Verfügung. Wobei es solche IM in unterschiedlicher Funktion gab – bis hin zu hauptamtlichen IM, die mit einer Legende ausgestattet direkt in der Uni saßen.

    Aber das war nur ein Teil der konspirativen Arbeit, mit der die Stasi ihre Informationen direkt aus der Uni besorgte. Es ist nur der Teil, der hauptsächlich aktenkundig wurde. Nicht direkt aktenkundig aber wurden die vielfältigen Verbindungen zu Gesellschaftlichen Mitarbeitern (GMS), also Personen aus der Partei- und Leitungsebene, die schon qua Amt im permanenten Informationsaustausch mit dem Referat XX/3 standen.

    Natürlich beschäftigt sich Catrain auch mit der Frage, wie sehr die Staatssicherheit auf Hochschulentscheidungen und Karrieren – auch ihrer eigenen IM – Einfluss nehmen konnte, schätzt aber ein, dass der Einfluss wohl eher gering war. Aber wie will man das werten, wenn Stasi, SED- und Hochschulleitung im Wesentlichen am selben Strang zogen? – Dass man im Universitätsbereich nicht wirklich frei sprechen oder gar ein offenes Wort riskieren durfte, das hatten 1981, dem Jahr, mit dem Catrain ihre Untersuchung abschließt, wohl alle gelernt. Deswegen wundert es nicht wirklich, wenn die aktenkundig gewordenen Reaktionen auf die Vorgänge in Polen wesentlich seltener und zurückhaltender ausfielen als noch 13 Jahre zuvor im Zusammenhang mit dem Prager Frühling. Vielleicht – so vermuten auch einige Beteiligte wie der spätere Uni-Rektor Cornelius Weiss – weil 1981 die Hoffnung, dass der Funke auf die DDR überspringen würde, deutlich geringer war. Aber auch die Kontrollierten und Ausgehorchten hatten gelernt, dass man in einem Land, das 1975 die Schlussakte von Helsinki nur halbherzig unterschrieb, seine Meinung am besten nur noch in kleinen Kreisen äußerte, wo man zumindest hoffen konnte, dass keiner für die Stasi mithörte.

    Wenn nach 1989 immer so abschätzig von den „Nischen“ gesprochen wurde, in die sich auch die Intelligenz der DDR in den 1980er Jahren zurückgezogen hatte, dann hat das auch damit zu tun. Und es wäre tatsächlich einmal eine Untersuchung wert herauszufinden, wie entpolitisiert die Intelligenz der DDR tatsächlich war – und wie sehr die heimelige Kuscheligkeit der Nischen mit der allgegenwärtigen Observierung zu tun hatte. Was vielleicht genau diese Ohnmacht der Staatsmacht erzeugte, über die sich 1989 alle Welt wunderte: Die Allmächtigen hatten ihr eigenes Volk zum Heimlichtun verdammt und wussten am Ende nicht einmal mehr, dass sie alles Vertrauen verspielt hatten.

    Unter anderem durch den massiven Ausbau des MfS. Mehrmals zitiert Catrain den Stasi-General Mielke, der sich so gern auf eine Rede Erich Honeckers vor Armeeoffizieren auf Rügen bezog, in der Honecker eine Verschärfung der Auseinandersetzung mit dem „Klassenfeind“ beschwor. Mielke leitete daraus die Notwendigkeit ab, noch mehr hauptamtliche und gedungene Mitarbeiter zu werben und die Kontrolle in allen Bereichen zu verschärfen.

    Das liest sich in den Originaltexten, die Catrain reihenweise zitiert, immer paranoider. Allüberall roch man das Eindringen und Agieren der „feindlichen Kräfte“, witterte Spionage, Schädlingsarbeit, Republikverrat und staatsfeindliche Untergrundarbeit. Alles Delikte, auf die in der DDR teils langjährige Haftstrafen standen. Und es wird einem auch nachträglich noch mulmig zumute, wenn man liest, wie systematisch die MfS-Offiziere daran gingen, all diese Dinge an der Universität aufzuspüren, die subversiv tätigen Feinde erst zu finden und dann unschädlich zu machen.

    Da und dort macht Catrain sichtbar, wie plump und hilflos die MfS-Mitarbeiter teilweise agierten. Aber sie zeigt auch, wie schmal der Grad war, der einen zuverlässigen Genossen und Wissenschaftler in den Augen der Geheimpolizisten zum Verräter und Staatsfeind machen konnte. Und weil dann meist die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet wurden, die vom MfS als „Zersetzungsmaßnahmen“ über die Jahre immer mehr perfektioniert wurden, wurden selbst Leute, die mit voller Überzeugung zur DDR und zur SED standen, praktisch erst zu Kritikern und Abtrünnigen gemacht.

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    Hochschule im Überwachungsstaat.
    Struktur und Aktivitäten des Ministeriums für Staatssicherheit an der Karl-Marx-Universität Leipzig (1968/69 – 1981)
    Elise Catrain, Leipziger Uni-Verlag 2013, 29,00 Euro

    Für das Referat XX/3 war der Vorgang in der Regel dann abgeschlossen, wenn der Betroffene die Universität verlassen hatte – exmatrikuliert worden war auf die eine oder andere Weise. Damit verschwanden die Personen zumindest aus dem Blickfeld dieses Referates. Aber verschwanden sie wirklich? Sorgten MfS und SED durch dieses manifeste Misstrauen gegen alles, was nicht „auf Parteilinie“ war, nicht gerade dafür, dass die Opposition in der DDR sich selbst eine neue Nische suchte und dort Jahr um Jahr anwuchs?

    Wäre auch ein schönes Thema für eine Doktorarbeit.

    Der Leser erfährt ebenso, dass es auch genügte, sich mit dem „real existierenden Sozialismus“ so kritisch auseinander zu setzen, wie es ein gewisser Karl Marx getan hätte, um zu einem Fall für die Stasi zu werden. Dafür steht in diesem Buch beispielhaft der Vorgang „Philosoph“. Womit man wieder bei diesem fast entlarvenden Relief wäre, das heute etwas versteckt im Campus Jahnallee zu finden ist. Seit 1991 ist Karl Marx nicht mehr Namenspatron der Universität. Catrains Doktorarbeit zeigt erstmals in aller nüchternen Funktionalität, wie die Staatssicherheit in den 1970er an der Leipziger Universität arbeitete. Sie zeigt aber auch in aller Nüchternheit, wie sehr die Allmächtigen selbst ihren künftigen „Kadern“ misstrauten. Dem Volk sowieso. Aber dazu hat Brecht ja schon alles Nötige gesagt.

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