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Furios auch als Graphic Novel: Wagner

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    Leipzig kommt zwar nicht drin vor. Aber das ist bei Wilhelm Richard Wagner wohl auch nicht so wichtig. In keiner Stadt war der 1813 Geborene in diesem Jahr so präsent wie in Leipzig. Es war so ungefähr die vierte Rückkehr des verlorenen Sohnes. Und auch eine Wiederentdeckung des jungen Wagner, ohne den der berühmte Komponist nicht zu denken ist. Aber wie kann man ausgerechnet Wagner in einen Comic verwandeln? Geht das?

    Natürlich. Wenn man den Kerl von seinem Sockel holt und sein Leben erzählt als das Leben eines von seinen Leidenschaften, Schwächen und Ansprüchen getriebenen Mannes. Eines Burschen, der voller Widersprüche steckt, die sich nicht vereinen lassen. Das steckt auch in seiner Musik, in der sich die Motive balgen und die mit ihrer Wucht alle erschlägt. Selten ist das, was Wagner selbst über seine Musik, seine Ansprüche und die musikalische Konkurrenz gesagt und geschrieben hat, für bare Münze zu nehmen. Hinter jedem Satz steckt ein Widerspruch, hadert der Sprecher mit sich selbst und einem alles niederwälzenden Ehrgeiz.

    Das Faszinierende an Wagner ist, dass er trotzdem auf manche seiner Zeitgenossen wie ein Magnet gewirkt haben muss. Auf Frauen genauso wie auf Männer. Einer der Männer, der ihm gnadenlos verfiel, war der Bursche, den Völlinger und Scuderi in diesem Buch zum Erzähler machen. Zwölfjährig begegnet er Wagners Musik erstmals in Dresden. Die gewählte Perspektive ist stark, denn so kann das Leben Wagners aus der Perspektive eines Mannes erzählt werden, der ihm immer wieder nahe kam, der ihm zeitweise fast hörig war und der dennoch wie beiläufig wahrnehmen durfte, dass es im Leben Wagners immer nur einen Stern gibt – und der hieß Wagner.

    Wie rücksichtslos und verletzend „der Meister“ mit all denen umging, die von ihm abfielen oder auch nur ein Wörtchen des Vorbehalts äußerten, hat ja Ludwig Marcuse in seinem Wagner-Buch gnadenlos schon vor 50 Jahren seziert. Einer taucht ja auch ganz beiläufig in diesem Comic auf: Friedrich Nietzsche.Aber mit Hans von Bülow haben Völlinger und Scuderi eine Person ausgewählt, die die ganze Tragik des Wagner-Verehrers in sich vereint. Sein Schaffen als Musiker stellte Bülow ganz in den Dienst Wagners. Bei vielen Besuchen konnte er ihn näher kennen lernen. Er war es, dem Wagner seine Cosima ausspannte und der erst nach der Scheidung auf Distanz ging, ohne wirklich von Wagner und seiner Musik loszukommen.

    Doch er darf auch das sehen, was „reine“ Wagner-Verehrer nicht sehen wollten – seinen durch Cosima geschürten Antisemitismus, seine Unfähigkeit, mit Geld umzugehen, seine Anbiederei immer dann, wenn es um Geld ging. Und er darf trotzdem blind und fasziniert sein, weil da immer diese Musik ist, die am Anfang das brave Publikum erschreckt und schon mit den ersten Festspielen in Bayreuth zur Musik der neuen, so sehr von Mythos und Vergangenheit geprägten Zeit ist. Nicht nur Wagner hadert mit der Tatsache, dass nicht das „Volk“ in seinem Festspiel sitzt, sondern sich die alte Highsociety mit Eintrittsgeld den Zutritt „erkauft“ hat.

    Aber wundert er sich wirklich? Ist sein „Ring“ tatsächlich schon das große revolutionäre Musiktheater, das er gewollt hat? Oder hat er sich selbst betrogen und tatsächlich nur den Mythenhunger einer trocken auf Profit versessenen Zeit in Musik gesetzt? – In Wagners Leben gibt es immer dieses Streben auf ein fernes Ideal, auf einen Zustand der Reinheit, der auf Erden nicht zu finden ist. All seine Parzifale und Lohengrine wirken so neu, weil sie uralt sind. Und sie geben dem Bürger, der sich in einer zunehmend von rauchenden Schloten dominierten Welt nicht mehr wohl fühlt, ein Bild für eine mythische Erlösung. Und so tobt diese Musik auch durch die Bilder Flavia Scuderis.

    Völlinger und Scuderi bedauern zwar, dass der Comic dann, wenn es um Musik geht, an seine Grenzen stößt. Deshalb gibt es zu diesem Comic auch extra eine App, mit der man direkt über die Bilder im Buch auf die zugehörige Musik switchen kann. Aber man braucht es nicht wirklich, denn die Bilder, die Scuderi für Wagners Lebensstationen entworfen hat, sind eine congeniale Umsetzung dieser Musik. Es tauchen auch allerlei Lohengrine, Parzifale und Walküren auf. Spätestens da merkt man, wieviel Wagner in den heutigen Fantasy- und Gothic-Revivals steckt, wieviel Sehnsucht nach einem mythischen Ort, in dem noch die großen Emotionen und simplen Wahrheiten gültig sind. Was sie nie waren. Aber wenn einer den Mythenhunger des deutschen Klein- und Großbürgers mit der großen Schaufel bedient hat, dann war es Wagner.Und da bei Wagner das eine immer auch ins andere herüberschwappte, bekommen auch die Szenen aus Wagners Leben immer wieder dieses wagnersche Furioso, schwanken die Emotionen zwischen himmelhochjauchzend und zutodebetrübt. Und Bülow flüchtet sich, wenn er denn schon alles an seinen Meister verliert, mit verzweifelter Geste in die Musik, zeigt der Welt, wie man Wagner dirigieren muss, damit er funktioniert.

    Mit Detailtreue erwecken die Autoren aber auch die Kostüme, Ausstattungen und Stadtlandschaften der Zeit zum Leben. Nicht nur Wagner bekommt ein Gesicht, das lebendiger und veränderlicher ist, als man es aus den historischen Darstellungen kennt. Auch seine berühmten Zeitgenossen tauchen – porträtgetreu auf, all die Bakunin, Semper, Liszt. Und man sieht Wagner selbst als begnadeten Darsteller seiner selbst, widersprüchlich bis ins geäußerte Wort, selbstbezogen und schulmeisterlich. Wer ihn noch nicht kennt und sich vor den dicken Biografien sowieso scheut, bekommt ihn hier in all seiner lebendigen Pracht, in seiner Verbissenheit, seiner Selbstüberschätzung und seiner Überzeugung, dennoch der größte Komponist der Zeit zu sein. Ein Mann voller Widersprüche eben, so wie seine Musik. Völlinger und Scuderi haben sich sehr intensiv mit diesem Klein Zaches der Musik beschäftigt, mit seiner Fähigkeit zur Liebenswürdigkeit, seiner beißenden Ironie, seiner oft maßlosen Übertreibung. Da fließt alles – ganz wagnerisch – in wildem Furioso ineinander. Der Mann ist die Musik. Die Musik viel mehr als das Wort, das Wagner immer für wichtiger behauptete. Manchmal entlarvt sich ein Künstler in seiner Kunst.

    Was der Wirkung der Wagner-Musik keinen Abbruch tut. Spannung und Widerspruch sind ja nicht aufgelöst. Ein Kerl wie Richard Wagner wirkt so modern, als hätte er jüngst erst mit Beuys in der Kneipe gesessen. Er fährt zwar mit Droschke durch manches Bild. Aber sein Leichnam wurde – auf Befehl seines Königs-Freundes Ludwig – 1883 von Venedig mit dem Schnellzug nach Hause gebracht, nach Bayreuth, wo er neben seinem Lieblingshund begraben liegt.

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    Wagner
    Flavia Scuderi; Andreas Völlinger, Knesebeck Verlag 2013, 19,95 Euro

    Nicht zu vergessen: Die Götter schauen zu, wie der Sarg mit einer Trauerbarke über den Lido geschippert wird. Ein Bild, das Böcklins „Toteninsel“ anklingen lässt, während schon die nächste Seite, in der von Bülow seine Trauer dirigiert, die Verfilmung von „Vom Winde verweht“ wachruft und damit das eigentliche Jenseits, in dem der tote Wagner seine Heimstatt gefunden hat: den Hollywood-Film, der gern dieselbe Sprache spricht. Groß muss es sein und mächtig-gewaltig. Wagner eben. Völlinger und Scuderi jedenfalls ist es gelungen, den so Unfassbaren in seinem wilden und widersprüchlichen Leben und Streben zu fassen. Dass sie Hans von Bülow zum Erzähler gemacht haben, war ein gelungener Schachzug. Denn wer kann mehr und klarer sehen, als die nahen und so oft gekränkten Freunde?

    Zur Wagner-App: www.gebrueder-beetz.de/produktionen/wagnerwahn-app

    Der Autor: www.andreas-voellinger.de

    Die Zeichnerin: www.skudo.deviantart.com

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