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Der Mythos Schaddelmühle: Ein reich bebildertes Buch erzählt aus 40 Jahren Schaffen, Leben und Streiten

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    Zwischen Grimma und Großbothen liegt der kleine Ort Schaddel mit der Schaddelmühle. Schon vor Jahrzehnten ein beliebtes Ausflugsziel - die Müller betrieben lange Zeit eine eigene Gastwirtschaft. Doch 1974 zog ein anderes Völkchen in die Mühle: Künstler. Sie gründeten etwas, was damals genau so ein Experiment war, wie es das heute ist. Doch das Experiment hatte Erfolg.

    Das kleine Künstlerkollegium um den Maler und Keramiker Horst Skorupa entwickelte sich binnen weniger Jahre zu einer der bekanntesten Künstlergruppen in der damaligen DDR. Es prägte nicht nur die Keramik im Osten, sondern fand mit seinen Experimenten und neuen Stilformen auch weit über die Landesgrenzen hin Anerkennung. Was natürlich zuallererst an den Gründerpersönlichkeiten lag – allen voran Horst Skorupa, der mit seiner Persönlichkeit das Leben in der alten Mühle prägte. 2004 verstarb er im Alter von 63 Jahren.

    Was den beiden Autoren des Buches auch Raum gibt, die 40-jährige Geschichte des Experiments auch von der menschlichen Seite zu analysieren. Denn ohne Fährnisse, Konflikte und Verletzungen geht ein solches Experiment, bei dem schöpferische Menschen sich auf lange Zeit zu einem gemeinsamen Leben und Arbeiten entschließen, nicht ab. Es klingt nur als These konfliktfrei: ein Haus für Künstler, gar noch schön abgelegen und in einer bezaubernden Landschaft, wie sie das Muldetal bietet.Aber nur die üblichen Kunstkritiker und Kunstverklärer versuchen, Künstler zu Heiligen zu machen – und reagieren entsprechend beleidigt, wenn sich genau das als Trugschluss herausstellt. Eher ist das Gegenteil die Regel: Starke Künstlerpersönlichkeiten sind auch Menschen, die durch ihr Handeln Konflikte provozieren. Man muss sich an ihnen reiben. Harmonie ist kein Grundstoff für ausdrucksstarke Kunst. Das war auch bei Horst Skorupa so, der in seinen keramischen Arbeiten zwar scheinbar spielerisch zeigte, wie er die Welt sah – aber wer genauer hinschaut, sieht, wie da einer ringt mit dem Faun, dem Schelm, dem Teufel in sich. Auch der Kampf mit seiner Krankheit zeichnet sich da und dort – künstlerisch verarbeitet – ab.

    Doch es tut wohl, die 40 Jahre dieses Künstlerkollegiums auch mit seinen Konflikten hier erzählt zu finden. Mit seinen Brüchen und Abschieden. Abschieden, die teilweise von tiefen Verletzungen geprägt waren.

    Einige Künstlerinnen und Künstler verließen die enge Gemeinschaft auch nach Jahren wieder, um an neuen Schaffensorten neue Wege zu suchen und neue Kunst-Orte zu schaffen – auf Usedom, in der Mark Brandenburg. Viele blieben der Schaddelmühle und ihrem Künstlervolk, das sich über die Jahre auch immer wieder verjüngte, verbunden, kehrten auch zu Gastaufenthalten und Workshops zurück.

    Immer wieder musste sich die Mannschaft in der alten Mühle neu orientieren. Wurde den Keramikern aus der Schaddelmühle in DDR-Zeiten praktisch alles abgekauft, was die Brennöfen verließ, bedeutete auch hier das Jahr 1990 einen Bruch. Es musste eine neue Organisationsform gefunden werden, für die heute der Kulturförderverein Schaddelmühle e.V. steht, es entstanden neue Kooperationen etwa mit der HGB. Die Künstler mussten lernen, sich wieder neu zu vermarkten.

    Doch dieser 130-Seiten-Band erzählt nicht nur die Geschichte dieses künstlerischen Selbstversuchs, es ist auch reich gespickt mit Abbildungen der Kunstwerke, die die Künstler aus der Schaddelmühle schufen. Nicht nur die Keramiker, die bis heute zu den besten gehören, die es in Deutschland zu finden gilt, sondern auch die Maler und Grafiker, die sich ebenso bereitwillig auf das Leben in der Schaddelmühle einließen. Und zu recht klingt auch da und dort die vorsichtige Kritik an der heute oft noch immer politisch verengten Sicht auf das Künstlerleben in der DDR an. Denn damit werden natürlich auch all die Nischen und Schaffensräume ausgeblendet, die sich die Künstler im Osten schufen, es wird auch die Intensität und Faszination ganzer Lebenswerke weggeblendet. Als hätte es im ummauerten Ländle nie eine wirkliche Kunst geben dürfen.Dabei gab es sie – in einem Reichtum, wie er heute oft sogar fehlt. Eben weil viele Künstler sich auch gedrängt sahen dazu, sich ganz elementar mit ihrem Leben auseinander zu setzen. Der Blick aufs Detail all der abgebildeten Kunstwerke zeigt, was die Künstlerinnen und Künstler in der Schaddelmühle bewegte, aufregte, in ihrem Bann hielt. Das spiegelt sich selbst in den Auftragswerken, die sie damals für eine ganze Reihe von staatlichen Unternehmen schufen. Als Beilage findet sich im Buch ein Faltblatt mit dem unter abenteuerlichen Umständen geretteten Relief „Essen, Trinken, Feiern“. Aber auch wenn in jüngerer Zeit Wettbewerbe zu Kunst am Bau ausgeschrieben werden, beteiligen sich Künstler aus der Schaddelmühle immer wieder erfolgreich.

    Und trotz aller Konflikte erzählen die abgebildeten Arbeiten zuallererst von einem: von gelebter Lebensfreude, von Lebenslust und von der unbedingten Forderung nach einem ganzen Leben. Dem, was als unerfüllte Utopie ja bekanntlich die ganze DDR am Ende zum Brodeln brachte. Und was möglicherweise auch das wieder zum Brodeln bringt, was die veränderungsfreudigen Sachsen da vor 24 Jahren bekommen haben an Stelle der geforderten Utopie.

    Mancher verwechselt das gern mit Idylle. Aber das Buch zeigt: Es ist Arbeit und Emotion. Und es ist eine Menge Selbstverantwortung und Selbstbestimmung, vor der sich die wirklich lebendigen Künstler nie gescheut haben.

    Bestellen Sie dieses Buch versandkostenfrei im Online-Shop – gern auch als Geschenk verpackt.

    Vom Kollegium bildender Künstler zum Künstlerhaus Schaddelmühle
    Frank Brinkmann; Sabine Tanz, Eudora-Verlag 2013, 17,90 Euro

    Und der Band zeigt auch, wie lebendig die Utopie tatsächlich noch ist, auch wenn die Generationen in der Schaddelmühle gewechselt haben und mittlerweile zwei Hochwasser – 2002 und 2013 – die Mühle heimsuchten, das von 2002 noch etwas heftiger als das von 2013, das es dann nicht mehr ins Buch geschafft hat.

    Aber die Akteure im Künstlerhaus Schaddelmühle, das im Landkreis Leipzig zu den wichtigsten Kunst-Pilgerorten gehört, lassen sich nicht entmutigen. Denn das Künstlerhaus ist eben kein – zeitlich befristetes – Projekt, wie das heute so schön heißt, sondern ein Lebens- und Arbeitsentwurf.

    www.eudora-verlag.de

    www.schaddelmuehle.org

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