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Ein Fantasy-Epos aus Leipzig im Strom einer gern in die Nische verbannten Literaturgattung

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    Die Fantasy ist zwar viel, viel älter, als sie manchmal aussieht. Aber sie ist auch so modern wie unsere Kümmernisse. Denn sie ist eine Medizin, besser als alle Aufreger- oder Einluller-Pillen, besser als das ganze deutsche Fernsehprogramm. Tolkien und Zimmer Bradley sei Dank, McKiernan und LeGuin nicht zu vergessen. Denn irgendwo müssen wir ja mit unseren Sehnsüchten bleiben, wenn in der realen Welt nur noch Herr Geiz regiert.

    Das hätte ich zwar so vor ein paar Jahren noch nicht geschrieben. Da hätte ich jeden zweiten Fantasy-Autor einfach in der Luft zerrissen. Würde ich heute wohl auch noch tun. Aber wohl eher, weil der Bursche sein Handwerk nicht beherrscht, die simpelsten Regeln verletzt und keine Ahnung hat, warum Fantasy überhaupt gebraucht wird. Denn im Vergleich mit anderen Literaturgattungen hat die Fantasy tatsächlich einen therapeutischen Sinn. Auch wenn alles so schrecklich esoterisch und mittelalterlich aussieht: Feen, Drachen, Elfen, Zauberer, Nachtwesen und Lichtwesen, Retter und Wächter und Könige … Könige! Man möchte schreien! Wozu braucht man die noch? Haben wir den Klumpatsch nicht längst entsorgt?

    Aber da ist noch etwas Anderes als die Sehnsucht nach märchenhaften Welten und großen Gefühlen und dem Wunsch, das Gute möge – mit viel, viel Hilfe von allen Seiten – das Böse endgültig besiegen. Dieser Sehnsucht nach einer eindeutigeren Welt, als es die unsere ist. Einer Welt, in der die Bösen tatsächlich böse sind und auch noch einsehen, dass sie es sind. Und die Guten dürfen zwar zweifeln an sich, müssen sich immer wieder neu aufraffen, am Ende aber müssen sie gewinnen und dem Land wieder Licht bringen.

    Haben Sie auch schon bemerkt, dass so ein Schrott wie „Fifty Shades of Grey“ monatelang in der Spitze der „Spiegel“-Bestsellerliste klebt? Fantasy dort aber selten bis nie auftaucht, obwohl Fantasy-Titel spielend Auflagen erreichen, von denen Preisträger der Leipziger Buchmesse nur träumen? Woran liegt das? Nehmen Buchhändler das Genre nicht ernst? Oder haben die Listen-Macher keine Lust darauf, sich mit dem Stoff zu beschäftigen, den die Leser tatsächlich verschlingen? Das könnte ja Fragen aufwerfen. Und die Antwort würde ganz bestimmt nicht „Weltflucht“ lauten.

    Eher Sehnsucht.

    Literatur erfüllt heutzutage Bedürfnisse, die die großmäuligen Leit-und-Leid-Medien schon lange nicht mehr erfüllen. Der ganze Ratgeber-Quatsch in den Bestseller-Listen übrigens auch nicht. Nur beschäftigen sich „ernsthafte“ Literaturwissenschaftler mit dem Phänomen nicht. Oder nicht mehr, seit Tolkiens „Herr der Ringe“ verfilmt und zur Massenware wurde. Noch bis in die 1990-er Jahre war der Titel eher etwas für eingefleischte Fantasy-Liebhaber. Und das wollte damals etwas heißen. Das war eine Welt für sich. Noch nicht von den Vermarktungsstrategien der Neuzeit erfasst. Man las Tolkien neben Castaneda und Borges. Und wer sie las, der wusste um die intellektuellen Wechselspiele mit der realen Welt und ihren intellektuellen Abgründen.

    Das ist seither regelrecht verschüttet worden, zugekippt mit gewalttätiger, großmäuliger Soße, die vor allem gern gewaltige Schlachten, wildes Morden und blutige Rachefeldzüge inszeniert. In Film und Computerspiel geradezu bis zum Exzess.

    Dabei gibt es die anderen Bücher alle noch. Und ihr Grundmotiv ist gar nicht der „ewige Kampf des Guten gegen das Böse“. Wer genauer hinschaut, findet nach wie vor die Motive, die einst die Artus-Sage europaweit berühmt gemacht hatten und auch in anderen Epen des Mittelalters aufscheinen. Hier lebt die Aventiure, der Auszug der Helden (und Heldinnen), ihr eigenes Schicksal zu erfahren. Dazu muss man losziehen, sich wirklich in fremde Lande begeben, sich Aufgaben stellen, Herausforderungen annehmen, auch vertrauen lernen und sich etwas wagen. Das wird gern nur mit Rittern und mittelalterlichen Tugendvorstellungen in Verbindung gebracht.

    Aber je mehr man das alles liest – auch die alten Artus-Legenden – umso unsinniger erscheint diese Einschränkung. Dann hätte diese Gattung nicht bis heute überlebt, hätte sie auch nicht so exotische Blüten hervorgebracht wie „Gargantua und Pantagruel“ oder den „Don Quijote“. Literaturgattungen überleben, weil sie ein Erzählbedürfnis befriedigen. Und sie erleben ihren Aufschwung, wenn diese Bedürfnisse zunehmen. Etwa weil eine Gesellschaft immer ratloser wird und auch ihre Mitglieder immer ratloser macht. Und das, obwohl keine Gesellschaft zuvor so derart von der Forderung nach Freiheit und Individualismus durchtränkt war, beides geradezu in den Imperativ gesetzt hat, wie die heutige. Nichts hat den Menschen in den letzten Jahrhunderten so einsam gemacht wie diese unerfüllte Forderung. Denn wer sich darauf einlässt, landet fast immer in einer Welt der Rücksichtslosigkeit, der Verabsolutierung des Ichs, der Käuflichkeit aller Gefühle und der Beliebigkeit aller Bekenntnisse. Die Welt wird zum Ramschmarkt der billigen Egoismen.

    Wer die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anschaltet, sieht ihnen blanko ins Gesicht.

    Es ist zum Weglaufen.

    Und es ist nicht ohne Grund ausgerechnet das Buch „Die Nebel von Avalon“, das am Beginn des bis heute andauernden Fantasy-Fiebers steht. Als hätte jemand da eine Tür aufgemacht und Autoren wie Leser geradezu eingeladen, sich wieder mit all den verschwunden geglaubten Wesen der alten Epen zu beschäftigen, sich beim Lesen zu verwandeln und in Rollen zu schlüpfen, die nur auf den ersten Blick niedlich, märchenhaft oder einfach anmuten. Einfacher jedenfalls als die Rollen, in die sich die Leser im hiesigen Leben in der Regel gezwungen sehen.

    Aber die Aventiure ist ja kein Losziehen ohne Sinn und Verstand. In der Regel geht es darum, ein Rätsel zu lösen und beim Lösen des Rätsels die eigenen Stärken und Schwächen zu finden. Da kann man sich zum Narren machen oder mit erhellenden Erkenntnissen am Ziel des Weges ankommen. Und die besseren unter den Fantasy-Autorinnen nutzen die Spielbreite ihrer Phantasie auch, um ihre Heldinnen und Helden nicht nur einzubinden in große, raunende Geschichten, sondern auch in die gar nicht so einfache Suche nach dem eigenen Weg.

    Das versucht auch Amanda Koch, die mit dem ersten Band ihrer Trilogie „Die Wächter von Avalon“ ein beachtliches Stück vorgelegt hat. Wer wollte, konnte die Handling so nehmen, wie sie war, und sich einfach in die Geschichte der vier Geschwister hineinziehen lassen, die erst den Weg aus dem ganz irdischen Britannien ins geheimnisvolle Avalon fanden und dabei ihre künftige Rolle als Wächter erfuhren.

    Gleich mehr dazu im Teil 2 der Besprechung.

    Bestellen Sie versandkostenfrei in Lehmanns Buchshop: Amanda Koch „Die Wächter von Avalon. Der Fluch des Suadus„, Familia Verlag, Leipzig 2014, 16,95 Euro

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