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Jetzt mal auf Englisch in die Dessauer Castles, Master’s houses und das Garden Kingdom

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    Es ist ambitioniert - jedes Mal, wenn der Lehmstedt Verlag einen neuen Stadtführer "... an einem Tag" vorstellt. Denn die meisten Ziele haben es in sich, da muss man sportlich sein, wenn man auch nur das Wichtigste sehen will. Manchmal aber hat man nur einen Tag. Zum Beispiel, wenn man aus Übersee kommt und so das vage Gefühl hat: In Dessau muss man mal gewesen sein. In Wörlitz auch. Und ...

    Eine Knobelaufgabe, die auch Kristina Kogel nicht einfach so in eine Route verwandeln konnte. Tatsächlich sind’s drei Routen und drei Geschichten. Vor zwei Jahren erstmals auf Deutsch. Nun gibt’s auch die englische Variante. Mit dem bekannten Effekt, der ja mittlerweile dafür gesorgt hat, dass Englisch zur allgegenwärtigen Weltsprache geworden ist. Denn auf Englisch klingt alles viel kompakter, größer und bedeutender. Viel bedeutender.

    Aus dem Fürst-Leopold-Denkmal wird ein Monument. Aus dem Schloss, dem Johannbau, wird ein Dessau Castle, aus der fast bescheidenen Marienkirche wird eine flotte St. Mary’s Church. Die alten Dessauer hätten sich gefreut, allen voran Fürst Leopold I., der Alte Dessauer, „The Old Dessauer“. Was dann wieder nicht „klingt“, weil der Witz an diesem Titel eigentlich nur funktioniert, wenn man wie Theodor Fontane geradezu schwärmen kann von preußischer (Militär-)Geschichte. Man denkt an Marschmusik und Gleichschritt. Und man denkt richtig, denn der Alte Dessauer war’s, der die preußische Armee zu der Drillmaschine machte, mit der der Alte Fritz dann seine Kriege führte. Von Kristina Kogel vorsichtig erwähnt: „Leopold made outstanding contributions to the Prussian army’s training.“

    Heute gern von Despoten in aller Welt nachexerziert.

    Die Randbemerkung, die auch in der deutschsprachigen Ausgabe schon fehlte: Bei seiner Reform der Landwirtschaft in seinem kleinen Fürstentum hat Leopold auch versucht, die in Anhalt produzierte Gose besser zu vermarkten und direkt vor den Toren Leipzigs entsprechend Ausschänke organisiert: in Eutritzsch (das die Wikipedia an der Stelle wieder mal mit Leipzig verwechselt). In Leipzig selbst durfte er das Getränk gar nicht verkaufen. Deswegen wanderten die Studenten dafür fröhlich ins Gosedorf Eutritzsch.

    Diese Vielseitigkeit am Alten Dessauer hat Fontane gefallen. Aber im alten Dessau sieht man nicht nur den Alten Dessauer, sondern auch die schönen Renaissancebauten seiner Vorgänger – oben genanntes Castle zum Beispiel. Und natürlich all jene Restbestände der einstigen Fürstenresidenz, die heute vom Bauhaus überstrahlt werden, das sich schon als Station 13 mit dem alten Arbeitsamt von 1927/1929 ins Bild schiebt: the Historical Employment Office. Entworfen von Walter Gropius. Das ist der Teil im Stadtrundgang, in dem die Namen der Berühmten nur so herniederprasseln: Moholo-Nagy, Breuer, Feininger, Mies van der Rohe, Schlemmer, Kandinsky, Klee … Das hätte alles Weimar haben können, wenn die Weimarer damals nicht so stur und stockkonservativ gewesen wären.

    So haben es die Dessauer bekommen und können mit dem „Bauhaus Building“ die Keimzelle zeigen von all dem, was man heute so moderne Architektur nennt. Hier war das Labor, in dem das alles ausprobiert wurde, was später mit Beton, Glas und Stahl zum Standard wurde. Auch wenn man den speziellen Bauhaus-Stil wiederfindet, wenn man irgendwo unterwegs ist. Zwar sorgten die Nationalisten ab 1930 auch dafür, dass in Dessau ebenfalls Sense war mit Moderne und modernem Design. Aber damit schadeten sie nur Dessau. Die Bauhaus-Idee war längst um alle Welt und trägt noch heute. Seit 1996 ist die Bauhaus-Landschaft in Dessau Weltkulturerbe. Und mittlerweile sind auch die Architektenhäuser wieder mustergültig saniert und jeder kann sehen, woher die Leipziger Stadthäuser eigentlich ihre Ursprungsform haben.

    Kristina Kogel hat Dessau und Bauhaus an einem Tag geschafft und wohl auch Wörlitz, obwohl man an der Stelle im Heft schon das Gefühl hat, dass die Sohlen qualmen. Ab Nr. 22 beginnt der Rundgang durch den Wörlitzer Park, wo man entweder mit Auto, Eisenbahn oder – wenn man richtig gut in Schuss ist – auch mit Fahrrad hinkommt. Natürlich lohnt sich das. Schon Goethe fand dieses „Garden Kingdom“ so faszinierend, dass er in Weimar auch so was haben wollte. Das wurde dann sein „Park on the Ilm“, der natürlich ein bisschen kleiner ausfiel. Einen Marstall brauchte er da ja nicht unbedingt, auch kein Castle oder gar ein Stone Island with Villa Hamillton.

    Hätte er sich ein Gothic House oder gar ein Rousseau Island gebaut, hätte wohl selbst sein Fürst sich gewundert und ihn auf seine alten Tage für einen seltsamen Kauz gehalten. So etwas bauen sich nur Fürsten. Und bezaubern damit die Nachwelt, die in Richtung Dessau noch viel mehr Auswahl hat, denn ringsum sind dann noch Schloss Oranienbaum, Schloss Mosigkau, das Industriedenkmal Vockerode (Power Plant industrial monument – wie das klingt!),  Georgium, Luisium und the Hugo Junkers Technology Museum zu besichtigen. Dafür reicht kein Tag. Da braucht es eher eine Woche. Da bleibt dann vielleicht sogar noch ein Stündchen fürs Mittelelbe-Biosphären-Reservat.

    Wer hätte das gedacht. Der Alte Dessauer bestimmt nicht.

    Kristina Kogel „Dessau/Wörlitz in One Day, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2015, 4,95 Euro

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