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Peter Schwarz hat das lärmende 20. Jahrhundert in Band 3 seiner Stadtgeschichte gebändigt

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    Band 3 ist da. Band 3 ist wieder eine fette Packung für alle, die nie genug bekommen können von Leipziger Geschichte, auch von der jüngeren nicht, obwohl die ja in vielen dicken Büchern schon ausgiebig behandelt wurde. Aber wohl nicht ausgiebig genug. Manchmal braucht es einfach einen Fleißarbeiter, der zehn Jahre in ein Projekt investiert, wie Peter Schwarz es getan hat.

    Natürlich hat er keine neuen Forschungen anstoßen können. Das hätte auch die Kraft des emsigen Germanisten, Historikers und Immobilienkaufmanns aus Markkleeberg überfordert. Er hat alle Zeit und Mühe darauf verwendet, die verfügbaren Fakten zur Leipziger Stadtgeschichte zu sammeln. Er hat Bücher durchforstet, Magazine wie die „Leipziger Blätter“, etliche Zeitungsbeiträge. Das Bild, das sich ergibt, ist ein dichtes, das eher verbirgt, wieviel wir eigentlich nicht wissen. Oder nur oberflächlich wissen. Und den Historikern geht es nicht besser.

    Gerade dieses konfuse 20. Jahrhundert macht es deutlich. Als hätte Peter Schwarz bei seiner Materialerarbeitung auf den Beginn des 1. Weltkriegs hingeschrieben, der über Leipzig – jedenfalls wenn man die puren Daten nimmt – wie ein Fatum hereinbrach: Irgendwo im wilden Serbien wird ein Thronfolger erschossen, 200.000 Leipziger demonstrieren gegen den Krieg, die sozialdemokratische LVZ brandmarkt die öffentliche Behauptung über die scheinbare Kriegsbegeisterung in Deutschland: Und dann sind die Geschichtsbücher doch voller blumenbekränzter Männer, die lachend in den Krieg ziehen.

    Die Geschichte schreiben nicht nur immer die Sieger. Manchmal sorgen auch die Verlierer dafür, dass keiner merkt, dass sie da was gedeichselt haben und am Ende doch wieder die heimlichen Sieger waren.

    Einer der größten Fehler der modernen Geschichtsschreibung ist: Sie psychologisiert, aber sie fragt nicht nach dem Geld.

    Wie es ernsthafte Journalisten tun. Davon gibt es nicht mehr allzu viele. Genauso wie Historiker, die nach den Wegen des Geldes fragen, nicht allzu beliebt sind. Da beginnt man Kriege, Wahlen, Medienkampagnen ganz anders zu betrachten. Da schaut man sich auch Staaten, Bildungskarrieren und Mordfälle anders an. Oder Inflationen, von denen ja die Hyperinflation bis heute als das große Menetekel gilt und als Hauptursache für die ganzen Krisen, die die Weimarer Republik zugrunde richteten. Ach ja?

    Ach nein. Manchmal braucht es wirklich fast ein Jahrhundert, bis sich die Sätze in Geschichtsbüchern verändern und auch diese scheinbar so fatale Geldentwertung im Jahr 1923 als das erscheint, was sie war, was sie auch für die damalige deutsche Regierung war: ein nachträgliches Einkassieren der Kriegsschulden. Denn bis auf die ersten zwei Wochen, in denen die durchgeknallte deutsche Generalität tatsächlich glaubte, den Krieg gewinnen zu können, war alles auf Pump bezahlt. Es gibt keine Gesellschaft, die in der Lage ist, derart große Wertvernichtungen wie einen Krieg aus ihrem Haushalt bezahlen zu können.

    Nur konnten sich die, denen 1923 auch noch der letzte Pfennig abgeknöpft wurde, nicht wehren. Und die meisten wussten nicht einmal, warum die große Pleite über sie kam. Übrigens mit Folgen, die Peter Schwarz ganz genüsslich am Rande mitteilt: Die Zahl der Eheschließungen in Leipzig sank von 9.000 auf 2.700, die Zahl der geborenen Kinder von 13.000 auf 9.000. Wenn Sozialforscher solche Daten sammeln würden, würden sie schnell merken, wie eng verzahnt wirtschaftliche Entwicklung, soziale Sicherung und Geburtenentwicklung zusammenhängen. Die Zeit der Weimarer Republik war wie ein Experimentierlabor.

    Von dem wir nach wie vor wenig wissen. Denn noch immer tun sich Historiker schwer, den Aufstieg der Nationalsozialisten zu begreifen, der auch nur wie ein Naturphänomen wirkt, wenn man die Strippenzieher dahinter nicht zeigt. Immerhin kämpfte ja auch die Stadt samt ihrer Messe ums Überleben. Was dann im Stadtrat oft genug für widerstreitende Entscheidungen sorgte. Der Weg Leipzigs in die Moderne war einer voller Widersprüche. Und wenn man gerade so den Eindruck bekommen hat, die Stadt wäre nun endgültig ins finstere Reich der Nazis gesunken, zählt Schwarz auf, wieviel wir heute über den Leipziger Widerstand im NS-Reich wissen, der wesentlich facettenreicher war, als das 40 Jahre lang erzählt wurde. Die These, es hätte keinen Widerstand gegen die Nazis in Deutschland gegeben, stimmt im Fall Leipzig nicht.

    Eine Traditionslinie, die im Grunde nie abriss – in ihrer ganzen politischen Vielfältigkeit nicht. Und so kann Schwarz auch die Besatzungszeit und die DDR-Zeit in vielen Mosaiksteinen erzählen – vom durchaus beachtlichen Aufbauwerk, das auch die Leipziger nach 1945 hinlegten, bis in die widersprüchliche Zeit des späten Zerfalls. Die Spätzeit der DDR wirkt ja oft auch deshalb so trist, weil sie mit dieser durchaus euphorischen Zeit des Beginns kontrastriert. Aber im Beginn steckte ja bekanntlich auch schon das Verhängnis mit immer neuen Enteignungswellen, den Säuberungswellen in der SED, dem Ausbau des Sicherheitsapparates, der nach 1953 den Zugriff verstärkte und das Misstrauen allgegenwärtig machte.

    Erstaunlich ist eher, dass die Leipziger in dieser Zeit trotzdem viel Kultur genossen, Feste feierten und sich mit gigantischen Sportereignissen identifizierten. Oder waren das tatsächlich Brot und Spiele fürs Volk, das ansonsten schon viel zu unruhig war, wenn es um Beat-Musik, Warenangebot, Reisefreiheit und kulturelle Identität ging? Immerhin riss ja die Kette der Proteste nach 1953 nicht wirklich ab, auch wenn die besten Köpfe auch in Leipzig entweder vertrieben oder gleich ins Zuchthaus gesteckt wurden.

    Der Friedlichen Revolution widmet Schwarz logischerweise ein ganzes Kapitel, quasi „40 Tage, die die Welt veränderten“ als Kontrast zu 40 Jahren Schein und Sein. Und am Ende verblüfft wieder, was auch schon in anderen Büchern zur jüngeren Leipziger Geschichte verwunderte: Wie sehr die Zeit zwischen den Märzwahlen 1990 und der Olympiabewerbung 2004 heute schon als zutiefst historisch und vergangen gefühlt wird, eine Zeit, die beklemmend wirkt in der Rückschau, mit dem anfangs sehr langen Warten auf die Rettung der alten Bausubstanz (das jüngst Arnold Bartetzky erst wieder in einem Buch frappierend eindrücklich beschrieben hat). Da macht die Aufzählung des Geretteten eigentlich erst deutlich, wie jung das heute so gut wieder vermarktbare Leipzig ist. 1996 oder 1998 hätte man diese Stadt so nicht erkannt, wie sie sich heute feiert. Beim Lesen – und Schwarz bietet Unmengen an Fakten zum Nachlesen – wird einem eigentlich erst deutlich, was alles in den Feierlichkeiten zum 1.000-jährigen Ersterwähnen nicht bedacht und beleuchtet wird. Und wie sehr die ganze Feierei den Festivals vergangener Zeiten ähnelt, auch wenn es eigentlich keiner so wollte.

    Das Substanzielle, Lebendige und Widersprüchliche der Stadt geht dabei verloren, obwohl es eigentlich die Attraktion ausmacht – mitsamt dem oft zähen Ringen um Fortschritte oder die Rückgewinnung von Lebensqualitäten. Der Stopp von Cospuden oder der Beginn der Freilegung der Innenstadtgewässer – das ist so lang noch nicht her. Doch selbst der Weltenumbruch in der Medienlandschaft, der 1990/1991 geschah, wirkt schon wieder als fern erlebte Geschichte mit „DAZ“ und „Wir in Leipzig“ und – von Schwarz kurz angedeutet – der Übernahmeschlacht um das damalige SED-Zentralorgan, das vorher wie nachher den Markt beherrschte.

    Mit dem Titel „‚Boomtown‘ und zerplatzte Hoffnungen“ nimmt Peter Schwarz im letzten Kapitel eigentlich den Tenor des verdienstvollen Buches „Boomtown Leipzig“ von Heinz-Helge Heinker von 2004 wieder auf. Nur dass Heinker 2004 recht drastisch analysieren konnte, wie sehr die Träume, die die Leipziger in den 1990er Jahren immer wieder mit Hoffnung erfüllt hatten, alle geplatzt waren. Das Ende des Olympiatraums machte das ja auch den Verträumtesten endlich mit aller Macht deutlich.

    Deswegen stört das seither immer wieder neue Gehype so sehr. Denn dass Leipzig sich so ab 2006 aus dem Tal der Tränen gearbeitet hat, hat eben nichts mit all den bunten Seifenblasen zu tun, mit denen die Stadt immer wieder verkauft wird, sondern mit langer, zäher Arbeit und dem Ringen um eine moderne, funktionierende Stadtstruktur – von der Forschungslandschaft bis hin zu den lange bewahrten Freiräumen für Kreativität und Selbstausbeutung. Das Ergebnis ist ein Leipzig, das ganz sichtbar mit dem „vor Olympia“ nur noch wenig zu tun hat. Die Träume sind geplatzt, die Realität aber enttäuscht nicht durch Leere. Auch wenn manche Leute glauben, sie müssten immer wieder große Luftballons aufblasen.

    Auch wenn Peter Schwarz die historische Distanz fehlt zu diesem letzten Stück Zeit, wird schon deutlich, wie sehr das 20. Jahrhundert von Mächten und Einflüssen geprägt war, die man eher nicht in den einschlägigen Geschichtsbüchern findet. Wenn Ideologien regieren – und es regierten etliche Ideologien in dieser Zeit -, steht die harte Arbeit unten in den Städten und Wirtschaftsstrukturen immer wieder auf der Waagschale der Geschichte, wird zum Spielball von Egomanen (von denen Walter Ulbricht und Paul Fröhlich aus Leipzig ganz bestimmt nicht die größten waren), die „die Welt verbessern wollen“ und dabei über Trümmer gehen – nicht nur über gesprengte Kirchen, aber das auch.

    So ganz sachte wird im kleinen Kosmos Leipzig auf diese Weise die Hybris der großen Bühne sichtbar. Verwandelt sich eine Stadt fast über Nacht in eine gigantische Waffenschmiede, die in der Folge mehrfach bombardiert wird, entwerfen Planer aus Nazi-Zeiten die „sozialistische Stadt“ der Zukunft, die in ihren Ausläufern bis heute Stadtbaupolitik beeinflusst, werden Paradestraßen und Aufmarschfelder für 200.000 gebaut, auf denen dann eine Gesellschaftsordnung später das „Stadion der 100.000“ entsteht. Die DDR-Zeit wird von Schwarz übrigens eifrig mit Zitaten aus der LVZ unterlegt, die gerade in den „Aufbaujahren“ fatal an den Jubelton der Nazizeit erinnern, vollgestopft mit aufgeblasener Überzeugung, jetzt die Ideologie der Zukunft zu vertreten, und der Verachtung für den „Klassenfeind“. Manchmal ist man regelrecht froh, in so einer Gesellschaft nicht leben zu müssen. So unfertig und dissonant die Gegenwart oft scheinen mag, so sehr auch heute gern getaumelt wird zwischen Jubel und Zähnefletschen. Es ist, als wäre Leipzig so ungefähr nach 70 Jahren Irrfahrt tatsächlich wieder auf der Erde gelandet als eine echte Stadt mit echten Problemen.

    Da auch dieser Band 570 Seiten dick ist, wird der Leser diese Berg-und-Tal-Fahrt natürlich nicht in diesem Affenzahn erleben, sondern eher in Portionen und mit vielen kleinen Aha-Erlebnissen unterwegs. Da und dort wird ihm was fehlen – aber das liegt wirklich nicht an Peter Schwarz, sondern daran, dass selbst in diesem wilden 20. Jahrhundert Vieles noch nicht die Aufmerksamkeit der Historiker gefunden hat. Dafür gibt’s jede Menge Bilder, selbst NS-Zeit und DDR-Zeit in erstaunlich farbenprächtigen Fotografien. Aber nicht ganz so bunt wie die Fotos aus der jüngsten Epoche, die der Verlag dann vorsichtshalber lieber in schwarz-weiß gedimmt hat, damit’s nicht ganz so quietschig aussieht.

    Peter Schwarz „Das tausendjährige Leipzig. 3. Vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart, Pro Leipzig, Leipzig 2015, 24 Euro

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