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32 emotionale Gedicht-Animationen gegen die Eiseskälte einer von Feindbildern beherrschten Zeit

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    So lange geht das schon in Syrien: vier Jahre. Vier Jahre Bürgerkrieg. Schon 2013 reagierte die Lyrikgesellschaft darauf mit einem besonders dicken "Poesiealbum neu": "Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle". Ein Heft, das schon beim Lesen sichtbar machte, wie emotional Dichter bei diesem Thema reagieren. Dabei beließ es die Lyrikgesellschaft nicht.

    Eine Hör-CD entstand, auf der eindrucksvolle Sprecherinnen und Sprecher hörbar machten, was in den Texten steckt. Denn Gedichte entfalten sich oft erst in ihrer ganzen Wucht, wenn sie von Könnern vorgetragen werden, die ihre Tiefe, ihre Schwere, ihre Brüche hörbar machen. Die Bilder wurden ganz von allein im Kopf lebendig – die brennenden Städte, die zerschossenen Häuser, die verbrannten Seelen und Erinnerungen. Denn der Band „Gegen den Krieg“ hatte ja noch stark von der Dichtergeneration gezehrt, die den Weltkrieg noch miterlebt hat – als Kind: in Dresden, Hamburg, Königsberg, Breslau. Eine Generation, die noch wusste, was Krieg tatsächlich bedeutet. Und wie wenig das mit den Fernsehbildern von heute zu tun hat. Mit den Kriegsfilmen aus Hollywood sowieso.

    2014 rief die Lyrikgesellschaft dann auf zu einem deutschlandweiten Wettbewerb, aus den Gedichten kleine Poetry-Clips zu machen. Das Ergebnis liegt hier vor – in limitierter Auflage. Es vereint 32 Clips. Und es erstaunt auch nicht, dass sich die Teilnehmer des Wettbewerbs auf einige Gedichte besonders konzentrierten, weil sie in ihrer Kürze und Dringlichkeit das Thema Krieg in seinen Facetten so genau und bildhaft erfassten, dass sich eine filmische Umsetzung geradezu aufdrängt.

    Die Mittel, die die Autoren der Clips gewählt haben, reichen vom poetischen Zeichentrick bis zur Collage aus Fotos, Musik und alten Audioaufzeichnungen. Da dröhnt dann auch irgendwo der Irrsinn der Nationalsozialisten, der in den letzten Jahren so sehr relativiert wurde, weil eiskalte Männer in emotionsloser Pose ganz neue Kriege entzündeten. Ihre Soldaten einfach losschickten auf die Krim, in die Ostukraine, nach Syrien, wie der eiskalte Mann im Kreml, der auch gleich noch seine Trolle losschickte, um die Berichterstattung darüber zu verschleiern, zu verdrehen, zu verbiegen. Nicht anders der große Chef der Türkei, der einen uralten Krieg gegen die Kurden wieder aufnahm, fein getarnt und mit lächelnder Miene. Von dem Herrn in Rest-Syrien ganz abgesehen, der gegen sein eigenes Volk seit vier Jahren Krieg führt.

    Vier Jahre? Wer hat da erwartet, dass dies das gesättigte Europa nicht betreffen würde? Dass nicht all die Menschen, denen die Existenz zerschossen würde, hier Zuflucht suchen würden? All die Zeit sind ja die Flüchtlingszahlen gestiegen, versuchten immer mehr Menschen, über das Mittelmeer ihr Heil zu suchen – um dann irgendwo in Griechenland, Italien ausgebremst zu werden. Während eiskalte Politiker in Deutschland erzählten, es könne nicht jeder nach Deutschland kommen? Und es immer noch erzählen in ihrem amtlichen Versagen. In Herzenskälte. Das ist das, was so erschreckt.

    Und was sich auch wiederfindet in diesen kleinen Clips, die zwar immer wieder auch mit der Geräuschkulisse angreifender Bombergeschwader und dem heftigen Geprassel von Schusssalven arbeiten. Aber tatsächlich beleuchten sie einen ganz anderen Raum – glorifizieren den Soldaten sowieso nicht. Das tun nur die von Militärs bestellten Heldenfilme.

    Sie kreisen fast alle um das Motiv des Verlustes, der Unfassbarkeit, der Hilflosigkeit, dem Ausgeliefertsein. Man denkt selten daran, aber es ist tatsächlich schlimm, wenn man nicht helfen kann – ob aus Angst erstarrt, oder weil der Mord, dem man zuschaut, ein amtlich angeordneter ist, das Grauen der Mordmaschine Krieg.

    Eindrucksvoll von Ulrike Almut Sandig im Gedicht „Im Schneekugelwald“ beschrieben. Der Bruch, der bohrende Selbstzweifel wird deutlich, wenn man die letzten Zeilen unterschiedlich betont. Gedichte leben von diesen ungemein feinen Genauigkeiten, die wehtun, wenn man sie spürt. Gedichte leben nicht nur durch Emotionen – sie sprechen auch die Empathie der Leser und Hörer an. Sie waren schon immer die Mahner unter uns, diese so gern verachteten Dichter. Auch weil die meisten Menschen in den Schulen nicht wirklich lernen, was Sprache ist, Gedicht und Poesie. Die meisten begegnen tatsächlich nie dem Wesen der Gedichte.

    Sie lernen viel eher, sich zu wappnen. Cool zu sein heißt das – heute immer noch. Wer Gefühle zeigt, hat verloren. Wir haben es ja jetzt erlebt. Eine Woche lang durfte sich in Deutschland öffentlich Hilfsbereitschaft, Begegnungsfreudigkeit, Barmherzigkeit zeigen. Doch seit ein paar Tagen singen wieder die alten Herzlosen das Lied der Notwendigkeit, der amtlichen Strenge und der abgeflauten Begeisterung. Auch weil sie noch nie im Leben wirklich begeistert waren, immer nur frustriert und aufs Ordnen bedacht, ins Sortieren in Rechtliche und Rechtlose. Bürokraten, die Menschen in Wertvolle und Unberechtigte teilen und glauben, sie könnten die Aussortierten einfach wieder zurückschicken in die vom Krieg zerstörten Länder. Geht’s noch?

    Aber das hat auch mit dem grundsätzlichen Knacks in ihrem Denken zu tun. Denn in ihrer Teilung der Asylsuchenden in Berechtigte und Unberechtigte steckt ein anderer Knacks, ein viel grundlegenderer, den Wolf Peter Schnetz in seinem Gedicht „Feindbild“ schildert: „Mein größter Feind / ist das Feindbild, / gemacht / aus dem Stoff / beliebiger Worte.“

    Gleich mehrfach haben es die Wettbewerbsteilnehmer als Motiv für ihre Clips ausgewählt. Und auch wenn der Stil jedes Filmemachers anders ist, ist es jedes Mal wieder aufs Neue frappierend, wie leicht es ist, vom Bild zum Feindbild zu kommen, wie klein der Schritt, der aus einem als anders Erkannten postwendend einen Feind macht – weil er anders ist. Es ist ganz leicht. Deswegen greifen die modernen Diktatoren immer zuerst auf die Medien zu. Denn mit der Medienmacht haben sie die Mittel in der Hand, Feindbilder zu prägen. Und ganze Bevölkerungen in die Irre zu führen. Sie nutzen die modernen Möglichkeiten für die alte, selbstherrliche Politik der Ignoranz. Kriege beginnen immer damit, dass jemand ein Feindbild entwirft, Ängste schürt, Neid und Hass anfacht.

    Der Krieg ist uns wieder auf die Pelle gerückt. Aber nicht, weil das ein natürliches Phänomen ist, sondern weil alte, machtbesessene Männer so ihre Macht sichern wollen, eitel, wie sie sind, unfähig zu Kompromissen, Verhandlungen, Verständnis oder Empathie. Und wenn sie sich dann verrannt haben, dann ist der Einsatzbefehl ihr letztes Mittel. Denn diese alten Säcke kennen nur eine Angst: Dass jemand merken könnte, dass sie schwach sind, zögern oder gar – etwas ganz Schlimmes für die Kraftmeier im Hinterhof – klein beigeben. Oder nachgeben.

    Das zugrunde liegende Poesiealbum neu: Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle. Foto: Ralf Julke
    Das zugrunde liegende Poesiealbum neu: Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle. Foto: Ralf Julke

    Und damit bekommen sie auch heute noch Bewunderung, weil das als Stärke und Konsequenz gewertet wird. Zumindest von all jenen, die ihnen gleichen, die denselben Knacks in ihrem Gefühlsleben haben, dieselbe Unfähigkeit, den Schmerz der Anderen zu verstehen. Das gehört schon alles zusammen – die Eiseskälte der Kriegsführer und die Gefühllosigkeit derer, die Asylunterkünfte anzünden oder sich gleich grölend an den Straßenrand stellen, wenn schutzsuchende Menschen endlich in ihrer Unterkunft ankommen.

    Und die Gedichte in „Gegen den Krieg“ erzählen in der Regel davon, welche seelischen Verwüstungen die Gefühllosen anrichten, wie die Trümmerlandschaften, die sie draußen hinterlassen, den Trümmerlandschaften in den Erinnerungen und Gefühlen der Überlebenden gleichen. Denn vom Krieg schreiben können ja nur die Überlebenden. Und auch dann eigentlich nur, wenn sie nicht zu den eisigen „Siegern“ gehören. Denn die haben nie über den Krieg geschrieben, nur immer über ihre Eitelkeit als Schlachtenlenker und Kriegsgenie. Diese uniformierten Eisblöcke im Generalsrang.

    Sie bekamen auch immer mehr Publicity als die Leisen, Besorgten, Verwundeten. Deswegen ist das, was die Lyrikgesellschaft mit dieser Gedichtauswahl gemacht hat, so wichtig. Und auch die Videoclips verdienen jede Aufmerksamkeit, auch weil viele mit viel Einfühlungsvermögen die Brücke schlagen zwischen dem Krieg, den die älteren Gedichtautoren noch erlebt haben, und den Kriegen von heute, die eben mit dem Jahr 2015 aufgehört haben, einfach nur Fernseh- und Nachrichtenkriege zu sein. Jetzt kommen die vom Krieg Vertriebenen an bei uns. Und der Umgang unserer eiskalten Verwalter mit dem Thema zeigt, dass sie noch immer nicht begriffen haben, dass es so ist. Und dass niemand von ihnen immer neue eisige Kommentare über die, die da kommen, verlangt. Sondern Einsatz, Hilfe und Professionalität. Die sie nicht haben. Denn noch nie haben sie so schmerzhaft gemerkt, wie nackt sie sind. Und wie nackt sie immer waren, in ihrem herzlosen Versuch, die Leiden der Welt auszusperren und fern zu halten.

    Hätte das ein Psychotherapeut einmal untersucht, er hätte eine deutliche und beängstigende Diagnose gestellt über unser politisches Personal. Und wohl zu Recht gefragt, was da in den gepriesenen Kindheiten schief gelaufen sein muss. Vielleicht sollte man ihnen allen einfach diese Poetry-Clips schicken in der Hoffnung, sie lassen ihre verzweifelten Akten einfach mal los und sehen sich die zum Teil bedrückten, manchmal traurigen, manchmal auch hoffnungsvollen Clips an. Denn dass wieder eine Politik des Friedens beginnt, das kann man nur dann erwarten, wenn Politiker wieder lernen, Empathie zur Grundlage ihres Handelns zu machen.

    „Schwarze Ängste. Poetry Clips gegen den Krieg“, DVD, 32 Videoclips, Edition Kunst & Dichtung, Leipzig 2015.  Die Auflage der DVD ist einmalig und limitiert, ihr Preis beträgt 25 Euro. 5 Euro davon spendet die Lyrikgesellschaft für Flüchtlingskinder.

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