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Kiel, die Stadt, die man am besten nicht zur Kieler Woche besichtigt

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    Man bekommt tatsächlich nicht überall das Gleiche. Auch nicht, wenn man alle Städte an der deutschen Waterkant bereist - und Steffi Böttger ist noch lange nicht rum bei dieser Erkundungstour. Mit Kiel hat sie nun die Hauptstadt von Schleswig-Holstein besucht. Eine Stadt, die man vor allem wegen eines Ereignisses kennt: der Kieler Woche.

    Dann wird die Stadt, die der Bucht ihren Namen gab, von 4 Millionen Besuchern in einer Woche geflutet. Wer Windjammern und Regatten liebt, ist dann in Kiel genau richtig. Nur sieht man dann von der Stadt wahrscheinlich wenig bis nichts. Das ist bei einigen Plätzen im Stadtbild vielleicht kein Drama. Noch stärker als Oldenburg ist Kiel von den Bausünden der 1960er bis 1980er Jahre verwundet worden. Das wird etlichen Leipzigern gar nicht so fremd vorkommen – mitsamt der erfolglos gebliebenen Bürgerproteste gegen ein völlig überdimensioniertes Einkaufsungeheuer. Was nicht nur mit dem lange Zeit fehlenden Bewusstsein für die Attraktivität historisch gewachsener Stadtlandschaften zu tun hat, sondern mit der Blindheit des Großen Geldes für lebendige und ästhetische Strukturen.

    Und in den großen deutschen Städten regiert das große Geld. Nicht nur mehrere Häuser werden zusammengelegt, um etwas Großes hinzuklotzen – ganze Quartiere verschwinden unter gigantischen Malls, die alles Treiben und Handeln versuchen, in ihre riesigen Bäuche zu bannen. Dem Stadtraum bieten sie blinde, riesige Mauerfronten. Mitten in historischen Strukturen entstehen regelrechte Nicht-Orte.

    Wahrscheinlich ist es genau das, was Steffi Böttger – nachdem sie in Wismar, Greifswald und Schwerin ganz Anderes gesehen hat – in Kiel regelrecht einen Schock versetzte, als sie Sophienhof und Europaplatz sah. Warum nehmen Investoren und Bauherren eigentlich die Gefühle der Einwohner so wenig ernst?

    Vielleicht ist es genau das, was die Bürger Europas derzeit so wütend macht – diese sture, trumpische Ignoranz gegen all das, was sie eigentlich selbst angeht: gegen ihren Alltag, ihre Lebensversorgung, ihre Heimatstädte. Dieser Elefantismus der Milliardäre, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Schmott und sich trotzdem anmaßen, die Welt mit ihrem Gigantismus zu beglücken.

    Aufatmen. Umdrehen. Weitergehen.

    Das ist ja nicht das ganze Kiel. Denn hier weht auch noch ein anderer Wind, kein hanseatischer, wie wir dabei lernen. Denn Kiel ist im 16. Jahrhundert hochkant aus der Hanse geflogen. Dafür wurde es im 17. Jahrhundert Universitätsstadt und bekam eine ganz neue Bedeutung, als 1784 der Eider-Kanal fertiggestellt wurde, der Vorläufer des Nord-Ostsee-Kanals, der endlich ermöglichte, dass Seefahrer das wilde und gefährliche Skagerrak vermeiden und auf schnellstem Weg in die Ostsee fahren konnten.

    Heute ist der Kanal, durch den die größten Kreuzfahrtschiffe der Welt regelmäßig in majestätischer Gewaltigkeit fahren, die Hauptattraktion in der Gegend. Und natürlich legen die dann in Kiel an, genauso wie die Fähren nach Skandinavien rüber. Es ist also eher das Abenteuer Schifffahrt, das man in Kiel in vielen Facetten erleben kann – ob im Hafen mit der genialen Hörn-Brücke, dem Norwegen-Kai oder der Kai-City, oder in den diversen Museen, wo man das Nautische vor allem von der Forschungsseite her erleben kann – ob im Schifffahrtsmuseum, im Zoologischen Museum oder im Aquarium Kiel.

    Im Stadtkern selbst kann man sehen, wie die Kieler versucht haben, ihrer Stadt wieder eine Struktur zu geben, nachdem diese im 2. Weltkrieg zu 80 Prozent zerstört worden war. Da konnte man nicht alles wiederaufbauen, manches nur in deutlich reduzierter Form – so wie das Rathaus oder das Schloss, das tatsächlich nicht mehr wie ein Schloss aussieht. Manche moderne Lösung scheint gelungen – findet jedenfalls Steffi Böttger: die Stadtgalerie etwa oder der Hörn-Campus. Immerhin musste Kiel sich ja auch neu erfinden, denn dass es so massiv von englischen und amerikanischen Bomberverbänden angegriffen wurde, hat ja damit zu tun, dass es erst Sitz der preußischen, später der Reichsflotte war und hier auch die großen Werften für Kriegsschiffe und U-Boote lagen. Eins dieser U-Boote ist in Laboe zu besichtigen, wo ja bekanntlich auch das Marine-Ehrenmal steht, einst errichtet, um an die im 1. Weltkrieg getöteten deutschen Marine-Soldaten zu erinnern, heute Erinnerungsort für alle auf See Gebliebenen aller Nationen und ein Mahnmal für friedliche Seefahrt.

    So ist der einst martialische Teil der Stadtgeschichte noch als Erinnerung präsent – bis hin zu zwei für Leipziger auf jeden Fall überraschenden Denkmalen: die für Bismarck und Kaiser Wilhelm I. Beide von den Kielern eher als Versöhnungsgeste hingesetzt gegenüber den Preußen, denn die Annexion Holsteins durch die Preußen hatten die eher liberalen Kieler 1867 keineswegs begrüßt. Als dann der deutsch-französische Krieg zum großen Bruderschaftsbesäufnis der deutschen Kleinstaaten unter Führung Preußens wurde, war man besänftigt und stellte den Preußen nun diese beiden Denkmäler hin.

    Dass Bismarck nun freilich im Hiroshimapark steht, hätte den Eisernen Kanzler vielleicht verwundert. Aber nur vielleicht. Denn von kriegerischen Ambitionen auf den Meeren oder gar in China hielt er ja bekanntlich nichts.

    Kiel ist also durchaus für einige Überraschungen gut, erst recht, wenn man merkt, wie man hier einen nun wirklich friedlichen Künstler wie Ernst Barlach liebt, der mit einigen eindrucksvollen Skulpturen im Stadtraum vertreten ist. Und so nebenbei erfährt man natürlich auch, was es mit Kieler Sprotten auf sich hat und mit den Kieler Anzügen, die im 19. Jahrhundert mal so eine Art Uniform für deutsche Schüler waren und heute in einigen berühmten Knabenchören noch zu sehen sind – bei den Thomanern zum Beispiel. Eigentlich auch so eine indirekte Erinnerung an eine Zeit, als ein Kaiser mit angeknackstem Selbstbewusstsein davon träumte, Deutschlands Zukunft läge auf den Meeren.

    Man stolpert also immer wieder ganz unverhofft über Geschichte, da und dort eingestreut in eine Stadt, die sich am schönsten vom Turm des Rathauses aus betrachten lässt. Aber diesmal ist die Autorin nicht raufgeklettert. Sie bedauert es sogar ein wenig, dass man nur mit dem Fahrstuhl hinaufkommt. Aber die Aussicht ist schön. Und das ist ja wohl der vernünftigste Grund, mal woanders hin zu fahren.

    Steffi Böttger Kiel an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2016, 4,95 Euro.

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