Natürlich ist Wittenberg nicht allein Luther. Es ist auch Melanchthon, Cranach und Bugenhagen, Katharina sowieso, Schwerter zu Pflugscharen und Hundertwasser, Wilhelm Weber und – naja – irgendwie auch Hamlet. 2017 wird das Städtchen an der Elbe wahrscheinlich überrannt. Gute Frage: Wann plant man da am besten seinen Besuch im „Paradies auf Erden“?

Das mit dem Paradies ist natürlich auch von Luther. Er hat die kleine 2.000-Einwohner-Residenz genauso verflucht wie das nahe gelegene vom Geld besessene Leipzig. Und er hat sich auch völlig anders geäußert, als er seine Katharina hatte und ein florierendes Zuhause. Garten vor der Tür, leckere Gerüche aus der Küche: Paradies.

Heute ist (fast) alles hübsch saniert. Die Wittenberger haben alle Erinnerungsstätten noch einmal auf Vordermann gebracht fürs große Jubiläum. Und Volkmar Joestel lädt mit diesem Mini-Buch dazu ein, sich auf Erlebnis-Tour zu begeben. Entdeckungstour ist es ja nicht wirklich. Auch heute ist das alte Wittenberg noch genauso kompakt und überschaubar wie zu Luthers Zeiten. Man kann die wichtigen Gebäude, die die 500-jährige Luther-Geschichte zeigen, gar nicht verfehlen. Obwohl es eher die 150-jährige Luther-Geschichte ist. Denn was der Besucher heute zu sehen bekommt, stammt in der Regel aus der Preußen-Zeit, als die Hohenzollern einen Weg suchten, Thron und Kirche als starke Zentralgewalt zu inszenieren – und auch den Sachsen so ein wenig die Vormacht-Rolle in Sachen Protestantismus streitig zu machen. Deswegen hat man eher ein preußisch restauriertes Wittenberg vor sich.

Luther als Inszenierung

Wie sich das heutige Wittenberg wahrscheinlich vom Lutherschen unterschied, kann man ja seit dem 22. Oktober in Yadegar Asisis Panorama „Luther 1517“ sehen. Oder ahnen. Es ist ja auch nur der Versuch einer Rekonstruktion, der zumindest deutlich macht, was für ein schlammiges und rustikales Wittenberg das gewesen sein muss, als der weise Friedrich hier 1502 eine Universität gründete. Eine mit humanistischem Anspruch – mitten in einer tiefgläubigen, noch mittelalterlichen Welt.

Das Panorama liegt zwar nicht auf der Strecke, die Joestel ausgewählt hat, aber ihm ging es ja auch vor allem darum, die Luthersche Hauptstrecke zu zeichnen, jene Wegstrecke, auf der sich fast alles reiht, was mit Luthers Leben und Wirken zu tun hat – von der Luthereiche über die Marienkirche zum Rathaus, Bugenhagenhaus nicht vergessen, Luther- und Melanchthon-Denkmal, Schlosskirche und fehlendes Schloss. Vielleicht das Ärgerlichste an der Sache: Gerade das Schloss Friedrich des Weisen ist in all den kriegerischen Zeiten verloren gegangen, die Kirche wurde ebenso zerstört. Was hier rund um die berühmte (von den Preußen gegossene) Thesentür zu erleben ist, ist zum großen Teil Rekonstruktion und Inszenierung. Man muss aufpassen. Denn diese Luther-Inszenierung wirkt bis heute. Jüngere Interpretationen überlagern die tatsächliche Geschichte. Die Stadtgewässer kommen als brave Straßenkanäle daher, was sie zu Luthers Zeiten nicht waren.

Ahnen kann man, wie die Leucorea aussah zu Luthers Zeit, Melanchthons Haus wurde liebevoll wieder besuchbar gemacht. Aber schon dort begegnet man den Interpretationen späterer Jahrhunderte. Und beim Lutherhaus ist es nicht anders. Erst die Archäologen der Neuzeit haben hier mit einigen alten Legenden aufgeräumt, andere – originale – Luther-Geschichte dafür belegt. Hier wird – noch stärker als bei den liebevoll wieder hergerichteten Cranach-Höfen – auch sichtbar, wie sehr unser Blick auf die Zeit eine Rekonstruktion ist, ein Wiederherstellen dessen, was wir für wichtig halten. Als Skulptur eilt Katharina über den Hof. Bei den einzelnen zu besichtigenden Räumen des einstigen Luther-Hauses spürt man die Übergänge zwischen beinah noch originaler Luther-Stube und dem Verlust in anderen Räumen, wo spätere Nutzungen auch die Luther-Zeit überlagerten und verdrängten.

Das „richtige“ Luther-Wittenberg

Man ahnt, warum Yadegar Asisi so eine Lust darauf hatte, das „richtige“ Luther-Wittenberg zu rekonstruieren und wenigstens ein Gefühl davon zu vermitteln, wie das damals hier aussah. Aber Joestel erzählt natürlich die Geschichte immer mit, so dass man beim Durchspazieren auch so ungefähr weiß, welche Ereignisse sich mit den Orten und Gebäuden verbinden. Und die Wittenberger haben sich Mühe gegeben, es nicht so zu übertreiben wie einige Stadtrekonstruierer anderswo. Die Stadt ist nicht zum Museum geworden, eher zu einem liebevoll arrangierten Exponat, das auch Luther nicht wiedererkannt hätte, weil die Rekonstruktion mit ganz anderen Möglichkeiten erfolgte, als es in seiner Zeit machbar war. Was Asisi nicht zeigt: Luthers Wittenberg war eine große Baustelle. Friedrich der Weise war mittendrin in seinem Riesenprojekt, aus der kleinen Stadt eine fürstliche Residenz zu machen.

Natürlich nicht ahnend, dass das schon mit dem Schmalkaldischen Krieg 1547 ein Ende finden würde, dass später hier die Preußen eine Festung draus machen würden und selbst die zu Luthers Zeit attraktivste Universität des Reiches 1817 verschmolzen werden würde mit der preußischen Universität in Halle.

Verständlich, dass die Stadt heute mit dem Impetus lebt: Hier hat alles angefangen. Und wer sich wirklich Zeit lässt, der bekommt natürlich so ein inneres Bild, das sich verdichtet mit jedem Mosaikstein, der an dieses längst vergangene Luther-Wittenberg erinnert. Und da Joestel immer wieder das Fragmentarische der Rekonstruktion betont, lädt er natürlich zum Innehalten ein. Auch ein wenig dazu, die eigene Phantasie zu nutzen, sich in der liebevoll sanierten Kulisse das vorzustellen, was hier vor 500 Jahren geschah. Und warum es geschah. Und warum der Bibelprofessor Luther ausgerechnet hier meinte, die Glaubensgebäude der Zeit infrage stellen zu müssen.

Am Ende gibt es noch ein paar kleine Tipps zu Festen in Wittenberg und anderen Berühmtheiten, die mal mit Reformation nichts zu tun haben. Genug Stoff für ein richtig ausgefülltes Wochenende in Wittenberg. Und am Ende darf man auch noch darüber grübeln, ob Hamlet nun tatsächlich hier war oder ob Shakespeare einfach Melanchthon gelesen hat, bevor er seinen dänischen Prinzen orakeln ließ: „Sein oder nicht sein?“ Was dann wahrscheinlich immer auf die Umstände ankommt, ob man im kalten Helsingör wandelt oder bei Sonnenschein über den Wittenberger Markt, wo dann eher die Frage steht: Wo trinkt man jetzt sein wohlverdientes Bierchen?

Volkmar Joestel Lutherstadt Wittenberg, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2016, 5 Euro.

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