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Montag, 18. Januar 2021

Erstaunlich vertraute Töne von jungen Dichtern aus dem Ostseeraum

Von Ralf Julke

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    Der Untertitel stimmt – und führt doch erst einmal in die Irre. Denn so ein wenig erwartet man bei „Gedichten aus dem Ostseeraum“ eine Anthologie von jungen deutschen Dichtern aus Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein. Von denen hat man wirklich lange nichts gehört. Aber in diesem Fall ist das Ganze viel größer gedacht.

    Denn der Band vereinigt mehrere junge Dichterstimmen aus Ostsee-Anrainer-Staaten. Nicht aus allen. Wer auch Deutschland, Polen, Lettland und Litauen sucht, sucht vergeblich. Das wäre dann schon eine große Anthologie geworden, die sich ganz bestimmt lohnt. Solche völkerverbindenden Projekte gibt es viel zu wenig. Denn wenn sie einmal gestartet werden, durchbrechen sie fast immer die Fremdwahrnehmung mit all ihren Vorurteilen über die anderen Länder, ihre Bewohner und ihre Literatur. Auch in diesem Fall.

    Geboren wurde das Projekt an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald, wo junge Leute so exotische Fächer wie Fennistik, Uralistik, Skandinavistik oder Sprachliche Vielfalt studieren. Und dazu gehört natürlich auch, dass man aus der studierten Sprachwelt auch übersetzen kann. Hochkarätig übersetzten kann. Das wird dann in der Regel in Publikationen wie „Neue Nordische Novellen“ veröffentlicht.

    Aber Gedichte sind ja keine Novellen. Ab damit also in eine kleine, besondere Anthologie – vorher musste natürlich angefragt werden bei den originalen Autorinnen und Autoren, auch wenn diese – wie der St. Petersburger Dichter Vladimir Gorochov – ihre Gedichte auch im Internet veröffentlichen.

    Aber was kommt dabei heraus, wenn man junge Dichterinnen und Dichter aus Finnland, Russland, Norwegen, Schweden, Estland und Dänemark übersetzt? Vielleicht eine Art Ostsee-Reigen?

    Nicht wirklich. Der Einzige, der das Meer überhaupt erwähnt, ist der Este Igor Kotjuch, der das aber eher als Schicksalsschlag begreift, wie er so im Zug Richtung Krim zu einem Dichtertreffen daran denkt. Die Aussicht auf einen See wäre ihm lieber. Und auch die anderen sind eher nicht mit dem Lobpreis der Landschaft beschäftigt, sondern leben ein durchaus modernes Leben mit all seinen Sorgen um Sinn und Vergänglichkeit, Orientierung und Apokalypse. Das klingt vertraut und macht beim Lesen bewusst, wie sehr wir in unserem eigenen Sprachverschlossensein gar nicht merken, wie ähnlich und verwandt uns das Leben der jungen Leute in den Städten dieses Kontinents ist, wie sehr alle Exotik nur eine falsche Kulisse ist.

    In Wirklichkeit schlagen wir uns alle mit denselben Sorgen, Träumen, Befürchtungen herum, spüren die Brüchigkeit der Zivilisation, die überall so eine spürbare Leere bekommen hat, das Pfeifen harscher Winde in Betonschluchten und das blasierte Aufploppen von Leuten, die ihre zelebrierte Unmoral vor sich her tragen wie ein Marterkreuz. Denn tatsächlich sind wir all die Jahre alle nur in eine Richtung gelaufen, dem großen Fortschritt hinterher, den Verheißungen von Markt und Technologie.

    Aber das schafft keine Wärme und keine Beständigkeit. Die Mauern sind brüchig, die öffentlichen Erzählungen reine Märchen. Bis hin zur „modernen Literatur“, die auch Malte Persson nicht gefällt, der in einem Reigen emotionaler Gedichte in die Rolle des Heimkehrers nach Ithaka schlüpft. Und der dabei über die Unmöglichkeiten der Heimkehr nachdenkt und die Irrfahrt als eigentliche Metapher des Lebens. Stimmt: Dieser Homer ist noch immer viel gegenwärtiger als das Meiste, was einem Jurys als das preisverdächtige Buch des Jahres einreden wollen.

    Denn der Kerl hatte ja noch Zeit. Und war sich dessen bewusst, dass gute Geschichten immer ein Gleichnis sind, immer etwas Größeres miterzählen, wenn es scheinbar nur um die Geschichte eines Helden geht, der nicht nach Hause finden kann. Irgendwie ist das ein Motiv, das einem – abgewandelt – auch in den Gedichten der anderen Autoren begegnet, bei Theis Ornthoft aus Dänemark zum Beispiel mit einem deutlichen Angewidertsein von den Lügenmärchen einer von Grenzen besessenen Gesellschaft. Den falschen Verheißungen dieser Großredner, die längst vergessen haben, wie intensiv Leben und Begegnung sein können. Denn die Kälte entsteht, wenn sich niemand mehr für den anderen interessiert. „Falls jemand fragt“, so beginnt das bei Anne Helene Guddall aus Norwegen. Aber scheinbar fragt niemand, sind alle beschäftigt damit, sich in ein Denkmal ihrer selbst zu verwandeln (was dann Vladimir Gorochov verdutzt feststellt) oder ihre Arbeit zu verrichten wie Maschinen, die über Moral nicht mehr nachdenken. So wie der Richter Bennett in Asta Olivia Nordenhofs Gedicht: „ich will wissen, welche bedingungen es gestatten, die fortführung seines amtes über seine moral zu stellen“.

    Es geht also auch unverblümt. Beim Lesen verbinden sich die Motive und Bilder und man ist in einer Welt, die man überm Geschrei der täglichen Wichtigkeiten immer wieder vergisst, einer Welt richtiger Menschen, die noch nach Liebe, Nähe und Anstand fragen. Und die mit spürbarer Beklemmung fragen, warum die Blender, Feiglinge und Gewissenlosen eigentlich die Welt regieren und zu einem unaushaltbaren Ort machen. Der eine mehr, die andere weniger. Gedichte, wie man sie auch Dichterinnen vom Balkan und Dichtern aus Tunis zutrauen würde. Denn irgendwie werden die unaushaltbaren Zustände allerorten immer ähnlicher, leben gerade junge Menschen in einem zunehmenden Gefühl des Unbehaustseins – und fühlen sich erst auf Reisen zu Hause.

    Eigentlich ist das Leben, „eine Verhöhnung der Entropie“, wie der Norweger Ruudjord schreibt, die Fähigkeit, sich eben nicht aufzugeben und aufzulösen, sondern Nein zu sagen, unter widrigsten Bedingungen doch weiterzumachen, einfach weiterzumachen.

    Wenn man sich vorstellt, dass diese Leute nicht nur da oben im kühlen Norden unterwegs sind, sondern auch im mystischen Osten und im geschundenen Süden und vielleicht auch im mutlosen Westen, dann könnte das fast schon Hoffnung machen, dass die Sache weitergeht. Und nicht endet. Ohne begründet zu werden. „Erklären / muss man dann nichts / und zwar niemanden“, schreibt Marko Heikkinen. Es geht allein ums Gespräch. Oder die Berührung. Oder beides. Oder den Versuch, die richtige Insel zu finden unter den ganzen Inseln. Vielleicht heißt sie ja Ithaka.

    Matthias Friedrich, Slata Kozakova (Herausgeber) „Einbildung eines eleganten Schiffbruchs. Gedichte aus dem Ostseeraum“, Reinecke & Voß, Leipzig 2017, 11 Euro.

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