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Die erste Scheibe mit Hörschnitzeln von Anna Mateur

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    Anna Maria Scholz alias Anna Mateur ist eins jener frappierenden Beispiele dafür, dass aus diesem provinziellen, ungebildeten und trantütigen Fleckchen namens Sachsen noch echte Menschen mit Lebenswitz, Scharfsinn und bissigem Humor kommen können. Trotz alledem, darf man sagen. Trotz alledem, was es auf dieser CD zu hören gibt. Wer Sachsen begreifen will, kommt um Anna Mateur nicht herum.

    Sie wurde 1977 in Dresden geboren. Aber es ist egal. Dort geht es in den irdischen Dimensionen nicht anders zu als in Chemnitz, Zwickau oder Pirna. Und wer noch immer rätselt, warum gewisse Volksbewegungen so erstaunlich großen Zulauf haben, der lernt das Volk hier kennen. Von seiner besten Seite. Und die ist fürchterlich. Denn sie ist ungebildet, eingebildet und besorgt. Man vergisst es immer wieder, weil die seriösen Medien tatsächlich für Menschen gemacht werden, von denen man annimmt, dass sie eine gute Erziehung und eine abgeschlossene Bildung haben, die auch verstehen, wenn Sätze länger als drei Worte sind und Zusammenhänge etwas komplizierter als „Klimawandel gleich Palmen“.

    Und das Verblüffende ist: Es ging dieser aufmerksamen Dresdnerin augenscheinlich nicht anders als so vielen jungen Leuten zwischen Harz und Elbsandsteingebirge. Denn das, was sie mit ihrer vielseitigen, treffsicheren und genauen Stimme erklingen lässt, das ist die Grausamkeit einer Welt, der man eigentlich nur noch entfliehen will, wenn man einigermaßen bei Verstand geblieben ist.

    Was nicht allen gelingt.

    Die Kevins und Schacklines kommen ja niemals raus aus dieser Atmosphäre des fortwährenden Redens, Maulens, Jammerns, der Kindergärtnerinnen, die ihren quäkenden Befehlston nicht mehr ablegen können, der Lehrerinnen, die die Ruhe und das Stillsitzen hineinpressen in die Klassen, der Nachbarinnen, die über den Klimawandel alles wissen, und der Frauen, die sich in Annoncen und Youtube-Clips in ihrer ganzen seelischen Armut ausbreiten, ohne zu merken, wie abschreckend das ist. Und wie frustrierend. Aber: Ist das wirklich so?

    Leider ja. Möglicherweise nicht nur in Sachsen. Schon die Existenz der privaten Fernsehsender deutet ja darauf hin, dass es diese armseligen Menschen mit ihren armseligen Vorstellungen von Glück, Liebe, Konfliktlösung überall geben muss. Und dass sie viele sein müssen. Man verdrängt es nur, weil man diesen Leuten meist nur in der Straßenbahn begegnet, im Discounter oder – wenn man Pech hat – in der Elternversammlung. Sie sind wie Fremde, auch wenn man diesen selbstgerechten Ton viel zu oft gehört hat, diesen Küchenfrauenton, der einem schrill in den Ohren klingt und jedes Essen verleidet. Dieses Nie-Zufriedensein und doch immer nur Im-selben-Saft-Schmoren. Jede Begegnung ein einziger Vorwurf. Rollen, die sich niemals verändern. Die man schon nachsprechen kann, wenn einem diese Sprüche nicht längst schon über wären.

    Und man weiß dann nach drei, vier, fünf dieser Hörschnipsel, die Anna Mateur mit genialer Genauigkeit eingesprochen hat, dass sich eigentlich da draußen – in den ganz normalen sächsischen Provinznestern – nichts geändert hat. Als wäre die Zeit stehengeblieben im Jahr 1988 – samt einer gefühllos hingeleierten Jugendweihe. Eine Welt voller Phrasen und Floskeln, bedeutungsvoll ins Mikrofon genuschelt, so dass auch noch der letzte Jugendweihling merken muss, dass diese lustlosen Erwachsenen ganz bestimmt nicht darauf warten, dass diese jungen Leute auch noch kommen und ein eigenes Leben haben wollen.

    Wo gibt es denn so etwas?

    Auf einmal weiß man auch wieder, warum dieses Sachsen heute derart voller Frust und Aggression ist, voller hingemaulter Vorwürfe an alle, die sich nicht an die dumpfe Wichtigtuerei halten, die gar opponieren gegen die Zustände, die eigentlich nicht auszuhalten sind. Die aber in Sachsen besonders gepflegt werden. Da muss man gar nicht erst alt werden, um dement zu werden. Etliche der Figuren, die Anna Mateur hier zu Wort kommen lässt, sind es schon früh. Die 24 Schnipsel, die Anna Mateur hier mit viel Phantasie und einigen kleinen technischen Finessen produziert hat, sind ein bissiges, saftiges und derbes Stück Gegenwart – jener Gegenwart, die wir so gern verleugnen, die neben der offiziell gelebten Gegenwart immer da ist, nichts lernt, nichts begreift, aber dennoch verbissen um ihren Platz an der Sonne kämpft.

    Was man ja versteht.

    Aber sie tut es mit den falschen Mitteln – ohne wirkliches Selbstbewusstsein, ohne Souveränität, fortwährend beleidigt. Und selbst wenn sie nicht beleidigt ist, klingt sie immer so: schrill, gepresst, fordernd. „Nun sag doch mal was! Sitz still! Lern was Ordentliches! Wieso weißt du immer noch nicht, was du werden willst?“

    Und man fühlt auch, warum das sächsische Bildungssystem an dem allen nichts ändern kann. Denn auch dort regieren diese schrillen Stimmen, herrscht dieser fordernde Ton, den man von PEGIDA und Co. so gut kennt: Ein einzig beleidigtes Volk von Bürgern, das sich schon deshalb im Recht glaubt, weil ringsum alle Eingeschüchterten nicken. Und das sich selbst dann noch eine schöne Weihnachtsstimmung ausmalt, wo die Unfähigkeit aller Beteiligten, wirklich ehrlich zu sein und als Mensch präsent, unüberhörbar war.

    Man hört ja Anna Mateur nur in all den vielen Rollen, die sie spielt. Sie muss all dessen übervoll sein. Und all dessen gründlich überdrüssig. Wahrscheinlich wurde es Zeit, dass all das mal gesagt wurde, gesagt werden musste. Und zwar in diesem Ton. Man denkt ganz und gar nicht zufällig an Jennifer Rostock und ihr auf CD gebrachtes Statement „Genau in diesem Ton“, das zu Recht von den Parteifunktionären der zutiefst Beleidigten als Statement gegen sie und ihre Jammertiraden verstanden wurde. Es ist ja nicht nur in Sachsen so.

    Und das Verblüffende ist: Gerade dieser 25-jährige Versuch, die Ostdeutschen einzulullen und politisch in Watte zu packen, hat diesen Jammerlappen Bestätigung verschafft. Sie laufen grimmig herum, geben sich besorgt, obwohl sie nur um ein Leben besorgt sind, das außer ihnen niemand führen will. Das niemand, der ein leidenschaftliches und ausgefülltes Leben möchte, auch nur eine Woche aushalten kann. Sie bieten eine grämliche und miesepetrige Welt als einzig Gültige an.

    Da kann man nur bissig werden. Oder eben zutiefst zynisch wie Anna Mateur. Denn diese Eingelullten werden nicht mal verstehen, wenn man versucht, das Leben außerhalb ihrer Fernsehwelt zu erklären. Sie merken nicht mal, wie sie sich entblößen und gleichzeitig entblößt werden. Denn richtig zynisch sind ja die sogenannten Reality-Shows, die – von oberflächlichen Moderatorinnen begleitet – auch noch die letzte seelische Armut der Protagonisten sichtbar machen, vor aller Welt sezieren und als gelebtes Leben verkaufen.

    Wer aus diesen geistigen Provinzen entkommen ist (und die meisten schaffen es nicht), der bekommt schon bei diesen Sätzen und falschen Tonlagen die Panik. Und Anna Mateur hat das in diesen 24 Schnipseln so sauber auf den Punkt gebracht, dass man sich nicht mehr wundert, warum Politik nicht nur in Sachsen immer wieder in so einen Brei abdriftet, Leute nach oben spült, mit denen man nicht mal fünf Minuten im selben Zugabteil sitzen möchte. Ist das nun überheblich?

    Nicht wirklich. Denn die Antwort lautet eben nicht: „Sie können ja nichts dafür.“

    Das Gegenteil ist der Fall. Denn diese aufgesetzte Besorgnis ist auch ein Machtmittel. Es ist die ganze wehleidige Erpressung, die aus dem Alltag dieser Menschen immerfort auch in die Politik kippt. In besorgte Politik und in vorwurfsvolle Politik, die jede Kritik behandelt, als hätte sich Kevin schon wieder daneben benommen und nun fliegt er aber raus – „Ab vor die Tür!“ Aber: Ihre Kinder liebt diese beleidigte Lehrerin trotzdem. Natürlich. Bei diesem Tonfall glaubt man das bestimmt.

    Medial begegnen sich diese Jammerwelten Ost natürlich mit den Jämmerlichkeiten West. Denn da, wo Menschen manipulierbar werden, trifft sich das alles. Spätestens im Pflegeheim, wo die Abgelegten und Weggestellten wieder behandelt werden wie unmündige Kinder. Und manche scheinen sich nach dieser lebenslangen Bevormundung geradezu zu sehnen. Das ist das Schlimme daran. Und damit sorgen sie dafür, dass sich an ihrer muffigen Welt nichts ändert, alles so bleibt wie damals, als „auch nicht alles schlecht war“. Man kann es eigentlich nicht mehr hören.

    Aber gerade diese virtuose Audio-Session von Anna Mateur macht dem Zuhörer wieder klar: Es ist alles noch da. Es rumort auch nicht mehr leise. Wenn die glücklich in die großen Städte geflohenen Kinder schon nicht mehr nach Hause kommen, dann kommt die Provinz eben in die großen Städte und in die große Politik. Sie will gehört sein. Sie will geliebt sein. Und zwar so, wie sie das immer gewollt hat: Mit absoluter Zustimmung und ohne Widerspruch. Wer nicht pariert … na  ja, da dreht sich die Sache im Kreis. Und das Lachen über diese eigentlich bitterbösen Rollen, in die Anna Mateur schlüpft, bleibt einem im Hals stecken. Denn am Ende weiß man nur zu genau, dass das alles noch da ist. Und immerfort so weiter macht und seine Welt für die einzig richtige hält. Und jederzeit bereit ist mitzumachen, wenn einer kommt, der verspricht, es ihnen allen wieder genau so herzurichten.

    Denn auch große Konzerne und große Politiker lieben solche Menschen, die alles mitmachen, wenn man sie nur vor einem bewahrt: ihr eigenes Leben endlich anzufangen zu leben.

    Anna Mateur Gut sortiert, Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2017, 15 Euro.

    In eigener Sache: Lokaler Journalismus in Leipzig sucht Unterstützer

    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2017/03/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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    2 KOMMENTARE

    1. Auch wenn ich Peter Fox lieber höre, so ist Jennifer Rostock doch deutlich angriffslustiger und direkter. Das passt schon ganz gut denk ich, auch wenn ich die Songs, um die es hier geht, noch nicht gehört hab. Das werd ich jetzt sofort mal nachholen.

    2. Kann man machen. Sich so aus- und die Protagonisten ankotzen. Zu Recht? Vielleicht. In dieser Öffentlichkeit? Nun ja… Zumindest wenig mutig.
      Denn diejenigen, denen wirklich Verantwortung zugewiesen werden kann und muß (!), werden am Ende des Artikels in einem Satz erwähnt.
      Und anzunehmen, in der ach so dollen droßen Stadt würden die Überflieger leben – geschenkt. Bullshit. Da brauch‘ ich nur abends in den Clara-Park, den Auwald oder an den Cospudener und Markkleeberger See gehen.
      Oder zum Amtsleiter. Dasselbe auf sprachlich und intellektuell höherem Niveau. Inhaltlich kein Unterschied.
      Schwarz, grün, gelb, weiß, Stadt, Provinz – Menschen sind überall gleich.

      Ebenso die vermeintlichen Eliten. Doch genau diejenigen sind es, denen diese Ansprache gehört. Geht auch deutlich einfacher. Die können namentlich angesprochen werden.

      Ob Jennifer Rostock ein gutes Beispiel ist? Ich bezweifle es. Peter Fox singt irgendwo, daß es einfach ist, die wehrlose Spinne in der Dusche runter zu spülen- aber eben nicht angemessen.

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