30 Jahre Triumph der entfesselten Gier

Warum wir dem Märchen vom gerechten und besseren Markt nicht glauben dürfen

Für alle LeserAm Ende kneift der Professor. Und das verblüfft schon, nachdem er einen richtig langen Anlauf genommen hat und mit einer weiten Herleitung aus der Geschichte dem wahrscheinlich noch nicht wissenden Leser erklärt hat, wie Märkte einst entstanden und wer ein Interesse daran hatte, Märkte zu schaffen. Denn "der Markt" ist alles andere, aber nicht das, was die lobpreisenden Anbeter "des Marktes" behaupten.

Deswegen ist der Ausflug des Wirtschaftswissenschaftlers der Universität Kassel, Prof. Dr. Jürgen Freimann, so wichtig. Denn wenn man weiß, wann und warum Märkte gegründet wurden und welche Funktion sie erfüllten, dann versteht man auch, wie all jene heute lügen und Märchen und Fakes erzählen, die das Lied vom alles regelnden Markt singen. Dann versteht man sogar irgendwie, warum es Leute wie Trump und Le Pen nach oben spült, berauschte Engländer für einen Brexit stimmen und die EU-Kommission immer noch so tut, als wäre sie ein demokratisch agierendes Regierungsorgan. Was sie nicht ist.

Eigentlich hätte nicht der Untertitel „Wie wir den homo oeconomicus überwinden können“ aufs Cover gehört, sondern eher etwas wie „Warum TTIP, CETA und Co. unsere Welt in ein Irrenhaus verwandeln werden“. Denn dass Trump und seine Artverwandten überall triumphieren, das hat mit dem falschen Denken hinter dem zu tun, was seit 30, 40 Jahren von neoliberalen Lobbyisten als „der Markt“ angepriesen wird.

Der „homo oeconomicus“ stammt aus diesen wirtschaftswissenschaftlichen Denkschulen, die den als ideal gedachten Markt mit ideal gedachten Marktteilnehmern besetzt haben – also lauter homo oeconomicussen, die sich vor allem durch drei Dinge auszeichnen: Sie handeln immer rational, haben alle notwendigen Informationen über die gehandelten Produkte und sie sind – das wichtigste Argument – alle in einer gleichen Machtposition. Also ökonomisch gleich stark. Dann regelt sich alles auf diesem Markt im fairen Wettbewerb, so die Annahme, die Besten gewinnen, die Innovation wird befeuert und der Wohlstand für alle mehrt sich.

Wer die Wortmeldungen deutscher Ökonomen liest, weiß, dass sie genau so argumentieren.

Die Wahrheit ist: Sie belügen damit sich selbst und das Publikum.

Denn das Modell ist eben genau das, was das Wort besagt: eine theoretische Denkaufgabe. Was wäre wenn … Was wäre, wenn „der Markt“ tatsächlich so organisiert wäre? Diese Denkweise hat mit dem „Vater der Marktideologie“ Adam Smith angefangen. Und sie beherrscht die meisten westlichen Wirtschaftslehrstühle bis heute. Obwohl es nur ein paar Recherchen in der Wirklichkeit braucht, um die wesentlichen Behauptungen dieses Marktmodells als falsch zu erkennen. Marktteilnehmer handeln fast nie rational (sonst würde Werbung nämlich nicht funktionieren), über alle notwendigen Produktinformationen verfügt in der Regel nur der Hersteller und kann seine Kunden, wenn ihm danach ist, nach Herzenslust übers Ohr hauen (man denke nur an die Dieselaffäre, an die falschen Werbeversprechen von übersüßter Fastfood oder die jüngeren Betrugsmaschen bei „echten“ Bio-Produkten aus industrieller Landwirtschaft). Und das Wesentliche: Auf dem Markt gibt es kein Gleichgewicht der Kräfte. Auf dem Markt diktiert der die Regeln, der am längeren Hebel sitzt – also der, der über mehr Kapital verfügt.

Fehlt da nicht was?

Natürlich. Freimann geht fast beiläufig darauf ein, obwohl es das Wichtigste ist: Märkte waren historisch immer reguliert. Alle Zivilisationen, die wir kennen, haben Regeln aufgestellt, was auf diesen Märkten zu welchen Konditionen gehandelt werden darf, welche Gebühren dafür fällig werden, welche Sanktionen denen blühen, die gegen die Regeln verstoßen – und wer nicht auf den Markt darf. Das alles hatte gute Gründe. Denn immer ging es dabei auch um den Schutz der eigenen Wirtschaft, der eigenen Steuereinnahmen, aber auch die Verhinderung von Betrug, Wucherei, das Einschleppen von Seuchen, aber auch die Verhinderung von Armut und Bettelei. Die Könige und Magistrate, die ihre Marktregeln aufstellten, philosophierten nicht groß über die wundersame Bedeutung des Marktes und der Marktakteure. Sie gingen mit gutem Grund davon aus, dass manche Menschen gierig, machtgeil und rücksichtslos sind, wenn es um ihren eigenen Vorteil geht. Leute, die einen Markt schaffen, erst recht. Denn das ist die Triebkraft der Marktwirtschaft (oder des Kapitalismus, egal, wie man es nennt): Wer ein Unternehmen aufzieht, will Gewinn machen, und zwar möglichst viel. Dass dabei gesellschaftlich nützliche Produkte und ein gewisser Fortschritt entstehen, ist sozusagen Beiprodukt. Wer sich die heutigen Märkte anschaut, der weiß, dass Vieles von dem, was da gehandelt wird, völlig unnütz ist und nur dazu da, den Gewinn des Unternehmers zu steigern – typischstes Beispiel dafür sind all die milliardenschweren Finanzwetten, die jeder vernünftige Wirtschaftsminister sofort verbieten würde.

Haben wir vernünftige Wirtschaftsminister?

Freimann belegt die „Fehlfunktion“ des Marktes hübsch mit Beispielen und muss dann eigentlich auch nicht mehr groß erklären, dass am Bild vom fairen und rationalen Markt nichts stimmt. Gar nichts.

Seine Feststellungen: „An Märkten wird gelogen.“ – „Märkte machen abhängig.“ – „Märkte grenzen aus“. – „Märkte machen bequem.“ Und vor allem schaffen sie eines nicht: Wohlstand für alle. Denn das Spielprinzip des Marktes, wie er derzeit propagiert wird, schafft Verlierer und Gewinner. Und Gewinner sind fast immer die, die eh schon die Stärkeren waren. Sie diktieren die Regeln, machen Gesetze und erpressen Regierungen. Deswegen landet Freimann auch bei „CETA, TTIP & Co.“ und erzählt ganz kurz, warum diese sogenannten Freihandelsverträge mit Freihandel eigentlich wenig zu tun haben, dafür ein Frontalangriff auf die Demokratie und die Selbstbestimmung der Staaten sind. Wenn Großkonzerne gegen Staaten (oder Kommunen) klagen dürfen, weil sie ihre möglichen Gewinne durch störende Regularien gefährdet sehen, Staaten und Kommunen aber nicht gegen diese Konzerne, dann ist das die völlige Entmachtung sämtlicher demokratisch gewählter Regierungen.

Wie gesagt: Dieses Kapitel hätte eigentlich mit in den Titel gehört. Es ist die wichtigste Warnung, die in diesem Buch formuliert wird.

Während die Formel „Wie wir den homo oeconomicus überwinden können“ etwas verheißt, was der kluge Professor aus Kassel am Ende nicht liefert. Er weicht aus. Und das ist eher verwirrend, wenn man weiß, dass das andere Autoren aus dem Tectum Verlag alles schon ausführlicher und stringenter erzählt und beworben haben – vom Grundeinkommen über das Vollgeld bis hin zur Tobin-Steuer. Letztere wäre zumindest ein kluges Mittel, die schlimmsten Exzesse an den Finanzmärkten wenigstens zu besteuern und die Gesellschaft wenigstens finanziell etwas teilhaben zu lassen an den Milliardengewinnen der Zocker.

Aber: Es ist trotzdem der falsche Abzweig. Weil man mit all den von Freimann aufgezählten Mitteln sich zwar in Teilen „dem Markt“ entziehen kann – ihm aber weder wirklich entkommt, noch die Marktfundamentalisten daran hindert, unsere Welt zu zerstören. Da nutzt auch Freimanns Appell am Schluss nichts, wir sollten es doch mal so probieren.

Die Wahrheit ist: Die Marktexzesse beendet man nur, indem man Märkte wieder als das begreift, was sie sind: Spielfelder für Akteure, bei denen die Macht völlig ungleich verteilt ist – wo übermächtige Konzerne gegen oft genug wehrlose Konsumenten, Kommunen, auch Regierungen agieren. Die größten Konzerne der Welt verfügen über ein Kapital, mit dem sie Länder in Südostasien, Afrika oder Südamerika problemlos aufkaufen könnten. Und in gewisser Weise haben sie das auch längst getan, plündern die wertvollen Rohstoffe, zerstören Meere und Urwälder, verseuchen die Umwelt und erpressen gewählte Regierungen – schon mit solchen liebevollen Worten wie „Investitionen“ oder „Arbeitsplätze“. Das versetzt je bekanntlich auch Politiker in Deutschland in Panik. Statt der Politik wieder zum Primat über „den Markt“ zu verhelfen und sinnvolle Regeln durchzusetzen, kneift man und versteckt sich unterm Schreibtisch.

Deswegen hätte Freimanns letztes Kapitel nicht heißen dürfen „Gut leben statt viel haben wollen“. Wie gesagt: Das haben andere wirklich schon stringenter erzählt und nicht als Lösung für unser Problem mit „dem Markt“ angeboten.

Das Marktproblem löst man erst dadurch, dass man wieder klare Regeln definiert. Wozu auch gehört, dass man „dem Markt“ all das wieder entzieht, was Grundlage unseres Gemeinwohls ist. Mit guter Begründung, denn „der Markt“ hat dort bislang keineswegs bewiesen, dass er alles besser kann, gar das Angebot verbessert und die Preise senkt. Im Gegenteil: Überall dort, wo sich Konzerne in Bereiche der Daseinsvorsorge gedrängt haben, haben sie in der Regel das Angebot verschlechtert, weil sie lieber Gewinn gemacht haben, als zu investieren. Das Eisenbahnwesen in England ist das beste Beispiel dafür. Dasselbe trifft auf die Wasserversorgung in Südamerika zu. Und wer sich die Privatisierungen von Wohnungsgesellschaften in Deutschland anschaut, trifft auf dasselbe Phänomen.

Es gibt Wirtschaftsbereiche, da sind Wettbewerb und ein „freier Markt“ sinnvoll, tragen Früchte und bringen auch einen gewissen Fortschritt hervor. Wobei Freimann zurecht darauf hinweist, dass auch dort trotzdem versucht wird, alle möglichen Kosten zu drücken oder gleich zu externalisieren (daher stammt ja u. a. unser Müllproblem).

Aber sichtlich können private Unternehmen die gesellschaftliche Daseinsfürsorge keinen Deut besser als Staat oder Kommune. Freimann nennt die Pariser Wasserversorgung als Beispiel, wo die betroffenen Bürger selbst erlebt haben, wie über Jahrzehnte wichtige Investitionen unterlassen wurden, die Wasserpreise aber geradezu explodierten.

Deswegen sind auch die immer neuen „Studien“ diverser Lobbyisten in Deutschland über die Unfähigkeit von Stadtwerken und anderen Kommunalversorgern, die Preise verbraucherfreundlich zu gestalten, meist mehr als fragwürdig. Hier wird an vielen Stellen und mit aller Lobbymacht versucht, genau das zu tun, was Freimann historisch nacherzählt hat: „neue Märkte zu schaffen“. Was übersetzt nichts anders heißt, als weitere Felder unseres Lebens zu privatisieren und großen Unternehmen als neue Gewinnquelle zuzuschanzen.

Das letzte Kapitel in Freimanns Buch hätte also eines sein müssen, in dem er als Professor für Nachhaltiges Wirtschaften ein klar definiertes Regularium für „den Markt“ hätte aufzeichnen müssen. Mit Begründung, logisch. Denn die Gründe, die frühere Könige und Magistrate hatten, ihre Märkte mit Regeln für alle zu versehen, gelten heute noch genauso. Das Funktionieren unserer Gesellschaft muss zwingend gewährleistet werden und es muss zwingend in unserer eigenen Hand liegen. Wir dürfen es gar nicht privatisieren.

Und wer sich umschaut in Deutschland, der weiß, dass viele unserer Probleme direkt mit solchen Privatisierungen von gesellschaftlicher Daseinsvorsorge zusammenhängen – ob das der Fernverkehr ist, der ÖPNV, das Gesundheitswesen, die Wohnungsversorgung – in manchen Kommunen auch schon Wasserversorgung und Abfallwirtschaft. Und das Schlimme ist: Wir haben sogar noch wichtigere Bereiche dem Zugriff der Privatwirtschaft geöffnet: die Geldpolitik und die Politik selbst. Denn wenn Lobbyisten unsere Gesetze (mit-)schreiben, dann ist das eine Privatisierung von Politik. Die dann in Verträgen wie CETA und TTIP ihre knallharte Ausprägung findet. Hier geht es nicht um den Abbau von Zöllen. Hier geht es darum, dass riesige Konzerne die Dominanz über Politik und Gesellschaft bekommen sollen, flankiert durch private Schiedsgerichte, die nichts und niemandem mehr rechenschaftspflichtig sind.

Und auch deshalb brauchen Märkte Regeln. Wirkliche Regeln und deutliche Grenzen: Bis hierher und nicht weiter.

Wer diese Grenzen verwischt, der zerstört nicht nur unsere Gesellschaft, der zerstört auch unseren Planeten.

Regeln sind nichts Schlimmes, schon gar nichts Gewinnbeeinträchtigendes. Sie hindern nur Menschen und Unternehmen daran, das zu zerstören, was für die Existenz unserer Gesellschaft notwendig ist. Sie verhindern auch, dass der Reichtum unserer Gesellschaft von ein paar mächtigen Gierigen oder gierigen Mächtigen einfach privatisiert und verfrühstückt wird.

Wenn man den Gedankengang überhaupt erst einmal geht, dann merkt man, dass die ganzen Aussteigermodelle, die Freimann als „Lösung“ anbietet, zwar gut gemeint sind, aber nicht wirklich helfen. Schade. Es hätte ein starkes Buch werden können. Aber vielleicht wird’s ja noch. Nur Mut, Herr Professor!

Jürgen Freimann „Das Märchen vom gerechten Markt“, Tectum Verlag, Baden-Baden 2017, 18,95 Euro

NeoliberalismusMarktwirtschaft
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