Amanda Kochs vierter Fantasy-Roman

Ildathach oder Die Suche nach dem, was das Leben tatsächlich ausmacht

Für alle LeserEs ist wieder ein dickes Buch geworden, nachdem schon die drei Bände der „Wächter von Avalon“ den Freunden von (weiblicher) Fantasy eine Menge Lesestoff gegeben haben. Weiblich deshalb, weil es vor allem Autorinnen sind, die die Möglichkeit der Fantasy nutzen, um die Ratlosigkeit der Bewohner einer zunehmend technisierten Welt zu thematisieren und nach dem zu fragen, was dabei verloren geht. Und das ist nicht nur die „weibliche“ Seite.

Auch wenn die Heldin wieder eine junge Frau ist: Étain, aufgewachsen auf der Insel Man, wo ihre Eltern ein altes Anwesen gekauft und restauriert haben. Vollgestopft mit alten Büchern, von denen die meisten uralte Erbstücke sind und von alten Mythen, Bräuchen, Kräutern, Steinen und Beschwörungen erzählen. Denn Étains Mutter war eine Wicca. Womit man schon mittendrin ist in dieser ganz speziellen Welt, die Amanda Koch hier aus alten – zumeist keltischen – Legenden gewoben hat, die Fantasy-Leserinnen und -Lesern auch aus den Büchern von Marion Zimmer Bradley bekannt sein dürften. Vertraut sein dürfte sie ihnen sowieso.

Doch der jungen Autorin aus Leipzig geht es sichtlich um mehr als um die Wiedererweckung der Weiblichkeit und die Gewinnung eines weiblichen Blicks auf die Welt. Auch wenn das mit diesem Zugriff auf alte keltische Mythen naheliegt. Man kann so viel hineininterpretieren. Wir spiegeln uns selbst in den alten Mythen. Aber dass die (aus christlicher Sicht) heidnische Welt noch keine einzig männliche Dominanz kannte, ist unübersehbar. Die Welt war noch beseelt, jedes Element hatte seine eigenen Götter und Göttinnen, deren Namen zumeist auch überliefert sind. In Einklang mit dem Kosmos der Natur kam man augenscheinlich nur, wenn man wirklich mit allen Elementen in Einklang kam. Dazu gab es Kulte, Priester und Priesterinnen.

Scheinbar ging es in dieser alten vorchristlichen Götterwelt gleichberechtigter zu.

Und mystischer. Aus heutiger, rationaler Sicht, unfassbar mystisch. Und das ist der Konflikt, der sich in Amanda Kochs neuem Buch auftut (und der Lesern der „Wächter von Avalon“ schon ein wenig vertraut vorkommt): Eigentlich ist für die alte, mythische Beziehung zur Welt kein Platz mehr in unserer Zeit. Dafür steht Étains Vater, der vom Tod seiner Frau regelrecht aus der Bahn geworfen ist, aber überweltliche Erklärungen für ihren Tod nicht akzeptieren will. Er hadert zutiefst damit, dass er sie nicht aus ihrem Wahn geholt hat, in den sie ihm verstrickt schien. Er fand ihre innige Beschäftigung mit Kräutern und Heilkräften faszinierend, aber dass dabei Mächte aus der Anderswelt eine Rolle spielen sollten, wies er zutiefst von sich. Verständlich. Auch wenn es auch mit seiner Tochter zum Konflikt führt. Die ganz wie ihre Mutter Gaben besitzt, die sie mit einem Reich jenseits dieser Welt verbinden – jenem fernen Ildathach, das im Titel steht und das sie später auch betritt.

Die schwierige Stelle für Rationalisten: Es ist tatsächlich Fantasy. Und wer Angst davor hat, hier auf schwankenden Grund zu kommen, der kann die kleinen Nachsatz-Texte am Ende des Buches lesen. Vielleicht beruhigt das. Ein Zitat von Haruki Murakami zum Beispiel: „Es gibt Räume in uns. Die meisten haben wir noch nicht besucht. Vergessene Räume.“

Die meisten sind sogar mit fetten Brettern und Schlössern verrammelt. Denn wir leben in einer Gesellschaft, in der wir unsere Sensibilität und Verletzlichkeit tief verstecken müssen. Wir leben in einer Dampfwalzen- und Siegergesellschaft, die wirkliche menschliche Nähe mit Tabus versehen hat. Sex and Crime ja, aber bitte keine Nähe. Auch nicht zu uns selbst.

Und ein Zitat von Amanda Koch selbst: „Menschen werden sich immer Mythen und Legenden erzählen. Geschichten, die helfen, das Verborgene in unserer Welt zu sehen, um es letztendlich zu verstehen.“

Das Verborgenste sind wir uns selbst. Man ahnt es, auch wenn einem Étains Vater anfangs zutiefst ruppig und wortkarg vorkommt. Und damit bestimmt dem Einen oder der Anderen recht vertraut. So ein echter Vertreter einer Vätergeneration, die nie gelernt hat, Gefühle auszusprechen, sich verletzlich zu zeigen. Da darf jetzt jede und jeder den Arm heben, die so etwas schon erlebt haben. Vielleicht eher die etwas älteren Leserinnen, deren Väter zumeist aus der sogenannten Flakhelfer-Generation stammen. Deren Väter waren ja bekanntlich noch unfähiger, über ihre Verletzungen und Abgründe zu sprechen. Die Erkenntnis seit Christa Wolf lautet ja auch für die Flakhelfer- und BdM-Generation: Man darf nicht drüber reden. Oder mit einem Buchtitel von Alice Miller: „Das verbannte Wissen“.

Wobei nicht alle Verletzungen immer aus Kindheitserfahrungen kommen. Und nicht alle Sprechverbote aus elterlicher Erziehung. Auch ganze Gesellschaften erschaffen sich ihre Tabus. Manchmal bewusst und in böser Absicht. Manchmal unbewusst, weil der Verlust ganzer Lebensbereiche natürlich wehtut, wenn man sich dessen bewusst wird. Denn hierarchische und unerbittliche Gesellschaften wie die heutige erzeugen Zwänge. Nicht ohne Grund hatten Zimmer Bradleys Romane so einen Erfolg. Sie sprachen etwas an, was im modernen Wettbewerb mit seinem Leistungsdruck und seiner Konsumorientierung keinen Platz mehr hatte.

Der Mythos steht für mehr als nur Geschichten über eine andere Welt. Er steht auch für das, was wir als „Beherrscher der Welt“ überhaupt nicht beherrschen, was uns auch nicht gehorcht, weil wir es nicht kaufen, bauen oder erzwingen können. Die Meisten merken es, wenn sie alt geworden sind und ihr Leben bilanzieren und merken, was daran wirklich wichtig und aufregend und erfüllend gewesen war. Und es waren niemals das Haus, das Auto und der teure technische Schnickschnack. Was wirklich berührt hat, waren immer die Begegnungen mit Menschen, denen man sich öffnen konnte.

Vielleicht noch die Momente in der Welt, in der wir uns eins fühlten mit diesem Kosmos. Selten gewordene Momente, weil es kaum noch Orte gibt, die von schrillen Clowns nicht vermarktet, verlärmt oder in Golfplätze verwandelt wurden.

Deswegen kommt einem grüne Politik oft so esoterisch vor, obwohl sie es gar nicht ist. Denn sie fordert im Grunde das, was wir für uns selbst und unsere Mitmenschen kaum noch aufbringen: Verständnis und Respekt. Auch den Respekt, die Dinge nicht vergewaltigen und zwingen zu wollen. Wissend darum, dass wir nicht alles wissen.

Die Verteidigungsposition von Étains Vater ist bröckelig. Auch deshalb kapselt er sich ein und bricht lieber das noch gar nicht angefangene Gespräch mit seiner Tochter ab. Die es aber auch nicht anders kennt. Im Grunde lernt sie bei den immer bedrängenderen Begegnungen mit der anderen Welt und der eisigen, von dort her kommenden Bedrohung auch erst, über ihre Gefühle und Ungewissheiten zu reden. Weil nebenbei auch noch die ihr bis dahin unbekannte Welt jenseits des Übergangs erklärt werden muss, wird das in vielen Passagen recht lang und bedrängend.

Denn andererseits steht die junge Frau, die ihr Vater gern in seinen rationalen Fußstapfen gesehen hätte, auch unter Erkenntnisdruck. Sie spürt, wie die Angriffe von etwas, was sie anfangs nicht fassen kann, immer heftiger werden. Sie hat anfangs nur den Verdacht, dass da in ihrer eigenen Geschichte etwas mächtig schiefgelaufen sein muss, weiß aber nicht, was genau. Deswegen geht sie anfangs ganz wie ihr Vater an die Sache heran und durchstöbert die riesige Bibliothek, um vielleicht über die richtigen Informationen zu stolpern. Dann beginnt sie die kleine Lebenswelt ihrer Mutter zu erkunden und dort nach Spuren zu suchen. Denn wer keine Fragen stellt, findet die Ursachen für das Leiden im Jetzt nicht heraus. Wobei es die Fantasy-Geschichte in diesem Punkt bildhafter macht. Denn für Vater wie Tochter ist der Tod der Mutter in ihrem Atelier genauso ein Rätsel.

Und man merkt schnell, dass es eigentlich eher nicht um die andere Welt geht, auch wenn dieser Grenzsprung das Tragende für die Fantasy-Geschichte ist, sondern um Étains Umgang mit ihren Gefühlen, ihren Erinnerungen und sich selbst. Denn dadurch, dass ihre Mutter ihr ihre Begabung nicht erschlossen hat, weiß sie über sich selbst vieles nicht, was wichtig ist, um auch in so einer Krise lebendig zu bleiben, stark und bereit, sich den Alpträumen zu stellen.

Es ist nämlich vor allem auch eine (mehrfache) Geschichte über das Weglaufen – und welche langwierigen und tragischen Folgen es hat. Eingekleidet in märchenhaftes Gewand – mit Wächtern und Windgeistern, Seelenbegleitern und Göttern, die tatsächlich in Aktion treten. So wie bei Homer: als mythische Elemente, die unser Leben beeinflussen. Aber auch als Spiegel unserer eigenen Gefühle. Denn natürlich spüren wir es, ob wir im Einklang mit unserer Umwelt sind und vor allem mit uns selbst.

Und die meisten sind es nicht. Sie rennen den Vorstellungen anderer Leute hinterher, lernen früh, sich „cool“ zu geben, und können mit Gefühlen nicht mehr umgehen. Und gehen dann so – wie Étains Vater – falsch damit um, verwandeln Trauer in Wut, Ratlosigkeit in Rücksichtslosigkeit, Überforderung in rigide Forderungen. Man glaubt schon gar nicht daran, dass Étain es bei ihrer eigentlich auf ein paar Tage komprimierten Reise zu sich selbst auch noch schafft, mit ihrem Vater wieder ein gutes Verhältnis zu finden.

Am Ende fühlt man so als männlicher Leser auch mit diesem Vater mit, weil man letztlich auch weiß, wie hilflos Mann sich fühlen kann, wenn er dazu erzogen wurde, immer die Gewalt über die Dinge zu haben und das Loslassenkönnen nie gelernt hat. Weshalb viele Männer zu alten Grantlern werden, mit denen man nicht mehr über das Leben und seine Verwirrungen reden kann.

Vielleicht ändert sich das ja langsam. Étains Freund Nate, der nicht ganz zufällig in die Geschichte geschwemmt wird, steht schon für eine andere Generation.

Aber gerade deshalb werden die Momente, wo dieser scheinbar so rationale Vater für Étain eine warme Suppe kocht, so berührend. Weil man auch diese Gesten kennt: Aussprechen können sie es nicht. Aber die ganze unaussprechliche Liebe zum Kind legen sie dann in so menschliche Gesten. Wobei man als Leser auch darauf wartet, denn zur Wahrheit gehört auch, dass die junge Dame in ihrer Jagd nach Erkenntnis tagelang vergisst, etwas Ordentliches zu essen. Sie steht einfach auf, von einem Traum geweckt, und stürzt sich – kaum hat sie die Stiefel geschnürt – ins nächste kräftezehrende Abenteuer.

Man wünscht sich fast ein kleines „Kochbuch für besorgte Väter, wenn ihrer Töchter außer Rand und Band sind“.

Am Ende stellt sich nicht nur Étain ihrer Angst und findet dabei ihre eigene Stärke und vor allem das Vertrauen in all die Wesen, die um sie sind. Selbst die Götter merken, dass Weglaufen und das Verweigern der Auseinandersetzung nichts bringen. Man muss sich seinen Herausforderungen stellen. Anders lernt man nicht, seine eigene Kraft zu finden und einzuschätzen – und fühlt sich machtlos, nur weil das Böse in all seiner Aggression triumphiert. Auch das steckt in der Geschichte, die voller irischer Seeluft ist, voller Mondstrahlenknistern und nur scheinbar voller Magie.

Womit man beim Untertitel wäre, diesem „Jenseits des Vergessens“, um das es im Leben immer geht. Erst wenn wir unsere Wurzeln kennen, kennen wir auch uns selbst und wissen, warum wir so denken, fühlen und handeln, wie wir es tun. Noch ein Schritt weiter: Erst so werden wir in unserem eigenen Leben erst souverän, oder authentisch. Egal, wie man es nennt. Und darum geht es – sehr phantasiereich – in dieser Geschichte um Étain mit ihren mythischen Gaben. Jeder hat solche Gaben. Sie müssen gar nicht mythisch sein. Aber wer sie sich nicht erschließt und meint, das passe nicht mehr in die Zeit, der verpasst tatsächlich das Wichtigste im Leben: die Begegnung mit sich selbst.

Amanda Koch Ildathach. Jenseits des Vergessens, fehu, Familia Verlag, Leipzig 2017, 18,95 Euro.

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