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„Die schönste Blume des Gartens“: Wer sagt dem Riesen, warum in seinem Garten nur noch Winter ist?

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    Ganz harmlos kommt es daher: ein Oscar-Wilde-Märchen im Programm von Chrismon, einfach so im Jahr 2017, in dem ringsum wieder allerlei Leute den Ton angeben, die man eher im puritanischen und selbstgerechten England des Jahres 1888 vermutet hätte, als ein lebenslustiger und homosexueller Dichter wie Oscar Wilde die ganze Gesellschaft mit seiner offensiven Art zu leben herausforderte.

    Der Band mit seinen Kunstmärchen, der „Die schönste Blume des Gartens“ enthielt, erschien in diesem Jahr. Alles schien möglich. Selbst in England. Das moderne Industrieland schien endlich auch die zugehörige Kunst der Moderne zu bekommen. Doch Kunst kann immer nur so frei sein, wie es eine Gesellschaft zulässt. Und 1895 erlebte Wilde, dass er die Kräfte unterschätzt hatte, die alles Moderne, Freie und Offene hassten, die ihre lustfeindliche Denkweise auch deshalb wieder zur Norm machen konnten, weil sie an den Schalthebeln der Macht saßen und sogar noch den nötigen Einfluss auf das hatten, was man so gern „öffentliche Meinung“ nennt. Der Prozess, den Wilde anstrengte, um einer Verleumdung zu begegnen, kehrte sich um, machte den Kläger zum Angeklagten, zum Gefangenen in Reading und zum gesundheitlich gebrochenen Mann.

    Und wer die Geschichte kennt, weiß, wie sehr die handelnden Kräfte darin den lust- und lebensfeindlichen Kräften von heute ähneln, die ihr Herz an verstaubte „Traditionen“ gehängt haben und mit beleidigter Miene in öffentliche Anklagen verfallen, weil sie gern zurückwollen in dieses reglementierte und von Mauern eingezäunte Leben einer kleingeistigen Zeit, die nichts von ihren Bewohnern verlangte als Feigheit, Unterwerfung und absolute Phantasielosigkeit.

    Wie gesagt: Es kommt harmlos daher, dieses Märchen, das die Frankfurter Illustratorin Sandra Beer fast filigran illustriert hat, in ganz dezenten Farben. Es geht um den wunderschönen Garten des Riesens. Aber der war lange fort und die Kinder haben das schöne Stück Erde für sich entdeckt. Als der Riese zurückkommt, sperrt er sie aus. Es ist ja sein Garten.

    Es ist ein Märchen. Stimmt. Ein Märchen erzählt, was wirklich passiert. Zum Beispiel, wenn der mürrische Riese seinen Garten zumauert und die Kinder vertreibt. Dann zieht der Winter ein und verschwindet nicht mehr. Dann bleibt immer Winter. Und Menschen, die Märchen verstehen, erkennen das Bild. Es steht für so vieles, was wirklich passiert.

    Die Illustrationen sind so zurückhaltend, dass die scheinbar so einfachen Sätze des Märchens ihr Wirken entfalten. „Aber der Frühling kam nie und auch nicht der Sommer. Der Herbst gab jedem Garten goldene Früchte, aber dem Garten des Riesen gab er keine. ‚Er ist zu selbstsüchtig‘, sagte der Herbst. Und so war es immer Winter.“

    Natürlich geht das Märchen anders aus. Märchendichter versuchen ja immer wieder, den Funken Herzenswärme in uns zu entfachen, der uns wieder fühlen und lebendig sein und hoffen lässt. Und „große Taten“ tun, auch wenn es erst einmal nur Taten sind, mit denen wir die Ängste verlassen, die uns einfrieren. Ängste auch vor den Anderen da draußen. Denn wer Mauern um seinen Garten errichtet, der sperrt das alles aus: Freude, Lachen, Lebendigkeit.

    Erinnert uns das an was? Mich schon.

    Natürlich hat das Märchen mehrere Wendungen. Die erste ist: Er öffnet den Garten und lässt die Kinder wieder herein und merkt, dass damit auch wieder Leben und Freude zurückkehren in den Garten. Die Bäume blühen. Die Vögel zwitschern. Nur ein ganz kleiner Junge schafft es nicht, auf einen Baum zu klettern. Da muss der Riese helfen. Das wird dann die zweite, die christliche Wendung. Denn Wilde spielt hier auch mit dem Motiv des Paradieses.

    Und für die, die offenen Herzens sind, öffnet sich der ganze Kosmos des Schenkens und Beschenktwerdens, der Kraft der Liebe – aber nicht nur.

    Denn die Geschichte erzählt auch von einer Befreiung, von dem, was passiert, wenn ein Mensch, egal wie riesig oder alt er ist, seine Verbitterung und Angst verlässt und losgeht und hilft. Sich verschwendet. Denn darum geht es eigentlich: Die Fähigkeit, seine Stärke nicht im Mauernbauen zu finden und dann in Einsamkeit zu frieren, sondern reicher zu werden, indem man seine Reichtümer teilt und allen zur Verfügung stellt.

    Das ist, als hätte der Verlag so seinen ganz eigenen Kommentar zum Reformations-Jubiläum veröffentlicht, einen, der auch auf die Zeit Bezug nimmt und die Tatsache, dass das ganze Land gerade dabei ist, in Frost zu erstarren und in Verbitterung, während die Kirche feiert, als wäre alles gut.

    Ist es aber nicht. Und gerade das zeigt, warum Kirche heute so eine seltsame Rolle spielt, als gehörte sie gar nicht mehr dazu. Als würde ihr das Himmelreich gehören, die frostige Gegenwart aber ist ihr egal. Vielleicht kann man das nur mit einem Märchen von Oscar Wilde antippen, das er geschrieben hat, als er noch nicht ahnte, dass er selbst zum Flüchtling werden würde. Denn die Kräfte, die dafür sorgen, dass Länder in Frost und Bitterkeit erstarren, sind immer wieder dieselben, egal, welche Religion oder welche Art Fundamentalismus sie sich zulegen. Sie tauchen ein ganzes Land in Eiszeit, verbieten alles, was die Ruhe stört, reden ständig von Ordnung und Sicherheit, erfinden immer neue, drakonische Gesetze und sorgen dafür, dass das Klima frostig wird und böse.

    Und sie säen Einsamkeit und Angst. Denn sie regieren mit Ängsten. Das ist ihre Macht. Nichts Anderes.

    Dabei muss gerade der Riese keine Angst haben.

    Aber wer sagt das dem Riesen?

    In diesem Märchen ist es ein kleiner Hänfling.

    Und wer sagt es den Anderen?

    Oscar Wilde Die schönste Blume des Gartens, Evangelische Verlagsanstalt, Edition Chrismon, 14 Euro.

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