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Sonntag, 17. Januar 2021

Es gibt tatsächlich mehr als nur den berühmten Geheimrat Goethe in Weimar

Von Ralf Julke

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    Für FreikäuferImmer fehlt was. Es ist zum Mäusemelken. Aber das ging ja Hagen Kunze auch schon bei seinem Bändchen zu den großen Sachsen so: Es passen nur 20 in so ein kleines Mini-Buch. Und das ist natürlich viel zu wenig, um den Reichtum eines ganzen Bundeslandes an beeindruckenden Persönlichkeiten sichtbar zu machen. Was aber auch ein Problem ist. Denn leider neigt auch Landespolitik zur unreflektierten Heiligenverehrung.

    Wofür in Thüringen die beiden Persönlichkeiten Elisabeth von Thüringen und Johann Wolfgang von Goethe stehen. Beide natürlich enthalten in diesem Bändchen, die eine als große Menschenfreundin, der andere als großer Schriftsteller. Deswegen fahren die einen wegen Goethe nach Weimar und die anderen nach Eisenach wegen Elisabeth. Wobei man beides auch aus anderen Gründen machen kann – Weimar zum Beispiel auch wegen Kurfürst Johann Friedrich (dem Luther-Beschützer) und Anna Amalia, beide in diesem Bändchen vertreten. Anna Amalia kennt man wegen ihrer berühmten Bibliothek, weniger wegen der Tatsache, dass sie es eigentlich war, die das klassische Weimar in Gang setzte – das ihr Sohn Karl August dann fortführte – unter anderem, indem er den Herrn Goethe aus Frankfurt holte.

    Und da ist man bei all den Leuten, die immer fehlen, wenn von Goethe die Rede ist. In diesem Fall betrifft das auch Schiller – dafür hat Hagen Kunze mit Caroline von Wolzogen, Ludwig Bechstein und Eugenie Marlitt ein paar durchaus interessante Schriftsteller-Gestalten zu Goethe platziert. Soll der alte Herr doch damit mal fertig werden. Obwohl Caroline eher an Schillers Seite gehört – der hat sie zuerst veröffentlicht.

    Aber natürlich vermisst man Wieland wieder und Herder. Und mir persönlich fehlen Nietzsche und Brehm.

    Dafür gibt es Überraschungen, denn wer kennt Hanna Höch, Georg Heinrich Macheleid und Marga Faulstich? Letztere übrigens eine von den vielen nach 1945 ausgewanderten Thüringerinnen. Die Installierung des Stalinismus war nicht unbedingt förderlich dafür, kluge Köpfe im Land zu halten. Aber wer sagt so etwas den Installierern? Die ja bekanntlich den Goethe-Kult emsig weiter pflegten, ohne auch nur zu begreifen, was zu Goethes Zeit in Weimar eigentlich geschah und warum. Deswegen denken die meisten Leute beim Stichwort Klassik an etwas kristallin Erstarrtes, lange her und museal.

    Und mal ehrlich: So viel hat sich daran ja im Umgang mit Aufklärung und Klassik (die ein Ergebnis der Aufklärung war) nicht geändert. Deswegen laufen ja so viele Gespenster durchs Land, die auf alles eintreten, was Goethe und seine kritischen Zeitgenossen zum Menschsein und zur Menschlichkeit zu sagen hatten. Deswegen fehlt Herder so sehr in diesem Buch. Seine „Stimmen der Völker in Liedern“ sind heute wichtiger als die Bibel. Auch wenn das vielleicht von einigen Theologen nicht so gern gehört wird.

    Klassik war – man darf es auch den Thüringern immer wieder sagen – ein politisches Programm. Eines, das bis heute als nicht erfülltes Versprechen lebt in unserer Gesellschaft, die sich immer dann schwertut, wenn es um Dinge wie Bildung, Menschenfreundlichkeit, Weltoffenheit und Kultur geht. Nicht Leitkultur. Das ist Lederhosenquatsch für Faulpelze. Kultur. Weltkultur. Das ist der Goethesche Maßstab. Und er hat alles um sich versammelt (wenn auch oft nur in Briefen und Fernfreundschaften), was diesen Standard lebte. Und Heine wusste, warum er zu diesem elder statesman pilgerte – auch wenn sich beide nicht viel zu sagen hatten. Denn Heine wusste, dass es einen Weimarer Musenhof nur einmal geben konnte. Als die Deutschen von ihrer Nation zu träumen begannen, tendierten sie eher zum Kriegerischen und Großmäuligen. Und stellten sich mit Goethe und Schiller zwei Dichter ins Regal, die keine Sau wirklich las. Und von Schiller inszenierte man lieber nur das, was man patriotisch missinterpretieren konnte – den „Wilhelm Tell“ zum Beispiel, den auch heute wieder die nationalen Straßensänger zitieren. „Durch diese hohle Gasse muss er kommen …“ Wegelagererlyrik ist das. Und den Heine zitieren sie bekanntlich auch alle falsch, weil sie den Text nicht verstehen.

    Aber Hagen Kunze deutet die Bedeutung des Weimarer Musenhofes wenigstens an. Vielleicht schreibt ja mal einer das große Buch, das Weimar als Experiment würdigt. Als gelungenes deutsches Experiment. Das so aktuell ist, dass man fast sein Ränzel packen möchte und Herrn Geheimrat besuchen.

    Ist ja nicht weit. Und wer sich auskennt in der Gegend weiß, dass sächsische und thüringische Geschichte in den vergangenen 800 Jahren immer aufs Engste verbunden waren. Deswegen kann man sich einige Persönlichkeiten teilen und hat immer noch genug von ihnen – Johann Sebastian Bach gehört dazu, der kommt natürlich vor in dem Buch. Luther leider nicht – aber das wird im Kapitel Johann Friedrich zumindest erwähnt. Carl Joseph Meyer, der Erfinder gleichnamigen Lexikons, ist nur indirekt grenzüberschreitend. Er versuchte in Thüringen das, was Friedrich List in Leipzig tat: den Bau eines moderneren Eisenbahnnetzes in die Wege zu leiten. Lists Projekt wurde umgesetzt, Meyer scheiterte. Sein berühmter Verlag, das Bibliographische Institut, zog erst nach seinem Tod nach Leipzig.

    Aber Thüringen verwahrte sich nicht immer gegen die Moderne – wofür ja im Buch die Dadaistin Hannah Höch und der Maler Otto Dix stehen. Was einen an Franz Liszt und Henry van de Velde erinnert, um bei Weimar zu bleiben. Die haben auch nicht mehr reingepasst. Aber so ein Mini-Buch regt ja an. Und da und dort hat Hagen Kunze ein paar Spuren gelegt, denen man durchaus folgen kann. Und zumindest bestätigt das Bändchen: Es gibt mehr als Goethe in Thüringen. Wenn irgendwann die regionalen Zugverbindungen zwischen Sachsen und Thüringen wieder besser werden, fahren wir auch wieder hin.

    Hagen Kunze Große Thüringer, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2017, 5 Euro.

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