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Jetzt hat auch Plagwitz ein eigenes Stadtteillexikon

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    Das könnte ein gewaltiges Projekt werden: Für jeden Leipziger Ortsteil ein eigenes Lexikon. Drei Stadtteillexika hat Pro Leipzig schon vorgelegt. Stötteritz war vor drei Jahren der erste Kandidat. Großzschocher und Südvorstadt folgten. In der Südvorstadt war einer unterwegs, der sich vor dicken Lexika schon gar nicht scheut: Horst Riedel. Der hat sich jetzt auch die harte Nuss Plagwitz vorgenommen.

    Denn Plagwitz ist eine harte Nuss. Hier qualmten vor 100 Jahren die Essen, hämmerten die Schmieden, loderten die Feuer, stoben die Funken. Hier war die Werkstatt Leipzigs. Und fast wartet man darauf, dass noch eine dicke fette Karte kommt, auf der einfach eingemalt ist, wem welches Stück von Plagwitz damals gehörte: Sack, Brehmer, Tittel, Mey, Kühnel, Penin, Erler, Frosch, Unruh, Liebig, Stöhr … Alle verschwunden. Nur alte Inschriften an sanierten Klinkerhallen erzählen noch von ihnen. Und von jener Zeit, als Leipzigs Industrie Weltniveau hatte und Plagwitz die Schmiede war.

    Wer Plagwitzer Geschichte erzählen will, kommt um Karl Erdmann Heine nicht herum, der genau dieses hämmernde, dröhnende Plagwitz geschaffen hat, als er den paar Plagwitzer Bauern einfach ihre Felder abkaufte und dann daran ging, Straßen, Brücken, Gleisanschlüsse und einen Kanal zu bauen. Alles mit der riesigen Vision, aus diesem kleinen Dorf mit seinen 28 Ackerstellen (ohne eigene Kirche, eigenes Rathaus, eigene Schule) ab 1856 das zu schaffen, was 30 Jahre später den ersten Leipziger Großstadtboom finanzieren würde. Denn hier wurde Leipzigs Boom erwirtschaftet. Hier siedelten sich spätestens ab 1871 all die Leute an, die etwas wagen wollten, denen die Mark-Zeichen in den Augen glänzten, wenn sie an die Möglichkeiten dachten, die eine riesige Fabrik für Armaturen, Pflüge, Heizungen oder Kompressoren bot. Kein anderer Leipziger Stadtteil steht so für das große Thema Industrie 1.0.

    Und für ihren Verlust, der ein schleichender war. Nicht nur zum Stichwort „Industrialisierung“ erzählt es Horst Riedel. Jedes der großen namhaften Unternehmen hat diese Brüche erlebt – all diese Niederschläge, die politische deutsche Dummheit angerichtet hat. Denn den ersten Schlag bekam das Plagwitzer Revier schon mit dem Ersten Weltkrieg, der vor allem eins kostete: Absatzmärkte.

    Die Krisen danach sind legendär – von der Hyperinflation bis zur Weltwirtschaftskrise und dem anschließenden Aufstieg der Nazis. Jede einzelne versetzte Plagwitz einen neuen Schlag. Den Rest besorgten die Enteignungen nach 1945 und die Deindustrialisierung nach 1990. Praktisch über Nacht erlosch der Lärm der Maschinen, hörten die morgendlichen Schichtwechsel auf, wurde aus den dröhnenden Maschinenhallen eine leere, trostlose Landschaft.

    Natürlich hat Riedel die wichtigsten der großen Unternehmer porträtiert, die Heines unausschlagbares Angebot annahmen, sich im Plagwitzer Revier anzusiedeln. Damals redete niemand über die Trennung von Industriegebiet und Wohngebiet. Eines stand neben dem anderen. Etliche Bilder aus der Zeit zeigen den ewig verqualmten Himmel, die rußigen Fassaden auch der Wohnhäuser. Und die Menschen, die dem Ruf von Brot und Arbeit folgten, waren anspruchslos, lebten in winzigen Wohnungen, nahmen auch noch Schlafgäste auf, um über die Runden zu kommen. Deswegen war Plagwitz auch früh schon Schwerpunkt der Sozialdemokratie. Karl Heine lieferte sich legendäre Wahlkampfschlachten mit Leuten wie Bebel. Immerhin galt er als liberaler Mann, dem die Armut der Arbeiter bewusst war.

    Der Felsenkeller erzählt noch heute davon, wie stark die Sozis hier mal waren und wie ein Karl Liebknecht hier einen Saal zum Beben brachte. Lange, bevor die Leipziger SPD hier ihren Zusammengang mit der KPD beschloss. Das war schon zu Zeigners Zeiten, dem zweiten Nachkriegs-OBM, der in Plagwitz wohnte (Erich-Zeigner-Haus) und Leipzig (und Plagwitz) wieder zum Rotieren bringen musste. Glück für Plagwitz: Hier war nur wenig zerstört. Die anglo-amerikanischen Fliegerverbände hatten tatsächlich vor allem das Herz von Leipzig aufs Korn genommen: die alte Innenstadt, das Grafische Viertel, den Hauptbahnhof.

    Es wirkt seltsam – aber die meisten auf Rüstung umgestellten Betriebe im Westen erwischten sie nicht. Was zu denken gibt. Die Maschinen packten dann erst die Sowjets ein – als Reparation für einen zerstörerischen Krieg. So ein Lexikon regt doch zum Denken an. Und es war echte Fleißarbeit: 320 Stichworte hat Horst Riedel für den Stadtteil zusammengetragen, der um 1998 seinen Tiefpunkt erlebte: die Bevölkerung halbiert, tausende Wohnungen zum Abriss reif, die großen Fabriken bis auf wenige stillgelegt.

    Damals machte Leipzig den Stadtteil fit für die EXPO 2000 in Hannover, wollte zeigen, dass man auch so ein „verlorenes“ Quartier mit neuen Ideen wiederbeleben kann. Einiges war ja schon im Gang: Die Buntgarnwerke wurden umgebaut zu einer neuen Welt des Wohnens, das Business Innovation Center war im Bau, der Stadtteilpark in Planung. Schon kurz zuvor war der Karl-Heine-Kanal saniert worden, der in DDR-Zeiten zum schaumbekrönten Abwasserkanal verkommen war. Mancher meint ja: Allein dieser Radweg am Kanal hätte Plagwitz wieder mit Leben erfüllt.

    Aber es kamen viele Einzelprojekte zusammen, die ab 2000 das Gefühl erzeugten: Hier geht was. Auch wenn es dann eher still und leise losging und die medial viel bejubelten Hochhauspläne von Manfred Rübesam sich in Luft auflösten. Oder vielmehr regelrecht platzten mit seiner Insolvenz: Da hatte der Immobilienmagnat, wie Riedel ihn nennt, zu fest an die „Boomtown“-Visionen der 1990er Jahre geglaubt, als die hyperventilierenden Medien in Leipzig schon ein zweites Mainhattan sahen. Sie schwelgten regelrecht in ökonomischer Ahnungslosigkeit.

    Sie ahnten nicht einmal, dass sich die alten Industriehallen mit völlig anderen neuen Mietern füllen würden – vielen kleinen, hochqualifizierten Unternehmen, die sich bis heute am internationalen Markt behaupten. Auch die Siemens Turbomachinery Equipment GmbH gehört dazu, auch wenn sie durch die vom Siemens-Konzern angedrohte Schließungswelle jetzt ebenfalls bedroht ist. Dazu kommen viele kreative Unternehmen, viele Anbieter von Gesundheits-Services, viel Pioniergeist, der aus ziegelroten Werkslandschaften lauter Experimentierfelder für neue Ideen gemacht hat. Auch das bedroht mancherorts, wenn man an die Vorgänge ums Westwerk denkt.

    Natürlich bringt Riedel auch dutzende Stichpunkte zum Stadtumbau, zu echtem Bürgerengagement, wie es am Bürgerbahnhof Plagwitz erlebbar ist. Da es ja alphabetisch vorangeht, prallen die Projekte Karl Heines immer wieder etwa auf die heute lockende Gastronomie am Wasser oder in stilleren Hinterhöfen, wird Verlagsgeschichte sichtbar (denn nach 1945 rettete sich nicht nur Reclam Leipzig nach Plagwitz in die Nonnenstraße), werden die großen Umbau-Quartiere sichtbar (wie aktuell auf dem Gelände von Naumanns Brauerei) oder kommen auch die paar Berühmtheiten ins Bild, die sich mit Plagwitz verbinden lassen. Es sind erstaunlicherweise nicht allzu viele – auch wenn Namen wie Klinger, Molitor und Hartmann fallen. Zumindest, wenn man die vielen Unternehmergestalten vergisst, die dem Stadtteil über Jahrzehnte ihren Stempel aufdrückten.

    Viele Karten mit historischen Drauf- und Übersichten ergänzen die Beiträge. Und so nebenbei erfährt man auch, wie einst die Straßenbahn durch die Weißenfelser Straße fuhr, der Obus am Bahnhof Plagwitz seine Wende drehte und an der Canalstraße 10 (heute Erich-Zeigner-Allee 42) Karl Heines Dampfschiffe anlegten, um das Publikum für die Fahrt in die Innenstadt einzusammeln. „Zum Dampfschiff“ hieß logischerweise die Gastwirtschaft. Natürlich hat der Mann sein Denkmal verdient, das kurz vor der Brücke steht, die er einfach gegen den Willen der Leipziger Stadtväter bauen ließ, um Plagwitz auf direktem Weg mit Leipzig zu verbinden – in Holz zuerst. Aber die Menschenströme bestätigten den Sturkopf, der auch schon früher als viele andere in ÖPNV investierte, in der unternehmerischen Überzeugung, dass ein solches Angebot auch genutzt wird, wenn es erst mal da ist.

    Heute denken wir ja andersherum: Da muss erst ein „Bedarf sichtbar“ werden, bevor man sich gnädig bereit findet, ein ÖPNV-System zu verstärken. Hätten Karl Heine und seine Mitstreiter damals so gedacht, Plagwitz wäre immer noch ein nettes Dorf jenseits der Weißen Elster. Und man würde ein Extra-Ticket für den Überlandbus kaufen müssen, um mal hinzukommen.

    Erstaunlich, auf was für Gedanken so ein Lexikon einen bringt. Was wird es erst mit den Plagwitzern anstellen, wenn sie es im ältesten Haus des Stadtteils in der Buchhandlung Grümmer kaufen? Vielleicht auf noch mehr Gedanken bringen.

    Horst Riedel „Plagwitz. Ein Leipziger Stadtteillexikon“, Pro Leipzig, Leipzig 2017, 17 Euro

    Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

     

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