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Bernd Göbels freundlich-verschmitzter Blick auf ein Leben als Künstler in Deutschland

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    Für FreikäuferDie Leipziger kennen ihn. Zumindest wissen sie, was er getan hat. Denn Bernd Göbel ist der Schöpfer jener ironischen Skulptur, die seit November 1990 in der Grimmaischen Straße steht, die ursprünglich mal „Beginn einer Reihe“ heißen sollte, jetzt aber „Unzeitgemäße Zeitgenossen“ heißt. Und noch heute erzielen die „Pädagogikerin“, der „Stadtgestaltiker“ und die „Rationalisatikerin“ ihre Wirkung.

    Die Leute bleiben stehen, machen Fotos, freuen sich diebisch, denn in den fünf Gestalten auf dem Querbalken kann man auch 27 Jahre nach dem Aufstellen dieser Göbel-Skulptur Zeitgenossen erkennen, die genauso blind drauflos fuhrwerken wie die Vorbilder für die Figuren in realsozialistischen Zeiten. Was nicht ausschloss, dass sich selbst Erich Honecker auf der IX. Kunstausstellung in Dresden 1982 diebisch über einige dieser Gestalten freute. Auch das gehört dazu: Die Gemeinten fühlen sich meist gar nicht gemeint. Und richten deshalb so viel Schaden an. Und überleben zumeist jede Zeitenwende.

    Denn nicht nur Bernd Göbel fühlt sich in neueren Zeiten erstaunlich an ganz ähnliche Erscheinungen der erlebten Vergangenheit erinnert. Irgendwo droben in den Hierarchien wird angewiesen und geplant. Unten passt nichts zusammen, tauchen seltsame Anweisungen auf, die bei Umsetzung nur Unfug ergeben. Kleine und große Funktionsträger melden sich zu seltsamsten Anlässen zu Wort, weil sie sich durch eine ferne Nachricht oder eine Zeitungsmeldung geärgert fühlen. Mal ist es eine Bischofsmütze, die einen Bischof besorgt macht, mal ein junger Bach, der einem Organisten in die falsche Richtung schaut. Manches löst sich auch – wie der Standort einer Brecht-Skulptur, die einem Kaufhaus vor der Nase stand. Auch Leute, die sich gern Investoren nennen, ziehen sich gern die Hose mit der Kneifzange an.

    Brecht hat dafür einen neuen Standort in Dessau bekommen und mit Kurt Weill einen geliebten Gesprächspartner. Städte, die eine Göbel-Plastik ihr Eigen nennen, sind in der Regel glücklich. Denn seine Skulpturen sind hintersinnig. Sie haben was zu erzählen. Und sie sorgen für Aufregungen und Diskussionen – die längsten gab es um den Marktbrunnen in Halle, den sogenannten Göbelbrunnen. Aber für den kämpften auch etliche Leute in entscheidenden Positionen. Denn wo die Narren gern missverstehen, weil sie durch ihre Bürokratenbrille urteilen, sehen die Aufmerksamen, dass Göbel immer das Allermenschlichste aufs Korn nimmt. Deswegen sind seine Skulpturen auch so zeitlos. Sie laden zum Innehalten ein, zum Schauen und Lächeln.

    Bis 2009 war Göbel Professor für Bildhauerei in Halle. Die Burg Giebichenstein hat sein Leben geprägt. Dort hat er auch studiert in einer Zeit, als die Hochweisen in Berlin angewiesen hatten, in Halle dürfe nicht weiter gebildhauert werden. Es gibt also was zu erzählen aus dem Leben eines Bildhauers, der sich zeitlebens die Unabhängigkeit bewahrt hat – samt dem Blick des Weisen (oder doch des Hodscha Nasreddin) auf seine Mitwelt, auf die Verkopftheit der Menschen und ihren gelebten Dünkel.

    Als er sich 2013 an einem Fjord in Norwegen hinsetzte, um seine Geschichte aufzuschreiben, hatte er zwei Gesellschaften erlebt, die es beide aushalten müssen, gewogen zu werden. Was er mit feiner Pinzette macht. Auch bei den Themen, die sonst immer wie Holzhämmer benutzt werden. Noch immer. Das bringt ihn zu mancher ironischen Pointe. Denn natürlich ist es ärgerlich, wenn man sich als Kunstschöpfer im Osten auch noch 27 Jahre nach dem großen Zusammenschmeißen in Schubladen gesteckt sieht, abgelabelt und einsortiert. Als hätte diesseits der Demarkationslinie nur die politisch verordnete Ignoranz gelebt und alle Menschen wären Presslinge einer „kommunistischen Erziehung“ gewesen.

    Was natürlich Gründe hat. Niemand ist davor gefeit, derart mit Scheuklappen und verrutschtem Lorbeerkranz zu agieren wie die fünf Gestalten auf dem Balken in der Grimmaischen Straße. Ruhm und Eitelkeit machen genauso blind wie Besserwisserei und Paragraphenreiterei. Die Vorstellung, alles besser zu wissen als die anderen, sowieso.

    Deswegen ist Göbels Erinnerungsbuch eher ein tastendes, beobachtendes Buch geworden, bei dem er auch sich selbst immer wieder zuschaut, wie er seinen Weg nahm, der eigentlich aus lauter ungeplanten Entscheidungen entstand. Die Überzeugung wird sichtbar: Letztlich landet der Mensch, wenn er seiner inneren Bestimmung folgt, tatsächlich da, wo er hinwollte. Auch wenn er anfangs – im sächsischen Freiberg, wo er aufwuchs – noch gar nicht ahnen konnte, wohin ihn seine Neugier treiben würde. Wer weiß das schon? Wer hat schon diese aufmerksamen Eltern und Großeltern, die stillschweigend helfen im Hintergrund, weil sie fest vertrauen darauf, dass der Junge seinen Weg machen wird?

    Göbel hatte sie. Und fand auch später immer wieder diese Unterstützer. Vielleicht liegt es an seiner Art? An seiner Offenheit? Denn zum Parteitier hat er sich nie machen lassen. Selbst bei den frühen Aufträgen für Skulpturen im Land der Arbeiter und Funktionäre versuchte er stets, das Menschliche abzubilden. Den Normenkanon zu zerbrechen, wo andere freudestrahlend kämpferische Arbeiter mit Maschinenpistole modellierten. Das war nicht seins. Und trotzdem fanden seine Skulpturen auch damals Bewunderer. Man ahnt, dass in dieser verkrusteten DDR auch ein lebendiger Kern steckte, selbst in einigen Funktionären, die ihren listigen Brecht haben wollten. Oder auch mutig Göbels „Großes Paar“ mitten auf den Boulevard in Halle stellten. Bis ein vergnatzter Oberfunktionär das Paar zur Seite rücken ließ.

    Man bekommt so eine Ahnung, wie fremd sich die Welten der DDR-Bewohner tatsächlich waren – und in welch verbiesterter Rechthaberposition sich die Parteigranden eingemauert hatten. Und dass es für die anderen, die Neugierigen und Schaffensfreudigen, trotzdem genug Spielräume gab, etwas aus ihren Träumen und Vorstellungen zu machen. Denn gerade wer sich wie Göbel intensiv mit der Geschichte seines eigenen Metiers beschäftigt hat, der ist nirgendwo in der Einöde. Der findet auch auf seinen Reisen in die Welt – egal ob nach Prag, Rom oder New York – die Werke derer, die er bewundert. Die ihn angeregt haben und aus jahrelanger Beschäftigung so vertraut sind, dass er nur noch die direkte Begegnung braucht. Dieses Spurensuchen am Objekt, um die Handschrift der Meister von vor 500 oder 800 Jahren zu sehen.

    Sein Erinnerungsbuch ist gespickt mit diesen Eindrücken von Reisen in die Welt. Die Eindrücke begegnen sich mit den Lebenserinnerungen. Und da Göbel das Glück hatte, auch schon zu DDR-Zeiten Exkursionen ins abgesperrte Ausland machen zu dürfen, findet man auch jenen Moment wieder, den so viele DDR-Bürger erlebten: Wie obskur es war, dass man nur mit gnädiger Erlaubnis mal „rüber“ durfte. Obwohl das Reisen in der Welt doch das Allerselbstverständlichste sein sollte.

    "Unzeitgemäße Zeitgenossen" in der Grimmaischen Straße. Foto: Ralf Julke
    „Unzeitgemäße Zeitgenossen“ in der Grimmaischen Straße. Foto: Ralf Julke

    Aber wir brauchen ja nur ans Heute zu denken: Die finsteren Bürokraten denken längst wieder genauso. Worauf Göbel nicht mehr eingeht. Das liegt jenseits seiner Geschichte, die er praktisch mit dem Ende seiner Zeit an der Burg Giebichenstein auch ausklingen lässt. Mit bedenkenswerten Sätzen. Denn tatsächlich kreist seine Erinnerung ja immer um die Frage: Was hat ihn im Leben tatsächlich beschäftigt? Was war wirklich wichtig? Manchmal lässt es sich nicht einfach sagen. Dann umkreist man es wie Göbel. So wie die Betrachter seiner Skulpturen, die darin etwas finden, was ihnen vertraut ist: etwas Ironisches, zutiefst Menschliches. Nicht aufgesetzt, nicht überhöht, auch wenn er manche seiner Gestalten bewusst auf Stadtmauern und Balken setzte. Schon der Ort soll ja zu denken geben. Und an den „Zeitgenossen“ soll man sich den Kopf nicht stoßen. Also zieht man ihn unwillkürlich ein. Und hat sofort eine Beziehung, die einem vertraut ist.

    Und hieße die Skulptur noch „Beginn einer Reihe“, würde man auch die Vorstellung haben, die viele Betrachter dieser Stücke in der Kunstausstellung von 1982 hatten: dass sich die Reihe dieser introvertierten Gestalten fortsetzen ließe. Sie sind überall, wo es um dumme Entscheidungen geht. Und sie sind so herrlich und selbstherrlich, dass alles Rufen nichts nützt. Die „Rationalisatikerin“ könnte heute auch „Globalisöse“ heißen, schreibt Göbel. Es sind immer wieder dieselben Typen, die bereit sind, die Säge anzusetzen, wenn ihnen „Wildwuchs“ suspekt ist und der Zweck scheinbar alle Mittel heiligt.

    Mit Göbel merkt man: Das war auch damals nicht so. Und seine Auftraggeber wussten das zu schätzen, dieses gar nicht schelmische, eher ernsthafte Schauen auf menschliche Überhebungen und – auch das damals schon sichtbar – das Lebloswerden unserer Umwelt, wenn es nur noch um Zwecke und Wirtschaftserfolge geht. Jede seiner Skulpturen ist ein Plädoyer für die menschliche Dimension. Deswegen sind die meisten Figuren auch eher weniger bekleidet, bar jener Kostüme, von denen wir uns so leicht täuschen lassen. Das Bankett mächtiger Männer sieht schon ganz anders aus, wenn man sie ohne Anzug in der Runde stehen lässt.

    Auch wenn Göbel den Schweizer Dichter nicht ein einziges Mal nennt, ist sein Werk ein einziges in Bronze gegossenes „Kleider machen Leute“, frei nach Gottfried Keller. Und es bestärkt den Leser mit jeder Seite in der kindlichen Freude, sich die ernsthaften Kleiderträger in dieser Welt und in jeder anderen einfach in all ihrer menschlichen Nacktheit vorzustellen. Das hilft schon. Das hilft bei Parteibonzen genauso wie bei Managern und anderen Trauerklößen, die einem fortwährend erklären, wie die Welt ist und was zu tun ist.

    Der Leser jedenfalls hat bei diesen Erinnerungen eines verkappten Eulenspiegels seine Freude. Und wenn er schon mal in Arnstadt, Dessau, Stolberg oder Halle war, begegnet er Altvertrauten, die dort fröhlich in der Gegend stehen oder sitzen oder auf Brunnen herumturnen.

    Und letztlich gilt, was Göbel an die Plinthe seiner Leipziger Skulptur schrieb: „Sieh, daß du Mensch bleibst, fest und klar und heiter, vor allem heiter.“ Ein Satz von Rosa Luxemburg, den nicht nur der Künstler im Herzen trägt. Der auch so etwas wie ein lebendiger und freundlicher Widerspruch ist zu allem, was die „Unzeitgemäßen“ da oben alles anstellen.

    Bernd Göbel Verschiedenes Hell, Mitteldeutscher Verlag, Leipzig 2017, 24,95 Euro.

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