Für FreikäuferEs gibt viele Arten, eine Stadt zu besichtigen, wenn man nur kurz mal da ist. Eine Art ist: Man beguckt sich das Wichtigste im Schnelldurchlauf. Nur die Frage ist natürlich berechtigt: Was ist das Wichtigste? Wo muss man wenigstens mal reingeguckt haben? Was der Passage Verlag hier wieder vorlegt, ist ein Vorschlag. Einer, der auch bündelt, was Stadt und Stadtgesellschaft gerade für sehr wichtig halten. Es sind die Top 10 der Themen.

Und das Mega-Thema, das seit 10 Jahren ungefähr das einzig dominierende im Stadtmarketing ist, ist die Musik, also all das, was man mit den Namen Bach, Wagner, Mahler, Mendelssohn, Clara und Robert Schumann verbindet, mit Grieg, Gewandhaus und Oper.

Peter Liebscher, der sich dieses handliche und stabile Faltbuch ausgedacht hat, hat natürlich auch eine Karte hineingepackt, auf der man die einzelnen sehenswerten Orte eingetragen findet – allein 10 von 41 Stationen im direkten Umfeld der Innenstadt gehören zum Thema Musik. Auch das Rosental, wo Gustav Mahler (der ja gleich daneben wohnte) seine Inspirationen holte.

Gäbe es auch noch ein Top-Ranking für Leipzigs Literatur (das es seit 10 Jahren nicht mehr gibt, da hat nicht mal ein Verleger auf dem Sessel des Kulturbürgermeisters geholfen), würde das Rosental natürlich bei Literatur auftauchen, denn hier spazierte ja bekanntlich Schiller und pfiff sich in aller Früh das Lied von der Freude.

Man vermisst die Literatur zu Recht. Aber das hat wohl mit unseren unbelesenen Zeiten und einem demolierten Bildungssystem zu tun, mit lauter verantwortlichen Narren, die lieber Computer und Smartphones in die Schulen stopfen, statt den Kindern die Freuden des Lesens und Denkens beizubringen.

Und das in der Buchstadt Leipzig. Kommt wenigstens die Buchstadt vor? Nein, auch nicht. Peter Liebscher hält sich wirklich ganz eng an den Kanon, den das Leipziger Marketing mittlerweile vorgibt.

Da tauchen natürlich die Wegmarken auf, die man einfach nicht umschiffen darf: die Thomaskirche (2), die Nikolaikirche (4) und das Völkerschlachtdenkmal (5). Unter (3) sind dann noch einige architektonische Hingucker aufgelistet, die man gesehen haben muss: Mädlerpassage, Coffebaum, Altes und Neues Rathaus, Hauptbahnhof und das Waldstraßenviertel als bedeutsames Ensemble des Historismus.

Die anderen Plätze, die Aufmerksamkeit verlangen, sind die Messe (6), die Wissenschaft (7, mit Uni, Nationalbibliothek und Moritzbastei), die Kunst (8, mit Baumwollspinnerei und Grassimuseum), der Zoo (9) und die Gewässerlandschaft um Leipzig (10), wobei die 200 Kilometer innerstädtische Wasserwege wohl eher ein schöner Wunschtraum sind. Eigentlich sind es eher 60 Kilometer, was aber auch schon eine hübsche Strecke ist, wenn man sie mal abpaddeln will.

Das Büchlein ist also ein Abbild dessen, was das gegenwärtige Leipzig für sich selbst als Top erklärt. Auch wenn die berühmten „Top 10“ natürlich erst so richtig zeigen, wie wenig da eigentlich hineinpasst. Und eigentlich hineindrängt. Man denke nur an den Sport mit Sportforum, Pferderennbahn, DHfK und (noch fehlendem) Sportmuseum. Oder die große Geschichte der Leipziger Widerständigkeit (für die zwar irgendwie die Nikolaikirche steht, aber dafür fehlen Runde Ecke und Zeitgeschichtliches Forum). So als Einwohnender merkt man, dass diese Stadt ständig aus allen Nähten zu platzen droht und immer mehr los ist, als in die tägliche Zeitung passt. Aus dem Lachmesse-Büro gab’s bestimmt auch schon einen Anruf: Wo ist denn die Kabarett-Hauptstadt geblieben?

Und die Buchstadt ist natürlich auch nicht drin – bestenfalls indirekt mit der Nationalbibliothek. Was rät man da dem Reisenden?

Einfach schnappen und losgehen. Wer es eilig hat, schafft sowieso nicht mehr (schon gar nicht an einem Tag). Und wer wirklich neugierig ist, bleibt nicht nur lächerliche 1,8 Tage in Leipzig, sondern mindestens eine Woche, um wenigstens auch mal in Oper, Gewandhaus und Kabarett gewesen zu sein und auch ein paar der Lokalitäten der Szene-Stadt Leipzig erlebt zu haben. Das Barfußgässchen ist ja gleich auf dem Cover beispielhaft abgebildet. Und auf der Karte gibt es ein kleines rotes Dreieck zum Spinnereigelände. Zu dem man eigentlich gleich noch die Pfeile zur Schaubühne, zum Westflügel und zum Karl-Heine-Kanal hinzufügen könnte. Aber wer länger da ist, kriegt das ja mit, der merkt, dass so eine große Stadt wie eine Wundertüte ist. Man muss nur eine Richtung einschlagen und landet unverhofft in Gegenden. Dem Clara-Park zum Beispiel (Park-Stadt Leipzig) oder auf der „KarLi“ (Stadt der Erlebnisstraßen).

Man versteht ja, warum sich das Leipzig-Marketing so verzweifelt auf die Musik gestürzt hat. Denn Leipzig ist von allem immer ganz viel. So viel, dass immer nur die Spitze des Eisbergs auch die Marketing-Aufmerksamkeit bekommt.

Und da denkt man an den Namen des rührigen Verlages und merkt: Ja, wäre die Mädlerpassage nicht drin, wäre auch die Stadt der Passagen nicht drin. Zehn Top-Themen für Leipzig sind tatsächlich zu wenig. Wer wirklich das Meiste und Wichtigste sehen und erleben will, der bucht Leipzig nicht nur für ein Wochenende. Und selbst mit diesem handlichen Tipp-Geber ist er länger beschäftigt, als er sich träumen kann vor der Landung. Oder der Ankunft im Bahnhof.

Die Top 10 der Sehenswürdigkeiten Best of Leipzig, Passage Verlag, Leipzig 2017, 3,95 Euro.

Passage-Verlag hat „Jüdische Spuren in Leipzig“ auf den neuesten Stand gebracht

Passage-Verlag hat „Jüdische Spuren in Leipzig“ auf den neuesten Stand gebracht

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