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Warum Tom Pauls‘ Liebeserklärung an Lene Voigt noch nicht die Biografie ist und trotzdem lesenswert

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    "Tom Pauls 'Meine Lene' erschienen – Eine Biografie????", fragte am 22. November Gabriele Trillhaase verwundert auf den Seiten der Connewitzer Verlagsbuchhandlung. Was auch Freunde der Lene-Voigt-Gesellschaft verblüffte: War denn Tom Pauls nicht einer der großen Unterstützer der Gesellschaft? Was hat er da nur angestellt? In vielen Rezensionen wird sein Buch tatsächlich als Biografie von Lene Voigt besprochen.

    Ob es die Rezensenten gelesen haben, müssen sie selber wissen. Meist haben sie es wohl nicht getan. Denn die Feinheiten von Büchern entpuppen sich meist erst, wenn man sie wirklich liest. Leser wissen das: Trau nie dem Waschzettel oder der Verklagsankündigung. Aber nimmt die Zeichen und Spuren wahr, die ein Autor setzt.

    Und die erste Spur setzt Tom Pauls im Untertitel. Er spricht bewusst nicht von einer Biografie, denn es ist keine. Eine Liebeserklärung ist es schon.

    Und gerade das ist ja das Ärgerliche: Es ist die schönste Liebeserklärung, die für Lene Voigt je als Buch erschienen ist.

    Aber eigentlich sollte es gar keine werden. Es sollte eine Biografie werden. Genau jene Biografie, die mal als Band 6 der Lene-Voigt-Gesamtausgabe in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erscheinen sollte. Die dann aber immer wieder verschoben wurde, weil Monica und Wolfgang U. Schütte, Gabriele Trillhaase und Edelgard Langer bei ihren Forschungen zu Lene Voigt immer neue Funde und Entdeckungen machten. Das Leben der Lene Voigt musste in großen Teilen völlig neu geschrieben werden. Irgendwann überstieg das die Kräfte von Monica und Wolfgang U. Schütte und sie suchten ein neues Herausgeber-Duo.

    Das fand man dann 2014 in Tom Pauls, der der Lene-Voigt-Gesellschaft schon seit längerem freundschaftlich verbunden war, und dem Autor der „Sächsischen Zeitung“, Peter Ufer. Drei Jahre schienen sie an dem Projekt emsig zu arbeiten – bis zum Februar 2017, dann kündigten sie die Zusammenarbeit auf, weil sie an einem autobiografischen Buchprojekt arbeiten, wie sie verlauten ließen. Wenig später gab es dann die Ankündigung von „Meine Lene“.

    Mit entsprechenden Irritationen sowohl bei der Connewitzer Verlagsbuchhandlung als auch in der Lene-Voigt-Gesellschaft, wo man fest damit gerechnet hatte, dass die beiden das Biografie-Projekt zu Ende bringen.

    Viel Biografisches aus der Forschungsarbeit der Lene-Voigt-Gesellschaft ist eingeflossen in das Buch. Das stimmt. Pauls und Ufer hatten ja Zugriff auf das ganze Material.

    Und mit ein bisschen mehr Mut hätten sie es 2017 auch erklären können, warum sie dann doch etwas Anderes machten. Denn wer das Buch liest, merkt, dass hier der Künstler Tom Pauls entschieden hat. Es hat ihn überwältigt, könnte man sagen. Mit Lene-Voigt-Texten ist er seit Jahrzehnten auf sächsischen Bühnen unterwegs. Er ist heimisch in dieser Welt, die die Leipziger Dichterin Lene Voigt geschaffen hat. Denn kein Anderer und keine Andere haben es je geschafft, die sächsische Seele so genau und lebendig einzufangen – in einer sauber getroffenen Leipziger Mundart.

    Sauber auch deshalb, weil Lene Voigt sich sehr viel Mühe gegeben hat, diese Mundart wirklich genau und ohne all den Bombast zu schreiben, den man noch bei Georg Bötticher und Edwin Bormann findet. Die beiden kommen in Pauls‘ Buch vor in etlichen Szenen, die sehr phantasievoll erfunden sind, aber so nie geschehen. Tom Pauls schildert die Begegnungen wie einen Generationenwechsel: die Alten übergeben den poetischen Staffelstab an die begabte Nachfolgerin.

    Er lässt auch noch andere Leipziger Berühmtheiten mit der jungen Dichterin zusammenkommen: Hans Reimann, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner… Sie lebten damals ja alle in Leipzig und machten Leipzigs Zeitungen, Magazine und Kleinkunstbühnen lebendig. Es war was los in dieser Stadt. Auf dem Gebiet der klugen, satirischen Texte: mehr als heute …

    Was nicht heißt, dass eine junge Autorin wie Lene Voigt davon leben konnte, dass sie die Zeitungen deutschlandweit mit ihren Texten überschüttete – die auch dankend gedruckt wurden. Das war ja die erste Überraschung bei der emsigen Spurensuche: In wie vielen Zeitungen die Texte der „Leipziger Nachtigall“ veröffentlicht wurden und in wie vielen Variationen. Über das Leben der Dichterin wissen wir trotzdem nicht viel. Es sei denn, wir lesen dieses Leben aus ihren Gedichten, Geschichten und Dialogen heraus, so, wie es Tom Pauls und Peter Ufer gemacht haben.

    Denn ihre Texte sind – bei allem Augenblinzeln – so athmosphärisch genau, dass man stets das Gefühl hat: Sie hat tatsächlich genau das zum Stoff genommen, was sie täglich gesehen und erlebt hat. Das Leipzig, das sie bei ihren Wegen zu Fuß durch die Stadt erlebte, die Gespräche der Nachbarinnen, die Spiele der Kinder, die sie vielleicht selbst so erlebt hat, und das karge Leben einer kleinen Angestellten in einem der weltberühmten Verlage. Ob sie da den berühmten Verlagschefs überhaupt begegnete, wie im Buch geschildert, ist eine Frage. Eine, die natürlich anders gewichtet ist, wenn ein Mann wie Tom Pauls beschließt, seine eigene Lene-Voigt-Geschichte zu schreiben.

    Mit Lenes Texten konstruiert er ein Leben, das möglicherweise so gewesen sein könnte. Einerseits. Und das andererseits natürlich so war: Das kann doch jeder nachlesen in den Gedichen der Lene Voigt. Und hören kann man es, wenn beherzte Vortragskünstler mit diesen Texten auf die Bühne gehen. Das lebt, das ist dicht und mitreißend, wenn Tom Pauls (oder ist es doch Peter Ufer?) daraus die mögliche Kindheit von Helene Wagner mit ihren Eltern in Leipzig-Neustadt konstruiert – die strenge, von gesellschaftlichem Aufstieg träumende Mutter, und den mitfühlenden Vater Carl Bruno, der dem Kind dann trotzdem (obwohl es die Mutter nicht will) den Leipziger Dialekt beibringt.

    Ob es so war, wissen wir nicht. Es ist ein erfundenes Leben, in das Pauls aber auch viel Lebenserfahrung hineinlegt. Denn dass Lene Voigt später so viele psychische Probleme bekam, hat ja mit ihrer Kindheit zu tun. Und mit den Schicksalsschlägen, die sie erlitt: dem frühen Tod ihres Kindes, später dem Tod ihres Geliebten („Mein Liebster ist ein Vagabund“) und dann dem Kesseltreiben gegen sie und die sächsische Mundart, das im NS-Sachsen genau zu dem Zeitpunkt einsetzte, als sie mit ihren Büchern aus dem Bergmann-Verlag endlich Erfolg hatte und endlich ein bisschen Geld in der Tasche.

    Pauls und Ufer suchen die psychischen Motive in diesem Leben und finden sie auch. Das lässt den Leser nicht unberührt, weil sie es auch mit viel Emotion und Empathie erzählen. Man merkt, dass Tom Pauls das mit „meine Lene“ ernst meint: Er wollte seine Lene-Voigt-Geschichte erzählen. Und nur die.

    Das hätte er vielleicht so auch sagen können. Dann hätte er in Leipzig viele Freunde weniger verärgert. Denn sein Motiv liegt ja offen da. Und wahrscheinlich steckte das schon lange in ihm. Immerhin stammt ja auch seine Figur „Ilse Bähnert“ aus dem Kosmos der Voigtschen Frauen, etwas abgewandelt und ins Dresdnerische verpflanzt und damit MDR-tauglich gemacht. Dresden hatte ja nie eine Lene Voigt. Sie hätte dort auch nicht leben können, wäre erst recht eingegangen wie eine Kokospalme. Leipzig war zwar „eine einzige Buddelei“. Aber hier gab es die Leute, die das mochten und förderten, was sie schrieb. Von Aline Sanden über Hans Natonek und Hans Bauer bis zum Verleger Paul Hermann.

    Es ist eine phantasievolle Geschichte, die Pauls und Ufer aus diesem Stoff machen, sehr lebendig und auch sehr dramatisch. Und – was wichtig ist – auch mit Gefühl für so ein prekäres Leben, über dem dieses scheinbar so unbekümmerte sächische „Nu grade!“ steht. Obwohl es ein kleiner Trotz aus tiefster Bekümmernis war – trotzdem mit derselben (scheinbaren) Leichtigkeit hingeschrieben wie all ihre anderen Gedichte. Denn das konnte sie. Und es muss in Kindheitstagen schon dagewesen sein: Diese Lust und Freude am Dichten, diese Sprachbeherrschung, die auch unter Schriftstellern selten ist. Hat sie tatsächlich ihren Lehrer so düpiert und wurde dafür bestraft?

    Das ist gut möglich.

    Es ist, als hätte sich Tom Pauls ganz und gar in diese neugierige und lebenshungrige Leipziger Göre hineinversetzt und ihr Leben in Kargheit und kleinen Freuden nachempfunden. Denn die Welt der Lene Voigt ist die Welt der kleinen Leute, die so gern eine große Klappe haben, um zu überspielen, dass sie tief verletzt sind.

    Das kommt einem immer vertrauter vor, je länger man liest. Der hier schreibt, muss zumindest eine Ahnung haben, wie es sich lebt mit Mietschulden und einem Leben mit leerer Börse, „und dennoch unverzagt“, trotz aller Widernisse doch wieder einen Text schreiben, der die kleinen Freuden des Lebens in etwas verwandelt, was 100 Jahre später die Vortragenden noch immer mitreißt – egal, ob es um den kleinen Goldfisch geht, einen komischen Käse oder den ersten Ausflug im Leben in die Sächsische Schweiz. Man merkt, wie tief verinnerlicht Tom Pauls diese Lebensgeschiche in Gedichten hat, dass er tatsächlich mit dieser Lene Voigt auf der Bühne steht.

    Es ist seine. Ganz und gar. Und das schafft auch das Buch zu vermitteln. Wer Lene Voigt noch nicht kennt, lernt sie hier kennen – in einer phantasievollen Lebenserzählung, die gern auch deutlich macht, dass hier Unmögliches zu einem schönen Apfelkuchen vermengt wurde. Ein Teig, der natürlich alle ist, bevor er in den Ofen kommt. Nur die Äbbel sind noch da.

    Und es ist ein Buch, das regelrecht einlädt in die Welt von Lene Voigt.

    Und nu?

    Was kommt jetzt?

    Im Grunde müsste sich Ilse Bähnert jetzt in die Küche stellen und einen riesigen Apfelkuchen backen und sich bei ihren Freundinnen und Freunden in Leipzig bedanken und ein bisschen entschuldigen, dass es überhaupt zum Streit kam. Die richtige Biografie der Lene Voigt steht noch aus. Tom Pauls‘ Liebeserklärung macht nur noch viel neugieriger darauf.

    Tom Pauls (mit Peter Ufer) „Meine Lene. Eine Liebeserklärung an die Dichterin Lene Voigt“, Aufbau Verlag, Berlin 2017, 20 Euro

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