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Ist eigentlich ein Zeitfenster die Utopie oder ein Opa, der seinen Kopf noch zum Denken gebraucht?

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    So einen Großvater wünschen sich Jungs: genial wie Einstein, immer am Basteln und Tüfteln. Unvorstellbar, dass Balduins Großvater müffelnd mit Schild auf der Straße steht und gegen Ausländer demonstriert. Man sollte Jugendbücher aus dem Lychatz Verlag vielleicht nicht als Kontrastprogramm zu sächsischen Regionalnachrichten lesen. Sie erzählen von einem völlig anderen Menschenschlag. Einem, der sich für Neues immerfort begeistert.

    Auch wenn das Neue in der Vergangenheit liegt. Wie die Erfindung des Meissner Porzellans oder die Gründung von Carl Zeiss Jena. Mitteldeutschland hat ja eine große Geschichte, was die Erfinder, Gründer und Unternehmer betrifft. Die Namen schillern bis heute. Meist verbunden mit einer großen Wehmut, weil das Heute mit dieser großen Vergangenheit scheinbar nicht mithalten kann. Noch hat die Region längst nicht wieder Anschluss gefunden an die wirtschaftlichen Blütezeiten der Vergangenheit.

    Was freilich nicht heißt, dass alle immer nur müffeln und sich nach der beklemmenden Ruhe der DDR zurücksehnen sollten. Schon gar nicht die Alten, die gern so tun, als müssten sie rundum gepampert und versorgt werden. Und als ob irgendjemand anders sich kümmern sollte. Die da oben irgendwie. Auch wenn man über die gern motzt. Viele sächsische Alte haben es sich mittlerweile gründlich verdorben mit ihren Kindern und Enkeln.

    Deswegen wirken Uwe Schimuneks Geschichten über Balduins Ferienbesuche in Hinterpfütze auch wie aus der Zeit gefallen. So, wie einst die frühen „Mosaik“-Hefte aus der Zeit fielen, in denen die Digedags auf Weltraum- und Zeitreisen gingen. Auch sie begegneten den großen Erfindern der Vergangenheit. Natürlich vor allem den ostdeutschen. Auch die DDR versuchte sich ja eine eigene Geschichte aus Wissenschaft, Technik und kühnen Innovationen zurechtzuschmieden und die jungen Leser anzuspornen, die Zukunft mit kühnem Erfindergeist anzugehen.

    Das hat nicht ganz geklappt, wie wir wissen. Aber der Zuschauerstrom in die „Mosaik“-Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum beweist, dass die Faszination des Themas trotzdem anhält. Und fortlebt. Denn nicht nur die Ältergewordenen identifizieren sich mit dieser Selbstsicht als Land der Erfinder. Das bewegt auch die Jüngeren, auch wenn die heutigen Innovationen nicht ganz so auffällig und berühmt sind, auch nicht ganz so volkstümlich wie etwa Opas Oldtimer, an dem er mit Balduin herumbastelt, um den alten Audi von 1938 wieder auf Touren zu bringen.

    Alte Maschinen wieder zum Leben zu erwecken, das fasziniert Jungen. Da wirken Omas Rufe zum Mittagessen wie eine Störung. Unterschätzt die Omas nicht! Opa hat Oma einst während des Studiums kennengelernt. Man erfährt es wieder nebenbei, aber damit weist Schimunek eben auch auf die kleine Tatsache hin, dass diese Großeltern, die er beschreibt, nichts mit den Großeltern vergangener Generationen zu tun haben, wo der Mann der große Geldverdiener war und die Frau auf Studium und Beruf verzichtete, um den Haushalt zu schmeißen.

    Auch so ein kleiner Denkanstoß am Rande: Kann man die Alten eigentlich heute noch genauso behandeln wie früher? Einfach abschieben in einen klapprigen Ruhestand, obwohl viele von ihnen hochgebildet sind? Können wir uns eine wachsende Zahl unbeschäftigter Senioren eigentlich leisten? Politisch, atmosphärisch, klimatisch? Spricht sich in dem ganzen Unmut da draußen nicht auch so ein als Beleidigung empfundenes Überflüssigsein aus?

    Ich frag jetzt nur.

    Ist ja „nur“ ein Kinderbuch für schlaue Jungs und Mädchen (auch wenn Balduin sichtlich Jungs-Hobbys bevorzugt). Aber nicht mal der Blick in den „Sachsen Monitor“ hilft, weil solche simplen Dinge nicht abgefragt werden. Es ist ein blinder Fleck. Menschen werden „überflüssig“ gemacht – und was folgt daraus? Warum gehen denn die Ostdeutschen so an die Decke? Warum halten sie es nach 27 Jahren nicht mehr aus, nicht gefragt und gebraucht und respektiert zu sein?

    Ich frage nur.

    Die Geschichten, die Uwe Schimunek schreibt, erzählen von einer anderen Welt, von einem Ort irgendwo in Mitteldeutschland, wo Oma und Opa sich ihr eigenes kleines Reich gebaut haben, wo Opa aber weiter tüftelt und bastelt und seinen Kopf noch lange nicht in den Ruhestand geschickt hat (so einen Opa darf sich jeder wünschen) und wo die Eltern von Balduin den Jungen gern abgeben in den Ferien und nur besorgt sind, dass der Opa den Jungen zu gefährlichen Streichen anstiftet.

    Aber die passieren jedes Mal. Denn Opa hat ein funktionierendes Zeitfenster gebastelt, mit dem die beiden überallhin reisen können, wo ihre Hilfe gebraucht wird. Denn wenn bestimmte Dinge in der Geschichte nicht passieren, stimmt die Gegenwart nicht mehr. Diesmal verschlägt es beide nach Zwickau, wo sie keinem Geringeren als dem berühmten Autobauer August Horch begegnen, der einst einer berühmten Automarke seinen Namen gab – bis ihm die Aktionäre das Vertrauen entzogen und der Erfinder mit Freunden eine neue Autofabrik mit einem berühmten Namen gründen musste. Und irgendwie ist das auch wichtig für etwas, was heute in Deutschland normal ist: die Tatsache, dass in allen Autos die Lenkräder links sitzen und nicht rechts.

    Das alles wird wieder mit viel Freude an Überraschungen und berühmten Begegnungen erzählt. Und diesmal wundert sich auch Opa nicht mehr allzu sehr, dass man wieder zwei alten Bekannten begegnet. Denn augenscheinlich ist man bei den Reisen in der Zeit doch nicht ganz allein und unbeobachtet. Band 3 dieser Reihe um Balduin und seinen Tüftel-Opa deutet also schon mal an, dass Uwe Schimunek hier etwas Großes vorhat, bei dem es möglicherweise noch viel phantastischer zugeht.

    Aber irgendwie spricht er auch in kleinen und großen Jungen die Sehnsucht nach solchen Großeltern an. Vielleicht sind wir ja in Sachsen tatsächlich im falschen Bein der Geschichte gelandet und irgendjemand muss jetzt mal zurückreisen und da vor 27 Jahren oder so etwas Grundlegendes reparieren. Vielleicht ein zehnjähriger Junge und ein kluger Opa, die den damals Verantwortlichen klarmachen, dass man gerade dabei ist, einen Riesenfehler zu machen.

    Denn was Schimunek erzählt, ist ja so abwegig nicht. Er lebt in dieser Welt – genauer: in Leipzig – wo einiges doch ein bisschen anders läuft und man ab und zu noch so eine Ahnung verspürt, dass ein solches Land auch anders sein könnte. Jugendlicher, offener, offenherziger. Man muss ja nicht immer die falsche Abzweigung nehmen.

    Erstaunlich, auf was für Gedanken so ein freundlich illustriertes Jugendbuch bringt. Wäre auch was für Opa. Vielleicht lächelt er ja mal wieder.

    Uwe Schimunek „Balduin und der Oldtimer“, Lychatz Verlag, Leipzig 2018, 9,95 Euro

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