Wer keine Haltung hat, kann auch keine Haltung zeigen

Haltung: Mely Kiyaks eindringlicher Essay gegen das Lautsein

Für alle LeserEin wenig liest sich der Essay von Mely Kiyak wie ein Kontra zu Anja Reschkes „Haltung zeigen!“. Auch wenn er so bestimmt nicht gemeint war. Eher geht es um eine ganze Menge anderer Kollegen aus der Medienwelt, die uns nun seit zwei, drei Jahren die Ohren zuflöten mit der Mahnung, wir möchten jetzt Haltung zeigen, und uns also irgendwie öffentlich dem menschenfeindlichen Gezeter entgegenstellen oder so. Und dann machen sie doch in ihrem alten Quark weiter.

Mely Kiyak ist nicht die Einzige, die die Nase voll hat von dieser Scheinheiligkeit. Seit Jahren schreibt sie gestochen scharfe Kommentare in großen Zeitungen, in der „Zeit“ hat sie regelmäßig ihre Kolumne. Hier erschien dann auch der erste Ausschnitt aus ihrem Buch, wieder so ein Text, der versucht, die bräsigen Chefredakteure aus ihrer Weltverkleisterung herauszuholen: „Das ist bereits ein anderes Land!“ Und zwar nicht erst, seit die AfD ihre dicken Wahlerfolge einsammelt und windelweiche Politiker den platten Phrasen der Rechtsradikalen hinterherschippern.

Tatsächlich setzt sie sich seit Jahren gründlich mit den deutschen Rassisten, Rechtsextremen und Menschenfeinden auseinander, hat ganze Kolumnen geschrieben, um deren Geschwafel zu dechiffrieren und zu zeigen, was dahintersteckt. Mittlerweile bereut sie die ganze Mühe. Auch weil es meist nur dazu führt, dass sie von Lesern Solidarisierungsadressen bekommt – so nach dem Motto: Endlich traut sich einer, das zu sagen.

Und dann?

Nichts weiter. Dann geht die Show so weiter – im Fernsehen, wo die Menschenfeinde so regelmäßig in den Talkshows sitzen wie ihre scheinheiligen Fragen Thema dieser Sendungen sind. „Gehört der Islam zu Deutschland?“ ist so eine bekloppte Frage. Das ging ja nicht erst 2015 los. Das war alles schon vorher da. Und es prägt den Eindruck, den die Bürger von dem haben, was im Land passiert. Wenn immerfort von Flüchtlingen die Rede ist und scheinberührte Moderatoren ernsthaft fragen, ob Deutschland „so viel Zuwanderung“ vertrage, dann ist der rechte Geist schon lange angekommen.

Das hat Jahrzehnte Vorlauf. Und die, die frühzeitig hätten gegenhalten müssen, haben gepennt, sind eingeknickt, haben den Sprech der Rassisten übernommen. Das war schon 1990 so, als die Regierenden die Vorfälle von Hoyerswerda und Rostock eben nicht zum Anlass nahmen, dem aufkommenden Neonazismus ein „Stopp“ zu setzen, im Gegenteil: Sie haben die Asylgesetzgebung verschärft. Sie haben sich zu Handlangern der Menschenfeinde gemacht und eine Gruppe, die eh schon weniger Rechte hat, noch weiter ausgegrenzt.

Wer aber anfängt, Minderheiten abzuwerten, der spielt schon das Spiel der Rechtsextremen. Wer anfängt, öffentlich über den Wert und Unwert von Minderheiten zu debattieren, der spielt schon ihr Spiel. Der hat den Boden des Grundgesetzes schon verlassen. Denn vor dem Gesetz sind alle Menschen gleich.

Nicht nur die weißen Wohlstandsbürger aus den Nobelvierteln, die für gewöhnlich unsere journalistische und politische Elite bilden. Sie haben übrigens auch in der AfD das Sagen. Die schwelende Menschenfeindlichkeit kommt mitten aus unserer Gesellschaft, aus einer Welt, in der die Sprecher oft gar nicht mehr merken, wie sich ihre Verachtung für Minderheiten in ihren Handlungen und Worten äußert.

Und eines gesteht Mely Kiyak den Wählern der Rechtsextremen eben nicht zu: dass sie aus Enttäuschung so eine Truppe wählen. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Denn was die Homophoben wollen, ist offenkundig, sie verstecken es nicht einmal mehr. Auf offener Bühne reden sie anderen Menschen ihre Würde und ihre Rechte ab – von Sarrazin bis Trump und Höcke.

„Ihr Wirken ist extrovertiert, sie verfügen über mächtige Beziehungen und Geldgeber, doch ihnen fehlt jeder Respekt vor dem Leben. Sie wollen, dass wir aufhören, selbstständig zu denken. Zu träumen. Sie wollen, dass wir ein schlechtes Gewissen bekommen, weil wir lieben, statt zu hassen“, schreibt Kiyak.

Daher kommt nämlich die saufreche Phrase vom „Gutmenschentum“

Diese eiskalten Klötzer verachten Menschen, die Gefühle zeigen und Empathie. Sie wollen eine auf Empathie und Gleichberechtigung basierende Gesellschaft zerstören. Und da ist nicht nur Kiyak erschrocken, wie viel Raum diese Empathielosen in unseren Medien bekommen, wie der billige Mechanismus der Provokation wirkt – jede kleine Grenzüberschreitung sorgt für ein riesiges Medienecho, wo andere Parteien mit echten Lösungsvorschlägen nicht mal mehr eine Meldung bekommen.

Skandal macht Quote. Keiner spielt die Klaviatur konsequenter als die Rechtsradikalen. Nicht nur in Deutschland. Die Neue Rechte ist weltweit vernetzt. Und überall verschafft sie sich mit denselben Methoden jede Menge Aufmerksamkeit.

Und die asozialen Netzwerke haben ihre Wirkungen noch tausendfach verstärkt. Mit dem Effekt, dass heute immer weniger Menschen ein richtiges Buch oder eine richtige Zeitung lesen – aber alle melden sich zu Wort, als hätten sie die Weisheit mit Löffeln gefressen. Das sind jetzt meine Worte.

Mely Kiyak schreibt so: „Kaum ist ein Artikel erschienen, erhält er innerhalb eines Tages hunderte von Kommentaren. Wer immer sie verfasst, weiß vermeintlich sofort, was Sache ist, und vor allem, dass die Autorin keine Ahnung hat. (…) Je mehr Menschen mitreden, umso schriller wird es. Wenn alle alles veröffentlichen dürfen, wird das Gesagte aber nicht relevanter.“

Und sie beobachtet etwas, was auch bei der L-IZ immer öfter passiert

Leute melden sich zu Wort, die überhaupt nicht wissen, was sie wollen – aber das mit störrischer Aufdringlichkeit. Mely Kiyak: „Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass die Anrufer keine Fragen haben, sondern – na klar, sie sind schließlich auch Experten! – kleine Referate halten.“

Die müssen alle einsam zu Hause sitzen und das aufgestaute Bedürfnis haben, nun ausgerechnet auch noch den überlasteten Redakteuren aufdringlich beibringen zu wollen, wie die Welt wirklich ist. So aus ihrer Sofaperspektive.

Zu Recht fragt Kiyak, warum diese Leute glauben, dass ihr Gerede wichtiger und gehaltvoller ist als die Expertise echter Fachleute und Wissenschaftler. Woher kommt diese Überheblichkeit? Hat das mit dem anderen Phänomen zu tun, das sie gerade bei den Rechtsradikalen und ihren Anhängern beobachtet: ihrer offenkundigen Wissensfeindlichkeit?

„Auch das ist übrigens ein Merkmal reaktionärer Gesellschaften: Sie sind immens wissensfeindlich und fühlen sich von Darstellungen in größeren Zusammenhängen zunehmend provoziert.“

Und das verändert unseren öffentlichen Diskurs. Den Talkshows sei Dank. Denn wenn nicht mehr Fakten und Wissen die Grundlage unserer Diskussion sind, dann besteht das ganze Geschwafel nur noch aus „Muss man doch mal sagen dürfen“. Deshalb schwadronieren diese Leute von Fakenews und „Lügenpresse“. Und wiederholen immer wieder dieselben Ansichten. So penetrant, dass man sich fragt: Sind unsere Redakteure im TV schon so sturzbetrunken, dass sie das nicht mehr merken und diesen Müll deshalb immer wieder prominent in Szene setzen? Haben wir keine anderen Probleme, als ständig die miesen Phrasen der Menscheinfeinde durchzudiskutieren?

Und das auf einer Argumentationsebene, auf der man merkt, dass diesen Ich-meine-Mals jeglicher Hintergrund fehlt, jegliche philosophische oder wissenschaftliche Grundlage. Wissen muss man sich nämlich erarbeiten. Das macht Mühe. Das fällt einem nicht zu, wenn man in den asozialen Netzwerken herumgurkt.

Kein Wunder, dass Mely Kiyak von diesem Gerede nur noch Kopfschmerzen bekommt.

Der Schwachsinn überschwemmt das ganze Land

Und noch schlimmer wird es, wenn demokratische Parteien diese Phrasen und Argumente dann auch noch übernehmen, weil sie glauben, damit die Wähler der Rechtsradikalen wieder einfangen zu können. Aber in Wirklichkeit machen sie damit die Politik derer, die unsere Demokratie und unsere Grundwerte die ganze Zeit versuchen zu zerreden und zu zerstören.

Damit verschwinden aber die wirklichen Probleme, die uns alle angehen, wie hinter einer Nebelwand. Ständig springt irgendwo ein Kasper dazwischen und ruft: „Aber die Flüchtlinge!“

Und wieder reden alle nur über die Flüchtlinge, meist alles Leute, die überhaupt nichts mit Flüchtlingen zu tun haben. Die auch nicht nachvollziehen können, warum Menschen aus zerstörten Ländern fliehen, wie Hunger, Angst und Gefahr jeden ihrer Schritte auf der Flucht begleitet haben – und dann sitzen sie einem bräsigen deutschen Genehmigungsbeamten gegenüber, der ihnen mal erklärt, dass Homosexualität bitte schön handfest bewiesen werden möchte, oder die Gefahr durch Diktator X. bitte schön durch ein Testat zu belegen sei.

Ich schweife ab. Und die Emotionen in diesem Artikel sind meine. Mely Kiyak macht das alles eleganter und nachdenklicher. Sie weiß, wie viel Arbeit in einer guten Kolumne steckt, wie viel recherchiertes Vorwissen, damit am Ende auch jeder Satz stimmt, der da steht.

Und sie ist es bestimmt genauso leid, das den Besserwissern, die sich auf allen Kanälen zu Wort melden kraft göttlicher Eingebung, immer wieder neu zu erklären.

Und wo sind die Vorbilder?

Die gibt es auch für Mely Kiyak. Das sind die Kollegen und Kolleginnen, die sich von dem Geschrei nicht einschüchtern und mundtot machen lassen. Die sich auch nicht wegducken wie so viele Gutbezahlte, weil sie Angst haben, dass ihr Artikel dann wieder einen gewaltigen Shitstorm erntet.

Denn der Shitstorm wirkt nur gewaltig, weil die rechten Trolle gar nichts anderes zu tun haben, als auf jeden Funken von Kritik an ihrer boshaften Denkweise mit einem bestens vernetzten Shitstorm zu reagieren und die mutigen Gegenredner einzuschüchtern. Nichts anderes ist ihr Ziel: einschüchtern und mundtot machen. Das ist ihre Diskussionsstrategie.

Da hilft nur, wieder Kraft zu tanken. Vielleicht mal kurz ins Ausland zu fahren – eben zu den Ausländern, die unsere heimischen Berserker so verachten, weil sie sich für etwas Besseres oder gar Auserwähltes halten.

Wer sich aber mit der Welt konfrontiert, der wird gelassener, der merkt schnell, dass Menschen anderswo überhaupt nicht anders sind als wir – ärmer vielleicht, nicht so trübselig, weil sie noch träumen. Sie haben fast dieselben Träume wie die noch nicht Wohlstandsverfetteten unter uns.

Und dann geht man mit mehr Ruhe und Gelassenheit wieder ans Recherchieren und Schreiben, macht seine Arbeit, weil man weiß, dass am Ende nur gute Geschichten und stimmige Fakten die Grundlage für alles sein können. „Dann kamen sie wieder und besaßen die Energie, in Artikeln, Kommentaren und Büchern den Feinden der Demokratie das entgegenzusetzen, wovor diese am meisten Angst haben: Wahrheit, Weisheit, Witz und Wissen“, schreibt Mely Kiyak.

Das wird nämlich meist vergessen: Dass eine Demokratie keine meinungsbesessene Prügelei ist, sondern etwas, das den mündigen, weil wirklich informierten Bürger braucht.

Und da ist es – Mely Kiyak hat recht – völlig verschwendete Zeit und Müh, sich ständig mit dem immer selben Gebrüll der Menschenfeinde zu beschäftigen. Damit bekommen sie eine Aufmerksamkeit, die für die wirklich wichtigen Themen fehlt. Man muss nicht genauso laut schreien wie diese Besserwisser des Nichtwissens. Im Schreien sind sie die Meister.

Es geht nicht darum, Haltung zu zeigen, schreibt Kiyak. Es geht darum, eine Haltung zu haben. Und danach zu handeln. Nicht mehr und nicht weniger. Das gilt für Politiker genauso wie für Journalisten und Amtsträger in Behörden. Und für alle anderen auch.

Mely Kiyak Haltung. Ein Essay gegen das Lautsein, Duden, Berlin 2018, 10 Euro.

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