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Aachen an einem Tag: Eine Reise an den Mittelpunkt von Karls großem Reich

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    Mama Jane war gar nicht glücklich, als sie Aachen vor zwei Jahren besuchte: „Aachen is city of clouds, rain and gray colours.“ Dabei hat sich Hafizh Zuhdi richtig Mühe gegeben, die Stadt in seinem Filmclip wie eine Bühne darzustellen. Eine Bühne für Kleines und Großes. Für den Lehmstedt Verlag hat jetzt Reinhard Mäurer die Stadt erkundet, die einmal der Mittelpunkt Europas war. Natürlich bei Sonnenschein.

    Den Reiseführer, der einmal die besten Tipps gibt für Orte, die man am besten bei Regen und dicken Wolken besucht, habe ich noch nicht gefunden. Wobei Aachen ganz bestimmt ein Ort ist, den man auch bei Regen besuchen kann. Und Pippin III. und der große Karl hatten ganz bestimmt nicht jeden Tag Sonnenschein, wenn sie in Aachen auf ihrem Königsgut (Pippin) oder ihrer Pfalz (Karl) weilten. Oder in den dort schon seit den Römern bekannten heißen Quellen badeten. Denn so ganz ohne Ursache ist Aachen damals nicht zum Zentrum für Karls riesiges Reich geworden. Wo lässt es sich auch in feuchten Jahreszeiten schöner regieren als an einem Ort mit schönen heißen Quellen?

    Dass Karl damit auch gleich den Gründungsmythos für zwei Reiche der Neuzeit und ein gemeinsames Europa schuf, wird ihn wohl nicht mal als neckischer Gedanke beschäftigt haben. Aber die späteren deutschen Könige ließen sich nur zu gern auf Karls Thron krönen, der natürlich in Aachen steht, im Aachener Dom, den Reinhard Mäurer flotterdings anstrebt, um darin so viele Schönheiten zu entdecken, dass einem der pladdernde Regen draußen durchaus egal sein dürfte und man vergessen kann, dass es in Aachen eigentlich noch mehr gibt als den Dom und seine engere Umgebung, die in ihren Ursprüngen an die Pfalz des großen Karl, seine Pfalzkapelle und natürlich den Karlskult der späteren deutschen Könige erinnert.

    Nahebei gibt es auch noch ein paar Funde aus römischer Zeit zu besichtigen. Wir sind hier wieder in jenem ältesten Stück Deutschlands, in dem einst die Römer ihre Spuren hinterließen. Später verleibte Napoleon das linke Rheinufer samt der „schönen Stadt“ Aachen in sein Reich ein, dann kamen die Preußen. Und heute scheint nur einmal im Jahr noch das Auge der Welt auf Aachen zu liegen – dann, wenn der Karlspreis verliehen wird an Menschen, die sich um Europa verdient gemacht haben.

    Zumindest nimmt das so mancher wahr, der sich nur auf Fernsehnachrichten verlässt und nicht mal selbst hinfährt, wenigstens für einen Tag. Und sei es ein regnerischer. Denn nicht nur der Dom mit Karls alter Pfalzkapelle lädt ein oder die Domschatzkammer, die vom alten Reichtum der Bischöfe erzählt, sondern auch das „Centre Charlemagne“, einerseits Aachener Stadtmuseum, andererseits ein Ort, an dem man über 1.000 Jahre europäischer Geschichte erleben kann.

    Ein ungewöhnlicher Ort, betont Mäurer. Und trotzdem ein verbindender Ort. Und dabei läuft man die ganze Zeit schon ums Aachener Rathaus herum, das auf den Mauern von Karls Pfalz emporgewachsen ist, immer noch was drangebaut und umgebaut, sodass der Kasten eher wie eine Burg mit zwei dicken Türmen aussieht, die mit zwei extra dafür umgebauten Räumen auch noch an einen berühmten Frieden erinnert, den dritten Aachener Frieden, der 1748 den Erbfolgekrieg zwischen Preußen und Österreich erst einmal beendete, auch weil der Preußenkönig erreicht hatte, was er erreichen konnte. Die dazu extra umgebauten Räume kann man genauso besichtigen wie den Krönungssaal, in dem die deutschen Könige gekrönt wurden – zumindest bis die Habsburger meinten, sie könnten den deutschen Thron für alle Zeiten in Erbpacht nehmen.

    Aachen – City of Spring in 4K

    Beim Umkreisen des mächtigen Rathauses hat man gleich noch zwei Museen besucht, wobei das Couven-Museum eine Besonderheit ist, die in Leipzig einfach nicht auf die Beine kommen will: Das Haus im eindrucksvollen Louis-seize-Stil aus dem 18. Jahrhundert zeigt gehobene bürgerliche Wohnkultur aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Frage mal einer nach dem Leipziger Gründerzeitmuseum: Es existiert nicht, weil Leipzig eine Stadt mit gebremster Begeisterung geworden ist. Vielleicht auch, weil die Bürger fehlen, die ihren Reichtum gern teilen mit ihrer Stadt.

    So wie die Ludwigs in Aachen, die dort gleich zwei Kunstmuseen mit ihren Sammlungen bestückt haben. Es sind die Nummern 28 und 33 auf Mäurers Vorschlagsliste, wie man Aachen vielleicht an einem Tag erwandern könnte. Aber dann darf man natürlich nirgendwo hineingehen, auch nicht in die diversen Kirchen am Wegrand und auch nicht ins neue Kurviertel, das heute nicht mehr im Stadtinneren liegt, so wie noch vor 200 Jahren, als man zum Kuren nach Aachen pilgerte. Das „Bad“ im Namen darf Aachen führen, aber das lasse man weg, so Mäurer, damit Aachen im Alphabet immer vorne steht. Was ich bezweifle.

    Aachen ist eine Stadt, die gar kein Bad davor braucht, um wahrgenommen zu werden. Von Europa-Freunden zum Beispiel – in Aachen kann man eine richtige Europa-Tour ablaufen, zu der natürlich Karl der Große irgendwie immer dazugehört. Man kann aber auch, bei sonnigem Wetter, die vielen Brunnen und Plastiken in der Stadt besuchen. Über 80 soll es geben, viele von humorvollen Künstlern gestaltet. Auch das kein Vergleich mit Leipzig, wo ja selbst die Suche nach einem Denkmal in zermürbende Bedenkenträgerei ausartet.

    Vielleicht liegt der Unterschied in dem, was Heinrich Heine mal die „französisch heitre Lebenslust“ nannte, die man in Aachen nur zu gut kennt (wer westwärs aus der Stadt fährt, landet praktisch stantepede in Frankreich), in Leipzig aber nicht, wo man sich eher die töffelige neusächsische Art angeeignet hat, anderen ständig erklären zu wollen, wie toll und einzigartig man ist.

    Ist das nun ein guter Grund, auf Reisen zu gehen und lieber mal von ferne auf das kleine eitle Städtchen an der schmutzigen Pleiße zu schauen?

    Ja, finde ich. Jeder dieser handlichen Stadtführer aus dem Lehmstedt Verlag lädt dazu ein, seine Weltsicht zu verändern und auch anderer Leute Städte mal mit Aufmerksamkeit zu bestaunen, ihre Schönheiten zu entdecken und die lokalen Lukullitäten zu genießen, die einem in Aachen mit den Printen ja geradezu ans Herz gelegt werden. Und dabei denkt man die ganze Zeit: Wie könnte ein richtig eindrucksvolles Stadtmuseum in Leipzig eigentlich heißen? Nach wem könnten wir es benennen, da wir ja nun einmal keinen Charlemagne haben?

    Ist nur so eine Frage. Selbst wenn man nur lesend reist, darf man staunen über die erfrischenden Ideen anderer Leute am anderen Ende der Republik. Das erfrischt, gerade weil in Aachen Mittelalter und Neuzeit eine erstaunliche Symbiose auch im Stadtbild eingegangen sind. Und unsereiner bleibt sowieso in der Pontstraße Nr. 13 hängen, wo sich seit 1931 das internationale Zeitungsmuseum befindet, noch so etwas, was die Möchtegern-Medienstadt Leipzig nicht hat, trotz „erster Tageszeitung“.

    Am meisten staunt man ja wirklich beim Reisen, was es dorheeme alles nicht gibt. Das macht etwas bescheidener und beruhigt, man fühlt sich wieder wie ein richtiger föderaler Mensch, der nicht immer überall der Allergrößte sein muss. Und man weiß, dass man auch mal kurz nach Aachen ausbüchsen kann, wenn das Wetter trüb und regenfadig ist. Aachen ist gar nicht mal der falsche Ort für richtig graue Regentage.

    Reinhard Mäurer Aachen an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019, 5 Euro.

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