Mehr Autobiografie als Fiktion

Hans-Henning Paetzkes zweiter Lebensroman: Heimatwirr

Für alle LeserAls Hans Henning Paetzke 1943 in Leipzig geboren würde, konnte er nicht ahnen, wohin ihn das Leben verschlagen würde, dass er mit ein paar ironischen Worten über Walter Ulbricht von der Oberschule fliegen würde, dass er wegen „Verletzung der Staatsbürgerpflichten“ seinen Job als Schauspieler verlieren und wegen Wehrdienstverweigerung im Knast landen würde. Sein Leben zeigt – romanreif – wie man selbst mit dem Charakter eines echten Schwejk in der DDR gegen Mauern rannte.

Und am Ende eigentlich nur noch weg will. Fast ein bisschen zu spät, wie Paetzke jetzt in diesem zweiten Roman über sein Leben feststellt, denn bis 1961 hätte er noch relativ problemlos in den Westen gehen können. Aber nicht mehr 1963, als er erlebte, dass auch ein Schauspielerdasein an einer Provinzbühne nicht davor bewahrte, zum Objekt staatlicher Erziehungs- und Sanktionspraxis zu werden.

Eigentlich interessiert ihn der Repressionsapparat der DDR nicht wirklich. Damit hat er abgeschlossen. Deswegen wird das nicht noch ein Dissidentenbuch, auch keine weitere Schilderung des Bestrafungssystems im SED-Staat, auch wenn das am Rande natürlich auftaucht.

Aber Paetzke hat gegenüber all den anderen, die in diese Mühlen gerieten, den Vorteil des Außenseiters. Denn 1968 emigrierte er  ̶  und zwar auf eine ungewöhnliche Weise: Er heiratete eine Ungarin, und statt mit ihr einen Hausstand in der DDR zu gründen, ging er mit ihr nach Budapest, wurde zum ungarischen Staatsbürger und damit zu einem Emigranten, mit dem selbst die Grenzschützer der DDR nichts anfangen konnten.

Er passte in kein Raster und konnte so auch 1973 – über die DDR  – in den Westen ausreisen, in den er auch vorher schon öfter gefahren war. Denn in Ungarn hatte er sich einen neuen Berufsstart als Übersetzer aufgebaut, wurde binnen weniger Jahre zu einem der gefragtesten Übersetzer aus dem Ungarischen und platzierte viele der heute viel gelesenen ungarischen Autoren erstmals erfolgreich bei den großen Verlagen der Bundesrepublik.

Ein echter Brückenbauer, einer, der das auch aus vollem Herzen tat, quasi Bürger dreier Länder, denn sein „Heimatland“ DDR wurde er ja genauso wenig los. So etwas schleppt man  – wenn auch als belastende Erinnerung – ein Leben lang mit. In Ungarn wurde er auf eigenwillige Weise heimisch: Gerade der offene, lebenslustige Charakter der Ungarn erzeugte in ihm ein Gefühl, das er so in der verschlossenen DDR nie erlebt hatte.

Und das, obwohl Ungarn von seiner „Einheitspartei“ genauso geschunden wurde. Auch Ungarn hatte seinen niedergeschlagenen Aufstand. Auch Ungarn hatte seine in Blut gebadete Parteispitze, die genauso durch das stalinsche Stahlbad gegangen war wie die Truppe um Walter Ulbricht. Auch Ungarn kannte die verhängnisvollen Gerichtsprozesse, in denen die Partei diktierte, wie das Urteil auszusehen hatte. Es kannte die Enteignung des Bürgertums und die Angst der Überlebenden, beim kleinsten Fehltritt selbst vom Täter zum Opfer zu werden.

Und das erzählt Paetzke auch nicht nur nebenbei, denn bevor er 1987 auch bei der ungarischen Staatsführung in Ungnade fiel und seine Arbeit als Übersetzer einen Bruch erlebte, tat er etwas, was nach meiner Kenntnis niemand für die DDR gemacht hat: Er führte Interviews mit den Verantwortlichen der Jahre 1954 und 1956, mit Opfern, Emigrierten und Tätern, die vorher (oder nachher) selbst zum Opfer wurden. Die Ergebnisse erschienen in Zeitschriften und als Buch („Andersdenkende in Ungarn“).

Deshalb findet man sehr viele sehr sensible Passagen über die Täter-Opfer-Rollen in totalitären Gesellschaften – und zu der Frage, wie leicht jemand aus der einen Rolle in die andere geraten konnte. Und auch zu der Frage, wie ein zutiefst menschlicher Humanismus missbraucht werden konnte und Menschen, die selbst – in Nazi-KZs oder auch in stalinschen Lagern – Fürchterliches erlebt hatten, nun selbst zu Tätern wurden, über alte Freunde richteten, nur um zu überleben.

Indem Paetzke lieber diesen Aspekt der ungarischen Geschichte beleuchtete, lernte er natürlich das Wesentliche über das Funktionieren aller stalinistischen Diktaturen im Osten. Und über diese seltsame Gesellschaftsordnung, die unter dem Versprechen, eine kommunistische Zukunft aufzubauen, alle menschlichen Werte über Bord warf und Mittäter hervorbrachte, die nicht einmal mehr in der Lage waren, das Irrationale ihres Tuns zu erkennen.

Denn dazu muss man heraustreten aus dem Apparat – entweder ins Exil gehen, flüchten, bevor die nächste Runde die jetzigen Täter zu künftigen Opfern machte, oder in die Rolle des Schwejks schlüpfen, eines sehr ernsthaften Schwejks, die Paetzke selbst im Privat- und Liebesleben nie aufgibt. Bis auf die Naivität, die den originalen Schweijk so liebenswert macht. Er ist nicht naiv. Eher ein Leben lang verunsichert. Die Gründe dafür – das weiß er  – liegen in seiner eigenen Kindheit, in den durchaus seltsamen Rollen seiner Eltern im NS-Reich. Das schärft dem aufmerksam Verunsicherten den Blick für die Herkunftsgeschichten seiner Freunde, Geliebten und Verwandten. Und nichts interessiert ihn mehr als die Lebensgeschichten der Menschen, mit denen er es zu tun bekommt.

Deswegen sollte man die Genrebezeichnung „Roman“ etwas mit Vorsicht genießen. Denn für gewöhnlich erzählt auch ein Roman eine in sich geschlossene Geschichte mit dramatischem Höhepunkt, Erlösung und eindeutigem Finale. Aber Paetzkes Lebensroman in mehreren Büchern ist so angelegt, wie Lebensgeschichten tatsächlich funktionieren: als großes Puzzle aus eigenen und fremden Geschichten, die sich bedingen, berühren, anstoßen, verlieren. Das, was in üblichen Schicksalsromanen wie ein roter Faden aussieht, ist immer eine Deutung, hineingemalt in lauter im Grunde verwirrende, seltsame, oft genug unpassende Geschehnisse, deren Folgen man oft erst später erfährt oder erkennt, unfertige Geschichten, die sich aber in der Summe zu einem ganzen Leben verdichten.

In dem dann auch wieder eine gewisse Logik steckt. Denn ohne seine ganzen negativen Erfahrungen in der DDR wäre Hans-Henning Paetzke niemals einer der wichtigsten Übersetzer ungarischer Literatur geworden, ein Mann, der in mindestens drei Welten zuhause ist – und das auch oft genug wieder nicht, weil ihn seine Mehr-Erfahrung in der einen Welt in den geschlossenen Heimaterfahrungen der Dagebliebenen zwangsläufig zum Außenseiter macht.

Deshalb dann der Titel: Heimatwirr. Auch wenn die Wirrnis seines Erinnerns eine ziemlich systematische ist. Immer wieder nimmt er Erinnerungsfäden wieder auf, erzählt die Schicksale der Menschen, denen er begegnet, greift auch auf jene Erzählstränge zurück, die er in „Andersfremd“ aufgetan hat. Denn natürlich schleppt man viele Verbindungen, Freundschaften und Verwandtschaften mit, ordnet sie neu ein, ordnet sich auch selbst neu zu, denn was die Bocksprünge im eigenen Leben mit einem selbst angerichtet haben, merkt man oft erst hinterher. Oft genug verliert man auch Menschen, die einem wichtig waren und erschrickt dann, wenn man erfährt, wie es ihnen danach erging.

Und natürlich stellt man sich immer die Frage: Wie viel Schuld hat man daran? Hätte man es ändern können?

Wobei Paetzke eben auch andeutet, dass ein Mensch stärker wird, wenn er die Spiele der Mächtigen nicht mitspielt. Das Schicksal des Ausgestoßenen ist kein passives Schicksal, erst recht, wenn es einen begabten und lernwilligen Jungen dazu bringt, sich einen neuen Weg in ein Leben zu suchen, das er als stimmig für sich begreifen kann. Was nicht heißt, dass es dann auch glückt. In Budapest merkt der Held dieses Lebensromans schnell, dass es ganz und gar nicht selbstverständlich ist, dass er hier angenommen und akzeptiert wird. Die neue Familie ist alles andere als ein sicherer Hafen.

Und so passieren auch die nächsten Schritte nicht ganz ohne Anstoß. Genauso wenig, wie seine verschiedenen Partnerschaften grundlos entstanden und am Ende auseinandergingen. Der Held des Romans ist nicht wirklich der Casanova, als der er manchmal erscheint. Man kann seine Vorsicht nachempfinden, wenn er sich in jeder neuen Beziehung fragt: Wird sie mich auch so akzeptieren, wie ich (wirklich) bin? Oder sucht sie etwas völlig anderes?

Und während einige seiner Held/-innen sichtlich nicht mehr herausfinden aus ihren Rollen und Abhängigkeiten, bewahrt sich der Erzähler die Neugier auf die Menschen, denen er begegnet, lässt sich ihre Geschichten erzählen und – das ist wichtig: Er verurteilt sie nicht.

Nur im Urteil über die Eliten, die mit scheinbar harmlosen Worten beginnen, Zwietracht zu säen und Sündenböcke zu erfinden, da bleibt er hart. Berechtigterweise. Denn das Gift des Hasses und der Gewalt, das säen hochgebildete Leute, die ganz genau wissen, was sie mit ihren Worten in Gang setzen.

„Mit gewählten Worten, aalglatten Sätzen kultivierter Autoren, Politiker, Journalisten, Wirtschaftswissenschaftler und Statistiker, kultivierter Herren eben, habe alles begonnen“, zitiert er den ins Exil gegangenen Musiker Miklós Kern.

„Mit haltlosen Behauptungen, wonach die Juden einen schädlichen Einfluss ausübten, Parasiten seien, Fremde, von denen die ungarische Lebenskraft aufgesaugt werde. Zu lesen in Zeitungsartikeln, Büchern und Aufsätzen, zu sehen in antisemitischen Filmen, zu hören auf politischen Versammlungen, am Stammtisch und in christlichen Familien. Leicht verdauliche Erklärungen, die für alle Probleme eine Lösung boten.“

Das gilt für Ungarn genauso wie für Deutschland. Und es trifft nicht nur die Juden. An vielen Schicksalen zeigt Paetzke, wie leicht sich neue Sündenböcke machen ließen, wenn die „kultivierten Herren“ wieder neue Feind- und Vernichtungsbilder brauchen, um abzulenken von dem, was sie tatsächlich taten. Das ideologische Mäntelchen gab es dann stets wohlfeil drumherum.

Und wer jetzt wieder denkt, das wäre nur in der alten „Ostbaracke“ so gewesen, der läuft schon wieder mit Tomaten auf den Augen herum. Das geht zwar jetzt über diesen Roman mit seinen ineinander verschränkten Schicksalen und Zeitebenen hinaus. Aber gerade weil Paetzke so genau hinschaut, lernt man eine Menge über das „Jahrhundert der Diktaturen“ und das, was diese Diktaturen mit den Menschen machten, und was die Menschen mit sich machen ließen. Oder machen lassen mussten.

Denn auch das gehört zur Lektion, von Paetzke direkt dem Ende der Ein-Parteien-Herrschaft in Ungarn zugeordnet: „Das Volk lässt sich in einer wie auch immer gearteten Diktatur nur durch Staatsterror und Unterdrückung bei der Stange halten. Liberalisierungstendenzen führen unweigerlich zum Zerfall der diktatorischen Macht.“

Aber mit dem Jahr 1989 endet das Buch nicht. Einige Erzählstränge weisen deutlich darüber hinaus. Es wäre also keine Überraschung, wenn diesem Lebens(abschnitts)roman auch noch ein dritter folgt, der seine Leser mitnimmt in eine Lebenserinnerung, die sich nicht auf einen einfachen Nenner bringen lässt.

Hans-Henning Paetzke Heimatwirr, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, 16 Euro.

RomanRezension
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