Rüdiger Ulrichs Vorschlag für eine Ökonomie der Liebe, Teil 2 der Buchbesprechung

Nähe und Gemeinsinn: Warum Menschen, die sich selbst nicht lieben, auch die Schöpfung nicht lieben können

Für alle LeserIn seinem Buch „Nähe und Gemeinsinn“ schlägt Rüdiger Ulrich einige Wege vor, wie man die riesigen Schuldenberge, die durch die Kapitalanlagen der Superreichen entstehen, abbauen kann. Denn da diese gewaltigen Summen von ihren Eigentümern nie und nimmer konsumiert werden können, also auch auf normalem Weg nicht wieder in den Geldkreislauf zurückkehren, strangulieren sie nicht nur unsere Staaten, sondern verschlingen regelrecht die Zukunft.

Ulrich tendiert – da er Christ ist und auch eine christliche Herangehensweise favorisiert – für Schuldenerlasse. Richtige Erlasse aller Schulden, wie sie durch die Bibel für die Zeit des alten Judäa bezeugt sind. Er weiß selbst, was das für einen Lärm veranstalten würde, denn damit würden Staaten zwar wieder atmen können – aber die Besitzer der Staatsanleihen würden Sturm laufen. Und sie haben ja schon heute den direkten Zugriff auf Medien, Politiker und Wirtschaftslehrstühle. Deswegen wird ja an deutschen Wirtschaftsinstituten seit Jahren fast nur noch die neoliberale Wirtschaftstheorie gelehrt, die Ulrich in vielen ihrer zentralen Facetten eine Ideologie nennt, nicht besser als die kommunistische Ideologie von der Diktatur des Proletariats.

Und was diese „Diktatur des Proletariats“ anrichtet, die zwangsläufig immer auf eine Funktionärsdiktatur hinausläuft, hat er ja selbst erlebt. Ausgangspunkt für einige seiner Ideen ist die Friedliche Revolution in Leipzig, an der er nach eigenen Angaben mitgewirkt hat. Und die er für unvollendet hält. Aber eben anders als die Leute von der AfD, auch wenn der Gedanke erst einmal verblüfft. Aber man findet ihn auch schon bei Rudolf Bahro, der ja schon 1987 sein Buch „Logik der Rettung“ schrieb, in einer Zeit, in der wenigstens im Westen schon deutlich war, dass der entfesselte Neoliberalismus die Welt ökologisch in die Knie zwingen würde. Wir haben wirklich 32 wertvolle Jahre verloren. 1995 legte Bahro mit „Bleib mir der Erde treu! Apokalypse oder Geist einer neuen Zeit“ noch einmal nach.

Vieles von dem, was Bahro damals als echte Alternative sowohl zur kommunistischen Planwirtschaft als auch zum entfesselten Kapitalismus vorschlug, wird heute endlich ernsthaft diskutiert und zaghaft umgesetzt – vom dezentralen Ausbau der alternativen Energien bis zur Rückkehr zur regionalen und genossenschaftlichen Produktion. Letzteres greift auch Ulrich wieder auf, denn wenn man ernsthaft über unsere seltsam gewordene Beziehung zu den Produkten, die wir kaufen, nachdenkt, kommt man zwangsläufig an den Punkt, dass wir unsere Existenzgrundlagen wieder regional schaffen müssen. Denn wenn Produkte zu Billigtarifen irgendwo in Asien hergestellt und billig in unseren Läden angehäuft werden, haben wir keine Beziehung mehr zu diesen Produkten. Wir schätzen sie nicht mehr wert, weil wir weder die Arbeit sehen, die darin steckt, noch eine persönliche Beziehung zu den Produzenten haben.

Ulrich bietet in seinem Buch auch handfeste Zahlen zu sächsischen Verbraucherumfragen, die zeigen, dass die Sachsen sehr wohl heimische Produkte kaufen und sogar mehr Geld dafür bezahlen würden, wenn sie überhaupt wüssten, dass es welche gibt und wo man sie bekommt.

Wir vergessen ja meist, was für eine unheimliche Macht die riesigen Einzelhandelsketten über unseren Konsum haben, weil gerade sie es sind, die den stärksten Preisdruck ausüben und damit auch sämtliche Nahrungsmittelerzeuger erpressen können. Dass heute kaum noch Arbeitsplätze in der ostdeutschen Landwirtschaft existieren und die sächsischen Dörfer veröden, hat genau damit zu tun: Die verbliebenen Agrarbetriebe sind regelrecht dazu gezwungen, mit Vollautomatisierung und rücksichtslosem Gebrauch von Dünger und Pestiziden in Massen genau jene landwirtschaftlichen Produkte herzustellen, die dann als Enderzeugnis im Supermarkt zu Billigpreisen verschleudert werden. Nicht die Bauern bestimmen die Preise, sondern das Management riesiger Einzelhandelsketten, die wieder Anteilseignern gehören, die jedes Jahr ihre Kapitalerträge sehen wollen, koste es, was es wolle. Und sei es die Artenvielfalt.

Und dann kriegt man sogar noch das Kunststück fertig, den Käufern einen Großteil dieser Produkte mit blühenden Wiesen, fröhlich flatternden Schmetterlingen und der Behauptung aufzuschwatzen, man bekäme hier „Produkte aus der Heimat“.

Ulrich geht auch ausführlich auf die heutige Diskussion des Heimat-Begriffs ein und zerpflückt auch hier die üblichen Definitionen, mit denen vor allem die Rechtspopulisten Stimmung machen, die mit Märchenbildern von anno dunnemals versuchen, ein romantisches Abendland zu malen. Aber Ulrich kann auch hier auf einschlägige Umfragen verweisen, die zeigen, dass Menschen Heimat für sich als einen Ort des Tätigseins begreifen, einen Ort, zu dem sie eine intensive Beziehung haben, weil sie ihn gestalten. Und zwar gemeinsam. Heimat ist für sie ein gemeinsames Projekt, keine hübsche unveränderliche Landschaft.

Was einen schnell auf das Thema Bürgerbeteiligung bringt, das Ulrich gar nicht erst anspricht. Denn eigentlich ist klar, dass auch Politik sich ändern muss, wenn wir unsere Welt und unsere Region vor der ökologischen Zerstörung bewahren wollen.

Was Ulrich auch nicht diskutiert, ist die Wirkung von Steuersätzen. Er tippt das Thema nur kurz an, findet aber schon die ewige Steuerdiskussion ermüdend.

Aber ermüdend ist sie, weil die Thinktanks der Supereichen, die auf ihre Zinsmaschine nicht verzichten wollen, immer wieder mit denselben falschen Argumenten dazwischenhauen, wenn auch nur ein Politiker wagt über Steuererhöhungen nachzudenken. Dabei hat selbst die Nachkriegszeit gezeigt, dass Vermögenssteuern, Erbschaftssteuern und hohe Spitzensteuersätze bis zu 70 Prozent das Land nicht arm gemacht und auch die Reichen nicht arm gemacht haben. Im Gegenteil: Diese Steuersätze haben nicht nur den gewaltigen wirtschaftlichen Aufschwung nach 1945 erst ermöglicht, sie haben auch das verhindert, was unsere Welt jetzt regelrecht zur Geisel superreicher Anleger gemacht hat – nämlich das Entstehen dieser riesigen Anlagevermögen, die durch keinerlei echte Arbeit vermehrt werden und die Staaten der Welt immer tiefer in die Schuldenabhängigkeit treiben.

Eine Welt in Geiselhaft von Riesenvermögen …

Rüdiger Ulrich sieht die Chance tatsächlich darin, dass wieder regionale Wirtschaftskreisläufe entstehen, Produktion wieder da stattfindet, wo Menschen eine Beziehung zum Produkt und zu den Produzierenden entwickeln können und vor allem auch wieder lernen, die oft aufwendig hergestellten Produkte wertzuschätzen.

Nicht zu vergessen, dass er auch eindringlich schildert, welche moralischen Verheerungen die heutige Entfremdung der Menschen nicht nur von der Arbeit und den gekauften Produkten bedeutet, sondern auch von ihrem eigenen Leben. Denn in einer Welt, in der man sich immer mehr nur noch über die gekauften Produkte definiert, bleibt kaum noch Raum für menschliche Nähe.

Und wer pausenlos in der Überforderung einer riesigen Unterhaltungsmaschinerie steckt, der merkt auch nicht mehr, wo ihm echte Berührung und Nähe fehlen. Er vereinsamt. Der rabiate Egoismus unser heutigen Gesellschaft hat hier seine Gründe. Auch die völlige Entfesselung der rechtspopulistischen Filterblasen: Die holen die Menschen nämlich in ihrer Ratlosigkeit und Einsamkeit ab und reden ihnen ein, andere, Schwächere seien Schuld an ihrem Gefühl des Unglücklichseins.

Rüdiger Ulrich setzt dabei auf seinen christlichen Glauben. Und ganz sicher ist es eine ganz zentrale Not, wenn Menschen heute nicht mehr zu sich selbst finden, Nähe und Liebe nicht mehr finden können. Liebe übrigens – das ist ganz zentral – auch zu ihrer Heimat und zu Gottes Schöpfung.

Wobei mir Ulrich an der Stelle ein bisschen zu esoterisch wird, wenn er meint, nur Gott könnte jene stabile Basis sein, die Menschen wieder ein Urvertrauen gibt. Da irrlichtert die aus meiner Sicht fatale Diskussion darum, die nur dem christlichen Glauben ein echtes Wertefundament zubilligt und Atheismus mit blankem Materialismus gleichsetzt. Und übrigens auch Kants „Austritt aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“ fehlinterpretiert. Dieser Schritt führt eben nicht zwingend in den Machbarkeitswahn und die kalte Rationalität. Im Gegenteil. Eigentlich ist Ulrichs Buch selbst ein Beleg dafür, wohin man da kommt: nämlich zur Erkenntnis dessen, was wirklich schiefläuft und was man tatsächlich tun kann, um die blinde Zerstörung unserer Welt zu beenden.

Man muss es nur tun. Aber das braucht Rückgrat und die Fähigkeit, der scheinbaren Macht der Gier Grenzen zu setzen. Denn anders als sie behauptet, ist sie nicht alternativlos, sondern nur eine erbarmungslose Krankheit, gegen die es endlich ein paar wirksame Rezepte braucht.

Rüdiger Ulrich Nähe und Gemeinsinn, Oekom Verlag, München 2019, 20 Euro.

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© Philipp Gladsome

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