Stadtrundgang in einem sächsischen Kleinod

Zwickau an einem Tag: Volles Programm zwischen Thomas Müntzers Kirche und August-Horch-Museum

Für alle LeserAn der Bausubstanz kann es nicht liegen. Wenn man ostdeutsche Städte besucht, darf man ruhig auch verblüfft sein, wie schön saniert das alles ist und wie sehr manche dieser alten Städte den alten Bürgerstädten in Niedersachsen, Hessen oder Schwaben ähneln. Was 1990 rußiges Aschenputtel war, lädt heute in malerischer Schönheit ein. Auch das 900-jährige Zwickau im Südwesten dieses unheimlichen Bundeslandes Sachsen. Wobei ...

Wer formt eigentlich die Bilder von Ländern und Menschen? Kann es sein, dass es die übergestülpten Geschichten von Leuten und Medien sind, die den düsteren Osten stets nur aus ihrer elitären Position beschreiben, aus der Position des braven Musterschülers der Demokratie, der sich seit 1945 nichts zuschulden hat kommen lassen?

Und auch im Kopf nicht zusammenbekommt, dass der Osten trotzdem voller faszinierender Städte ist und darin Menschen leben, die diese Orte lieben und alles dafür tun, dass sie schön und lebenswert bleiben. So auch in Zwickau, das Jens Kassner jetzt in 31 Stationen erkundet, beginnend mitten im Zentrum, wo sich die Einkaufsstraßen rund um den Markt gruppieren, wahre Exempel bürgerlicher Baustile der letzten 500 Jahre.

Denn Zwickau war einmal reich – wie so fast jede sächsische Stadt. Es lag am Wegkreuz zweier alter Handelsstraßen. Und es profitierte von den Bodenfunden in der Nähe – zuerst vom Zweiten Berggeschrey, später von der Industrialisierung, die die Steinkohle unter Zwickau brauchte zum Feuern. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurde unter Zwickau Steinkohle abgebaut, erfährt man gleich im Vorspann, mit dem die jüngeren Stadtrundgänge aus dem Lehmstedt Verlag jetzt regelmäßig eingeleitet werden.

Zwickau ist freilich auch mit dem größten Grubenunglück der DDR verbunden. Und der Bergbau zeitigt Folgen bis heute. Da hat Zwickau nämlich dieselben Probleme wie die Steinkohleregionen im Ruhrpott, gibt es Senkungen und Gebäudeverluste. Aber einen Namen als Industriestadt hat Zwickau vor allem durch seinen Automobilbau. Hier wurden Horch und Audi gegründet, wurde die legendäre Rennpappe produziert und baut VW im Stadtteil Mosel noch immer Pkw. Logisch, dass der Rundgang im August Horch Museum endet, dem wohl attraktivsten Automobilmuseum Deutschlands. Dafür allein lohnt sich die Reise nach Zwickau.

Vorher aber lernt der Besucher bald, dass diese Stadt noch viel mehr zu bieten hat. Mit der Katharinenkirche verbindet sich ein wichtiges Kapitel der Reformationsgeschichte. Hier begegnet man den Zwickauer Propheten und natürlich Thomas Müntzer, diesem Radikalreformer, der auch aus Zwickau weichen musste. Trotzdem hat ihm die Stadt eine Skulptur gesetzt, gleich neben seiner Wirkungsstätte, der Katharinenkirche.

Überhaupt, diese Berühmtheiten: Zwickau ist nicht ohne. Hierher fahren auch die Musikliebhaber, um das (nachgebaute) Geburtshaus von Robert Schumann zu besuchen und vielleicht auch sein Denkmal am Hauptmark im Selfie festzuhalten. Schauspielfreunde kommen auch wegen der Neuberin, nach der hier der Platz vorm Theater benannt ist. Man stolpert über die Kindheit des Schauspielers Gerd Fröbe und lernt, dass Zwickau auch einmal ein Zentrum des deutschen Expressionismus war, der sich hier mit Namen wie Max Pechstein und Fritz Bleyl verbindet.

Was dann für Kunstfreunde bedeutet, dass sie in Station Nr. 28, dem Max-Pechstein-Museum, erst einmal hängenbleiben. Wenn sie nicht vorher schon in Nummer 27, dem Johannisbad, hängengeblieben sind, einem Bad, das mindestens so schön ist wie das Leipziger Stadtbad – mit dem heiklen Unterschied, dass es saniert ist und die Zwickauer in diesen faszinierenden Badelandschaften tatsächlich baden können. Sie haben auch eine funktionierende Markthalle, von der die Leipziger nun schon seit über zehn Jahren träumen

Was kann man tun? Man setzt sich ins Muldeparadies neben Jo Harborts Skulptur vom Feierabend feiernden Bergmann, die eben nicht nur von „Schicht im Schacht“ erzählt, sondern auch von der Gelassenheit eines alten Kumpels, der weiß, dass er sich sein Feierabendbierchen verdient hat. Mehr will man ja oft gar nicht vom Tag. Vielleicht hat er ja auch schon sein Plätzchen im hübsch sanierten Schloss Osterstein, das heute eine Seniorenresidenz ist. Fast schon verloren nach der Vernachlässigung in DDR-Zeiten, die ja leider auch große Teile der Zwickauer Altstadt gekostet hat. Ein Phänomen, das man ja aus vielen ostdeutschen Städten kennt: Am Ende planten die sozialistischen Städteplaner ja fast überall, die heruntergekommenen Innenstädte plattzuzwalzen und dafür Plattenbauten von der Stange zu bauen, die man heute auch in Zwickau sieht.

Man läuft also ein bisschen mit weinendem und auch mit lachendem Auge durch Zwickau, freut sich natürlich, dass für so manches architektonische Kleinod die Rettung gerade noch rechtzeitig kam, sodass man in Zwickau eben auch noch einiges von der stolzen Schönheit sächsischer Bürgerstädte sieht, die davon erzählt, wie sehr Bürgerstolz und Unternehmergeist einst diesen Landstrich prägten.

Das fehlt heute manchmal ein bisschen zu sehr. Auch diese Grundhaltung: ein bisschen stolz zu sein auf das Erreichte. Denn genau davon erzählen ja die liebevoll sanierten Bürgerhäuser in der Altstadt. Wo ganz sichtlich auch gemütliche Cafés und Freisitze werben um Gäste, die ihre Ein-Tages-Tour gern mal unterbrechen, weil es einfach ein ziemlich fettes Programm ist, das Jens Kassner hier wieder zusammengestellt hat.

Jens Kassner Zwickau an einem Tag, Lehmstedt Verlag, Leipzig 2019, 5 Euro.

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