Koscher durch die Krisen: Michael Wuligers ausgewählte Wochenkommentare aus der „Jüdischen Allgemeinen“

Für alle LeserEs ist eine selten gewordene Kunst in Deutschland, noch gute Kommentare schreiben zu können. Das hat viele Gründe – mal die fehlende stilistische Brillanz der zumeist älteren Herren, die nun glauben, zu allem und jedem einen geistreich angehauchten Senf dazugeben zu müssen. Oft fehlt schlicht der breite Fundus eines Wissens, auf den sie zurückgreifen könnten. Und dann fehlt ihnen noch etwas, das sie nicht einmal zu vermissen scheinen. Michael Wuliger hat es.
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Man kann es Betroffensein nennen (nicht zu verwechseln mit dem so typisch deutschen Begriff Betroffenheit). Vielleicht gibt es auch noch bessere Begriffe dafür. Ein jeder Mensch definiert sich über die Bedingungen seines Daseins. Er nimmt eine Rolle ein, wird aber auch in die Rolle gesteckt, muss aushalten, dass andere ihn in der Rolle sehen, wird aber ein Leben lang geformt durch all das, was er erlebt und ihm widerfährt. Wer glaubt, dass es anders ist, lebt wahrscheinlich hinterm Mond.

Und die meisten merken es nicht mal, weil ihnen das nie auffällt, weil es in ihrem Leben keine Aha-Erlebnisse gibt, in denen sie merken, dass sie eine ganz bestimmte Rolle spielen. Manche merken das nicht mal, wenn sie um die Welt reisen. Manche haben ein verdammt dickes Fell. Und Tomaten auf den Augen.

Eine Verschonung durch Wirklichkeitswahrnehmung, die sich Menschen mit jüdischer Herkunft in Deutschland gar nicht leisten können. Selbst wenn sie es ignorieren würden, würde ihnen bei der nächstbesten Gelegenheit ein selbstgerechter Deutscher seine Meinung dazu sagen. Darin sind die selbstgerechten Deutschen gut.

Bis 2015 war Michael Wuliger Feuilletonredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“. Dann ging er zwar in Rente, aber nicht in Ruhestand. Im Gegenteil: Er erbat sich das Recht, jede Woche einen Kommentar für die „Jüdische Allgemeine“ schreiben zu dürfen. Der erscheint seitdem unter der Rubrik „Wuligers Woche“.

Und das hier ist die erste Auswahl dieser Kommentare, die sehr deutlich machen, woraus Kommentare ihre Kraft und Pointiertheit gewinnen: Der Kommentator versteckt sich nicht hinter einer abgehobenen Allgemeingültigkeit, einer unnahbaren Überparteilichkeit oder wie man die herablassende Belehrungslust der meisten Kommentare und „Meinungen“ in deutschen Zeitungen bezeichnen mag.

Die meistens zu billigem Quark, Biertischwahrheiten und oberflächlicher Wortdrechselei geraten, ohne dass irgendwie klar wird, wer der Kerl eigentlich ist, der diesen Schmalz von sich gegeben hat. Besondere Regionalzeitungen (zu denen Wuliger herrlich erhellende Glossen zu schreiben weiß) nenne ich da nicht. Das nimmt sich alles nicht viel, weil es nun mal nicht zur Ausbildung der zum Kommentar Verdammten gehört.

Die meisten lernen nur diesen komischen Halbsatz vom „sich nicht gemein machen“ und glauben, das sei schon preisverdächtige Objektivität. Weil ihnen kein Dozent im Studium je beigebracht hat, dass es „die Objektivität“ nicht gibt. Nicht geben kann. Und weil die meisten Redakteure das nie begriffen haben, merken sie nicht mal, wie ihre oft sehr platte Meinung zu irgendwas aus ihren Texten spricht. Sie stecken drin und mit gründlicher Untersuchung kann man auch herausbekommen, was für ein Klima in der jeweiligen Redaktion herrscht. Aber sie geben sich nicht zu erkennen. Sie verstecken sich.

Aber Kommentare werden erst lebendig, wenn ihr Autor (oder ihre Autorin) erkennbar sind, wenn sie über die Bedingungen ihres eigenen Lebens, Denkens und Schreibens nachgedacht haben und sich erkennbar machen.

Das gab es durchaus einmal in den Kolumnen deutscher Zeitungen. Das war mal eine Tugend und nichts galt in gut gebildeten Redaktionen als so erstrebenswert, als einmal die Kommentare auf Seite 1 schreiben zu dürfen. Aber das war alte Schule. Das war der Bildungshorizont von Leuten, die noch klassische Gymnasien besucht haben, Klassiker auch noch im Original lasen und sich bei Cicero nicht nur mit lateinischen Wörtern, sondern auch mit Stilistik und Rhetorik beschäftigt haben.

Lang ist’s her. Ungefähr vier große Schulreformen. Und noch etwas ist passiert: Das Verschwinden der Persönlichkeit aus journalistischen Texten. Siehe oben: „sich nicht gemein machen“. Was die heutigen Vielschreiber und Möchtegern-Edelfedern meist damit verwechseln, dass der Schreiber keine Haltung, kein Profil und keine Position mehr in der Welt haben dürfe. Aber so kann man keine Kommentare schreiben, die eben auch nichts mit dem Pfenniggeld „Meinung“ zu tun haben.

Meinungen haben in Kommentaren nichts zu suchen. Richtig gute und pointierte Kommentare entstehen, wenn ihr Autor eine klare Haltung hat, seine Rolle in der Welt kennt und vor allem weiß, worüber er schreibt. Dann darf man nämlich sehr pointiert seine Kritik anbringen. Und dann wissen auch die Leser/-innen, warum einer zuspitzt und auf den Punkt bringt.

Und genau das bekommt man bei Wuliger. Und das ergibt das gute Gefühl, so nebenbei auch gut unterhalten zu werden und etwas zu lernen. Denn Lernen kann man nur etwas über Dinge, die sich vom Allgemeinen und Gewohnten unterscheiden.

Was ja eine andere Seite des deutschen Nicht-gemein-Machens ist: Wir sind (auch durch viele wirklich dumme visuelle Medien) mittlerweile daran gewöhnt, dass alles in der Welt durch eine selbstgefällige deutsche Brille gesehen und berichtet wird, die den Zuschauern das Gefühl vermittelt, dass für die ganze Welt dieselben Ansichten und Prämissen gelten wie für Deutschland. Woraus dann diese ganzen depperten Forderungen folgen, wenn etwa Angela Merkel dazu vergattert werden soll, bei ihrer Fahrt nach Moskau oder Peking unbedingt auch „die Menschenrechte“ anzusprechen.

Als hätten wir es dort nur mir etwas verpeilten demokratischen Möchtegerns (wie etwa in der Türkei oder Ungarn) zu tun. Was aber nur von unseren Illusionen von der Welt und von Politik erzählt. Und von unserer Unkenntnis dessen, was in anderen Ländern wirklich passiert und wie man z. B. Diktatoren an den Verhandlungstisch zwingt. Und eigentlich herrscht im Binnenland dieselbe Suppe.

Trotz teilweise sehr bissiger Kommentarkultur. Aber das Problem ist wirklich: Wenn Kommentatoren nicht erkennbar werden als Persönlichkeit, die ihre Positionen belegen und erklären können, weil es mit ihrer Lebenserfahrung und der tatsächlich unverstellten Sicht auf die Wirklichkeit zu tun hat, dann laufen Kommentare ins Leere, bereichern niemanden, erzeugen nicht einmal die Freude, durch einen gut geschriebenen Text auf etwas Neues aufmerksam gemacht zu werden.

Denn Kommentare leben auch gerade von diesem Neuen. So wie gute Gespräche davon leben, wenn sich Menschen wirklich neugierig aufeinander einlassen und nicht einfach nur immer den anderen belehren oder missionieren wollen. Eine echte deutsche Unart, über die Wuliger immer wieder schreibt. Gern auch mit Rückgriff auf die immer wieder zu hörende Floskel: „Ihr als Juden müsstet doch …“

Man lernt eine Menge darüber, wie Juden in Deutschland heute unsere ziemlich verquaste Erinnerungs- und Ent-Schuldungs-Kultur sehen. Und welche Rolle dabei das oft gespaltene Verhältnis zur eigenen Geschichte und zu Israel spielt. Wobei eben auch deutlich wird, dass gerade wir Deutschen, die wir so gern als Lehrmeister in Sachen Moral auftreten, oft nicht mal wissen, welche Rolle wir selbst tatsächlich innehaben.

Nicht nur Wuliger trifft ja bei diesem Thema (und nicht nur in verquasten Pressemitteilungen aus Ministerien) auf Berge von Phrasen, in denen ein seltsames „Aber“ immer mitschwingt. Als wären wir heute alle so geläutert, dass es uns das Recht gibt, aller Welt die Moral mit dem Zeigefinger zu präsentieren.

Es sind erholsame Kommentare, von schlichter Klarheit und prägnanter Eindeutigkeit, denen mancher zum ersten Mal begegnen wird, wenn er oder sie nicht schon sowieso Leser/-in der „Jüdischen Allgemeine“ sind.

Und für Leute, die meinen, unbedingt selbst Kommentare schreiben zu müssen, sind es herrliche Lehrbeispiele dafür, wie es geht. Und dass man es ohne eine echte Haltung und ein fundiertes Wissen über die Dinge, von denen man schreibt, gar nicht erst versuchen sollte. Und so nebenbei erfährt man so einiges über den latenten Antisemitismus (nicht nur im Deutschland), den viele Leute gar nicht wahrzunehmen scheinen (so, wie sie auch die Diskriminierung von farbigen Menschen meist nicht wahrzunehmen in der Lage sind).

Und dann, wenn sie ein helles Sekündchen haben, doch wieder alles in einen Topf schmeißen, weil sie einfach nicht begreifen können, dass ihre angelernte Rolle nicht der Maßstab für alles ist, sondern nur eine Rolle unter vielen. Ein Problem, das vor allem rechtsradikale Menschen haben, die sich für brave Bürger halten, die halt nur „von Natur aus“ ein paar „unerschütterliche Ansichten“ haben. Leute, wie Wuliger feststellt, mit denen man selbst dann nicht reden kann, wenn sie sich selbst zum Kaffee einladen.

Was einem freilich auch deutlich macht, dass es uns nicht zusteht, ständig für andere Leute zu sprechen, egal, ob Juden oder Jüdinnen, Farbige, Diverse, Hartz-IV-Empfänger, Frauen, Jugendliche, Migranten oder wen auch immer. Das sollten wir wirklich den Betroffenen selbst überlassen. Die wissen es besser als wir. Wir können über uns selbst schreiben. Und wenn wir gelassen und skeptisch genug sind, schaffen wir es wie Wuliger. Dann entsteht auch ein Gespräch, wird nicht mehr immer nur über die anderen gesprochen, sondern werden sie Teil unserer Selbst-Erkenntnis.

Wer alles immer schon besser weiß und seine fertiggebastelte „Meinung“ hat, der lernt nichts dazu. Der wird andere Menschen immer nur als Schablone sehen. Und neigt zu einer Selbstgerechtigkeit, die einfach nur fürchterlich ist. Manchmal auch zum Fürchten.

Und wem diese kleine Analyse zu verkopft ist, der lese selbst. Das Lesevergnügen in Wuligers Kommentaren ist garantiert.

Michael Wuliger Koscher durch die Krisen, Hentrich & Hentrich, Leipzig 2020, 15 Euro.

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