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Verlorenes Land: Der erste DDR-Krimi des Dresdner Autors Andreas M. Sturm

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    Der Titel ist doppelbödig, eigentlich hat er sogar noch viele versteckte Keller. Nur eines meint der 1962 in Dresden geborene Krimi-Autor Andreas M. Sturm eher nicht: dass er die DDR wiederhaben möchte. Auch wenn das sein erster DDR-Krimi ist, nachdem er seine Ermittlerinnen Karin Wolf und Sandra König zuletzt mehrfach in die Abgründe des heutigen Dresden geschickt hat

    Der erste Unterboden: natürlich die KoKo, ausgeschrieben: Kommerzielle Koordinierung, das Imperium des Stasi-Obersts Alexander Schalck-Golodkowski, dem in diesem Fall der Leutnant der Kriminalpolizei Uwe Friedrich auf die Schliche und ins Gehege kommt. Was in diesem Fall doppelt unterbödig ist, denn einerseits war die KoKo der praktizierte Ausverkauf all dessen, was in der DDR irgendwie von Wert war und im „feindlichen Ausland“ gegen Devisen (DDR-Deutsch: Valuta) verhökert werden konnte.Andererseits war die KoKo Teil der Stasi und operierte auch mit entsprechend finsteren Methoden. Da wurde auch vor Raub, Enteignung und Erpressung nicht zurückgeschreckt. Und zwangsläufig kommen damit Friedrich und die Dresdner Volkspolizei in Konflikt mit der allmächtigen Stasi.

    Was schon den zweiten Unterboden sichtbar macht: Denn dieser Konflikt macht offenkundig, was mit einem Land passiert, in dem ein über allem Recht stehender eigener Geheimdienstapparat schalten und walten kann, wie er will, und auch brisante Untersuchungen der Polizei stoppen lassen kann, wenn damit die eigenen Geschäfte tangiert sind oder hohe Funktionäre drohen, vor Gericht zu landen.

    Denn wie viel Vertrauen genießen eigentlich Polizei und Justiz noch, wenn letztlich jeder Bürger weiß, auch wenn es nicht in der Zeitung steht, dass Recht und Gesetz der Willkür eines eigenmächtigen Apparates unterliegen?

    Eine nicht ganz unwichtige Frage, die ja Andreas M. Sturm an seinem anfangs noch ein bisschen naiven Leutnant der VP durchexerziert, der die Begeisterung für seinen Beruf mit einer ziemlich markanten Überzeugung verbindet, dass Staat und Regierung tatsächlich das wollen, was die Kinder in der Schule als Vision für eine menschliche Zukunft beigebracht bekommen.

    Doch wir sind im Jahr 1982, einem Jahr, in dem schon längst allerenden spürbar war, dass von dieser Zukunft eigentlich niemand mehr träumte. Die Wirtschaft hatte längst den Anschluss verloren. Die Städte – hier exemplarisch die Dresdner Neustadt – verfielen. Die Ausreisewelle rollte und wer keine Forum-Schecks in der Brieftasche hatte, stand nur bedröppelt im Intershop und atmete verzweifelt den „Duft der weiten Welt“.

    Was schon der dritte Unterboden ist, denn dieses Land war 1982 schon verloren. Die Spatzen pfiffen es von den Dächern und die besten Bands des Landes sangen davon.

    Was eigentlich schon ein vierter Unterboden ist: Die heutige Fehlinterpretation, die Jugendlichen in der DDR hätten nur noch Westmusik gehört und im Plattenladen nur nach Lizenzplatten ausgelugt. Die in der DDR auf Platten gepresste Musik hätte also niemand gehört oder gekauft. Was nicht stimmt. Sturm deutet es kurz an mit Sabines Begeisterung für die neue Scheibe „Der Löwenzahn“ der Magdeburger Band Reform.

    Und es gab einige dieser hochkarätigen Bands, die den Sound ihrer westlichen Vorbilder mit hochpoetischen und doppelbödigen Texten verbanden. Da lohnte sich Zuhören wirklich, auch wenn man dabei abgrundtief melancholisch werden konnte. Es verblüfft eher, dass diese Songs heute nicht immer wieder auch von jüngeren Bands gecovert werden.

    Womit wir bei Sabine wären, der Krankenschwester, die just in dem alten Haus in der Neustadt wohnt, in dessen Hinterhof gleich zu Beginn der Geschichte ein Mann erschossen wird, der scheinbar ein vorbildlicher Zeitgenosse ist. Sein Vorgesetzter schwärmt von ihm nur in den höchsten Tönen.

    Dass der Mann freilich irgendetwas mit den dubiosen Antiquitätengeschäften der KoKo zu tun hat, bekommt Friedrich dann auf eigene Faust heraus, nachdem ihm der Fall eigentlich „von ganz oben“ entzogen wurde. Aber da hatte er Sabine schon kennengelernt und sie just im Februar bei einer Friedensdemo an den Ruinen der Frauenkirche wiedergetroffen. Da war er eigentlich zur Observation eingesetzt und sollte bekannte Gesichter melden. Was er dann doch lieber nicht tat.

    SYNDIKAT KRIMI-QUICKIES Staffel 2 Folge 9: Mit Andreas M. Sturm

    Und er ist in der Dresdner Polizeidirektion augenscheinlich nicht der einzige, der nicht (mehr) bereit ist, diese Schergendienste für den immer rücksichtsloseren Überwachungsapparat zu leisten. Was den eigentlichen Resonanzboden dieses Krimis sichtbar macht und worüber gerade die kleine Gruppe aus dem Haus in der Neustadt, die Friedrich nun kennenlernt, auch immer wieder diskutiert: Wie dieses Land eigentlich schon viel früher verloren ging, in dem Moment nämlich, in dem dieser neue Geheimdienst eingerichtet wurde, der schon frühzeitig damit begann, genau jene Menschen zu drangsalieren und zu kriminalisieren, die über die engen Vorstellungen der „Partei“ hinausdachten. Oder – wie eben 1982 – den propagierten Kampf um den Frieden wirklich ernst nahmen und mit dem Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ friedliche Demonstrationen organisierten.

    Eigentlich ein Punkt, an dem die erstarrten Alten hätten reagieren müssen. Oder zurücktreten und wirklich Reformer ans Ruder lassen müssen. Was ja alles nicht passiert ist. Und stellenweise gelingt es Sturm, sehr genau zu zeichnen, wie bedrückend diese Atmosphäre schon war und wie sie gerade die lebenshungrigen, selbstbewussten und engagierten jungen Menschen belastete und quälte.

    Wobei er einen recht üblen Stasi-Mann agieren lässt, dem das Anschwärzen und Erpressen augenscheinlich Lebenselexier ist. Es steht zu befürchten, dass der Kerl im nächsten Krimi wieder auftaucht als böser, teuflischer Gegenspieler zu Uwe Friedrich, der in diesem Fall mit einigen sehr eigenwilligen Methoden ermittelt, ermitteln muss, weil die Polizei offiziell nichts ausrichten kann gegen den übermächtigen Geheimdienst.

    Andreas M. Sturm kann freilich sein mitfühlendes Gemüt nicht ganz verhehlen und lässt seinen neu geschaffenen Krimi-Helden mithilfe seiner neuen Freundin und unerwarteten Freunde nicht nur den Mord aus Kapitel 1 aufklären, sondern auch gleich noch einen zweiten, uralten und ungelösten Fall. Was ihm am Ende ein bisschen Verhandlungsmasse mit dem Chef gibt.

    Da wird es eigentlich ein bisschen märchenhaft. Denn die DDR ist ja auch deshalb sang- und klanglos untergegangen, weil Eigensinn und Tapferkeit, wie sie dieser Kriminal-Leutnant an den Tag legt, nicht wirklich belohnt wurden. Schon gar nicht damit, dass Dinge wieder in Ordnung gebracht wurden oder junge Frauen wie Sabine dann doch noch studieren durften.

    Eher wurden sie immer weiter frustriert. Das Land erstarrte auch deshalb, weil die entscheidenden Posten letztlich mit Überforderten und mit Opportunisten besetzt waren. Leuten, die an einem starren und sturen Bild davon festhielten, wie das Land und die Wünsche der Menschen zu sein hatten. Und eigentlich hat Sabine recht, als sie ihrem Uwe sagt, dass er nicht nur seinen Beruf als Polizist riskiert, wenn er auf einmal auf solchen Friedensdemos auftaucht.

    Da ist etwas Unerzähltes. Im Grunde steckt das in Sturms Krimi, der sich deutlich von Krimis aus der DDR-Zeit selbst unterscheidet. Denn damals hätten alle diese Themen nicht mal im Subtext auftauchen dürfen, da kam der Zensor (den es natürlich niemals gab).

    Auf einmal ist das wieder Stoff, der bearbeitet werden kann, der auch völlig neu durchackert werden kann, auch mit dem Wissen, dass eben nicht alle Polizisten und Funktionäre „zu Stahl geschmiedete“ Typen waren, die nur eiskalt im Sinn einer Ideologie handelten. Es muss auch solche Uwe Friedrichs gegeben haben, Leute, die einfach etwas Gutes tun wollten, indem sie ihre Arbeit als Polizist ernst nahmen. Wen sonst hätte man denn nach 1990 übernehmen sollen? Oder waren das alles nur blinde Mitläufer?

    Diese Frage stellt Sturm im Grunde mit seinem neuen Figurenensemble, in dem er die Konflikte dieser zermürbenden 1980er Jahre thematisiert – sehr schwungvoll, manchmal mit einem Tempo, das man den Trabis, Ladas und Barkas gar nicht zugetraut hätte. Sein Held begreift schnell und merkt, dass die Gesellschaft, in der er nun agiert, nicht ansatzweise homogen ist, dafür voller Täuschungen, falscher Kulissen und einer Parallelwelt, in der es auch deshalb so selbstverständlich kriminell zuging, weil mit den Valuta-Einnahmen das Fortbestehen des Staates finanziert wurde.

    Eines Staates, der schon längst nicht mehr verbergen konnte, dass er eine Zwei-Klassen-Gesellschaft war. Und damit war nicht die Arbeiterklasse gemeint, sondern die tägliche Erfahrung derer, die einerseits von den Privilegien für die Funktionselite profitierten, und derer, die in abgewrackten Wohnungen in der Neustadt leben mussten, in schlecht bezahlten Jobs und oft von unsichtbaren Entscheidern und Überwachern bei allem ausgebremst, was sie sich im Leben mal erträumt hatten. Wer freilich so mit seinen Menschen umgeht, muss sich nicht wundern, wenn sie am Ende alles in Bewegung setzen, um den Spuk zu beenden.

    Da kann es spannend werden, wie dieser Uwe Friedrich mit den absehbar kommenden Konflikten umgehen wird. Denn geschrieben hat Sturm diesen Krimi wieder so, dass in den letzten Kapiteln schon wieder die Schatten kommender Ärgernisse aufscheinen.

    Andreas M. Sturm Verlorenes Land, edition krimi, Hamburg 2021, 13 Euro.

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