Manfred Orlick ist Physiker – vielleicht ist ihm deshalb die Monadenlehre von Gottfried Wilhelm Leibniz näher als all die anderen Dinge, die der 1646 in Leipzig geborene Philosoph, Mathematiker, Jurist, Historiker, Bibliothekar und politische Berater in seinem Gelehrtenleben so angestellt hat. Von Biografen gern der letzte lebende Universalgelehrte genannt, auch von Orlick in diesem kleinen handlichen Büchlein aus der Reihe „Philosophie für unterwegs“.

„Begründer der Monadenlehre“ klingt dann so, als wäre das tatsächlich eine noch heute gepflegte Lehre, mit Forschung, Thesen, Experimenten und so weiter. Wobei auch Orlick anmerken muss: Ein Physiker im heutigen Sinne war Leibniz nie. Er machte keine Experimente, versuchte die Welt auch nicht empirisch zu erkennen.

Den Unterschied zwischen der Leibniz’schen Rationalität und der in der Wissenschaftspraxis üblichen Empirie erläutert übrigens der Astrophysiker Harald Lesch sehr schön in einem witzig und lebendig gemachten ZDF-Clip, den der Sender in der Mediathek „Bares für Rares“ versteckt hat.

Wie Gottfried W. Leibniz die Welt sah

Darin macht er eigentlich auch deutlich, dass Leibniz aus ganz anderen Gründen bis heute wirkmächtig ist. Nämlich durch seine Erkenntnistheorie, die ja bekanntlich in der schlagenden These mündete, wir lebten „in der besten aller möglichen Welten“. Ein Satz, der ja 1759 bekanntlich Voltaire zu seiner beißenden Satire „Candide oder der Optimismus“ anregte.

Einer wie Voltaire darf so etwas. Und man kann davon ausgehen, dass sich diese beiden klugen Männer bestens verstanden hätten, wären sie sich nur zeitlebens begegnet. Sind sie aber nicht. Leibniz starb 1716 in Hannover, da begann Voltaire gerade seine schriftstellerische Karriere.

Die bestmögliche Welt

Veröffentlicht hat Gottfried Wilhelm Leibniz seine Gedanken zur „besten aller möglichen Welten“ 1710 in seiner „Theodizee“, also seiner Rechtfertigung Gottes. Und natürlich steht genau die Frage dabei am Anfang, die Voltaire dann so phantasievoll durchdekliniert: Warum gibt es so viele Übel in der Welt? Eine Frage, über die sich vor Leibniz reihenweise die großen Philosophen Europas den Kopf zerbrachen. Auch ein gewisser Descartes, dem Leibniz mit seiner Schrift vehement widersprach.

Denn der immer neue Verweis all der großen Denker, die Gott unbedingt als ein moralisch handelndes Wesen denken wollten, dass Gott ja kein gütiges Wesen sein könne, wenn er (es/sie) das Übel in der Welt zulasse, behagte dem rational denkenden Philosophen in der kurfürstlichen Bibliothek in Hannover überhaupt nicht. Der Gedanke ist unlogisch. Und nichts hielt Leibniz ja für so elementar, wie die Welt durch rationales und logisches Denken zu erkennen. Sich also hinzusetzen und den Dingen durch logisches Denken auf den Grund zu kommen.

Womit man ja – wie auch Lesch in seinem Clip sehr schön demonstriert – zwangsläufig zu Leibniz’ These vom „zureichenden Grund“ kommen muss. Nichts geschieht einfach so in dieser Welt. Alles passiert, weil es vorher einen zureichenden Grund gab. Den man dann in (physikalischen) Gesetzen erfassen kann und experimentell überprüfen kann, ob es so war.

Der nächste Schritt ist dann logisch. Denn wenn das in unserer Welt so ist, gelten die grundlegenden physikalischen Gesetze immer und überall und von Anfang an. Man kann an ihnen nichts ändern. Gedanklich schon. Aber das stellt ja Lesch zu recht fest: Wir würden dann schlicht nicht (mehr) existieren. Wir existieren nur deshalb, weil die grundlegenden Wirkprinzipien in unserer Welt genau die Bedingungen ermöglicht haben, die Leben auf dem kleinen, außerordentlichen Planeten Erde entstehen ließen. Und diese Grundprinzipien (mitsamt den von den Physikern inzwischen definierten Grundkonstanten) wirken von Anfang an. Vom Urknall an.

Wir und unser wunderbarer blauer Planet sind das Ergebnis von lauter Grundbedingungen, die erfüllt sein mussten, um am Ende zu dieser, unserer Welt zu führen. Und das sagt dann eben auch etwas über diesen Urbeginn, den die Physiker inzwischen nicht mehr so gern Urknall nennen wollen. Was aber egal ist, denn wir können nicht das Allermindeste sagen über den Zeitpunkt vor Entstehung unseres Kosmos.

Die Erkennbarkeit der Welt

Nur eins bestätigen auch alle physikalischen Untersuchungen: Die Grundkonstanten formen unser Weltall von Anfang an. Sie bestimmen, wie alles miteinander harmoniert und funktioniert.

Und wo bleibt da Gott?

Zumindest nicht innerhalb seiner Schöpfung. Denn im Widerspruch zu Descartes kam Leibniz zu der Erkenntnis, dass – falls es so einen Schöpfer gegeben haben sollte – diesem mit der Initialzündung für diese, unsere Welt sofort mit Start die Hände gebunden waren. Sie musste ab da völlig allein funktionieren. Jeder Eingriff würde der grundlegenden Harmonie widersprechen. Und das, was wir Übel nennen, gehört dazu.

Es hat aber nichts mit uns zu tun. Außer dass wir es hineininterpretieren, obwohl die Welt, die Gott dann nach Leibniz aus allen möglichen Welten ausgewählt hat, nun einmal die beste aller möglichen ist. Und die einzige für uns existierende. Nur diese Welt konnte uns und unseren Planeten hervorbringen. Und wir können nur versuchen, die Grundprinzipien dieser Welt zu erkennen – so weit uns das möglich ist, da wir ja mittendrin stecken und sie nicht von außen untersuchen können.

Letztlich bleibt dann für den großen Schöpfer in dieser in Gang gesetzten Welt dann eigentlich kein Platz mehr. Denn gerade seine Einmischungen würden genau das infrage stellen, was das Funktionieren dieser Welt bedingt: die unendliche Aufeinanderfolge von „zureichenden Gründen“.

Indem Leibniz aber auch zeitlebens – und in tausenden Briefen an seine gelehrten Zeitgenossen – darauf beharrte, dass man die Welt rational zu erkennen versuchen müsse und solle, war er natürlich auch ein echter Vorläufer für Immanuel Kant, der Jahrzehnte nach ihm dann die Definition dafür, was Aufklärung sein sollte, geliefert hat.

Die Lust am Selberdenken

Aber bei Leibniz ist das eigentlich schon da, auch wenn er sich nicht wirklich viele Gedanken gemacht hat über Leute, die aus ihrer „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) gar nicht herauswollen. Aufklärung war damals – man vergisst es so leicht – ein Elitenprojekt. Und ist es wahrscheinlich bis heute, denn ganz unübersehbar vermeiden es eine Menge Leute, sich die Mühsal des Selberdenkens anzutun und damit gar den Fährnissen von ungelösten Widersprüchen auszusetzen. Sie laufen lieber diversen Führern, „herrschenden Meinungen“, Moden und anderen Schablonen des ersparten Selberdenkens hinterher.

Denn der andere Weg führt natürlich dazu, dass das Gehirn ständig auf neue Gedanken kommt, die den Philosophen aus dem Bett treiben. Zum Beispiel die Frage, wie eigentlich der menschliche Verstand funktioniert und die Gedanken in den Kopf kommen. Noch so ein Leibniz-Thema, das natürlich bis in die heutige Kognitionsforschung reicht. Wie erkennen wir die Welt? Oder sind wir überhaupt zur Erkenntnis der Welt befähigt?

Manfred Orlick versucht dieses von Ideen, Thesen, Erklärungsversuchen gespickte Gelehrtenleben irgendwie zu fassen. Was nicht ganz einfach ist. Welche Werke hebt man eigentlich hervor? Nur die drei zu Lebzeiten erschienenen? Immerhin ist der Leibniz’sche Nachlass bis heute noch nicht komplett aufbereitet und erfasst. Eine komplette Leibniz-Ausgabe wird irgendwann in der Zukunft um die 108 dicke Bände füllen. Ein Großteil davon seine über 10.000 Briefe an Briefpartner in ganz Europa.

Und welche seiner wissenschaftlichen Disziplinen führt man etwas ausführlicher auf? Immerhin war der Mann, der schon mit 20 seinen Doktortitel an der Universität Leipzig erwerben wollte, zuerst einmal studierter Jurist und hat sich auch ausgiebig mit den juristischen Grundlagen seiner Zeit beschäftigt. Sein Wirken in der Mathematik (Infinitesimalrechnung, binäres Zahlensystem, Rechenmaschine usw.) wirkt genauso bis heute nach wie seine Beiträge zur Logik, zur Philosophie, zur Geschichte … Aber auch seine Auseinandersetzung mit den philosophischen Denkern seiner Zeit von Spinoza bis Hobbes muss erwähnt werden. Genauso wie sein Wirken für die Gründung von Akademien der Wissenschaften. Zumindest die preußische konnte er auf den Weg bringen, die dann 1700 zumindest auf dem Papier gegründet wurde, 1711 aber erst wirklich ihre Arbeit aufnahm.

Die Logik als scharfes Instrument

Denn keiner wusste ja besser als Leibniz, wie wichtig die Vernetzung von Wissenschaftlern unterschiedlichster Disziplinen war. Auch dafür steht ja sein Werk, indem er über scheinbar starre Spartengrenzen hinausdachte und auch das logische Denken auf unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und letztlich auch auf die Theologie anwandte.

Und natürlich hatte er damit recht: Wenn sich der Mensch nicht bemüht, logisch zu denken, findet er schlichtweg keinen Weg, die Welt zu erkennen und zu begreifen.

Und da hilft nun einmal die alte Moral von Gut und Böse nicht weiter. Denn auch das ergibt sich ja ganz logisch: Dass es ohne die Wahl zwischen Gut und Böse keine Freiheit gibt. Wer nicht wählen kann, ist nicht frei. Das Ungenügen gehört also schlicht zum Menschsein. Eine Welt ohne Übel wäre eine Welt ohne Freiheit, so kann man das zuspitzen.

Und siehe da, da steht er nun, der kleine Mensch, fähig zur Selbst- und Welterkenntnis. Und er kann sich einfach nicht drauf herausreden, Gott habe das alles so vorherbestimmt, er könne ja gar nicht anders. Denn nichts lag Leibniz ferner, als die Welt als einen Uhrwerkmechanismus zu begreifen. Eine komplett determinierte Welt wäre nach Leibniz schlicht eine schlechtere Welt gewesen und eben nicht diese bestmögliche, in der wir leben.

Und in der auch dieser Leibniz lebte, der morgens mit so vielen Ideen im Kopf aufwachte, dass er den ganzen Tag brauchte, sie irgendwie auszuformulieren. Das Büchlein ist eine Anregung, sich tatsächlich mal ein bisschen mit diesem Leibniz zu beschäftigen und den Folgen, die das, was er sich gedacht hat, für uns selbst hat bis heute. Bis in unsere Vorstellungen von der Welt hinein, die natürlich völlig andere sind, wenn wir die Welt – mit Leibniz – als die bestmögliche begreifen. Nämlich eine Welt, in der überhaupt Leben und Erkenntnis möglich sind.

Und die nach Prinzipien funktioniert, die harmonisch ineinander greifen. Und Raum bieten für Menschen, die „jede Menge Projekte“ anpacken, auch dann, wenn einen der eigene Brotherr nicht mitnehmen will als Berater nach London, wenn der vom Kurfürsten zum englischen König aufgestiegen ist. Wobei man sich bei Leibniz sicher sein kann, dass ihn gar nicht der englische Hof reizte, sondern eher die Kollegen aus der Royal Society. Denn das war ja nun einmal sein Lebenselixier: der Austausch mit den gebildetsten Menschen seiner Zeit.

Nichts bleibt, wie es ist

Denn Denken wird durch Austausch befeuert. Nichts war ihm so verhasst wie Stillstand oder gar die Vorstellung, die Welt wäre aus „toter“ Materie gebaut. Ein Punkt, der in seiner Monadologie auftaucht und möglicherweise benennt, was den meisten Menschen so unheimlich schwer zu denken ist: Dass unsere Welt nur deshalb existiert, weil sie sich auf allen physikalischen Ebenen fortwährend verändert und eben nicht aus „festen“ bzw. „toten“ Atomen besteht.

Und er stellte – lange vor Einstein – auch den absoluten Charakter von Raum und Zeit infrage. Das muss man sich erst einmal trauen. Denn das hat Folgen. Bis in die gesellschaftlichen Zustände hinein. Was hier nur angemerkt werden kann. Für diesen Leibniz reichte es völlig aus, seine Gesprächs- und Briefpartner mit seinen Einfällen zu überfallen und zum Mitdenken aufzufordern.

Denn dass er keine endgültigen Antworten gefunden hat, war Leibniz sehr wohl bewusst. Und die ganz zentrale Frage konnte er nur antippen, die steht bis heute und wird möglicherweise auch nie beantwortet, wie es auch Orlick formuliert: „Warum gibt es überhaupt etwas, und nicht nichts? (…) warum gibt es das Weltall und nicht einfach ‚das Nichts‘? Bis heute müssen wir gestehen, dass es eine verbindliche Antwort auf diese Frage nicht gibt.“

Manchen macht schon die Frage Angst. Für andere – siehe Lesch – ist es der Grund für richtigen Optimismus. Denn allein schon, dass wir sind und eben nicht nicht sind, dürfte Anlass zum Staunen sein. Was wir da draußen vor unseren Augen sehen, ist tatsächlich die bestmögliche aller Welten. Nämlich genau die, in der wir möglich geworden sind.

Es ist ein elementarer Perspektivenwechsel, den Leibniz damit in das Denken seiner Zeit eingebracht hat. Das gilt bis heute.

Manfred Orlick „Gottfried Wilhelm Leibniz. Begründer der Monadenlehre“, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2022, 8 Euro.

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