Die meisten Veranstaltungen und Ausstellungen zum deutschen Bauernkrieg der Jahre 1524/1525 gab es schon 2025. Das Thema verschwindet bald wieder im Geschnatter der Zeit. Sollte es aber nicht. Schon gar nicht in Mitteldeutschland, wo der Bauernkrieg im Sommer 1525 seinen Höhepunkt erlebte – und seine blutigste Niederlage auf dem Schlachtberg bei Frankenhausen. Aber warum rebellierten die Bauern? Und warum könnte ein Friedrich Engels recht damit haben, die Bauernaufstände als „frühbürgerliche Revolution“ zu bezeichnen?

Das diskutiert der Leipziger Historiker Bernd Rüdiger in diesem Fleißwerk zwar nicht. Aber es schält sich ganz von allein heraus, wenn er alle verfügbaren Quellen zusammenführt, auf die Rolle der Reformation als Auslöser eingeht, aber auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht weglässt, die gerade in dieser Zeit mit der erstarrten Feudalordnung kollidierten.

Die Konflikte zeichneten sich schon im 15. Jahrhundert ab. Die Kleine Eiszeit hatte begonnen und brachte immer wieder Missernten mit sich. So auch in den zwei Jahren vor dem Ausbruch des Bauernkrieges. Doch während die Ernten zurückgingen, blieben die Abgaben an die feudalen Grundherren hoch. Ein zutiefst wirtschaftlicher Konflikt tat sich auf. Dazu kam die Kleinteiligkeit der Bauernwirtschaften, die keinen Raum für technische Innovationen ließ.

Gleichzeitig verbreiteten sich Ideen zu einem anderen, moderneren Menschenbild. Die von Luther 1517 ausgelöste Reformation war ja ein Ergebnis dieser Veränderung im Denken der Zeit. Und seine Ideen fielen auf fruchtbaren Boden. Und wie das mit Ideen so ist, die eigentlich nur auf die Reform der völlig verkrusteten katholischen Kirche zielten: Sie wirkten weit über Luthers Reformfeld hinaus.

Erst recht, als 1520 seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ erschien, mit welcher der Wittenberger Theologe eigentlich nur auf die Bannandrohungsbulle von Papst Leo X. reagierte und gegen die Bevormundung des gläubigen Christen durch eine autoritäre Kirche polemisierte.

Das Ding mit der Freiheit

Nur: Wie das so ist mit neuen Gedanken! Sie werden von den Menschen aufgenommen, anverwandelt und auf Bereiche ausgeweitet, die der Autor gar nicht beabsichtigt hat. Erst recht in Zeiten, in denen überall das Neue gärt und gedruckte Bücher und Flugschriften das Neue in alle Ecken des Landes verteilen. Denn wenn einer wie Luther schon den Papst und seine herrschsüchtige Kirche kritisiert, dann muss das ja wohl für alle Herrschaft gelten. Prediger wie Thomas Müntzer verstanden es so und predigten es auch.

Und sie brachten damit auch die Städte in Sachsen und Thüringen in Aufruhr. Akribisch sucht Rüdiger all die Aktenvermerke zusammen, die das Phänomen im mitteldeutschen Raum greifbar machen. Angefangen mit den ersten reformatorischen Veränderungen, die selbst schon für Konflikte mit den Landesfürsten sorgten. Die Menschen in Mitteldeutschland fühlten sich angesprochen.

Auch Leipzig taucht immer wieder in den Überlieferungen auf. Die Predigten der lutherischen Pfarrer sprachen sie an, unterschieden sich rigoros vom lateinisch absolvierten katholischen Gottesdienst. Auf einmal waren sie gemeint, fühlten sich die Gemeinden in der Kirche angesprochen.

Revolutionen beginnen für gewöhnlich im Kopf. Im Gefühl der Menschen, dass die Welt doch auf andere Art organisiert sein könnte, als sie es augenblicklich war. Und dass die Herrschaft gewiss nicht gottgegeben war, wie immer behauptet wurde. Denn davon stand auch nichts in der Bibel, wie jeder, der lesen konnte, dann 1522 auch lesen durfte in Luthers auf der Wartburg übersetztem „Neuem Testament“.

Wenn es um die Macht geht

Es war so eine Zeit, in der solche Gedanken Wellen auslösen mussten und auf fruchtbaren Boden fielen. Dass es gerade die Bauern waren, die rebellierten, hatte mit den Missernten der Vorjahre zu tun. Akribisch zeichnet Rüdiger nach, in welchen Orten ab 1524 nachweislich die ersten Unruhen entstanden, Nachrichten aus Süddeutschland von den dort rebellierenden Bauern samt ihren Forderungen Nachahmer fanden und sich die Situation immer mehr zuspitzte.

Auch weil die Bewegung immer mehr Zulauf erhielt, Bergknappen und Stadtbewohner dazustießen und die Bauern – da niemand auf ihre Forderungen eingehen wollte – ab 1525 dazu übergingen, Burgen und Klöster anzugreifen, zu verwüsten und zu zerstören.

Und Rüdiger nennt auch die Zahlen, die schon damals beeindruckend gewesen waren. Denn gegen die nach Tausenden zählenden Bauernheere hatten auch die kleinen Feudalherren in Mitteldeutschland keine Chance. Dazu brauchte es die geballte Heermacht großer Fürsten. Aber selbst die hatten – wie Herzog Georg von Sachsen – massive Probleme, genug Leute für ihre Heere zu rekrutieren. Ihr Vorteil war letztlich die bessere Bewaffnung und ein rücksichtsloses Vorgehen. Bei Frankenhausen wurden die Bauern regelrecht abgeschlachtet.

Und wenn man sich das von Rüdiger gezeichnete Schlachtbild vor Augen führt, ahnt man, dass die alten Feudalherren sehr wohl wussten, dass es hier um gesellschaftliche Strukturen ging. Und die Machtfrage hatten die Bauern überall gestellt, wo sie Burgen und Klöster zerstörten. Doch ihr Handicap war – wie Rüdiger am Ende feststellt –, dass sie zersplittert blieben, ihre Kämpfe nur auf das jeweilige feudale Gebiet beschränkten, in dem sie selbst ihre Höfe hatten. Sodass dann jeder Bauernhaufen letztlich allein kämpfte und nach und nach von den vereinigten Truppen der Fürsten liquidiert werden konnte.

Eine verpasste Chance

Und nicht nur nach dem blutigen Gemetzel bei Frankenhausen richteten die siegreichen Fürsten nicht ausschließlich die festgenommenen Rädelsführer hin, sondern Hunderte der am Aufstand beteiligten Bauern. Mit dem Schwert, Galgen und Henkersbeil stellten sie die alten Verhältnisse wieder her.

Und Rüdiger geht natürlich auch darauf ein, dass das ein Problem für ganz Deutschland war. Denn hinter dem Aufstand steckte ja schon für alle spürbar der Konflikt zwischen alten, erstarrten Feudalstrukturen und einer entstehenden frühkapitalistischen Wirtschaft, die in den Städten längst Fuß gefasst hatte.

Und auch im ländlichen Bereich waren Reformen überfällig, wenn die Versorgung der wachsenden Bevölkerung gesichert werden sollte. Doch an diesen Reformen hatten die Adligen kein Interesse. Und die Bauern hatten dafür weder Geld noch Freiheit. Rüdiger stellt den Begriff der Freiheit nicht grundlos ins Zentrum seines Buches.

Denn genau mit diesen Unruhen im frühen 16. Jahrhundert artikulierte sich erstmals eine Vorstellung von menschlicher Freiheit, die deutlich über den engen Bereich hinauswies, den Luther verstanden wissen wollte, der sich ja bekanntlich im Verlauf des Bauernkrieges deutlich auf die Seite der Landesherren schlug und eine Schrift „wider die räuberischen Horden“ verfasste.

Die Freiheit im Kopf

Luther versuchte das Ganze zwar mit seiner Zwei-Reiche-Theorie zu trennen. Aber was ein Professor in Wittenberg so leicht im Kopf trennen konnte, gehört im Leben der gewöhnlichen Leute zusammen. Geistige Freiheit bedingt und fordert zwangsläufig auch eine Freiheit im Handeln, die Freiheit, sein eigenes Leben zu verändern. Man ahnt diese Veränderung in den Köpfen genauso schon in den „Zwölf Artikeln“ der süddeutschen Bauern wie in den „Vierzehn Artikeln“ des mitteldeutschen Aufstands.

Und auch wenn die Fürsten den Aufstand so blutig niederschlugen, dass damit jede größere Revolte für Jahrhunderte erstickt war, blieben die Gedanken ja in der Welt. Auch wenn es für Deutschland bedeutete, dass es für mindestens zwei Jahrhunderte den Anschluss an die Entwicklung in Westeuropa verlor. Auch das gehört zu dieser Geschichte, in der der Bauernkrieg vor allem zeigt, dass eine Reform des ganzen Feudalwesens in Deutschland überfällig war, wenn das Land nicht den wirtschaftlichen Anschluss verlieren wollte.

Aber Deutschland war ja kein Land, sondern ein Flickenteppich kleiner und großer Fürstentümer. Die Konflikte und Probleme blieben ungelöst. „Tatsächlich rüttelten die begründeten Forderungen der Bauern nach Milderung der Lasten und Aufhebung der Leibeigenschaft an den Grundfesten der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung“, stellt Rüdiger am Ende seines Ausflugs in die mitteldeutsche Bauernkriegs-Tragödie fest.

„Der Bauernkrieg war aufgrund der Unversöhnlichkeit der Gegensätze unvermeidbar, wenn gleich infolge seines Ausgangs die schlimme Lage der Bauern zementiert wurde. Das führte auch zu einem Stau gesellschaftlicher Entwicklung auf dem Lande.“

Wirkliche Reformen gab es dann tatsächlich erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Bauernkrieg gehört also direkt in die Reihe gescheiterter Revolutionen in Deutschland, die dazu beigetragen haben, dass das Land bei vielen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen auf lange Zeit hinterherhinkte, konservative Kräfte immer wieder den alten, längst erstarrten Status quo mit aller Macht verteidigten und die Chancen auf mutige Reformen und eine Modernisierung der Verhältnisse gründlich verpasst wurden.

Thomas Muske „daß sie frei sein werden“ Eudora Verlag, Leipzig 2026, 19,90 Euro.

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