Der Versuch, 500 Jahre Reformationsgeschichte als sächsische Landesgeschichte zu skizzieren

Warum macht man das? Warum setzt man sich als Pfarrer im Ruhestand hin und schreibt ein Lehrbuch über 500 Jahre Reformation? Eines, das sich mit wirklich hochkarätigen Veröffentlichungen zu 500 Jahre Reformation messen muss im Jahr 2017? Pfarrer i. R. Ralf Thomas steckt seit über 50 Jahren im Thema. Fast 60 sogar. Vielleicht musste es einfach mal raus.
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Im Herbst 2013, schreibt er, hat er sich einfach mal hingesetzt und eine „geordnete Niederschrift“ begonnen. Die hat man hier nun vorliegen – in drei Teile gegliedert. Eigentlich vier. Aber auf die „Jahrhunderte vor der Reformation“ geht er nur knapp ein, bevor er „Das Jahrhundert der Reformation“ stichpunktartig aufblättert. Von der sächsischen Teilung 1485, die dafür sorgte, dass es Luther später mit zwei wettinischen Fürstentümern zu tun hatte, bis „zum Versuch einer zweiten Reformation in Kursachsen“ unter Christian I., unter dem Sachsen beinah calvinistisch geworden wäre.

Ralf Thomas hat auch im Verein für sächsische Landesgeschichte mitgewirkt. Das sind schon in diesem Teil unübersehbar die beiden Leitlinien, denen er folgt. Und das ist auch die Beschränkung des Buches. Eine Beschränkung, die mit Seitenblick auf die Vielzahl von Publikationen zur Reformationsgeschichte, zur Kirchengeschichte (was nicht dasselbe ist), zur sächsischen Landesgeschichte, zur Geistes- und Kulturgeschichte aus den letzten Jahren sichtbar wird.

Das mit dem „geordnet“ ist auch nicht so einfach. Immer wieder springt der Autor vor und zurück. Das ist das Problem aller Geschichtsautoren: Alles passiert gleichzeitig und zugleich ungeordnet. Fürsten führen die Reformation ein, geben dann aber wieder dem Druck nach, den der Kaiser ausübt. Manche preschen noch weiter vor, das Volk ergreift selbst Initiative, macht Bauernkrieg oder gründet eine Wiedertäuferrepublik. Die Reformatoren streiten sich, scheinbar tun sich unüberbrückbare Fronten auf zwischen Lutheranern und Zwinglianern, zwischen Philippisten und orthodoxen Lutheranern.

Wenn das Jahrhundert der Reformation ein gutes Beispiel ist für etwas, dann für die Fähigkeit gutwilliger Menschen, sich über Mumpitz und penible Auslegungen zu zerstreiten. Und da ist das Schisma der Kirche noch gar nicht benannt. Machtfragen vermengen sich mit alten und neuen Vorstellungen vom Obrigkeitsstaat. Und vor allem eines gibt es nicht: Die schöne rote Linie, die Schulbuchautoren so gern haben, weil sie damit so tun könnten, als wäre Geschichte ein geradliniger Progress und bei allem Kuddelmuddel drumherum ein beständiger Fortschritt. Was sie nicht ist. Zumindest nicht bei so einem komplexen Thema, wie es die Reformation ist.

Was augenscheinlich aus kirchlicher Perspektive noch viel schwerer zu verstehen ist als aus einer unabhängigeren. Denn da steckt ein störender Gedanke in diesen Lutherischen Ansätzen – etwa dem von der „Freiheit des Christenmenschen“. Wer sich aus kirchlichen Denkkorsetts nicht herauswagt, sieht das nur als eine ethische Haltung des Gläubigen. Aber schon Thomas Müntzer hat das anders interpretiert. Sehr zur Verzweiflung Luthers. Sein Freund Karlstadt übrigens auch. Denn tatsächlich ist alle Konsequenz aus Luthers Kritik: Es braucht keine Kirchen. Gar keine. Keine katholische und auch keine lutheranische. Kirchen müssen ihre Existenz anders begründen.

Der Christenmensch ist vor allem seinem Gewissen verantwortlich. Und deswegen frei und unfrei zugleich – Herr der Welt, weil er ihr mit Gewissen und Verantwortung begegnet, Knecht aller Welt, weil er sich nicht über andere erhebt. Es kommt nicht auf Riten an, nicht auf Brot und Wein.

Ralf Thomas berührt es da und dort. Es geht ja auch gar nicht anders. Die Komplexität der Geschichte hat sich ja auch immer in die Reformationsgeschichte eingemischt. Luther hat sich nicht nur mit Jan Hus beschäftigt, sondern auch mit den Humanisten, hat sich mit Erasmus von Rotterdam gestritten, obwohl die ganze Reformation ohne den humanistischen Zündfunken nicht denkbar war.

Was übrigens auch die Stelle ist, an der sichtbar wird, dass die Reformation einerseits zwar für Vieles Anreger und Auslöser war – aber selbst auch wieder von verschiedensten Erscheinungen der Zeit angeregt und ausgelöst wurde. Der Humanismus ist dabei unübersehbar, die Renaissance vergisst man oft. Erst durch diese Rückbesinnung auf die alten Griechen und Römer kam auch die intensive Beschäftigung mit den griechischen und hebräischen Ur-Texten der Bibel, konnte es solche eifrigen Mönche wie Martin Luther geben, der sein Streben dann in einen (für seine Zeit) zutiefst wissenschaftlichen Spruch komprimierte: „sola scriptura“, „allein durch die Schrift“. Nur die Bibel kann Grundlage religiöser Lebensführung sein, nichts anderes. Papst und Kirche kommen ja bekanntlich nicht drin vor in diesem „Buch der Bücher“, nur das, was die paulinische Zeit unter Kirche verstand: die Gemeinschaft der gläubigen Gemeinden.

Logische Folge: Eine Reformation, die sich binnen weniger Jahre in mehrere Reformationen verzweigte. Stoff für viele dicke Bücher. Am prägnantesten für den mitteldeutschen Raum hat es Günter Kowa in seinem Buch „Gespaltene Welt“ geschildert. Mit einigen sehr starken Hinweisen darauf, dass es das so gern gemalte Bild in Schwarz/Weiß – hier die guten Reformer – dort die finsteren Altgläubigen – so in der Realität nicht gab.

Andere Autoren sehen in dieser Reformation eine ganz andere geistige Freiheit. Was wieder in einem anderen dicken Buch sichtbar wurde: „Europa Reformata“.

Luther war Teil einer europaweiten Bewegung, die weit vor ihm begann und die eben nicht nur in die lutherische Kirche mündete, sondern in viele verschiedene Kirchen – und in eine regelrechte Emanzipationsbewegung europäischer Herrscher, die sich aus der jahrhundertelangen Vormundschaft des Vatikans lösten, einfach „austraten“ aus dieser alten Papstkirche und „ihr eigenes Ding machten“. Am markantesten der englische König, aber unübersehbar auch die Herrscher in Schweden, Dänemark und den norddeutschen Fürstentümern.

Und wer die eine Emanzipation beginnt, der stößt logischerweise auch alle anderen Emanzipationen an. Die der Universitäten zum Beispiel: Denn was Luther, der Theologieprofessor in Wittenberg, mit der Bibel angestellt hatte, das stellten jetzt neugierige Männer der verschiedensten Fakultäten mit der Welt an – nicht nur mit alten Schriften, sondern auch mit Kosmos, Tierwelt, Physik, Philosophie, Mathematik, (Al-)Chemie … Auf einmal war von Leuten wie Galilei, Kopernikus, Bacon die Rede, tauchten runde Erdgloben auf …

Natürlich vermisst man das alles bei Ralf Thomas. Zu sehr versucht er, die Geschichte allein aus der sächsischen Kirchengeschichte zu verstehen. So entsteht ein Buch, das versucht, 500 Jahre Geschichte auf 500 Jahre sächsische Kirchengeschichte zu reduzieren. Da und dort mit Blitzlichtern in die politische Geschichte. Aber gerade diese nicht unbedingt stringenten Verweise machen erst recht deutlich, wie reduziert diese kirchliche Sicht auf Landesgeschichte ist. Man bezieht alles auf sich und auf einmal werden kirchliche Verwaltungsstrukturen eminent wichtig, dreht sich scheinbar 500 Jahre lang alles um die Frage „Staat und Kirche/Kirche und Staat“. Und dann tauchen am Ende ein paar schrecklich diktatorische Staaten auf, die einen regelrechten Kirchenkampf inszenieren (obwohl der schon im 19. Jahrhundert unter Bismarck begann) – und dann werden aus 4,5 Millionen Kirchenschäfchen nur noch 700.000.

Was natürlich die Ursachen für diese Entfremdung der Menschen von Kirche reduziert allein auf staatliche Einmischung und Ignoranz. Und nicht sieht, dass gerade dieser Martin Luther mit seinem „Ich kann nicht anders“ eben nicht nur Kirche reformiert hat. Will man das innerkirchlich einfach nicht sehen? Oder fehlt das Begreifen dafür, was passiert, wenn einer wie dieser Dr. Martin Luther auch den Herren seiner Zeit ein ganzes Buch schreibt, in denen er ihnen die Freiheit von kirchlicher Bevormundung attestiert? Und gleichzeitig dem Volk eine bildhaft übersetze Bibel in die Hand gibt, die ja nicht nur zu andächtiger Textauslegung animiert (wie bei den Pietisten), sondern auch ein ganz luthersches „Lest selbst!“ bedeutet. Noch verschärft durch die große Bedeutung, die die Reformatoren der Schulbildung beimaßen. Wer ein Volk bilden will, der bringt es zwangsläufig zum Denken.

Auf einmal wurde Geschichte eben nicht mehr nur von ein paar wissenden (oder unwissenden) Adligen gemacht. Auf einmal begann ein Phänomen Wurzeln zu schlagen, das sich im 18. Jahrhundert als Aufklärung voll entfalten sollte. Und Kant würde die „Freiheit des Christenmenschen“ endgültig zur Freiheit des Denkens definieren: Tretet heraus aus eurer selbstverschuldeten Unmündigkeit!

Und genau diese Frage steht heute für alles, was aus Luthers Kirche geworden ist: Welche Rolle kann sie eigentlich spielen in einer Welt, in der eigentlich der mündige und sich seiner Verantwortung bewusste Bürger die zentrale Rolle spielen sollte? Dass er sie nicht wirklich mündig ausfüllt, ist eine andere Frage und hat eben leider viel mit Gegenaufklärung, Unbildung und Unmündigkeit zu tun. Wo steht Kirche da eigentlich?

Dass diese Frage steht, merkt man, wenn man versucht, diese sehr, sehr enge sächsische Landesgeschichte aus Sicht der Kirche zu verstehen. Sie wirkt wie ein enger Pferch, man möchte die ganze Zeit die Türen und Fenster aufreißen und rufen: Herr Thomas, da draußen scheint die Sonne!

Im Nachwort betont Thomas zwar: „Es geht um die epochalen Schlüsselereignisse mit Wechselwirkungen zwischen beiden (Reformation und Landesgeschichte, d. Red.), nicht jedoch um eine Chronik der sächsischen Landeskirche.“

Aber schon das mit den Schlüsselereignissen ist problematisch: Welche wählt man aus? Welche sind wirklich die richtigen? Da sich Thomas eben doch auf die Wechselwirkung von Landeskirche und Staat konzentriert, wird es eben doch zu einer halben Geschichte der Landeskirche, die noch viel trockener wird, wenn Thomas ins 19. oder 20. Jahrhundert kommt, wo selbst Außenstehenden immer wieder der eklatante Widerspruch spürbar wird zwischen einer als humorlos empfundenen Kirchenverwaltung und den aufkochenden Emotionen der Zeit. Bis hin zur Friedlichen Revolution und der seltsamen Überhöhung der AG für Sächsische Kirchengeschichte quasi als ideeller Vorbereiter eines „sächsischen Bewusstseins“. Oh nee, ne?

Ralf Thomas Reformation und Landesgeschichte Sachsens, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2017, 19,80 Euro.

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Foto: Ralf Julke

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