2.6 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Die 48 wichtigsten Reformationsstädte Europas in einem furiosen Prozess der geistigen Emanzipation

Mehr zum Thema

Mehr

    Es sieht aus wie ein dickes Taschenbuch, ist schwer wie ein Lexikon, sieht auch beinah so aus. Hätte der Brockhaus Verlag die Kurve gekriegt, hätte man sich aus diesem Hause solche dicken, reich bebilderten Spezial-Lexika erwartet zu Themen, die nicht einfach so auf der Straße herumliegen. Solche Themen kann jeder. Aber die Welt mal unter völlig anderem Fokus zu betrachten, das macht erst besondere Bilder-Bücher - wie dieses, das mal ein anderes, ein großes Reformations-Europa zeigt.

    Sie hätten auch locker 80 Städte finden und porträtieren können, versichern die Herausgeber. 48 haben sie untergebracht in diesem Buch, das deutlich mehr ist als eine europäische Geographie der Reformation. Denn es begann nun einmal nicht mit Luther. Was auch Luther sehr genau wusste. Denn das, was er getan hat, das haben vor ihm auch schon andere getan. Belesene Leute. Denn nur so konnten sie die aktuellen Kirchengebräuche vergleichen mit dem Buch, das immer als Gottes Wort behauptet wurde. Und wenn nun einmal gilt, was in der Bibel steht, dann sollte sich ja doch wohl die aktuelle Kirche auch danach richten.

    Was sie dann sahen, war aber ein aufgeblähter, machtgieriger und erstarrter Kirchenapparat mit Bischöfen und Kardinälen, die sich wie weltliche Herrscher benahmen, Kriege führten, Ämter verkauften, vor aller Welt gegen die christlichen Gebote verstießen. Die Motivation all der Männer, die dem ursprünglichen Sinn der Bibel und der Gemeinde wieder Geltung verschaffen wollten, war immer eine Rückkehr zum eigentlichen, zum ursprünglichen Glaubensverständnis und Gemeindeleben. Manchmal waren es hochkarätige Theologieprofessoren – schon weit vor Luther – so wie John Wycliff (1330 – 1384) in Oxford oder Jan Hus (1369 – 1415) in Prag, die sich intensiv mit der Bibel beschäftigten und irgendwann gar nicht mehr anders konnten, als die aktuelle Machtkirche ihrer Zeit mit dem ursprünglichen Sinn der christlichen Botschaft zu vergleichen und Reformen anzumahnen. Mit weitreichenden Folgen.

    Denn dass die Kirchenfürsten sich nicht so benahmen, wie es eigentlich die christliche Botschaft verlangte, das sah auch das einfache Volk. Nicht erst im 16. oder im 15. Jahrhundert wuchs das Bedürfnis nach einem anderen, ehrlicheren Kirchenleben. Selbst die Waldenser, die schon seit dem 12. Jahrhundert in den Spuren von Waldes versuchten, den Weg zurück zu einer richtigen Volkskirche zu gehen, gehören ganz logisch in die Reihe der reformierten Bewegungen, die die Bischöfe, Kardinäle, Päpste und Kaiser zutiefst erschreckten. Bislang war es eher üblich, hierfür die Terminologie der Papstkirche selbst zu verwenden, die all diese Bewegungen als Ketzerei brandmarkte und nicht nur die Inquisition schuf, um mit Folter und Scheiterhaufen gegen die „Abtrünnigen“ vorzugehen, sondern auch regelrechte Kreuzzüge (wie gegen die Waldenser) organisierte oder in ganz und gar unheiliger Allianz mit weltlichen Herrschern gegen die Reformwilligen zu Felde zog.

    Gerade dieses Buch zeigt, wie sehr wir bis heute dieser Terminologie einer uralten Machtpolitik auf den Leim gehen. Es zeigt aber auch, warum es dann tatsächlich gerade Luther war, der am Beginn einer europaweiten Befreiungsbewegung stand. Denn genau das war es, auch wenn der Begriff sonst nie benutzt wird in diesem Zusammenhang. Luther als ein Theologe der Befreiung?

    Tatsächlich. Denn es ging natürlich auch um eine Befreiung der Kirche von einem erstarrten Machtapparat (im Buch fällt der Begriff von einer „Christianisierung der Christen“) und von Ritualen, die im Ursprungstext der Glaubensgemeinschaft überhaupt nicht vorkommen, die nicht nur Luther als heidnisch und als Götzendienst bezeichnete. Und diese Befreiung war zu Luthers Zeiten deutlich wirksamer, weil ihm und seinen Mitstreitern ein Instrument zur Verfügung stand, auf das auch Wycliff und Hus noch nicht zurückgreifen konnten: der Buchdruck. Die Schriften der europäischen Reformer wurden meist binnen weniger Wochen in für die Zeit hohen Stückzahlen gedruckt und verbreiteten sich über den ganzen Kontinent.

    Und es gibt noch den zweiten Akt der Befreiung. Denn auch die Fürsten, die die Reformation unterstützten, waren ja nicht selbstlos. Seit Jahrhunderten befanden sie sich in Konkurrenz zu Bischöfen und Kardinälen. Ihre Macht mussten sie sich mit der Kirche teilen. Neben ihrer weltlichen gab es immer auch die kirchliche Macht, die sich auch selten scheute, in die Tagesgeschäfte hineinzuregieren und selbst Machtpolitik zu betreiben. In Luthers Zeit hatte die Papstkirche über den erzkatholischen Kaiser Karl V. direkten Zugriff auch auf Deutschland. Und beim Kampf gegen die „Ketzer“ und in der Re-Katholisierung Europas waren die Habsburger bis ins 17. Jahrhundert hinein willige Vollstrecker des päpstlichen Willens. Denn die diversen machthungrigen Päpste in Rom wussten sehr wohl, dass ihr Reich in Gefahr war, wenn die Fürsten nicht mehr mitspielten und selbst bestimmten, welchen Glauben ihre Untertanen haben dürfen, wenn sie Klöster und Pfründe einkassierten und ihr Territorium den römischen Einflüssen entzogen.

    Und genau das geschah nach Luther. Und nicht nur durch ihn, denn den Weg, den der standhafte Professor aus Wittenberg ging, den beschritten jetzt auch andere Theologen, die den Mut fassten, ihren eigenen Kopf zu benutzen und die Bibel selbst auf das abzuklopfen, was wirklich dort steht und den Rahmen für einen reformierten Glaubensdienst abgab. Mit einem Effekt, den Luther wohl so nicht erwartet  hatte – dass einige dieser Männer noch viel konsequenter sein würden und dabei auch zu anderen Deutungen kommen würden. Das Ergebnis ist bekannt: Auf einmal entstanden viele verschiedene reformierte Kirchen mit ganz unterschiedlichen regionalen Ausprägungen. Zu den Gestalten dieser neuen Wege wurden Männer wie Zwingli und Calvin, aber auch die Hugenotten und die (Wieder-)Täufer gehören in diese Reihe.

    Natürlich dominieren die vielen Einzelschicksale und Reformationsansätze, die nach Luthers Thesenanschlag und seinem standhaften Auftritt in Worms entstanden, viele davon direkt vom städtischen Bürgertum getragen und vorangetrieben. Auch das ist so ein vertrauter Aspekt: Es sind die großen, weltoffenen Städte, in denen neue geistige Befreiungsbewegungen ihren Anfang nehmen. Natürlich waren es gerade in Deutschland auch etliche norddeutsche Fürsten, die mit einer Reformation ihrer Kirchen die Chance sahen, ihr Land aus der kirchlichen Bevormundung zu führen und selbst das Patronat über das Kirchenwesen zu erlangen. Und das war natürlich eine Machtfrage – die übrigens nicht nur Deutschland betraf. Das geht ja in der hiesigen Fixierung auf Wittenberg und Sachsen oft unter, dass die Einführung der Reformation für einige Könige auch eng zusammenhing mit der Stiftung und Stärkung einer nationalen Identität. Dafür stehen Länder wie Dänemark (das in diesem Buch unter anderem mit Viborg und Kopenhagen vertreten ist) oder Schweden (das mit Stockholm vertreten ist und dem damals noch schwedischen Turku in Finnland).

    Manchmal ging diese moderne Identitätsfindung auch direkt vom städtischen Bürgertum aus – wie im damaligen Livland (das mit Riga und Tallinn im Buch zu finden ist) oder eben ganz exemplarisch der Schweiz (Genf, Zürich, Bern und Neuchatel). Aber auch die Siebenbürger Sachsen kommen vor, die mit dem Übergang zum reformierten Glauben auch ihre Eigenständigkeit betonten. Hinter jeder einzelnen Stadt-Geschichte stehen dabei natürlich die Schicksale der jeweils wichtigsten Reformatoren. Auf 104 kommen die Herausgeber des Buches, darunter auch kluge, mutige Frauen, die die geistige Befreiung der Menschen auch als Ermutigung für sich empfanden, sich jetzt nicht mehr hinter ihren Männern verstecken zu müssen, sondern selbstbewusst zu agieren und sogar Bücher zu veröffentlichen, in denen sie sich einbrachten in die großen Diskussionen der Zeit.

    Denn auch auf dieses erwachende Selbstvertrauen der Frauen reagierten ja die Amtsinhaber der Alten Kirche mit Aggression. Denn nicht nur der völlig sinnfreie Zölibat wurde nun infrage gestellt, sondern auch eine komplette, rein von Männern besetzte Hierarchie. Die eben nicht nur Hierarchie war, sondern verfestigte Bevormundung. Man ahnt es in der Wut Martin Luthers, wie verärgert er war von dieser ignoranten Welt eines Klerus, der längst verlernt hatte, den Sinn seines Tuns zu hinterfragen. Stadt für Stadt können die Autoren von den Disputen erzählen, zu denen meist der Magistrat der Stadt selbst die alten Kirchenvertreter und die neuen, reformierten Prediger und Theologen einlud. Und fast überall gingen die Duelle eindeutig aus. Denn die Neuen hatten ihre Bibel allesamt studiert und konnten jede ihrer Thesen mit Verweisen auf die Bibel belegen, die alten Amtsinhaber aber waren zumeist recht hilflos. Denn die Räte hatten ja oft auch etwas getan, was ihnen von vornherein die Diskussionsgrundlage entzog: In der Disputation durfte nur Gottes Wort zur Grundlage genommen werden – und das war nun mal nur die Bibel. Da halfen alle päpstlichen Bullen und alle Konzilbeschlüsse nichts – es fehlten die Argumente. So ähnlich ging es ja auch Luther in Worms: Papst und Kaiser wollten nicht argumentieren, sie wollten nur Widerruf und Unterwerfung.

    Weswegen das Buch auch erst recht deutlich macht, wie sehr die Reformationsbewegung neben der geistigen Befreiung auch eine Befreiung der Wissenschaften war. Die Theologie war nicht länger eine Magd der Kirche, sondern eine Wissenschaft, die sich künftig auch wie eine verhalten musste. Was dann zwangsläufig die europäische Aufklärung in Gang brachte. Was zu einem Namen führt, der in vielen der erzählten Geschichten eine zentrale Rolle spielt: Erasmus von Rotterdam. Denn wie kein Zweiter hat dieser Humanist die Grundlagen gelegt für das neue, auf den Menschen ausgerichtete Denken. Nur einvernahmt werden wollte er nicht von den neuen Reformern. Möglicherweise auch, weil er es nicht wagte, sich mit den alten Mächten anzulegen. Und wie mächtig die waren, haben viele mutige Priester und Laien in dieser Zeit erfahren. Und je näher sie am Zentrum der Macht von Kaiser und Papst lebten, umso eher wurden sie zum Opfer der alten Mächte, die sich genau so verhielten, wie es heutige Diktatoren und Autokraten auch tun.

    Deswegen gibt es zwar auch aus Ferrara, Venedig und Sevilla Geschichten von tapferen Reformansätzen zu erzählen – aber eben auch Geschichten vom Wüten der zurückschlagenden alten Mächte. Was ja bekanntlich auch in den (Spanischen) Niederlanden und in Österreich und später in Böhmen eine Rolle spielte. Wobei gerade das Beispiel Wien zeigt, wie sehr auch die Bürgerstädte in scheinbar gänzlich katholischen Ländern den Mut zur Reform und zum Neuen zeigten.

    Für manchen Reformer wird gerade in diesem europaweiten Zusammenhang erst deutlich, was für eine bedeutende Rolle er eigentlich in dem Ganzen gespielt hat. Das trifft zum Beispiel auf John Knox in Schottland zu und auf Martin Bucer, der sowohl für Straßburg wie für London wichtig wurde.

    So wird mehr als nur ein reformatorisches Jahrhundert sichtbar. Es wird vielmehr deutlich, wie sehr die Reformation in all ihren Spielarten vor allem eine emanzipatorische Bewegung war, in der sich Fürsten, Länder, Städte – manchmal friedlich, manchmal in blutigen Kämpfen – von der Einbindung in das alte Papst-Kaiser-Machtsystem lösten. Und wie vor allem streitbare Theologen auch der Zündfunke waren, der die Menschen in fast ganz Europa dazu animierte, sich ihres eigenen Kopfes und ihres eigenen Gewissens zu bedienen, sich also auch ganz persönlich aus der jahrhundertealten Bevormundung einer von Ritualen und Bombast überwucherten Kirche zu lösen.

    Und dann versucht man, Luther da irgendwo einzuordnen, sieht ihn auf einmal viel stärker in der Tradition der Wycliff, Hus und Rotterdam, ein Nachfolger also, der aber zu einem Zeitpunkt mutig nach vorn preschte, als die Zeit tatsächlich reif war für eine Revolution. Das Wort fällt im Buch auch. Denn wenn man ehrlich ist: Das Wort Reform erfasst nur einen winzigen, den kirchlichen Teil dieser Umwälzung, die Europa noch viel stärker umkrempelte als die Friedlichen Revolutionen von 1989. Denn eines hat 1989 ja gelehrt: Die richtigen Revolutionen finden nicht auf der Straße statt, sondern in den Köpfen. Wenn die erst mal erwacht sind und den alten Weihrauch nicht mehr ernst nehmen, dann kommen Dinge ins Rollen, die keiner mehr aufhalten kann.

    Michael Welker; Michael Beintker; Albert de Lange Europa reformata, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2016, 29,90 Euro.

    In eigener Sache

    Jetzt bis 8. Juli für 49,50 Euro im Jahr die L-IZ.de & die LEIPZIGER ZEITUNG zusammen abonnieren, Prämien, wie zB. T-Shirts von den „Hooligans Gegen Satzbau“, Schwarwels neues Karikaturenbuch & den Film „Leipzig von oben“ oder den Krimi „Trauma“ aus dem fhl Verlag abstauben. Einige Argumente, um Unterstützer von lokalem Journalismus zu werden, gibt es hier.

    Überzeugt? Dann hier lang zu einem Abo …

    Topthemen

    - Werbung -

    Aktuell auf LZ