Gerüchte, Mutmaßungen, gelinde Panik in der Bevölkerung. Den Menschen in Dresden und Umgebung ging es vor 100 Jahren nicht viel anders als heute. Auch damals gab es Mord und Totschlag, hielten brutale Verbrechen die Stadt und die Dörfer in Atem. Und die Polizei hatte genau denselben Druck, die Täter so schnell wie möglich dingfest zu machen, bevor sie wieder zuschlugen. Es geht ganz und gar nicht gemütlich zu in den neuesten True-Crime-Fällen, die Frank Kreisler in diesem Band gesammelt hat.

Er hat dafür alte Polizeiakten aus dem Sächsischen Staatsarchiv ausgewertet, die eben meist nicht nur Bilanz akribischer Polizeiarbeit waren, sondern auch tiefe Einblicke in die Seele der Täter geben und in ihr oft genug armseliges Leben.

Vielleicht ist das sogar das wichtigste Schlaglicht, das Kreisler hier in die Geschichte wirft: Es zeigt eine Gesellschaft, in der Armut noch ganz anders als heute allgegenwärtig war, sich Gesellen, Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiter mit unsicheren Beschäftigungen durchschlagen mussten, oft unter heute kaum denkbaren Bedingungen wohnten, und wo selbst eine scheiternde Beziehung oder ein ungewolltes Kind sehr schnell nicht nur in die finanzielle Katastrophe führen konnten.

Aber es gab auch die Täter, die von ihrem Wahn getrieben wurden, verfangen in Zwängen, die sie weder beherrschten noch zugeben konnten. Und die Sucht zum Stehlen in „Alle Dinge, die ihr nicht gehören“ ist dabei noch der harmloseste Zwang. Aber selbst der führte auch die Ermittler damals schon in zerrüttete Kindheitsverhältnisse.

Armut und Ratlosigkeit

Die meisten Fälle ereigneten sich zwar in den 1930er Jahren, aber an der Armut der Menschen hatte sich gegenüber den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts nicht viel geändert. Armut, die dann oft erst die zerrütteten Verhältnisse ergab, unter denen dann in der Regel Männer austickten und mit Gewalttaten glaubten, der beklemmenden Situation entkommen zu können.

So wie der ratlose Täter in „Knisterndes Stroh“, der nach dem sichtlichen Scheitern seiner Ehe glaubte, mit zwei brennenden Bauernhöfen irgendwie aus dem Schlamassel seines Lebens entkommen zu können.

Oder wie der Bursche in der Geschichte „Jähzorniger Mann im Haus“, der seinen Vermieter fast krankenhausreif schlägt, nachdem sich der Konflikt mit diesem seit Monaten aufgebaut hatte. Auf einmal ist man auch mittendrin in der beklemmenden Wohnungssituation jener Menschen aus den ländlichen Regionen um Dresden, für die ein Dach über dem Kopf meist eng mit der Arbeitsstelle verbunden war – was auf Knechte und Mägde genauso zutraf wie auf Gesellen, Hausmädchen und Hilfsarbeiter.

Wobei in diesen Fällen auch noch die Zeiten der Weltwirtschaftskrise und der riesigen Arbeitslosigkeit nachwirkten, die Deutschland bis in die frühen 1930er Jahre im Griff hielten. Was nicht nur Menschen in Hunger und Obdachlosigkeit trieb, die sowieso schon in prekären Jobs tätig waren, sondern auch kleinbürgerliche Existenzen kostete.

Da verband sich ganz schnell existenzielle Not mit psychischer Überlastung. Und ein paar Reichsmark in der Börse eines spendablen Gastgebers konnten – wie in „Die Bestellung am Morgen danach“ – in ein mörderisches Verhängnis führen.

Täter aus Not

Andererseits sind einem die psychischen Überforderungen (oder auch die seltsame Empathielosigkeit) etlicher Täter und Täterinnen aus der Gegenwart nur zu vertraut. Ob nun in der fragilen Lebensgeschichte des Täters in „Der finstere Mann an ihrer Seite“ oder bei der unverhofften Gewalttätigkeit in „Zerrüttete Verhältnisse“. Denn das hat sich auch heute nicht geändert, dass viele tödliche Dramen direkt in solchen zerrütteten familiären Verhältnissen entstehen. Oft sogar in Situationen, in denen die Beteiligten einfach nicht weiter wissen.

Wobei es auch auffällt, dass hinter vielen dieser Taten eine Gesellschaft existierte, die Menschen immer wieder in simple existenzielle Nöte brachte. Ohne Puffer, ohne Auffangstation. Und damit tatsächlich oft vor unlösbare Aufgaben stellte wie das Mädchen in „Notlagen“. Aber auch da spielt der familiäre Hintergrund eine Rolle, die offensichtliche Überforderung des Vaters, der seiner Tochter nie die Gewissheit gab, dass sie bei ihm Vertrauen und Sicherheit finden würde.

Mit dem Blick der Ermittler

Frank Kreisler macht es für seine Leserinnen und Leser freilich spannend, lässt sie mit dem Blick auf den Tatort eintauchen in diese Fälle und damit selbst miterleben, wie die Polizei aus den vorgefundenen Spuren so nach ein Bild des möglichen Tathergangs gewann und damit dem möglichen Täter auf die Spur kam. Wie sie dabei auch die Zeugen vor Ort befragte und oft in erstaunlicher Schnelligkeit auch die Lebensverhältnisse der Opfer durchleuchtete und den möglichen Täter so auf die Spur kam.

Und damit enden die geschilderten Fälle nicht, denn die Akten verzeichnen in der Regel auch die Urteile und damit die Begründungen der Richter, aber auch die folgenden Einweisungen ins Zuchthaus und in Blitzlichtern auch die weiteren Schicksale der Bestraften, sofern es davon noch Aktennotizen gibt.

Und Kreisler verwendet auch einige Mühe darauf, die damaligen Tatorte zu lokalisieren, denn viele Straßen wurden seither umbenannt oder überbaut, Gasthöfe sind verschwunden, diverse Fleischereien und Tabakläden, die in einigen Fällen eine Rolle spielen, sowieso. Man braucht also auch ein gewisses kriminalistisches Gespür, wenn man die Tatorte heute noch finden will.

Erst recht, wenn diese gar jenseits der Grenze liegen, so wie in „Ein perfider Plan“, eine Geschichte, in der auch die Abgründe eines Täters sichtbar werden, der sein Vorgehen akribisch durchdenkt und zum Verschleiern seiner kriminellen Machenschaften auch vor Mord nicht zurückschreckt.

Es ist keine friedliche Lektüre. Aber sie führt – einmal mehr – in einen Bereich menschlichen Handelns, wo Irrationalität oft mit rationaler Planung einhergeht und das scheinbar so gut Durchdachte trotzdem in einer Katastrophe endet.

Zumindest für die hier dingfest gemachten Täter, die oft schon kurz nach ihrer Tat geschnappt und polizeilich verhört wurden. Und ein wenig staunen darf man sogar, dass es diese scheinbar ganz „gewöhnlichen“ Taten in einer Zeit gab, in der auf ganz anderen Höhen viel schlimmere Untaten geplant und vollstreckt wurden.

Frank Kreisler Refugium eines Serienmörders Mitteldeutscher Verlag, Halle 2026, 26 Euro

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